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02.07.1993 - 

Der Gastkommentar

Einfluss der Anwender veraendert DV-Markt radikal

Die DV-Branche ist derzeit durch einen tiefgreifenden Wandlungsprozess charakterisiert. Beherrschten frueher vertikal integrierte Komplettanbieter das Feld, so stehen die Hersteller heute am Scheideweg: entweder Komponentenlieferant oder Loesungsanbieter. Beides geht nicht mehr. Ein Grund hierfuer ist der Trend zu offenen Systemen und der dadurch gewachsene Einfluss der Anwender.

IBM und kuerzlich Digital Equipment sind nur zwei markante Beispiele fuer einen Prozess, dem zahlreiche DV-Hersteller unterworfen sind. Gemeint ist die Notwendigkeit zur Restrukturierung. Hierfuer gibt es die unterschiedlichsten Gruende. Die ploetzlich einstelligen Wachstumsraten, Trends wie Downsizing und verteilte Verarbeitung sowie sich aendernde Geschaeftsmodelle haben die Hersteller zur Kurskorrektur genoetigt.

Noch dringlicher wurde diese, weil sich auch die Kunden voellig neu orientierten: Haben die Anwender die vielerorts unbefriedigende DV-Produktivitaet lange Jahre mehr oder weniger toleriert, so schuf die weltweite Rezession und die damit einhergehende Verschaerfung der Wettbewerbssituation ploetzlichen Handlungsbedarf. Hinzu kam, dass sich besonders grosse Unternehmen wegen der zunehmenden technologischen Komplexitaet immer haeufiger nach neuen DV-Alternativen wie Outsourcing oder Systemintegration umsahen.

Zu einer weiteren Alternative wurden offene Systeme. Diese versprachen nicht nur, durch exakt definierte Schnittstellen und konsequente Ausrichtung an Standards die technologische Komplexitaet zu reduzieren. Offene Systeme sind darueber hinaus der wesentliche Mechanismus, der viele traditionelle Produkte und Verfahrensweisen (Verkaufs- und Beschaffungspraktiken) hinfaellig gemacht hat.

Offene Systeme verbuergen mehr Austauschbarkeit bei Produkten und mehr Wahlfreiheit fuer die Anwender. Sie nehmen Herstellerbindung und den althergebrachten Captive markets viel von ihrer urspruenglichen Bedeutung und haben damit grossen Anteil am Wandel vom vormals technologie- beziehungsweise anbieterorientierten zum heute kundenorientierten Marktmodell.

Fazit fuer die Struktur des DV-Markts: Der Markt erlebt derzeit einen umfassenden Desintegrationsprozess. Die langjaehrige vertikal integrierte Struktur der DV-Branche wird zuegig von einem bipolaren Marktkonzept abgeloest, das die Hersteller zur Spezialisierung zwingt: entweder Hard- und Softwaregeschaeft oder Bereitstellung integrierter kundenspezifischer Loesungen. Beide Geschaeftsfelder abzudecken, wird fuer die Anbieter immer schwieriger, wenn nicht gar unmoeglich.

Der Begriff "Offene Systeme" ist mittlerweile zur Worthuelse verkommmen. Er ist ein Allerweltswort, das alles und nichts sagt. Wo heute nahezu jeder Hersteller den Begriff zur Kennzeichnung seiner Produkte reklamiert, muss die Definition notwendigerweise auf der Strecke bleiben. Gleichwohl gibt es zumindest zwei durchgaengige Merkmale offener Systeme: exakt definierte Schnittstellen und Ausrichtung auf Standards.

Die Anwender haben gelernt, in einem Markt, dessen Entwicklung im Umfeld der Open-Systems-Thematik zunehmend durch die Standardisierungsdiskussion bestimmt wird, gezielt ihre Interessen ins Spiel zu bringen. Die bekanntesten Beispiele fuer den Einfluss der Anwender auf den DV-Markt sind die X/Open, die Standards Promotion and Application Group (SPAG) und die europaeische Unix-Benutzervereinigung Europen.

Symptomatisch fuer den Stellenwert, den Normierungsfragen heute in der DV-Landschaft haben, ist die wachsende Sensibilisierung der Oeffentlichen Verwaltung in Sachen Standards. So wacht heute in der Bundesrepublik die Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung fuer Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBSt) ueber die Einhaltung von Standards in den Behoerden und Aemtern.

