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12.06.1998 - 

Java/Ausschöpfung des Dienstleistungspotentials

Eine Java-Lösung für den genossenschaftlichen Finanzverbund

Die etwa 2500 Kreditgenossenschaften der Volks- und Raiffeisenbanken sind mit ihrem flächendeckenden Netz eine der drei großen Universalbankengruppen. Jedes Institut kann unabhängig von seiner Größe dank der subsidiären Unterstützung durch die Verbundpartner jede Finanzdienstleistung anbieten. Ihr Spitzeninstitut, die DG Bank, zählt zu den zehn größten Banken in Deutschland und ist unter anderem Dienstleister für die Mitglieder des Finanzverbundes.

Einzelne spezifische Stärken reichen von Finanzierungen und Dienstleistungen rund um die Immobilie über Spezialangebote für Firmenkunden, Fonds, Anlagen und Versicherungen bis hin zum klassischen Retail Banking der Volks- und Raiffeisenbanken.

Es gibt ein außerordentlich breites Kundenspektrum. Bei der Analyse der Kundenstruktur fällt jedoch auf, daß die Cross-selling-Potentiale derzeit nur ungenügend erschlossen sind. Im Gegenteil gehen potentielle Geschäfte für den Finanzverbund durch nicht-genossenschaftliche Finanzdienstleister verloren.

Da die Stärke des Verbundes jedoch gerade in seiner Vielfalt gepaart mit der Eigenständigkeit aller Partner liegt, konnte es nur eine Reaktion geben: Jeder Berater vor Ort in der Zweigstelle muß Zugriff auf alle angebotenen Finanzdienstleistungen der Verbundpartner haben - und zwar so einfach wie möglich.

Andernfalls bestand die Gefahr, daß sich die Vielfalt von einer Stärke in eine Schwäche verwandelt. Denn die produktübergreifende Darstellung des Allfinanzangebots wird dem Berater vor Ort derzeit schwergemacht. Dies zeigt sich zum einen in der Benutzeroberfläche: Für jedes Produkt muß der Berater momentan eine andere Tastaturschablone auflegen, da die Funktionstasten bei jeder Anwendung anders belegt sind.

Zusätzlich erschwert eine unzureichende Integration der Produkte in die informationstechnischen Verfahren, die die genossenschaftlichen Rechenzentralen den Volks- und Raiffeisenbanken anbieten, einen direkten Datenzugriff, zum Beispiel auf Bestandsdaten. Zeitraubende und kostenträchtige Mehrfacherfassungen sind die Folge.

Der Versuch, schnell auf Veränderungen des Marktes zu reagieren, wird durch die langsame technische Umsetzung entsprechender Produkte wieder ins Gegenteil verkehrt. Bis neue Programmversionen die letzten Zweigstellen erreichen, kann gut ein Jahr vergehen - inzwischen haben sich jedoch die Anforderungen des Marktes verändert oder Mitbewerber das Geschäft mit dem Kunden schon gemacht.

Deswegen hat ein Team unter Leitung der DG Bank das Entwicklungsprojekt "Verbundberater-Arbeitsplatz" (VBA) initiiert. Unmittelbar beteiligt waren die Verbundpartner Schwäbisch Hall, R+V-Versicherung, Union Investment, VR Leasing, Münchener Hypo sowie genossenschaftliche Rechenzentralen. Von seiten der DV-Industrie war Sun als Hardware- und Technologielieferant mit im Spiel, von Sybase stammte die Datenbank, involviert war außerdem das Softwarehaus Subito.

Wichtigste Technologie der VBA-Lösung bei der Entwicklung des Verbundberater-Arbeitsplatzes war Java. Denn es ist eine ideale Grundlage für die plattformunabhängige Verknüpfung heterogener IT-Komponenten: "Write once - run everywhere" lautet das Motto, das für eine einheitliche und dennoch offene IT-Lösung einsteht, ohne die DV-technische Eigenständigkeit der Partner zu berühren.

