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31.08.2015 - 

Überstunden, Stress, Bluthochdruck

Eine Anleitung zur Selbstausbeutung

Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Immer häufiger erkranken IT-Entscheider an Burnout. Höchste Zeit, dass sie sich wieder von der Arbeit abgrenzen, meint Soziologie-Professor Voß.

Vor allem die IT ist betroffen: Viermal so häufig wie andere Branchen erkranken IT-Führungskräfte an Burnout. Laut einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen sind 57 Prozent der Berufsanfänger und jungen Projekt-Manager in der IT-Branche gefährdet, an Burnout zu erkranken. Besserung ist erst einmal nicht in Sicht.

Immer mehr in immer weniger Zeit soll zu schaffen sein.
Immer mehr in immer weniger Zeit soll zu schaffen sein.
Foto: nikkytok, Shutterstock.com

"Seit etwa drei bis vier Jahren verzeichnen wir eine drastische Steigerung an Krankschreibungen aufgrund psychischer, vor allem depressionsähnlicher Symptome, darunter zunehmend auch mit der Diagnose "Burnout", sagt Professor G. Günter Voß vom Institut für Soziologie, Industrie- und Techniksoziologie der TU Chemnitz. "Das passiert inzwischen so häufig, dass man es fast nicht glauben kann", sagt er.

Kein Tabu mehr

Warum genau die Zahl der Burnout-Erkrankten oder von Patienten mit ähnlichen Symptomen zugenommen hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Einige Fakten sind allerdings bereits bekannt. "Einerseits hat die Bereitschaft der Betroffenen und der Gesellschaft im Allgemeinen zugenommen, über psychische Erkrankungen zu sprechen", meint Voß. "Es ist sehr positiv, dass sie enttabuisiert werden." Mehr Menschen gehen wegen Depressionen, Burnout und Co. zum Arzt. Doch dies allein könne den rasanten Anstieg der Fallzahlen nicht erklären.

Die Veränderung der Arbeitswelt spielt bei der Zunahme eine große Rolle: "Im Gegensatz zu früher hat die Arbeitsbelastung stark zugenommen", sagt Voß. Vor allem IT-Fachkräfte kennen das. Immer mehr Projekte in immer weniger Zeit mit immer weniger Ressourcen müssen geschafft werden. "Die Arbeitsanforderungen steigen regelmäßig und damit steigt der Druck", sagt der Soziologe. Zu dem Mehr an Stress kommt die Flexibilisierung der Arbeitswelt hinzu, die vor allem Selbstständige, aber auch Chefs vor große Probleme stellt. Experten sprechen in diesem Fall von "Dynaxität", der Mischung aus Dynamik und Komplexität, die stetig zunimmt. Dies fördert die Entstehung von Burnout.

Beutet euch aus!

Doch das Haupt-Stichwort heißt "Selbstausbeutung". "Je mehr Freiheit ich habe, desto mehr Druck mache ich mir selbst", sagt Voß. "Wenn ich keine Grenzen kenne, dann setze ich mir auch keine und höre nie auf zu arbeiten." Das äußere sich schließlich darin, dass jeder sich selbst bekämpfe: Man ist Ausbeuter und Ausgebeuteter in einem. "Heutzutage wissen viele nicht mehr, wann genug ist", sagt der Soziologe.

Arbeitsforscher sprechen in so einem Fall von "Entgrenzung der Arbeit". Irgendwann ist man vom vielen Arbeiten so erschöpft, dass man keinen Ausweg mehr sieht. "Da kann man zwar eine Woche Urlaub machen - aber die Fallen, in denen man steckt, bleiben erhalten", sagt Voß. Eigentlich steht ein grundsätzlicher Wechsel des Lebensstils an, um eine psychische Erkrankung zu verhindern. Vor allem für Entscheider ist das kein leichter Schritt.

Dass gerade Führungskräfte besonders häufig von Burnout betroffen sind, erklärt Voß so: "Sie stehen unter ständiger Beobachtung von allen Seiten, sowohl von Vorgesetzten als auch von Mitarbeitern." Die Sandwichposition des Managements ist gefährlich und führt zu hohem Druck. "Je weiter man nach oben kommt, desto höher wird die Belastung, unter der man steht", sagt der Soziologe. Gleichzeitig sollten Führungskräfte nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mitarbeiter schützen. "Sie müssen ihnen zum Beispiel klare und vor allem bearbeitbare Zielvorgaben geben und sie vor Selbstüberforderung warnen ", sagt Voß. Das verstärkt den Stress der Führungkraft, die die Kollegen nicht überfordern will.

Zu diesem Druck kommt gerade im IT-Bereich der ständige Wandel hinzu, der noch viel stärker als in anderen Fachbereichen zu Buche schlägt. Kein Wunder, dass der Burnout in höheren Etagen häufiger auftritt.

Auch Chefs brauchen eine Pause

Dabei wäre der erste Schritt, dem Burnout vorzubeugen, eigentlich recht einfach: "Gerade bei Führungskräften müsste es als professionell gelten, sich als Mensch mit Grenzen und Schwächen erkennen zu geben", sagt Voß. Auch ein Vorgesetzter müsse nach anstrengenden Projekten ausschlafen und Kraft schöpfen, um vollkommene Überarbeitung zu vermeiden.Entscheider können auch mit gutem Beispiel voran gehen: "Wenn der Chef sagt, dass auch er eine Pause braucht, dann hat das auch Vorbildcharakter für die Mitarbeiter", sagt er. So kann eine Führungskraft gleich zwei Dinge parallel schaffen: Sich selbst mehr Zeit für die Entspannung und ein Vorbild für die Kollegen.

Obwohl so viele Menschen an Dauerstress leiden, wird Burnout oft als "Modediagnose" oder "Luxuserkrankung" abgetan. "Wenn man einmal jemanden erlebt hat, der so krank ist, der weiß, wie schwer ein Burnout sein kann", kann Voß dazu nur sagen. Die Verunglimpfung der Betroffenen mag daran begründet sein, dass die Symptome bei jedem anders auftreten.

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