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21.12.1990

Ein Mosaik von Minoritäten - nicht die große Einheit

In den europäischen Führungsetagen herrscht vor dem Start des großen

Binnenmarktes "Euro-Verzweiflung". Denn es wird nicht der Auftakt zu einem

einheitlichen Markt sein, sondern der Beginn eines Gefüges von aufgesplitteten

Marktsegmenten. Andrew Tank, Forschungsbeauftragter in Brüssel, hält die

vorgesehenen Liberalisierungen und grenzüberschreitende Geschäfte für

Illusionen.

In den europäischen Führungsetagen wird am Vorabend des Jahres 1993 "Euro-Verzweiflung" herrschen, weil an die Stelle der Wirtschaftsdekade die Verbraucherdekade tritt. Seit der Vertrag von Rom 1958 in Kraft getreten ist, gipfelte jedes Jahrzehnt in einem "Euro-Optimismus", der durch unerwartete Schocks am Beginn des darauf folgenden Jahrzehnts erschüttert wurde: zuerst das "Nein" von Frankreichs Staatspräsident de Gaulle zum EG-Beitritt Großbritanniens, dann die kostspieligen Forderungen der arabischen Scheichs und die Warnungen von Professor Giersch vor der "Euro-Sklerose" - alles Anzeichen eines Anfalls von Euro-Verzweiflung.

Das Schockerlebnis der frühen neunziger Jahre könnte durchaus die Unfähigkeit der europäischen Unternehmen sein, sich auf die Bedürfnisse der europäischen Verbraucher einzustellen. Denn in allen wesentlichen Bereichen des "Prozesses 1992" ist eine Verlagerung des Kräfteverhältnisses von der Wirtschaft zugunsten der Kunden festzustellen.

Hinter der eiligen Verabschiedung des Weißbuchs über die Verwirklichung des Binnenmarktes und der Bereitschaft der Regierungen, mit der Unterzeichnung der Einheitlichen Europäischen Akte im Jahr 1987 soviel nationale Souveränität preiszugeben, stand die Befürchtung, daß Europa in ein auswegloses Konjunkturtief schlittern könnte.

Der europäische Verbraucher lernt schnell

Dies brachte der frühere niederländische Finanzminister Onno Ruding auf einer Konferenz der Europäischen Investitionsbank im, Jahre 1983 zum Ausdruck: "Europa steckt in einer Vertrauenskrise. Industrielle investieren nur zögernd oder ihre Investitionsentscheidungen sind defensiv und auf kurze Sicht ausgerichtet."

Diese Botschaft stieß auf offene Ohren. Die Europäer waren durch die trügerische Dämmerung der siebziger Jahre ernüchtert worden und fürchteten, daß jeder neunte Arbeitnehmer arbeitslos werden würde. Es kam jedoch anders. Die Impulse, die im Spannungsfeld der heraufziehenden europäischen Integration

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alle multinationalen Unternehmen werden drastische Einbußen hinnehmen müssen, da sie dann gezwungen sind, in jedem Land zu ihrem europäischen Mindestpreis anzubieten.

Die Gewinnspannen drohen zu schrumpfen angesichts großer europäischer Wiederverkäufer, aufgeweckter paneuropäischer Käufer sowie der steigenden Tendenz zum grenzüberschreitenden Einkauf und der Drohung der EG-Kommission, diese unterschiedliche Preispolitik zu verfolgen. Ein Unternehmensplaner aus Italien sieht es so: "Ganz gleich, welchen Industriezweig man nimmt: Deregulierung (und darum geht es ja in der EG) hat schon immer Gewinneinbußen bedeutet."

Diese "Umklammerung" wird sich sehr bald auch in einem anderen Bereich einstellen, der zu den stolzen Zielen für 1992 zählt: in der Liberalisierung des

öffentlichen Beschaffungswesens. Die Kommission schätzt, daß jährlich 40 Milliarden ECU durch ineffiziente Auswahlverfahren und übertriebene Preise vergeudet werden. Nach der Straffung wird der größte Einzelkunde für zahlreiche Unternehmen nicht mehr die bisherigen Gewinnmöglichkeiten bieten.