Anfang 1990 gab sie die Empfehlung eines Standards fuer Betriebssystem-Schnittstellen an alle Ministerien: Danach ist auf Arbeitsplatz-Rechnern, die als Mehrplatz-Systeme genutzt werden, eine Systemsoftware einzusetzen, welche die Schnittstellen- Definitionen der X/Open-Gruppe in der jeweils gueltigen Fassung erfuellt. Diese Empfehlung hatte weitreichende Konsequenzen: So wird inzwischen bei nahezu allen Ausschreibungen der oeffentlichen Verwaltung Unix als Betriebssystem-Standard von den Herstellern gefordert.

Generell bleibt festzustellen, dass die Anwender in Europa Unix- basierte Systeme und die Philosophie offener Systeme gut aufgenommen haben. So lautet auch der Tenor einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Dataquest zum europaeischen Markt. Der Einfluss der Endbenutzer hat nach Ansicht der Analysten den IT- Markt in den vergangenen Jahren radikal veraendert. Die Kunden setzen nicht nur die einzelnen Foren wie X/Open und Europen als Druckmittel ein, sondern koennen auch mit ihrer Kaufkraft auf die Entwicklung von Produkten einwirken.

Entsprechend optimistisch schaetzt auch Frost & Sullivan die kuenftige Entwicklung offener Systeme am US-Markt ein. Das Marktforschungsunternehmen prognostiziert eine Steigerung des Verkaufsvolumens von heute 23,2 Milliarden Dollar auf 81,2 Milliarden Dollar bis zum Jahr 1996, was einem Anstieg des Marktanteils von 13 auf 36 Prozent entspraeche. Ausserdem sollen offene Systeme bis dahin die dominierende Rolle proprietaerer Plattformen weiter einschraenken.

Vier wesentliche Trends werden Frost & Sullivan zufolge die kuenftige Entwicklung offener Systeme wesentlich beeinflussen. So sollen sich robustere Standards, etwa OSI, gegenueber den heute verfuegbaren, aber funktionell eingeschraenkten Normierungen wie TCP/IP und SNMP durchsetzen. In den naechsten fuenf Jahren komme es zu einer Vereinheitlichung der Herstellerstrategien, wobei Anwendern Migrationshilfen angeboten wuerden, um zu einer einzigen Plattform zu gelangen. Bis 1996 soll sich der Gebrauch von sogenannter Middleware durchgesetzt haben. Ausserdem duerften nach Meinung der Analysten Fortschritte im Standardisierungsprozess zentrales Element der Entscheidungsfindung fuer Anwender werden.

Ob man offene Systeme nun primaer mit Connectivity, Unix, Softwareportabilitaet oder Konformitaet zu Standards gleichsetzt: Tatsache ist, dass sich die IT-Industrie in wenigen Jahren radikal veraendert hat. Die Anwender fordern Vernetzbarkeit, Transparenz der Anwendungen und bevorzugen aufgrund schrumpfender DV-Budgets kleinere, leistungsstarke Systeme mit einem guenstigen Preis- Leistungs-Verhaeltnis.

Die neuen Mechanismen im Markt haben den Herstellern zudem geaenderte Geschaeftsmodelle aufgenoetigt: Die Hans-Dampfs-in-allen- Gassen frueherer Tage koennen heute kaum mehr bestehen, vielmehr ist zunehmend Spezialisierung gefordert. Spezialisierung harmoniert auch eher mit dem Gedanken offener Systeme. Wer sich naemlich dieses Etikett zwar auf die Fahnen schreibt, aber dennoch als Komplettanbieter agiert, forciert unweigerlich die Herstellerbindung, die das Open-Systems-Konzept ja per Definition beseitigen will.

Die Anbieter offener Systeme muessen folglich strategische Entscheidungen treffen, in welche Richtung sie kuenftig marschieren und welche Maerkte sie bedienen wollen. Wirklich erfolgmreich sind sie kuenftig nur, wenn sie sich auf bestimmte Zielmaerkte beschraenken und dadurch signalisieren, dass sie den an Offenheit gerichteten Anspruch ernst nehmen.

Das Rad der Entwicklung laesst sich nicht mehr zurueckdrehen. Die Anwender sind heute zu muendig, als dass sie sich ein X fuer ein U beziehungsweise ein proprietaeres fuer ein offenes System vormachen lie