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12.11.1999 - 

Arbeiten für ein Open-Source-Projekt

"Eine natürliche Autorität qua gutem Quellcode"

Geld reicht für Kalle Dalheimer als Motivation nicht aus. Der 29jährige Diplominformatiker arbeitet über 20 Stunden die Woche unbezahlt und nur für den Ruhm. Letzteren bringt dem ehemaligen Top-Entwickler der Hamburger Softwareschmiede Star Division das Open-Source-Projekt KDE (K Desktop Enviroment), das sich als die Linux-Oberfläche immer mehr durchsetzt. CW-Redakteurin Alexandra Glasl wollte von dem Programmierer wissen, wie die Zusammenarbeit zwischen Idealisten funktioniert.

CW: Warum programmieren Sie neben Ihrer normalen Arbeit noch unentgeltlich?

DALHEIMER: Ich programmiere unwahrscheinlich gern. Wenn ich für einen Kunden arbeite, ist natürlich ein gewisser Druck durch den Budget- und Zeitrahmen da. Programmiere ich aber für ein freies Projekt, ist das Entspannung. Ich kann ohne Probleme umschalten. Das mache ich teilweise mehrmals am Tag.

CW: Wie kann man sich entspannen, wenn man 90 Stunden die Woche programmiert?

DALHEIMER: Wenn man nicht fernsieht, hat man soviel Zeit. Die Woche hat 168 Stunden, davon schläft man vielleicht 49, dann bleiben also noch 119 Stunden, das ist ziemlich viel. Da meine Frau auch bei mir mitarbeitet, sehen wir uns genug. Ein Viertel meiner Arbeitszeit widme ich der freien Entwicklung. Das kann aber auch wechseln. Wenn es mich total packt, programmiere ich auch mal eine ganze Woche für KDE.

CW: Wie motivieren Sie sich?

DALHEIMER: Das Programmieren selbst ist schon eine ziemlich große Motivation für mich. Im KDE-Projekt spornt mich zusätzlich die Zusammenarbeit mit vielen exzellenten Entwicklern aus aller Welt an. Dadurch habe ich Leute aus Argentinien, Namibia oder Australien kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte.

CW: Wie funktioniert die virtuelle Zusammenarbeit im KDE-Projekt?

DALHEIMER: Wir tauschen uns vor allem über E-Mail aus. Wenn es wirklich eine harte Entscheidung zu treffen gibt, läuft es basisdemokratisch ab. Es wird nicht abgestimmt, sondern so lange per E-Mail diskutiert, bis alle einer Meinung sind. Das ist dann aber meist in ein paar Tagen erledigt. Nicht alle haben zu jedem Thema eine eigene Meinung. Ich habe die Wahl, mich entweder in ein unbekanntes Thema einzuarbeiten, um mitreden zu können, oder denen, die dazu eine Meinung haben, zu vertrauen. Eine ungeschriebene Regel bei uns ist: Bestimmen tut, wer die Arbeit macht. Es würde nichts nützen, wenn die Mehrheit sagt, wir brauchen die Java-Unterstützung beim Web-Browser, wenn es dann keiner programmiert.

CW: Setzen Sie sich bei KDE überhaupt Termine?

DALHEIMER: Selbstverständlich. Mir hat einmal jemand gesagt, daß wir eine professionellere Release-Planung haben als manches Softwarehaus. Es gibt einen Rahmenplan, der den Tag der Veröffentlichung und die einzelnen Arbeitsfortschritte bestimmt.

Im Gegensatz zu einem kommerziellen Softwarehaus können wir es uns aber leisten, den Tag der Veröffentlichung um einen Monat zu verschieben, wenn wir merken, daß wir sonst die angestrebte Qualität nicht erreichen können.

CW: Wodurch unterscheidet sich das KDE-Team noch von einem Projektteam in einem Softwarehaus?

DALHEIMER: Es ist in der Hinsicht vergleichbar, daß man ein gemeinsames Ziel hat und zusammenarbeitet. Es gibt aber keinerlei Hierarchiedruck. Wir können keinen rauswerfen.

