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27.07.2001 - 

Moderne IT beim Waagenspezialisten Mettler Toledo

Ein Traditionsunternehmen geht mit der Zeit

Die gusseisernen Gewichte in der Montagehalle der Mettler Toledo (Albstadt) GmbH sind nur noch Dekoration: Chips & Co. haben auch die Welt der Wiegetechnik revolutioniert. In der Entwicklungsstätte des Weltmarktführers arbeiten zwei Drittel der "Waagenbauer" als Softwarespezialisten. Von Corinna Klünsch*

Als "Waagenbauer" hatte sich Heiko Carls einst als Student der Informatik seine berufliche Zukunft eigentlich nicht vorgestellt. Seit einem Jahr leitet er im schwäbischen Albstadt das Qualitäts-Management von Mettler Toledo, der Tochter eines schweizerisch-amerikanischen Unternehmens mit Hauptsitz in Columbus, Ohio, und Greifensee, Schweiz. Der Konzern mit seinen mehr als 8000 Beschäftigten weltweit hat sich vom klassischen Messgerätehersteller zum Soft- und Hardwareanbieter weiterentwickelt.

Die Palette reicht von Fahrzeugwaagen bis hin zu E-Weigh-Lösungen für den Einzelhandel, bei denen Spezialisten vernetzte PC-Waagen per Internet warten. Der Standort Albstadt mit seinen 240 Mitarbeitern ist die zentrale Entwicklungs- und Fertigungsstätte von Mettler Toledo für Industrie und Lebensmittelhandel: "Der Bereich Systemintegration und Systemvernetzung ist in der Branche regelrecht explodiert", sagt Carls.

Gefertigt wird nur, was bestellt istVor rund zwölf Jahren sah es nicht gut aus für den schwäbischen Standort. Neue Technologien, weitgehende Selbständigkeit für die Mitarbeiter und die Umstellung auf eine konsequent absatzgesteuerte Just-in-Time-Produktion haben den Umschwung eingeleitet. Zentrallager, Fertigungssteuerung und Produktionsplanung hat man bei Mettler Toledo abgeschafft - gefertigt wird nur, was der Kunde bestellt. Die erfreulichen Ergebnisse brachten dem Unternehmen im letzten Jahr den Branchensieg beim Benchmarking-Wettbewerb "International Best Factory Awards" der Export-Akademie Baden-Württemberg ein. Auch die Anleger honorieren die Folgen der Umstrukturierung: Seit dem Börsendebüt 1997 an der Wall Street stieg die Aktie um mehr als 200 Prozent auf 43 Dollar.

In Indien besitzt der Konzern eine Softwareschmiede, einfache Waagenmodelle werden in China montiert. "Wir produzieren nicht mehr viel Hardware im eigenen Haus", erklärt Carls. Selbst in der Softwareentwicklung denkt das Unternehmen über Kooperationen mit externen Dienstleistern nach. Keinesfalls sinkt dadurch der eigene Bedarf an IT-Spezialisten, wie Carls erklärt: "Früher hat ein einziger Mitarbeiter den Entwicklungsprozess von Anfang bis Ende begleitet. Jetzt konzentrieren wir uns zunehmend auf die Analyse der Produkt- und Kundenanforderungen sowie auf die Erarbeitung der Softwarearchitektur. Teure Entwickler sollen sich nur noch mit dem beschäftigen, was ihnen kein Tool abnehmen kann."

In rekursiven Kommunikationsschleifen zwischen Entwicklern, Technikern, Lieferanten und Kunden entsteht Schritt für Schritt aus dem Grobentwurf das ausgefeilte Produkt: "So können wir zum Beispiel noch in der Planungsphase problemlos ein Detail verändern, damit es später beim Lieferanten mit einer schon vorhandenen Maschine durch entsprechende Anpassung der Steuerungssoftware bearbeitet werden kann." Dadurch, dass nun zahlreiche Entwicklungsaufgaben gleichzeitig stattfinden, ist die durchschnittliche Entwicklungszeit bis zur Marktreife von drei Jahren auf neun Monate gesunken.

