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02.03.1990 - 

Entwicklungen von Bedienoberflächen vor allem im Bürobereich

Ein Kriterienkatalog für die Mensch-Maschine-Schnittstelle

Neue Ideen für bessere "Mensch-Maschine-Schnittstellen" kamen schon vor Jahren aus Kalifornien: Zunächst entwickelte Xerox seine grafische, objektorientierte Bedienoberfläche "Star". Später übernahmen dann die beiden Garagenbastler Jobs und Wozniak diese Ideen für ihre Erfolgsmodelle Apple Liga und Apple Macintosh. Andere folgten diesem Trend, mußten ihm folgen - allen voran IBM und Microsoft.

Im folgenden Artikel werden einige wesentliche Leistungsmerkmale moderner - vorwiegend grafischer - Bedienoberflächen vorgestellt und es wird erklärt, welche Wirkungen sie sowohl für Benutzer wie auch für die Anwenderorganisationen haben können. Einschränkend muß an dieser Stelle gesagt werden, daß sich die derzeitige Entwicklung von Bedienoberflächen vor allem im Bürobereich vollzieht. Die sich hier entwickelnden Standards lassen sich nicht uneingeschränkt auf andere Gebiete, etwa im Fertigungsbereich, übertragen, da dort anders strukturierte, oft auch viel komplexere Aufgaben zugrunde liegen.

Was Bedienoberflächen leisten müssen

Es lassen sich eine Reihe von Anforderungen an Dialogschnittstellen formulieren. Einige der im folgenden beschriebenen Kriterien sind auch Inhalt der DIN 66 234, Teil 8, die sich mit Grundsätzen der Dialoggestaltung befaßt.

Der heutige Trend zur Computerisierung der Arbeitswelt war schon vor Jahren klar zu erkennen. Damals äußerten viele Experten die Meinung, daß diese Entwicklung eine Reihe von spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten bei sehr vielen Beschäftigten voraussetzte. "Computerkenntnisse", "EDV-Wissen" etc. schien die Eingangsvoraussetzung für fast jeden Büroarbeitsplatz zu sein. Heute stellt sich diese Situation anders dar: Der Computer am Arbeitsplatz nimmt mehr und mehr die Rolle ein, für die er geschaffen wurde: Er wird als "Werkzeug" erkannt, das den Benutzer bei einer Reihe von Aufgaben sehr wirkungsvoll unterstützen kann. Genau wie die Arbeit mit anderen - vertrauten - Werkzeugen (Schreibmaschine, Telefon, Kopiergeräte etc.) soll auch die Benutzung des Computes keine besonderen Fertigkeiten erfordern: Er soll einfach zu bedienen sein und damit ganz im Zeichen der Aufgaben stehen, die mit seiner Hilfe durchgeführt werden sollen.

Mit anderen Worten: Computersysteme - Hardware und Software - müssen dem Menschen angepaßt werden, nicht umgekehrt. Dabei orientieren sich Systementwickler und Arbeitswissenschaftler schon seit geraumer Zeit an ganz und gar "durchschnittlichen" Personen, die über keinerlei spezifische Computerkenntnisse verfügen: Die fachliche Qualifikation (als Manager, Buchhalter, Einkäufer, Organisator etc.) sind künftig wieder genügen, um anspruchsvolle Aufgaben erfüllen zu können.

Der Schlüssel hierzu liegt in der ergonomischen Gestaltung sowohl der Hardware als auch der Software - und bei letzterer vor allem im Bereich der Dialoggestaltung. Bedienoberflächen sind diejenigen Softwarekomponenten, die den Dialog zwischen Mensch und Maschine steuern. Ihre Aufgabe besteht darin, die Funktionen der Anwendungsprogramme dem Benutzer in einer für ihn verständlichen Form darzustellen und die möglichst leichte Bedienung dieser Funktionen sicherzustellen. Folgende Kriterien zur Beurteilung von Bedienoberflächen haben sich herauskristallisiert

