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22.11.1991

Eine Pluralität der Forschung ist gar nicht vorhanden

Informatik auf dem Weg zum "Anwender" hieß das Motto der 20.

GI-Jahrestagung 1990. Sie ist immer noch nicht dort. Da es neben der Universitätsinformatik auch die Fachhochschulinformatik (gängige Bezeichnung in einschlägigen Doppelinstitutionen) gibt, müßte man noch fragen, ob der obige Schluß für beide Informatiken und ihre Träger gilt! Die Sache kompliziert sich, da in Einfachsituationen oft die jeweilige andere Informatik nicht existent ist. So existiert in der Hochschulenrektoren-Konferenz, ehemals WRK, nur die Universitätsinformatik. Dort gibt es also die Informatik.

Das tradierte Wissensverständnis lebt von der modellhaften Reduktion als Ersatz und Lebenselixier für die Wirklichkeit. Insofern ist obige Denkweise wissenschaftlich und die beschriebene Vorgehensweise ebenso. Der Zweck der eine Wissenschaft belebenden Forschung ist im tradierten Sinne der Wissenserwerb, nicht die Anwendung. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob dies Algorithmus oder Methode ist.

Damit wären wir beim Thema: Algorithmen und Methoden bestimmen die Informatik. Die Suche danach und Weiterentwicklungen machen sie dynamisch. Ob sie gesellschaftliche Prozesse dynamisieren oder umgekehrt, untersucht man nicht! Die inhaltliche Anwendungsorientierung erklärt sie zum Beispiel zur Wirtschaftsinformatik.

Auch hier scheint es verboten, Wirkungen jeglicher Art zu betrachten. Sie werden wegdefiniert. Kontrollierbarkeit der Methodik und Ergebnisse heißt bei solchem Forschungsverständnis Validierung in sich selbst: Die Übernahme der Begriffswelt der reinen (ehemals nur geistigen) Forschung in die angewandte Forschung oder die Falschinterpretation der Humboldtschen Ideen und die Entwicklungsphilosophie bei neuen Technologien lassen die Entwicklung eines Geschosses zum Selbstzweck werden: Es ist bei effektiver tödlicher Wirkung validiert.

Die Steuerung der Forschung durch Drittmittel, die letztlich meist gar nicht von Dritten kommen, sondern nur durch eine "Waschanlage" laufen, und die Etablierung von (Sonder)-Forschungsprogrammen spiegeln eine Pluralität der Forschung wider, die gar nicht vorhanden ist. Diese Forschung geschieht nicht im Sinne eines reinen Erkenntnisfortschritts. Sie ist in ihrer Wirkung und vielleicht mit Absicht Durchsetzungsforschung. Die Folge: Innovationen verlaufen ungezügelt. So werden generell durch die wissenschaftliche Methode der Subjekt-Objekt-Trennung unerwünschte Wirkungen nicht berücksichtigt. Forschung und ihre Ergebnisse können jedoch kulturell nicht neutral sein.

Die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie - die Informatik ist ihre Klammer- wird diesbezüglich oftmals für kulturfördernd gehalten: Aufgeklärte Menschen könne sie in die Lage versetzen, die Fülle von Informationen gezielter zu verarbeiten, außerdem fördere sie die Fähigkeit des Menschen, eigenverantwortlich zu selektieren. Allerdings besteht jedoch die Gefahr der Vereinzelung durch den kollektiven Informationsverbrauch, die Gefahr der totalitär wirkenden Einvernahme, die Gefahr der Einstellung "Alles ist machbar" und schließlich auch die Gefahr der totalen Verweigerung.

Die alten Wertsysteme versagen, neue gibt es nicht. Es gibt nur Folgenabschätzung und kein wirkliches Infragestellen.

In der Informatik gibt es die bekannten Mythen wie zum Beispiel "Expertensysteme zeigen Experten-adäquates Lösungsverhalten", "Der Computer macht sich ein Bild vom Benutzer" oder "Die technische Kommunikation erleichtert die Kommunikation". Die Informatik ist vor allem reduktionistisch, dies sollte sie auch in ihren Ansprüchen sein! Ein Plädoyer für die Steinzeit ist das nicht, es ist vielmehr der Versuch, die Macht des Informatikers, die die Gesellschaft ihm - vielleicht aufgrund ihres Unverständnisses - gibt, auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren.

Unsere Welt ist die Welt der Wirkung, und diese Erkenntnis muß stets als Wirkungserkenntnis auch Gegenstand und Erkenntnisobjekt einer jeglichen Forschung und technologischen Tätigkeit sein. Technik und Ethik sind nicht zu trennen. Der fachidiotische Wissenschaftler ist allenfalls Expertokrat! Integration ethischer Grundsätze bereitet nun mal viel mehr Probleme als die reine Beschäftigung zum Beispiel mit KI-Systemen. Die Zeiten eines isolierten wissenschaftlichen Arbeitens sollten endgültig vorbei sein. Es sollte für einen Forscher schon möglich sein, ein Gefühl für die prinzipielle Funktionsweise und möglichen sozialen Wirkungen moderner Informations- und Kommunikationstechnologien zu entwickeln.

Die Hochschulen haben hier insbesondere in ihrer Wirkung als Ausbildungsstätte gute Chancen, das Gespräch und die stete Bereitschaft zu erneuter Diskussion zu fördern. Dies geht jedoch nur in kleinen Gruppen, unter besonderer Betrachtung anwendungsorientierter Probleme und echter anwendungsbezogener Feedbacks. Bereitschaft zur Verantwortung zu vermitteln heißt auch, sie zu kennen und vor allen Dingen sie gehabt zu haben (beziehungsweise sie zu haben), also sie ausüben zu müssen. Ethik, Wissenschaft und daraus geborene Anwendungsprobleme sollen gemeinsam gelehrt werden.

Die Fiktion, ein solches Paradigma ließe sich bei überfüllten Hörsälen halten, führt zu gesellschaftlichen Fehlinterpretationen und wird damit existentiell gefährlich. Die vermutete beziehungsweise unterstellte Ausbildungsqualität und -kompetenz ist nicht vorhanden. Merken tut das keiner, weil im Elan des Fortschritts der Personalverantwortliche diese Einsicht zunehmend vermissen läßt oder auch gar nicht mehr hat. Zum Glück haben wir heute die Fachhochschulen! Ein kleines bißchen müßte man ihnen im Sinne "Universitas" noch helfen!