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02.11.1984 - 

Zur Diskussion gestellt: Ökonomische und soziale Auswirkungen der Informationstechnik

Eine Möglichkeit lautet: Konfliktgesellschaft

Mit der - möglichen - Entwicklung der Informationsgesellschaft für die nächsten 20 Jahre beschäftigt sich ein Gutachten, das die Gesamthochschule Kassel im Auftrag des Hessischen Innenministers erstellt hat. Die Autoren gehen dabei von zwei sehr unterschiedlichen Hypothesen aus und entwerfen zwei Szenarien: Zum einen die Entwicklung der Informationsgesellschaft in Richtung "Konfliktgesellschaft", zum anderen in eine "Konsensgesellschaft". Horst Ellringmann von der Insotec Consult GmbH, Frankfurt, hat die wesentlichen Aussagen der Arbeit zusammengefaßt. Im folgenden ersten Teil skizziert er die Konfliktgesellschaft, in der nächsten Ausgabe beschreibt er die "Konsensgesellschaft".

Der weltwirtschaftliche Handlungsspielraum für die ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik ist außerordentlich begrenzt. Zwischen den hochindustrialisierten Ländern entbrennt ein immer schärferer Konkurrenzkampf um die Marktanteile bei hochtechnisierten Produkten.

Die Politik der Bundesrepublik, ebenso wie die anderer Industrieländer, muß darauf mit einer massiven Förderung der elektronischen Schlüsselindustrie sowie des Technologietransfers in kleine und mittlere Unternehmen reagieren.

Jegliche Hemmnisse bei der Nutzung von EDV und technischer Kommunikation werden abgebaut. Der Datenschutz führt eine residuale Existenz. Auch die Telekommunikationsdienste der Bundespost werden beschleunigt eingeführt und unter

Gestehungspreisen angeboten, um unter anderem neue Endgerätemärkte zu öffnen.

So vergleichsweise günstig sich das Sozialprodukt auch entwickelt hat so umfassend ist die Konfliktgesellschaft durch die ständigen höchsten Anforderungen an die Anpassung der Arbeitnehmerschaft, der Manager und Unternehmer gezeichnet. lmmer neue technologische Schübe führen zu Konkursen bei denjenigen Unternehmen, die sich nicht schnell genug anpassen konnten; ein Höchstmaß an Anpassungsfähigkeit hat sich bei einem Typus von Unternehmen herausgebildet, die international kooperieren. Der Trend zur Unternehmenskonzentration hat sich über die Jahre fortgesetzt, so daß eine politische oder gesellschaftliche Kontrolle der Unternehmensgiganten aus nationaler Sicht kaum noch möglich sein dürfte, zumal die gewerkschaftliche Mitbestimmung zwar nicht abgeschafft, aber durch das Kooperationsgeflecht weitgehend ausgehöhlt worden ist.

Die Erwerbsstruktur wird durch eine intellektuelle Oberschicht, eine relativ breite Schicht von wissenschaftlich-technisch versierten Fachleuten und durch Dienstleistungsberufe gekennzeichnet.

Die Anzahl der Positionen für die drei erwähnten Gruppen liegt allerdings weit unter dem Arbeitskräftepotential der Gesellschaft. Hinzu kommt, daß eine große Anzahl von Arbeitslosen nicht vermittelt werden kann, weil die intellektuellen Anforderungen in den verbliebenen Positionen ihre Kräfte übersteigen. Der Arbeitsmarkt hat auf das andauernde Arbeitslosenproblem längst in der Weise geantwortet, daß personen- und sachbezogene Dienstleistungen außerhalb tarifrechtlicher Regelungen verstärkt angeboten und nachgefragt werden.

Die Verteilung der Erwerbschancen führt zu einer Veränderung der Sozialstruktur. Es entsteht ein Dienstleistungsproletariat, dessen Umfang allerdings wesentlich geringer als der des ehemaligen Industrieproletariats ist.

