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30.05.1986

Eine Informationsgesellschaft - ohne Wissen?

Wenn man denen glauben darf, die vorgeben, es zu wissen, dann verdoppelt sich der Informationsbestand derzeit etwa alle sechs bis acht Jahre. Das ist Grund genug zum Staunen, und dieses wiederum beste Voraussetzung dafür, überzeugte Mitglieder der postindustriellen Informationsgesellschaft zu formen. Hat man die Informationsüberzeugtheit erst richtig fest verankert, fällt es noch leichter, den Informationsbestand immer schneller zu verdoppeln. Und so weiter; das System (übrigens heute schon ein "obsoleter" Begriff, da Systemtheorie in den 70er Jahren in war, also vor Äonen) hat die allseits beliebte Eigenschaft, dynamisch zu sein, und garantiert damit seine Überlebensfähigkeit.

Zu dieser gigantischen Informationsflut drängt sich - bei aller Fortschrittsgläubigkeit - einem kritischen Mitmenschen doch die eine oder andere Frage auf, zum Beispiel die ganz einfache, was das eigentlich für Informationen sind, die da munter ins Kraut schießen? Ob wir diesen Segen überhaupt brauchen - vom Wollen ganz zu schweigen? Ob es vielleicht ein "Etwas" gibt, das die Informationsgewinnung als Motor oder als Schmiermittel regelrecht benötigt und dem die Informationsnutzung schlicht schnuppe ist?

Derart ketzerische Fragen müssen schon erlaubt sein, wenn allerorten geklagt wird, das Bildungsniveau - ohnehin ein Euphemismus - sänke, die Sprache verarme, das Wissen um Zusammenhänge, sprich: Strukturen, ginge mehr und mehr verloren. Und in der Tat mutet es sonderbar an, wenn ein "Computerfreak", dessen Welt aus Struktur besteht, an einem läppischen Relativsatz scheitert oder ein Prozeßingenieur das Wort Geschichte nachschlagen muß.

Und doch weisen diese Beispiele auf ein sehr wichtiges Phänomen hin: Mit Informationsprosperität sind keineswegs alle Bereiche des menschlichen Wissens gesegnet, man denke etwa an Religion, Geschichte, richtige (!) Literatur und Musik, Juristerei Ökonomie etc. Auch hier wird fleißig Information produziert - Altes im neuen Kleid, Tertiärabhandlungen über Sekundärliteratur, aber wenig Neues. Ganz anders in der Naturwissenschaften, der Technik und in der Computerwissenschaft. Aus diesen Quellen schießen regelrechte Fontänen an Informationen hervor, die ihrerseits Unmengen neuer Informationen erzeugen - die reinste Parthenogenese .

Dieses imposante Schauspiel hat ein paar Regiefehler. So folgen die Informationsgenerationen so rasch aufeinander, daß der zusätzliche Gehalt gelegentlich recht bescheiden ist und man wenig versäumte, ließe man die eine oder andere Generation ganz einfach aus. Der Geschwindigkeit ist es auch zu danken, daß ein Wissen gar nicht mehr reifen kann und zunehmend Schlüsse aus völlig unausgegorenem Zeug mutig gezogen werden, wobei man sich brav an das Regelwerk naturwissenschaftlicher Borniertheit hält. Wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, besteht in einigen Jahren ein erklecklicher Prozentsatz der (neuen) Informationen aus technischen Dementis.

Dieser Mangel an Qualität kann nur mit dem Primat der Menge erklärt werden: Viele Informationen gilt es zu erzeugen, auch wenn sie wenig oder nichts taugen. Viele müssen es sein, - vielleicht weil die Voraussetzungen dazu vorhanden sind, ... weil die "Informationsmaschinen" ausgelastet werden wollen, . . . weil Informationsbesitz (Quantität) Einfluß sichert, ... weil wir mit unserer Sammlerwut nun auch die lächerlichsten Informationen beehren, . . . weil der einzelne die Summe preisgibt, um Details zu addieren, ... weil, weil, weil. Sind es nicht diese Gründe, die uns verleiten, zwei Tageszeitungen zu halten, die ungelesen zum Altpapier wandern, zehn Fernsehprogramme zu fördern, die nur den Vorteil bringen, daß man das schlechteste statistisch ermitteln kann, in jedem "modernen" Büro täglich neue EDV-Tabellierungen aus den Druckern kriechen zu lassen, in denen uns auf 100 und mehr Seiten zehn Zeilen interessieren, Datenbanken anzulegen, in denen Zigtausende Krankheitsbilder gespeichert sind, während kaum noch jemand zur Vorsorgeuntersuchung geht.

Aufgrund des Informationsvolumens hat ganz offensichtlich ein Wandel in der Einstellung stattgefunden, die der Mensch zur Information oder auch zum Wissen hat. Wie

oben vermutet, interessieren so antiquierte Kategorien wie Nutzen, Bedarf, Wunsch gar nicht mehr. "Die Information" ist dabei, ihren Mittelcharakter zu verlieren, sie wird zunehmend ihr eigenes Ziel, ja Selbstzweck. Ihre Rechtfertigung zieht sie aus ihrer Existenz. Dabei kommt es ihr zugute, wenn inhaltliche Kritik mangels Verständnis nicht aufkommt - was insbesondere in Sachen Naturwissenschaft und Technik der Fall ist, und da ist die Inflation denn auch am größten.

Die Isolation der Information haben wir nicht zuletzt unseren Computern zu verdanken. Sie sind angetreten, Informationen zu speichern - nicht Wissen! Sie reihen Informationen aneinander lösen viele Arten von Zusammenhängen auf und lassen über der Information keine Hierarchie mehr zu. Se haben der Information einen eigenen Wert gegeben, wohl auch dadurch, daß erstmals in Computern Informationen einzeln manipulierbar werden - ohne automatische Rückwirkung auf übergeordnete Strukturen.

Dem modernen Menschen, der mit sich und seinen Problemen weiß Gott genug zu tun hat, mußte diese Entwicklung sehr gelegen kommen. Das alte Wissen, wie rudimentär auch immer, wurde eingemottet, unzugänglich für die vielen neuen Informationen. Diese kommen und gehen, werden addiert, ausgetauscht, überschrieben, verglichen und auf Plausibilität überprüft - ob sie zu dem Wissen passen, das in 4000 Jahren mühselig zusammengekratzt wurde, interessiert ebensowenig, wie die Frage zulässig ist, ob sie wahr sind. Die Trennung ist so vollständig, daß schon nach 20 bis 30 Jahren Informationszeitalter das Wissen der Menschen, die Komplexität ihres Weltverständnisses, dabei ist zu verkümmern. Es erstickt langsam in Informationen.

Gefragt oder ungefragt behauptet jeder, die drängenden Probleme unserer Zeit, und damit sind wir reichlich gesegnet, könne man nur durch mehr Information lösen. Falsch!

Durch Informationen wird schon heute kein Problem mehr gelöst (siehe zum Beispiel Waldsterben). Wem, dann nur durch mehr Verständnis, mehr Kommunikation und in ihrer Folge mehr Wissen voneinander und übereinander, Wissen um Zusammenhänge, Wahrheiten, Grenzen, Rechte und Pflichten.

Wir müssen uns wieder klar machen, daß das ganze Wissen gebraucht wird und daß dieses Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Wenn diese Information in die Köpfe unserer Zeitgenossen gelangen könnte, müßte man weniger Angst um die Informationsgesellschaft haben.