- Aufgabenangemessenheit

Die Bedienoberfläche soll die Erledigung der Arbeitsaufgabe des Benutzers unterstützen, ohne ihn unnötig zu belasten. Die Dialoggestaltung soll sich also an der inhaltlichen Gliederung der Arbeitsaufgaben orientieren. Die gesamte Funktionalität soll dem Benutzer möglichst klar strukturiert angeboten werden. Ein Benutzer soll jederzeit in der Lage sein, die für seine aktuelle Arbeit benötigten Werkzeuge und Funktionen so einzusetzen, wie er es wünscht und wie es der Kontext der Aufgabe erfordert. Die Erfüllung der Aufgabe - der "Bedienzweck" - soll auf möglichst direktem Weg, mit wenig Bedienschritten, erreicht werden können. Das Kriterium "Aufgabenangemessenheit" beschreibt den engen Zusammenhang zwischen der Funktionalität einer Anwendung und der Dialogschnittstelle,

- Beschreibungsfähigkeit

Ungenügende Dialogschnittstellen zeichnen sich oft vor allem dadurch aus daß die Benutzer keinen Überblick über die verfügbaren Funktionen bekommen und viele Befehle nicht unmittelbar verständlich sind. Ein Beispiel dafür sind klassische Eingabeschnittstellen wie etwa bei MS-DOS. Im Gegensatz dazu sollen ergonomisch gute Bedienoberflächen in allem Teilen unmittelbar verständlich sein. Dies kann zum Beispiel durch die grafische erreicht werden voll Objekten ererreicht werden.

Der Benutzer soll den Funktionsumfang einer Anwendung "auf einen Blick" erfassen können. Dies leisten Menüsysteme ("Pull-down-Menüs"), bei denen der Befehlsvorrat einer Anwendung mit der Maus oder mit einem Tastendruck angezeigt werden kann.

Hierzu gehört auch eine entsprechende Dialog- beziehungsweise Interaktionstechnik: Es ist für die meisten Benutzer "natürlicher" und damit leichter einprägsam, auf Dinge "zu zeigen" und Befehle aus einem Menü auszuwählen, statt umständliche Kommandos einzutippen. Zur Selbstbeschreibungsfähigkeit gehört schließlich auch die Forderung mach Hilfen und Erläuterungen, die eine Anwendung auf Anforderung des Benutzers bieten muß.

- Steuerbarkeit

Nicht das System (die Anwendung) soll bestimmen, welche Bearbeitungsschritte in welcher Reihenfolge durchgeführt werden müssen. Vielmehr soll der Benutzer "die Fäden in der Hand halten".

Er soll die Auswahl geeigneter Arbeitstmittel (beziehungsweise Funktionen) vornehmen können und Art und Umfang von Eingaben selbst bestimmen können. Auch die Bearbeitungsreihenfolge und die Geschwindigkeit des Dialogs sollen nicht vom System vorgegeben werden.

Es muß möglich sein, Arbeitsschritte zurückzustellen, andere Teile vorzuziehen, Pausen zu machen. Aber auch unnötige Wartezeiten am Bildschirm müssen vermieden werden.

Zur Steuerbarkeit gehört auch, daß benötigte Informationen jederzeit abgerufen und angezeigt werden können, ohne daß die Bearbeitung einer bestimmten Aufgabe unterbrochen werden muß. Dagegen soll der Benutzer selbst eine bestimmte Arbeit jederzeit unterbrechen können - zum Beispiel um etwas anderes vorzuziehen -, ohne die bereits erarbeiteten Ergebnisse zu gefährden. Einzelne Dialogschschritte sollen vom Benutzer zurückgenommen werden können: Das System soll also nicht "unnachgiebig" reagieren.

- Erwartungskonformität

Ein Dialog, das heißt die Arbeit mit Anwendungsprogrammen, soll den Erfahrungen der Benutzer entsprechen, die diese aus ihrer bisherigen Arbeit, aus dem Alltag oder auch während der Schulung am System gemacht haben.

Alle Benutzer haben gewisse Vorstellungen davon, wie der Computer beziehungsweise eine Anwendung arbeitet und auf welche Weise der Dialog mit diesen Komponenten funktioniert. Dieser muß solchen Vorstellungen Rechnung tragen und darf nicht zu unerwarteten Situationen führen, in denen der Benutzer sich nicht mehr zu helfen weiß.