CW: Was passiert, wenn ein freier Entwickler eine Arbeit abliefert, die andere im KDE-Projekt nicht so gut finden?

DALHEIMER: Da muß man unterscheiden. Ist die Idee schlecht, oder ist eine gute Idee nur technisch schlecht umgesetzt? Wenn die Idee nicht gefällt, muß das von allen im Projekt diskutiert werden. Das kommt natürlich vor. Ein Paradebeispiel dafür ist die Frage Single-click versus Double-click. Darüber diskutieren wir seit drei Jahren. Wenn jemand etwas abliefert, was wünschenswert ist und das Projekt weiterbringt, aber schlecht implementiert ist, machen wir es besser oder verzichten darauf so lange, bis es wirklich gut ist. Da ist es natürlich die Frage, nimmt der betroffene Entwickler sich die Kritik zu Herzen und macht es besser, oder kann er sie nicht akzeptieren und läßt seine Idee ganz fallen.

CW: Spiegelt sich eine solche Arbeitsweise dann im Produkt wider?

DALHEIMER: Sicher. Wir haben keinen Entwickler, dessen einzige Motivation das Gehalt oder der Wunsch ist, seinen Job nicht zu verlieren. Obwohl heute ja auch in den kommerziellen IT-Firmen keiner mehr rausfliegt. Unsere Motivation ist der Ruhm, den man sich mit dieser Arbeit erwerben kann. Für KDE fliege ich in der Weltgeschichte herum, halte Vorträge und stelle das Projekt vor. Es schmeichelt einem durchaus, daß man eingeladen wird. Das wird man aber nur, wenn man vernünftige Arbeit abgeliefert hat. Im Projekt ist es genauso: Es werden die anerkannt, die sich als besonders gut herauskristallisiert haben. Man bekommt eine natürliche Autorität qua gutem Code.

CW: Nimmt die Qualität des Produktes zu, wenn man für den Ruhm arbeitet?

DALHEIMER: Ja, zwangsläufig. Sonst bekommt man den Ruhm nicht. Wenn man Mist macht, lobt einen keiner.

CW: Welche Rolle spielt für Sie die Tatsache, daß die Arbeit für ein freies Softwareprojekt der späteren Karriere dient?

DALHEIMER: Für mich keine, da ich keine Anstellung in einer Firma mehr anstrebe. Ich möchte selbständig bleiben und keinen Chef haben. Für viele andere spielt das aber durchaus eine Rolle. Gerade für Studenten und junge Programmierer bieten die freien Projekte die Chance, beruflich weiterzukommen. Wenn man dagegen als Juniorprogrammierer bei einer Firma einsteigt, bekommt man ein fertig designtes Modul und die genaue Anweisung, was man zu tun hat. Da kann man sich nicht groß verwirklichen, nur vielleicht irgendwann einmal aufsteigen. Bei einem freien Open-Source-Projekt kann man vom ersten Tag an Verantwortung übernehmen, kann lernen und daran wachsen. Ganz viele bei uns, die ich heute als sehr gute Entwickler bezeichnen würde, sind mit dem Projekt gewachsen. Am Anfang waren sie vielleicht nur mäßig, haben dann aber durch den ständigen Austausch voneinander gelernt. Da wir unseren Code nicht voreinander verbergen, ist es leicht, sich selbst zu verbessern.

CW: Gibt es auch eine Fluktuation im KDE-Team?

DALHEIMER: Wir haben eine ziemlich hohe Fluktuation, aber immer nur in eine Richtung: Es kommen ständig welche hinzu. Im Core-Team sind wir etwa 35 Leute, die die grobe Richtung festlegen. Dafür kann man sich auch nicht bewerben, man wird berufen. Die Gruppe diskutiert dann, wie sich derjenige engagiert hat. Man muß zeigen, daß man ein gesteigertes Interesse am Projekt hat, einmal einen Zeitungsartikel schreibt oder einen Messestand besetzt. Aber auch hier gilt das Prinzip der Einstimmigkeit: Wenn einer dagegen ist, klappt es nicht.

CW: Warum haben Sie so einen großen Zulauf, obwohl Sie nichts zahlen?