Alle Anwendungen der Verbundpartner sollen in einem gemeinsamen Front-end zusammenkommen. Dafür hat das Projektteam als integrierenden Rahmen zunächst auf der Grundlage einer durchgängig zu beachtenden Bedienphilosophie eine einheitliche Benutzeroberfläche entwickelt. Ferner wurde eine bereits verbundweit genormte Datenschnittstelle zum standardisierten Datenzugriff und -austausch umgesetzt.

Darauf aufbauend entstand in sechs Monaten der Verbundberater-Arbeitsplatz auf Basis einer mehrstufigen Architektur. Sie definiert drei Schichten, und zwar für die Präsentation, die Geschäftslogik und die Anwendungen der Bestandssysteme. Dank dieses Aufbaus und offener Schnittstellen zwischen den einzelnen Schichten kann jedes beteiligte Rechenzentrum seine eigenen weiteren Oberflächen einsetzen, ohne die zugrunde liegenden Prozesse und Funktionen neu entwickeln zu müssen.

Für den Anwender ist die Lösung denkbar einfach: Der Berater der Volks- oder Raiffeisenbank klickt sich über seine Benutzeroberfläche in eine Anwendung ein, die man mit einem verbundweiten Intranet vergleichen kann. Die Programme liegen auf dem Server der Verbundpartner. Ein Aufruf der Applikation startet über das Intranet die jeweils dezentral beim Verbundpartner liegende Anwendung.

Klickt der Berater zum Beispiel auf den Button der R+V-Versicherung, hat er einen direkten Zugang zu den aktuellen Produkten und Tarifen der neuesten Beratungssoftware dieses Unternehmens. Und er sieht es unter der ihm vertrauten und einfach zu bedienenden Oberfläche. Eine Installation von Beratersoftware auf dem Arbeitsplatz des Kundenberaters vor Ort kann somit entfallen.

Das Host-basierte Wertpapier-Handelssystem der DG Bank ist ebenfalls angebunden: Auf dem in die Bildschirmoberfläche integrierten Tickerband laufen aktuelle Aktienkurse und deren Veränderungen. Eine Überschreitung von frei konfigurierbaren Schwellenwerten löst automatisch Meldungen aus; der Berater kann jederzeit computergestützt Wertpapiere handeln. Ein Klick auf den Kurs der jeweiligen Aktie führt direkt in die entsprechende DG-Bank-Applikation.

Die übergreifende Java-Lösung steht nicht im Widerspruch zu der traditionell uneingeschränkten Freiheit der Verbundpartner. Diese pflegen und aktualisieren ihre Server selber. Änderungen eines Produkts, seiner Konditionen und von Tarifmerkmalen sind sofort an allen Verbundberater-Arbeitsplätzen online verfügbar. Damit bestimmt nicht mehr die Technik, sondern die Fähigkeit des einzelnen Anbieters, ein Produkt bedarfsgerecht zu entwickeln, das Time-to-market, also die Reaktionszeit auf Veränderungen des Marktes.

Technisch gesehen wurden zwei Teilprojekte realisiert: Erstens ging es um den VBA-Rahmen als Aufrufoberfläche für die darin eingebetteten Komponenten der Partner. Diesen soll später das jeweils regional zuständige genossenschaftliche Rechenzentrum entwickeln; er dient somit heute als Platzhalter für die eigentlichen Bankenprogramme.

Das zweite Teilprojekt bildete das Programm "WP-Web" der DG Bank, mit dessen Unterstützung der Mitarbeiter der Zweigstelle direkt über sein grafisches Front-end Aktien, Optionsscheine und Rentenpapiere kaufen und verkaufen kann. Dabei wurden nicht alle Möglichkeiten des heute noch Host-basierten Wertpapier-Handelssystems übernommen. Vielmehr galt es zu demonstrieren, wie und mit welcher Technologie sich eine Anbindung an bestehende Legacy-Anwendungen ermöglichen läßt.

Eine Herausforderung war es somit, das Java-Front-end mit der Altanwendung zu verknüpfen, um so die komplexen Geschäftsprozesse des Wertpapierhandels und der -abwicklung nicht neu abbilden zu müssen. Das sichert die bereits getätigten Investitionen.