Das Firmengebäude in Albstadt, gebaut 1991, ist eine lichte Glaskonstruktion. Vom Foyer aus überblickt man die ganze Kantine und die Montagehalle mit Pflanzen und alten Waagen, die eher an einen hübsch aufgeräumten Baumarkt erinnern als an eine Fertigungsstätte. Hier die Herkunft aus der Messgeräteindustrie und dort die Zukunft als Systemanbieter - der Zwittercharakter des Produkts "Waage" spiegelt sich vielfach in der Betriebskultur wider. "Wir sind eine Mischung aus bodenständigem Betrieb und internationalem Konzern", so Qualitäts-Manager Carls. Schon in den dreißiger Jahren beim Vorgängerunternehmen Alfred Sauter KG gab es eine Betriebskrankenkasse und ein System zur Altersvorsorge.

Alte Sicherheiten und neue Freiheiten gehen Hand in Hand: "Wir haben flache Hierarchien: Mitarbeiter, Abteilungsleiter, Bereichsleiter, Geschäftsführung - mehr Ebenen gibt es nicht." Bei der Aufgabendefinition werden nur die Rahmenbedingungen festgelegt: "In den USA müssen wegen der hohen Fluktuation sehr viel mehr Einzelheiten geregelt werden. Darum wird dort großer Wert auf organisiertes Wissens-Management gelegt - sonst verlässt mit den Mitarbeitern auch entscheidendes Know-how den Betrieb. Bei uns dagegen sind manche Leute schon seit 20 Jahren im Unternehmen. Mein Vorgänger zum Beispiel konnte mich ein ganzes Jahr lang einarbeiten."

Prinzip der SelbstorganisationAuch in der Fertigung herrscht das Prinzip Eigenverantwortung. Welches Team welchen Auftrag bearbeitet, entscheiden die Mitarbeiter selbst: "Die Liefertermine einzuhalten ist uns heilig. Darüber hinaus regelt sich die Arbeitsteilung genauso wie die Urlaubsplanung nach dem Prinzip der Selbstorganisation, ohne dass eine Führungskraft von oben eingreifen muss", sagt Manfred Lehmann, Meister im Bereich Drucker und Terminals.

30 Prozent der gesamten Belegschaft bei Mettler Toledo sind Akademiker. Carls ist zusätzlich noch als Dozent an der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen tätig, wo er Vorlesungen zum Thema Qualitäts-Management hält. Für die Geschäftsführung ist der Lehrauftrag eine Chance, ehemalige Lehrlinge mit besonders gutem Abschluss, die an die FH wechselten, wieder ins Unternehmen zu holen. Im Studium wird zu viel Theorie gepaukt, findet Carls: "Es wäre sinnvoll, mehr Teamarbeit in Verbindung mit strukturellem und lösungsorientiertem Arbeiten an komplexen Projektaufgaben zu trainieren. Denn jeder theoretische Stoff ist schon nach ein paar Jahren wieder ein alter Hut."

Doppelqualifizierung gewünschtKarrierepotenzial sieht er vor allem im Bereich Produkt-Management und Produkt-Marketing: "Das ist im Investitionsgüterbereich noch keine Selbstverständlichkeit. Viele Absolventen sind entweder nur im betriebswirtschaftlichen oder ausschließlich im technischen Bereich kompetent. Doch dazu brauchen wir jemanden, der sowohl kaufmännische als auch technische Kenntnisse besitzt und die Ergebnisse seiner Mitarbeiter zusammenführen kann." Da Hochschulen diese Doppelqualifizierung nicht ausreichend anbieten, müssen Unternehmen in teure Lehrgänge investieren. Rund sieben Tage im Jahr bildet sich ein Mitarbeiter weiter. "Leider sehen viele ,High Potentials# das Produkt-Management nur als Durchgangsstation", bedauert Carls.

Den Hauptkonkurrenten Bizerba GmbH & Co. KG mit Sitz in enger Nachbarschaft kennt und beobachtet man genau. "Wirklich gefährlich sind die Wettbewerber, die man nicht kennt", sagt Schmider. "Wenn ein Unternehmen aus Italien heute eine gute Idee hat, bietet es sie schon morgen über das Internet auch auf dem deutschen Markt an." Als "Fitness-Programm" hat sich Mettler Toledo einem konzerninternen Benchmarking verschrieben: Dabei sollen die Mitarbeiter voneinander lernen und mit Hilfe von Intranet-Foren, in denen Entwickler und Techniker für die Kollegen ihr Wissen und ihre Ideen veröffentlichen, auf dem neuesten Stand bleiben.

*Corinna Klünsch ist freie Journalistin in Beuerberg.