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13.06.1986 - 

Rasante Technikentwicklung fordert jeden Arbeitnehmer:

Einen Status quo bei der Qualifizierung gibt es nicht

Unbestritten bleibt - für alle Arbeitsmarktpartner - der Wert höherer beruflicher Bildung. Dabei ist der Status quo der einmal erreichten Qualifikation noch kein Schutz des einzelnen Arbeitnehmers gegen Arbeitslosigkeit. Denn technische Entwicklung heißt immer auch permanenter Wissenswandel. Heinrich Franke, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, plädiert gerade deshalb für eine "Bildung auf Vorrat".

Es gibt kein Patentrezept für den Weg zurück zu einem hohen Beschäftigungsstand, es gibt nur den Weg der vielen kleinen Schritte, der aber konsequent und mit Langfristperspektive beschritten werden muß. Aus der Fülle möglicher Strategien kann uns besonders eine - sofern sie zielstrebig verfolgt wird - dem Ziel eines ausgeglichenen Arbeitsmarktes ein ganzes Stück weit näher bringen: Ich spreche von der angemessenen und bedarfsgerechten beruflichen Qualifikation der Arbeitnehmer.

Über die Bedeutung der beruflichen Bildung sind sich alle Arbeitsmarktpartner mit uns einig. Berufliche Bildung ist letztlich entscheidend für die Chancen des Einzelnen auf dem Arbeitsmarkt. Sie ist zwar kein absoluter Schutz vor Arbeitslosigkeit und unterwertiger Beschäftigung, wohl aber immer noch die beste Prophylaxe dagegen und der erfolgversprechendste Weg, aus der Arbeitslosigkeit wieder herauszukommen. Alle Arbeitsmarktdaten bestätigen diesen Sachverhalt. Sie unterstreichen eindeutig: Nicht strittig ist der Wert und die Bedeutung der beruflichen Qualifikation.

Ich möchte aber etwas Grundsätzliches anmerken. Wir, die Arbeitsämter, können nur Fachkräfte vermitteln, die vorher aus- und fortgebildet worden sind. Branchen, die heute über Facharbeitermangel klagen, müssen sich deshalb die Frage gefallen lassen, ob sie in der Vergangenheit genügend ausgebildet und auch im nötigen Umfang fortgebildet haben oder ob andere Branchen bessere Arbeitsbedingungen angeboten haben, so daß ausgebildete Fachkräfte abgewandert sind. Hinzu kommt, daß vielfach nicht rechtzeitig erkannt wurde, daß der technische Fortschritt in der Regel zu höheren Qualifikationsanforderungen führt.

Zwei Beispiele aus dem Fertigungsbereich sollen dies verdeutlichen:

þIm Maschinenbau: Hier verändert der Einsatz von CNC-Maschinen die Tätigkeitsinhalte grundlegend. Der Facharbeiter steuerte die Maschine früher mit der Hand und er konnte die Wirkung jedes einzelnen Handgriffs mit dem Auge verfolgen Demgegenüber wird die CNC-Maschine durch ein Programm gesteuert. Bevor also die mikrocomputergesteuerte Maschine ein Werkstück bearbeitet, hat der Arbeiter den gesamten Bearbeitungsvorgang im Detail zu durchdenken und in Form eines Ablaufdiagramms niederzuschreiben. Dieses muß er dann in ein Programm für die Maschine umsetzen.

þOder im Bereich der Elektrotechnik: Der Elektriker war bei der Installation, Reparatur oder Wartung gewohnt, die Eigenschaften seiner Schaltungen zum Beispiel mit Drähten und Leiterbahnen festzulegen. Sein Handwerkszeug waren unter anderem Zange, Schraubendreher und Lötkolben. Mit dem Einzug der Mikroelektronik tritt an die Stelle der konventionell verdrahteten Schaltungen das Programm. Statt eine Schaltung zu entwickeln, hat der Elektroniker die Schaltung zu programmieren.

Qualifizierungsoffensive als Gebot der Stunde

Mit diesen Entwicklungen einhergehen ganz erhebliche Veränderungen im Qualifikationsprofil. Es hat jetzt wenig Sinn, über Versäumtes zu klagen. Wir alle - Wirtschaft, Arbeitnehmer, Träger von Bildungseinrichtungen und Bundesanstalt für Arbeit - sollten die Herausforderungen durch die Arbeitslosigkeit, durch den technologischen und strukturellen Wandel dadurch annehmen, daß wir unsere Bildungsanstrengungen auf breiter Front steigern. "Qualifizierungsoffensive" drückt dieses Postulat zutreffend aus.