Umgekehrt hilft eine einfache und streng eingehaltene Bedienlogik aber auch bei der Bildung der "kognitiven Modelle", also der Vorstellungen der Benutzer über Aufbau und Funktionsweise des Systems.

Das Kriterium "Erwartungskonformität" drückt sich ins sondere in Forderungen nach einheitlichem Dialogverhalten aus. Konsistentes Antwortzeitverhalten und unmittelbares Feedback aller Benutzeraktionen auf dem Bildschirm sorgen dafür, daß die Benutzererwartungen anhand des Systemverhaltens geschult werden.

- Fehlerrobustheit

Alle Benutzer - auch geübte machen Fehler. Diese Binsenweisheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Eingabefehler seien es Fehler bei der Bedienung oder bei der Eingabe von Daten - die gewünschten Arbeitsergebnisse, vor altern aber die Effizienz der eingesetzten Hilfsmittel, extrem gefährden können. Daher ist eine der wichtigsten Anforderungen an Bedienoberflächen diejenige nach Fehlerrobustheit. Der Leitgedanke dabei ist, daß das Arbeitsziel nicht gefährdet werden darf Fehler sollen insbesondere nicht zu unklaren Systemzuständen oder zum Verlust von Daten führen. Hierzu ist es erforderlich, daß ein System aufgetretene Fehler erkennt und dein Benutzer Möglichkeiten auf zeigt, diese Fehler zu beheben.

- Erlernbarkeit

Neue Systeme beziehungsweise Anwendungen sollen für ungeübte Benutzer schnell ungeübte Benutzer schnell und sicher beherrschbar werden. Dies gelingt mit guten Bedienoberflächen sogar mit geringem Schulungsaufwand und oft ohne Handbücher. Hierzu ist es erforderlich, daß ein System "exploratives Vorgehen" der Benutzer (Ausprobieren, trial an error) unterstützt. Auch gute kontextbezogene Hilfesystem dienen in hohem Maße de Ziel der Erlernbarkeit. Darüber hinaus hängt dieses Gestaltungsziel eng mit den bereits angesprochenen Gütekriterien "Selbstbeschreibungsfähigkeit", "Steuerbarkeit" und "Erwartungskonformität" zusammen.

- Individualisierbarkeit

Ein letztes Bewertungskriterium berücksichtigt die Tatsache, daß nicht alle Benutzer die gleichen Fähigkeiten, Erwartungen oder Ziele haben. Deshalb soll es Möglichkeiten geben, die Funktionalität und die Dialogschnittstelle eines Systems für verschiedene Benutzer einzustellen. Diese Veränderungen können entweder automatisch vom System vollzogen werden (auto-adaptive Systeme) oder aber vom Benutzer beziehungsweise vom Systemadministrator eingestellt werden (adaptierbare Systeme).

Auto-adaptive Systeme scheinen in den meisten Fällen eher problematisch zu sein, da sie den Benutzer vor vollendete Tatsachen stellen und dem Kriterium der Steuerbarkeit widersprechen. Zudem erfordern sie umfangreiche Aufzeichnungen und Auswertungen des Benutzerverhaltens.

Vielversprechend erscheinen dagegen die Möglichkeiten adaptierbarer Systeme. Diese beginnen bei einfachen Einstellmöglichkeiten, die es dem Benutzer erlauben, bestimmte Parameter des Dialogverhaltens gezielt zu steuern (Farben der Bildschirmanzeige, Darstellungsformen von Objekten, Sensibilität von Interaktionswerkzeugen wie zum Beispiel der Maus etc.). Ebenso interessant sind Funktionen, die es erlauben, die Funktionalität einer Anwendung neu zu strukturieren beziehungsweise bestimmte Bearbeitungsschritte zusammenzufassen. Veränderbare Menüstrukturen oder Makros machen solche Erweiterungen eines starren Dialogverhaltens auch für wenig geübte Benutzer möglich.

Die genannten Kriterien fließen einerseits in Regelwerke (style guides) und Entwicklungstools für Applikations- und Oberflächendesigner ein, andererseits lassen sich aus ihnen Instrumente zur Bewertung der Bedienbarkeit konkreter Lösungen ableiten. Sie dienen damit sowohl der Gestaltung als auch der Evaluation von Bedienoberflächen.

