Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

07.04.2000 - 

Interview mit Heinz Bäurer

"Einen Marktplatz können wir nur gemeinsam aufbauen"

Mit Heinz Bäurer, dem Vorstandsvorsitzenden der Bäurer AG in Hüfingen, sprach CW-Redakteur Heinrich Vaske über die künftige Ausrichtung des auf mittelständische Fertigungsbetriebe spezialisierten Softwarehauses.

CW: Sie haben in letzter Zeit mehrere Firmen gekauft, darunter den CRM-Spezialisten TPS Labs und den SCM-Anbieter CAI. Verlagern Sie Ihr Kerngeschäft?

Bäurer: Unser Kern-Business ist und bleibt der ERP-Markt. Unsere ERP-Software "B2" ist das Fundament, von dem aus wir neue Wachstumsmärkte erschließen. Und dazu zählen Supply-Chain-Management (SCM) und Customer-Relationship-Management (CRM), aber auch E-Commerce - ich weise auf unsere zehnprozentige Beteiligung an Openshop hin.

CW: Der ERP-Markt schwächelte im letzten Jahr. Alle Hersteller haben sich deshalb auf die von Ihnen adressierten Märkte konzentriert.

Bäurer: Man kann nicht sagen, dass der ERP-Markt auch heute noch schwächelt. Das mag für das letzte Quartal 1999 zutreffen. Wir merken seit der CeBIT, dass neue Kaufentscheidungen getroffen werden. Die Kunden möchten sich aber über ihre internen Prozesse hinaus positionieren. Deshalb sind sie zurzeit besonders an Komponenten für das Management von Prozessketten und Kundenbeziehungen interessiert.

CW: Im Softwaremarkt geben Firmen wie Baan oder Brain ein Beispiel dafür ab, dass sich durch Zukäufe keine zukunftsfähigen Lösungen zusammenstricken lassen. Stehen Sie nicht auch vor diesem Problem?

Bäurer: Im Gegensatz zu Baan kaufen wir vorrangig Technologien - und in der Tat natürlich Firmen. Wichtig ist: Wir haben mit B2 ein führendes Paket, technologisch auf dem modernsten Stand. Deshalb gibt es bei Akquisitionen keine Diskussion, ob wir unser Flaggschiff irgendwie in Frage stellen und dieses oder jenes Produkt gleichberechtigt nutzen. Für alle Unternehmenskäufe stellen wir binnen eines Vierteljahres eine Migrationsstrategie auf und entscheiden, wie wir die für uns interessanten Funktionen in B2 übernehmen können. Es läuft dabei nie so, dass wir versuchen, die Pakete zusammenzuführen. Wir bringen höchstens dort, wo in B2 Deltas existieren, einzelne Funktionen ein.

CW: Ihr Wettbewerber Brain setzt darauf, die verschiedenen zugekauften Lösungen mit Hilfe von Objekttechniken zusammenzuführen.

Bäurer: Das funktioniert nicht. Ich kann nicht RPG-Programme mit objektorientierten Welten verbinden. Wir haben unser Produkt von 1994 bis 1997 komplett neu entwickelt. Bei Akquisitionen ist immer klar: B2 ist die Software, an der sich alles zu orientieren hat. Für die Entwicklungsabteilungen der Firmen, die wir übernehmen, gibt es keine Zukunft im alten Produkt.

Wir bieten zwar unseren mit übernommenen Kunden an, das alte Paket noch bis zu fünf Jahre weiter zu nutzen. Sie bekommen auch Unterstützung. Aber den Kunden ist innerhalb eines Vierteljahres klar, dass sie den Migrationspfad mit der Bäurer AG gehen müssen, weil ihr Produkt nicht aktiv weiterentwickelt wird.

CW: Zu den Herausforderungen im ERP-Markt zählt das Thema Application-Service-Providing (ASP). Wollen Sie Ihre Software künftig ebenfalls auf Mietbasis aus einem eigenen Rechenzentrum anbieten?

Bäurer: So ist es, im Mai werden wir in Düsseldorf ein RZ eröffnen. Ein zweites ASP-Zentrum wird im Süden entstehen. Wir bieten unseren Kunden an, ihre Applikationen in unserem RZ zu betreiben. B2 ist bereits Internet-fähig, wir können schon heute Applikations- und Datenbank-Hosting anbieten. ASP wird für den Mittelstand eine sehr wirtschaftliche Lösung, die IT-Landschaft zu betreiben. Wir verfolgen dieses Business aktiv.

CW: Sie werden sich neuen Wettbewerbern stellen müssen, insbesondere Dienstleistern, die verschiedenen Anwendungen hosten. Ein Nachteil?

Bäurer: Nein, weil wir mit diesen Firmen Gespräche führen. Sie sollen auch unsere Applikationen im Rahmen von Hosting-Abkommen anbieten. Die professionellen Dienstleister liefern vor allem für Highend-Projekte ein Höchstmaß an Sicherheit und Leistungen, die wir nicht anbieten. Wir selbst wollen ASP im mittleren und unteren Marktsegment offerieren, im oberen Marktsegment aber mit diesen Dienstleistern zusammenarbeiten.