Bereits im vergangenen Jahr konnte die Bundesanstalt die Teilnehmerzahl an beruflichen Bildungsmaßnahmen erheblich steigern: Insgesamt traten 409 300 Personen neu in eine berufliche Fortbildung, Umschulung oder betriebliche Einarbeitung ein; das waren rund 16 Prozent mehr als 1984 und 54 vom Hundert mehr als 1982. Zwei Drittel der Teilnehmer waren vorher arbeitslos. Und diese Maßnahmen verhelfen Arbeitslosen tatsächlich auch zu neuen Arbeitsplätzen. Die besten Aussichten, eine neue Position zu erhalten, haben nach einer Untersuchung unseres Instituts dabei die Teilnehmer an der betrieblichen Einarbeitung: 94 Prozent der über eine betriebliche Einarbeitung geförderten Teilnehmer haben 1984 nach Abschluß der Maßnahme eine Arbeitsstelle bekommen. Bei den Fortbildungsmaßnahmen beläuft sich die Erfolgsquote auf 64 vom Hundert, sofern die Maßnahme in einem Betrieb erfolgte. Bei außerbetrieblichen Maßnahmen lag die Quote bei 51 Prozent Unser Ziel ist es deshalb, mehr Maßnahmen in den Betrieben selbst durchzuführen, wo berufliche Bildung praxisnah und bedarfsgerecht vermittelt werden kann. Hier sind wir auf die Mithilfe und Mitarbeit der Betriebe angewiesen.

Zusammenarbeit der Institutionen

Aber auch sonst hängt vieles, ja ich möchte sagen Entscheidendes, von der Zusammenarbeit zwischen Betrieben und Arbeitsämtern ab. Denn je früher und umfassender die Arbeitsämter über einen sich abzeichnenden Kräftebedarf oder geänderte Anforderungen informiert werden, desto eher sind sie auch in der Lage, den Personalwünschen der Wirtschaft zu entsprechen; nur so können sie geeignete Bewerber vorschlagen beziehungsweise entsprechende Bildungsaktivitäten in Gang setzen.

Freilich müssen auch die betroffenen Arbeitnehmer selbst mitspielen. So stellen wir zum Beispiel immer wieder fest, daß viele Arbeitnehmer nicht den Mut oder die Motivation aufbringen, sich im Beruf mit einem hohen Anteil an neuer Technologie weiterbilden zu lassen Bereits bei Personen mittleren Alters ist eine gewisse Scheu in dieser Richtung immer wieder anzutreffen. Im Interesse aller Beteiligten darf es nicht so weit kommen, daß nur die Jüngeren die neuen Techniken beherrschen. Auch die Älteren müssen am Wandel innerhalb unseres Arbeitslebens und am damit einhergehenden Fortschritt beteiligt werden. Den Luxus, am Althergebrachten festzuhalten und dem Neuen ablehnend gegenüberzustehen, können sich heute nur noch wenige leisten.

Impulse für die Qualifizierungsarbeit verspreche ich mir von den Auswirkungen der siebten Novelle zum Arbeitsförderungsgesetz. Durch die Anhebung der Leistungssätze für das Unterhaltsgeld sollen noch mehr Arbeitnehmer als bisher motiviert werden, an beruflichen Bildungsmaßnahmen teilzunehmen. Zum anderen können zum Beispiel Jugendliche bei Teilnahme an Teilzeitbildungsmaßnahmen und gleichzeitiger Teilzeitbeschäftigung ein Teilunterhaltsgeld erhalten. Ein solches kann auch Frauen bei Rückkehr in das Erwerbsleben gezahlt werden. Beides dient der Eingliederung dieser Personenkreise in das Erwerbsleben. Aber auch Betriebe können davon - wie ich meine - profitieren. Auf diese Weise können sie motivierte Arbeitnehmer an sich binden. Das kann die Personalplanung erleichtern und dazu beitragen, daß die Mitarbeiter qualifizierter und damit leistungsfähiger werden.

Das gemeinsame Ziel lautet also: bedarfsgerechte Qualifizierung auf breiter Front, Abbau der berufsfachlichen Diskrepanz zwischen Kräftenachfrage und Kräfteangebot und dadurch Wiedereingliederung vieler Arbeitsloser in das Arbeitsleben sowie Gewinnung neuer Dynamik für unsere Wirtschaft durch Verbesserung des Produktionsfaktors "Arbeit", bei dem die berufliche Qualifikation eine immer größere Rolle spielt. Doch angesichts der hohen Langfristarbeitslosigkeit behält ebenso ein anderes Ziel sein Gewicht: Bildungsmaßnahmen müssen weiterhin auch der Gefahr eines Verlustes an beruflichen und anderen Qualifikationen vorbeugen. Angesichts wieder schwächer werdender Nachwuchsjahrgänge nach 1990 muß auch "Bildung auf Vorrat" schon jetzt ein Thema sein.

Bessere Mitspieler gefragt

Auf die Frage "Geht der Aufschwung am Arbeitsmarkt vorbei?", die Heinrich Franke im April dieses Jahres Export-Club in München stellte, gab der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit sich und seinen Zuhörern in einem Vortrag, aus dem wir einen Teil veröffentlichen, wenig erfreuliche Antworten. Denn die hohe Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik wird seiner Meinung nach voraussichtlich noch Jahre andauern. Mit einer merklichen Entlastung, skizzierte der wachsenden Zahl der Arbeitssuchenden erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre rechnen. Für den zögernden Abbau der Arbeitslosigkeit, trotz günstiger Wirtschaftsentwicklung, führte Franke weitere an: die betroffenen Arbeitnehmer müßten besser mitspielen. Viele von ihnen, vor allem solche mittleren Alters, hätten offenbar nicht mehr die Motivation, sich in Berufen mit hohem Anteil an neuer Technik weiterzubilden: "Den Luxus, am Althergebrachten festzuhalten und dem Neuen ablehnend gegenüberzustehen, können sich heute nur noch wenige leisten".