Es existieren bereits eine Reihe entsprechender Regelwerke der verschiedenen Hersteller. Der derzeit wohl - noch - bekanntesten grafischen Bedienuberfläche, der des Apple Macintosh, liegen die "Human Interface Guidelines" von Apple zugrunde. Die Einhaltung dieser Regeln garantiert ein komplexer "Werkzeugkasten" mit entsprechenden Entwicklertools. IBM hat - mittlerweile bereits in einer revidierten Version ein eigenes Regelwerk herausgegeben: "Common User Access".

Qualität und Inhalt der Arbeit nehmen zu

Dieses Werkzeug ist Teil der Integrationsstrategie im Rahmen von SAA. Auch hier gibt es mit dem Presentation Manager und MS-Windows bereits entsprechende Tools. Auch die Open Software Foundation (OSF) hat bereits ihr Regelwerk publiziert: "OSF/Motif Style Guide". Die deutsche Nixdorf Computer AG - zur Zeit Hoch ohne Siemens - arbeitet ebenfalls bereits an der zweiten Version ihres "HIF-Regelwerks", "HIF" steht dabei für "Human Interface". Diese unvollständige - Liste zeigt, daß zumindest den Herstellern die Bedeutung des Themas bewußt geworden ist. Die Vielfalt unterschiedlicher Ansätze wird sich vermutlich schon in nächster Zeit zu einigen wenigen Standards verdichten. Bereits heute kann der Trend beobachtet werden, daß sich die genannten Regelwerke - mit Ausnahme von Apple - in grundlegenden Aspekten gleichen. Nach den Herstellern gilt es nun, auch das Gros der Anwender von der Bedeutung benutzerfreundlicher Systeme zu überzeugen.

"Gute" Bedienoberflächen erleichtern nicht nur die direkte Arbeit mit Anwenderprogrammen. Sie haben darüber hinaus eine Reihe von zumeist sehr positiven Wirkungen sowohl auf die Benutzer als auch auf die Anwenderorganisationen.

Für viele Benutzer erschließt sich das "Werkzeug Computer" erst durch ergonomische Dialoggestaltung und benutzerfreundliche Anwendungsentwicklung in seiner ganzen Vielfalt. Sie werden damit in die Lage versetzt, mehr und interessantere Tätigkeiten selbst zu verrichten, ganze Vorgänge selbst zu bearbeiten.

Aber nicht nur der Inhalt der Arbeit kann mit Hilfe leicht zu bedienender Anwendungen bereichert werden. Auch die Qualität der Arbeit wird oft deutlich zunehmen: Fehlertolerante Systeme, die dem Benutzer viel Entfaltungsspielraum geben, vermindern technikbedingte Frustrationen und Streß.

Und auch die objektiven Gegebenheiten sprechen für die Investition in zukunftsträchtige Interaktionskomponenten: Weniger Fehler und die bessere Ausnutzung der angebotenen Funktionalität führen zu qualitativ besseren Ergebnissen in weniger Zeit. Damit ist eine deutliche Steigerung der Produktivität verbunden, die ger(..)de auch im Büro immer entscheidender wird. Ein weiteres Leistungspotential liegt im Bereich der Benutzerschulung. Bei gleichem Schulungsaufwand wie bei traditionellen Anwendungssystemen kann mehr Funktionalität sicherer vermittelt werden. Da nicht mehr die Bedienung eines Systems im Vordergrund steht, können sich die Benutzer stärker auf die Inhalte der Anwendungen konzentrieren und diese stärker im direkten Zusammenhang mit ihren Arbeitsaufgaben kennenlernen.

Bedienoberflächen können nicht isoliert als bloßer Teil von Computersystemen betrachtet werden. Vielmehr sind sie heute ein nicht mehr wegzudenken(..) Element der Arbeitsgestaltung.

Persönlichkeitswirkungen und wirtschaftlich relevante Leistungen ergänzen sich im Falle benutzergerechter Dialogsysteme. Investitionen in Systeme mit betont benutzerfreundlichen Bedienoberflächen, die sich an den hier aufgezeigten Kriterien orientieren, sind meist auch wirtschaftlich gerechtfertigt.