Im Beschäftigungssystem hat sich unter dem Stichwort "Leistungsgerechtigkeit" ein die individuelle Konkurrenz förderndes Entlohnungssystem mit hohen Einkommensunterschieden eingestellt. Ins Zentrum des persönlichen ökonomischen Kalküls rücken Aspekte der Lebens-, Alters- und Krankheitsvorsorge und damit einhergehend die Optimierung der Erwerbschancen. Allerdings kann nur ein begrenzter Teil der Bevölkerung in die hohen Einkommensschichten vorstoßen. Dies bedeutet, daß Alter und längerwährende Krankheit für die Mehrzahl der Menschen mit einem höchst bescheidenen Leben verbunden sein werden. In der Konfliktgesellschaft bildet sich die Kraft zur sozialen Integration zurück. Die Gründe hierfür sind:

- Einschränkung der Zeit für soziale Kommunikation in Familie und Freundeskreis durch ein weitgefächertes Medienangebot in der Freizeit,

- Wegfall zahlreicher funktionsbezogener Kontakte wie Einkaufen, Geld abholen durch Ferneinkauf und Transaktionen über Bildschirmtext oder ein anderes Medium,

- Vernachlässigung oder Verdrängung von Eigenschaften wie Kontaktfähigkeit, Emotionalität und Gemeinsinn durch scharfe Konkurrenz untereinander schon vom Kindesalter an.

Neue Formen der Arbeitsteilung

Ältere Formen der Arbeitsteilung sind durch neue abgelöst worden. In den Verwaltungen sind die Sekretariate praktisch verschwunden. Die Schreibarbeiten beziehungsweise die Dokumentensicherung erfolgt ausschließlich elektronisch bei einer Mischung aus Sprach- und Texteingabe beziehungsweise -ausgabe. Diese Funktionen werden von den Sachbearbeitern mit erledigt. Das heißt, daß einfachere Dienstleistungen wie Schreiben, Sortieren und Aktentransport im Verwaltungsbereich praktisch entfallen sind. Das weitverbreitete Tätigkeitsfeld des Büro-Sachbearbeiters ist komplexer geworden, indem in solchen Positionen die elektronische Aktenablage und der Versand von Nachrichten -vornehmlich organisatorische Tätigkeitsmerkmale - mit übernommen worden sind. Außerdem wird die Entscheidungsfunktion des Sachbearbeiters durch Informationssysteme unterstützt.

Im Bereich der industriellen Produktion sind einfache, stark repetitive körperliche Arbeiten vollends verschwunden. Ehemalige Schwerarbeit wird mit mannigfaltigen elektronisch gesteuerten Kraftmaschinen so unterstützt, daß - wie zuvor schon im Büro - nun auch bei der Güterproduktion und beim Versand die Bewegungsarmut zum Problem wird. Trotzdem bleiben noch viele manuelle Arbeiten insbesondere im Montage- und Reparaturbereich. Das Qualifikationsniveau ist wegen der höheren Maschinen- und Produktionskomplexität deutlich gestiegen.

Gewerkschaftseinfluß nahezu auf Null

Höhere Qualifikation, schärfere Konkurrenz zwischen den Arbeitnehmern und deutlich gestiegene Kontrolle am Arbeitsplatz, vereint mit gesetzlichen Regelungen, haben den Einfluß der organisierten Arbeitnehmerschaft nahezu auf Null gebracht. Technische Umstrukturierungen, die nicht durch Umsetzungen aufgefangen werden können führen sofort zur Entlassung, und aus Angst davor werden verbliebene weniger qualifizierte Tätigkeiten auch von höherqualifiziertem Personal übernommen.

Perfektionierte Selbst- und Fremdkontrolle

Die beschriebene Konfliktgesellschaft hat zu einem Wandel der Begriffe von Freiheit und Selbstbestimmung geführt. Das heißt, durch die innere Transparenz der Gesellschaft unter praktisch vollständigem Wegfall des Datenschutzes sind die Möglichkeiten von Selbst- und Fremdkontrolle auf allen gesellschaftlichen Ebenen perfektioniert. Das heißt wiederum: Anpassung an die Vorgegebenheiten der technisch-rationalen Arbeitsorganisation, Konfliktgesellschaft bedeutet also nicht die Verstärkung innerer Konflikte, sondern ist individualisiert zu verstehen als Karrierestreben, Angst vor Versagen und Krankheit.

Hypothese 1:

Die Bundesrepublik hat sich Im Bereich der Informationstechnologien einem scharfen, weltweiten Wettbewerb zu stellen. Um auf den Internationalen Hardware-Märkten mithalten zu können, müssen die Unternehmen in der Bundesrepublik a) durch eine Verbesserung der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und b) durch staatliche Forschungs- und Technologiepolitik gestutzt werden.

Hypothese 2:

Die Bundesrepublik hat einen großen politischen Spielraum bei der Gestaltung der informationstechnologischen Entwicklung. Produktion und Anwendung selbsterzeugter Systeme, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Nachfrager in Europa zugeschnitten sind, kann sich die Bundesrepublik durchaus auch konkurrenzwirtschaftlich erlauben.