DALHEIMER: Ich kann es nur für mich sagen. Ich verdiene genug Geld für mich und meine Familie. Wir fahren ein vier Jahre altes Auto, damit sind wir völlig zufrieden. Wir haben einen uralten Bauernhof und wären froh, wenn wir uns ein neues Dach leisten könnten. Aber dennoch ist es mir egal, ob Bob Young durch den Börsengang von Red Hat eine halbe Milliarde oder zwei Milliarden Dollar bekommen hat. Ich wüßte nicht einmal, wie ich eine Million vernünftig ausgeben sollte. Ich würde wahrscheinlich eh nur Kinderspielzeug kaufen, und es ist nicht gut für Kinder, so viel Spielzeug zu haben. Für mich ist es schön, wenn ich neben meiner bezahlten Arbeit Zeit finde, für KDE zu arbeiten und mit meinem Sohn zu spielen. Ich habe kein Interesse daran, einen Job mit 300000 Mark Jahresgehalt anzunehmen, obwohl ich das problemlos könnte. Es ist mir viel wichtiger, daß ich bei meiner Arbeit Spaß habe.

CW: Warum macht Ihnen Programmieren soviel Spaß?

DALHEIMER: Das ist schwierig zu erklären. Erst einmal lösen wir alle gern Probleme - das macht man beim Programmieren eigentlich in jeder Minute. Man hat eine unheimliche Gestaltungsmacht. Wir erschaffen uns gewissermaßen eine eigene Welt. Wenn man dann noch mit einem Projekt wie wir mit KDE einen gewissen Verbreitungsgrad erreicht hat, betrifft jede Zeile, die ich ändere, die Arbeit Zehntausender Menschen. Dazu kommt noch, daß ich Zeit meines Lebens linker Sozialdemokrat gewesen bin. Jeder muß der Gesellschaft soviel zurückgeben, wie er kann. Das, was ich am besten kann, ist Programmieren, das heißt, daß ich meine Programmierfähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft stellen muß.

CW: Wollen Sie durch Programmieren die Welt verbessern?

DALHEIMER: Ja. Ich will den Leuten, die meine Software anwenden, das Leben leichter machen.

CW: Braucht man eine Vision, um sich für KDE zu engagieren?

DALHEIMER: Auf jeden Fall. Aber jeder hat eine andere. Meine Vision erstreckt sich zur Zeit mehr darauf, das Dach zu reparieren und so weiterzuarbeiten wie jetzt: Mitten im Wald zu wohnen und den Elchen von meinem Schreibtisch aus zuzuschauen, nicht jeden Morgen in die Firma fahren zu müssen, möglichst viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Spätestens seit ich nach Schweden ausgewandert bin, bin ich am Endzustand angekommen. Ich habe mir meinen Traum erfüllt.

CW: Wollen Sie damit sagen, Sie haben mit 29 Jahren schon alle Ziele erreicht?

DALHEIMER: Bei der Software ist man nie fertig. Im Linux-Bereich hat KDE fast 100 Prozent Marktanteil. Linux-Desktop heißt KDE. Wir wissen, daß jeder neu eingeführte Linux-Rechner auch eine mögliche Plattform für KDE ist. Andererseits wird Linux auch aufgrund der Existenz von KDE eingeführt. Wir haben das Ziel, auf noch viel mehr Schreibtische zu kommen.

CW: Sehen Sie die Gefahr einer Kommerzialisierung von Linux?

DALHEIMER: Die Distributoren von Linux versuchen sich zwar in die Entwicklung einzumischen. Das haben wir aber bisher ganz erfolgreich abgeblockt. Die großen Linux-Distributoren wie Suse, Red Hat und Caldera haben mindestens einen Entwickler aus dem KDE-Team angestellt. Dadurch hält sich das die Waage. Eine große Computerfirma hat uns schon angeboten, massiv Geld in die KDE-Entwicklung zu stecken, wenn diese Firma dann bestimmen darf, wo es langgeht. Da haben wir nein gesagt. Wir nehmen gern das Geld, auch Sachspenden, aber die Entwicklungsrichtung bestimmen wir selbst. Basisdemokratisch. Dabei bleibt es auch.