CW: Wie entwickelt sich das ASP-Modell voraussichtlich gegenüber dem Softwarelizenz-Geschäft?

Bäurer: Ich schätze, der ASP-Anteil wird in den nächsten zwei Jahren noch bei unter 20 Prozent bleiben. Die Unternehmen haben ihre IT-Strukturen und ihre Mannschaften, die werden sich erst im Rahmen eines Neuanschaffungsprozesses mit diesem Thema beschäftigen. Ich denke nicht, dass heute jemand seine Infrastruktur herausreißt, um mit Thin Clients via Internet und ASP seine Infrastruktur abzubilden.

CW: Über Ihre Kooperation mit Openshop arbeiten Sie verstärkt am Aufbau von Branchenmarktplätzen. SAP-Chef Hasso Plattner äußerte sich kürzlich skeptisch zu deren Perspektiven.

Bäurer: Das sehe ich völlig anders. Unternehmen, die am Markt teilnehmen wollen, werden künftig um diese virtuellen Marktplätze nicht herumkommen. Die Kunden-Lieferanten-Beziehung verändert sich total. Wenn Kunden Lieferanten suchen, werden sie das schon bald über Marktplätze tun. Sie werden dort schauen: Wer kann mir was zu welchem Zeitpunkt und Preis liefern?

CW: Wie sieht Ihre Marktplatzstrategie aus?

Bäurer: Zum einen bauen wir Branchen-Gates - für die Optikerbranche, haben wir bereits eines eröffnet, ein zweites werden wir in Kürze ankündigen. Außerdem haben wir gemeinsam mit Openshop die B-Gate.com AG gegründet, ein Portal für Branchen. Unser Ansatz ist: Man braucht eine gute Content-Verwaltung, deren integraler Bestandteil eine brauchbare Suchmaschine sein muss, und ein Portal, über das man die Geschäftsprozesse anstoßen kann.

Ein Beispiel: Ein Mittelständler braucht ein Befestigungsteil in einer bestimmten Ausprägung. Er geht in die Suchmaschine, erhält dort eine Liste möglicher Lieferanten, bei denen er einen Kaufprozess in Gang setzen kann. Die nächste Stufe wird sein, dass er beim Lieferanten zugleich den Lieferprozess anstößt, obwohl dieses Unternehmen möglicherweise ein ganz anderes System einsetzt. Dahinter steckt ein immenses Rationalisierungspotenzial in der Kunde-Lieferant-Beziehung.

CW: Warum sollten Mittelständler solche Angebote nutzen?

Bäurer: Zwei betriebswirtschaftliche Prozesse treiben die Entwicklung voran: Mittelstandsunternehmen wollen gefunden werden. Im Portal wird sich weltweite Konkurrenz tummeln, man muss also dabei sein. Das wird eine Eigendynamik bekommen, jedes Unternehmen wird in solchen Portalen vertreten sein wollen. Der zweite Aspekt ist der Spareffekt, der für jeden Geschäftsprozess zu erzielen ist.

CW: Sie haben das nicht alleine erkannt. Internet-Startups und die Marktführer verschiedener Branchen, Verbände und Beratungshäuser machen sich ebenfalls auf Marktplätzen breit. Ein Wettbewerbsnachteil für Bäurer?

Bäurer: Deswegen bauen wir ganz spezielle Branchenportale, wie das für die Optikerbranche. Wir analysieren momentan, welchen vertikalen Markt wir in der B-Gate.com AG als Branchenportal aufbauen. Das wird aber nur funktionieren, wenn wir andere Marktteilnehmer mit in diese Company hineinbekommen. Wir wollen Verbände, Wettbewerber und Marktteilnehmer davon überzeugen, in der B-Gate-Company mitzumachen. Je mehr Firmen wir davon überzeugen, desto mehr Marktteilnehmer haben wir, und desto besser können wir Branchenausprägungen definieren. So hoffen wir, genügend Marktterrain zu erschließen, um gegen die Global Players gewappnet zu sein.

Das ist auch der Grund, warum wir und Openshop zur Zeit jeweils 45 Prozent der Anteile halten: Keiner darf eine Mehrheit haben - sonst würden sich andere nicht beteiligen. Eine Firma Infor wird vielleicht mitmachen, wenn sie sieht, Bäurer hat nicht das Sagen. Einen Marktplatz für den Mittelstand können wir nur gemeinsam aufbauen.

Ergebnis 1999Das Fiskaljahr 1999 beendete Bäurer mit einem um 107 Prozent gestiegenen Umsatz von 94,7 Millionen Mark und einem Jahresfehlbetrag von 13,2 Millionen Mark, in dem unter anderem Kosten für Firmenwertabschreibung und Börsengang enthalten sind. Sollte das Unternehmen wie vorgesehen bis Mitte des Jahres mehrere Akquisitionen abschließen, wird Bäurer seine Wachstumspläne für das Jahr 2000 von bisher zirka 166 Millionen auf dann 200 Millionen Mark aufstocken.