Eine entfesselte Suche noch Partnern

Wie werden die europäischen Unternehmen auf diesen wachsenden Wettbewerbsdruck reagieren? Am meisten stach bisher die entfesselte Suche nach Partnern ins Auge. Für 1988 registrierte das Wirtschaftsprüferbüro KPMG in Amsterdam 1200 Fusionen und Übernahmen von Großunternehmen. Laut Angaben einer kürzlich lancierten Fachpublikation, 1992 M&A Monthly, wurden in der ersten Jahreshälfte 1989 600 grenzüberschreitende Abmachungen im Wert von 15,4 Milliarden ECU geschlossen, wobei alle EG-Länder beteiligt waren.

Der frühere Vorstandsvorsitzende des größten britischen Chemiekonzerns ICI, Sir John Harvey-Jones, sagt voraus, daß die Hälfte der heutigen Unternehmen in Europa durch Übernahmen, Fusionen oder andere Konkurrenzrangeleien von der Bildfläche verschwunden sein werden, wenn sich der erste Wirbel Mitte der neunziger Jahre einmal gelegt hat.

Die Schattenseite dieser Abmachungen ist, daß nach den bisherigen Erfahrungen die meisten von ihnen ein Fehlschlag sein werden. Unglückliche Allianzen in allen möglichen Branchen - auch und gerade die Computerindustrie in Europa weiß ein Lied davon zu singen - sind bekannt und nicht ungewöhnlich. Eine umfassende Untersuchung über den Erfolg von Übernahmen durch Amerikas namhafteste Unternehmen weist eine nicht weniger beunruhigende Versagerquote aus.

Es besteht kaum Grund zu der Annahme, daß Abmachungen, die im europäischen Minenfeld kultureller Mißverständnisse eine Bresche schlagen, ein besseres Schicksal beschieden ist.

Globale Chance oder innereuropäischer Rückzug?

Bisher hat man von protektionistischen Maßnahmen abgesehen. Die Entscheidungsträger in der Wirtschaft gelangen immer mehr zu der Überzeugung, daß ein grenzüberschreitendes Unternehmen, das weltweite Ressourcen flexibel ausschöpfen kann, mehr Vorteile ausspielen kann als ein gut behütetes Dinosaurier-Unternehmen.

So hat beispielsweise der große Mischkonzern Unilever ausdrücklich darauf hingewiesen, daß er seine Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten nicht in seinem britisch-niederländischen Stammgebiet konzentriert. Dies belegt die Tatsache, daß zwei der erfolgreichsten, jetzt weltweit verkauften Produkte des Konzerns in weit voneinander entfernten Labors entwickelt wurden, nämlich zum einen in Skandinavien, zum anderen in Südafrika.

Ein anderes Beispiel ist Benetton, ein rasch expandierender italienischer Bekleidungs-Einzelhändler, der durch die Anpassung seiner Kollektion an den jeweiligen Modetrend ein weltweites Geschäft aufgebaut hat. Mit der richtigen Kommunikationstechnik, flexibler Fertigung und kluger Lagerhaltung haben die Italiener den Vier-Jahreszeiten-Rhythmus außer Kraft gesetzt und liefern die Kleidungsstücke binnen drei Wochen ab Bestellung durch die Geschäfte.

Verbraucherinteressen vor Aktionärsinteressen

Wenn europäische Unternehmen in diesem Sinne den Kunden wieder an die erste Stelle setzen, können sie verlorenes Terrain zurückgewinnen. Wenn sie jedoch weiterhin in der Welt der Produzenten bleiben, noch mehr schwerfällige Unternehmensbereiche aufbauen und die Interessen der Verbraucher den Interessen der Aktionäre und des Managements unterordnen, dann wird 1992 ein weiteres Beispiel für die Bedeutungslosigkeit von Europa sein.

Zur Vervollständigung des Bildes abschließend zwei statistische Angaben: 1988 avancierten Korea und Taiwan zu Handelspartnern der USA (Export und Import), die sowohl Frankreich als auch die Niederlande an Bedeutung übertrafen. Während nicht einmal ein Sechstel der Importwaren in den Vereinigten Staaten aus den vier größten europäischen Ländern zusammen kommt, liefert Japan allein ein Fünftel.