Da das VBA-Projekt zeitlich und finanziell streng limitiert war, kamen für die Lösung der Legacy-Anbindung keine Eingriffe in die Host-Anwendung in Frage. Denn erfahrungsgemäß ist dies mit erheblichem Abstimm- und Implementierungsaufwand verbunden.

Statt dessen wurde nach einer kurzen Marktuntersuchung das Integrations- und Entwicklungswerkzeug "OC://Webconnect Pro" der Firma Openconnect Systems genutzt. Das Produkt ermöglicht es, in kurzer Zeit ein Java-basiertes Front-end für den 3270-Datenstrom einer Host-Applikation zu generieren.

Für eine künftige produktive Umsetzung des heute noch als Prototyp konzipierten Verbundberater-Arbeitsplatzes sind selbstverständlich noch Optimierungen nötig. So stellte sich im Projektverlauf heraus, daß Java-Anwendungen, die wie der VBA auf dem JDK 1.1 basieren, nicht auf allen gewünschten Zielsystemplattformen schnell genug laufen. Gerade das im genossenschaftlichen Finanzverbund weit verbreitete Betriebssystem OS/2 bereitet noch Schwierigkeiten in puncto Kompatibilität und Performance.

In diesen Wochen beginnt die praktische Anwendung

Eine kurzfristig in dieser IT-Infrastruktur-Umgebung eingesetzte Lösung würde daher nicht als eine reine Java-Lösung konzipiert, sondern vielmehr aus einer Mischung von HTML, Javascript, eventuell XML und JDK-1.0-Elementen bestehen. Dadurch ergibt sich aus Sicht der Projektbeteiligten zum jetzigen Zeitpunkt ein idealer Kompromiß aus Plattformunabhängigkeit, Verteilbarkeit und Performance.

Auch die Anbindung der Legacy-Systeme dürfte in Zukunft die Entwicklung der Anwendungen beschleunigen. Voraussetzung ist der Einsatz einer unternehmensweiten transaktionsorientierten Middleware mit direkten Schnittstellen in die Host-Applikationen.

Das Entwicklungsteam will auch zukünftig überprüfen, ob die Integration aller Angebote des Finanzverbundes am Point of Sale und damit eine noch effektivere Unterstützung des Beraters vor Ort möglich ist. Gleichzeitig dient der VBA als "Pfadfinder" und als Architekturvorschlag für weitere Entwicklungen im genossenschaftlichen Finanzverbund. Ab Mitte Juni 1998 beginnt der Praxistest in der Wiesbadener Volksbank.

Systemumgebung

- Java Web-Server von Sun auf Sun Solaris 2.5;

- Sybase SQL Server ASE (Datenbank);

- Sybase Jconnect 2.2 (JDBC Software);

- Front-end-Clients: Windows NT und OS/2;

- Browser: Java 1.1-basierend (zum Beispiel von Netscape);

- TCP/IP-basiertes Netzwerk, Anbindung der Primärbank-Clients über ISDN;

- "OC://Webconnect Pro" von Openconnect Systems als Integrations- und Entwicklungs-Tool;

- "Tibco Rendezvous" auf Java Basis zur Anbindung an das Echtzeit-Kursinformationssystem der DG Bank.

Angeklickt

Mit Java-Technologie lösen die genossenschaftlichen Banken unter der Federführung der Frankfurter DG Bank ein seit Jahren bestehendes Problem: Bankberater sollten auf sämtliche Leistungsangebote des Verbunds Zugriff haben, um bedarfs- und kundenorientierter auftreten zu können. Die Java-Lösung ermöglicht dies unter einer einheitlichen Benutzeroberfläche im direkten Zugriff auf Online-Transaktionen der Server und Hosts aller beteiligten Partnerunternehmen. Ziel des Projekts Verbundberater-Arbeitsplatz war es auch, Grenzen der neuen Technologie auszuloten, um die weiteren DV-technischen Ausrichtungen realistisch planen zu können.

Der Informationswissenschaftler Branislav Sincic ist Prokurist der DG Bank, Frankfurt, und Leiter des hier beschriebenen VBA-Projekts.