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06.06.1997 - 

Software-EntwicklungDeutsche Bank setzt Maßstäbe

Einheitlicher Werkzeugkasten macht das Entwickeln leichter

Zirka 800 Entwickler erarbeiten in der zentralen IT-Abteilung des Bank-Instituts mit einem überprüften und überschaubaren Satz getesteter und aufeinander abgestimmter Werkzeuge Systemlösungen. Rund um die eigentlichen Werkzeuge der Anwendungsentwickler hat das Projektteam des Entwickler-Arbeitsplatzes (EAP) noch eine "Werkzeugklammer" eingerichtet. Sie besteht aus den Architekturelementen Benutzerschnittstelle, Diensten und Datenhaltung, welche die vorhandenen unterschiedlichen Entwicklungs- und Managementwerkzeuge wechselseitig integrieren.

Ziel dieser Werkzeugkopplung ist eine gemeinsame, möglichst unternehmensweit konsistente Installation der Produkte und nicht zuletzt die Weiterverwendbarkeit bereits erzeugter Ergebnisse. Die Werkzeuge, Kern der EAP-Architektur, werden mit Hilfe definierter Standardschnittstellen auf Seiten der Dienste und der Datenhaltung integriert.

Oberstes Architekturelement ist die Benutzerschnittstelle, auf der die Werkzeuge einheitlich präsentiert werden.

Für den Entwickler ist zunächst der EAP-Ordner auf der Arbeitsoberfläche sichtbar. Er enthält wiederum die Ordner mit den jeweiligen Arbeitsumgebungen für typische Aufgabenstellungen. So faßt beispielsweise die Arbeitsumgebung EAP DBMS spezielle Werkzeuge zum Anlegen und Pflegen von Datenbanken und ihren Tabellen unter DB2 zusammen. Unterstützt wird dabei unter anderem der Datenaustausch zwischen PC und Host.

Jede Arbeitsumgebung ist mit einer Online-Hilfefunktion versehen, die es dem Benutzer ermöglichen soll, EAP-spezifische Informationen aufzurufen. Besonderheit hierbei ist der Ordner "EAP Handbooks". Hier sind Dokumentationen, beispielsweise Unterlagen zum Einsatz einzelner Werkzeuge, zusammengefaßt. Ralf Tomaschewski, Projektleiter EAP, dazu: "Wir wollen bewirken, daß der Entwickler in erster Linie sein Projekt vorantreibt."

"Er soll sich nicht damit beschäftigen müssen, seine Werkzeugumgebung zu bauen und zu pflegen. Davon möchten wir ihn entlasten."

Die Diensteschicht, Bindeglied zwischen Werkzeugen und Benutzerschnittstelle, umfaßt sämtliche Steuerungsfunktionen des EAP. Sie unterstützt die Werkzeugkopplung, das Laden der Werkzeuge mit definierter Umgebung und die Zusammenstellung von Werkzeugen. Daneben werden hier die Entwicklungsergebnisse geführt, deren Im- und Export gesteuert und der Austausch zwischen Entwicklungs- und Zielumgebung organisiert. Schließlich wird die Verfügbarkeit und Integrität von Informationen sichergestellt sowie verhindert, daß nicht autorisierte Personen auf Informationen zugreifen oder diese modifizieren.

Bei den EAP-Diensten sind die zwei Kategorien "Serviceroutinen" und "Spezialwerkzeuge" zusammengefaßt (Abb. 1). Im Bereich Serviceroutinen ist unter anderem das "Project Selection Environment" angesiedelt, das die parallele Arbeit in unterschiedlichen Projekten und den Wechsel einzusetzender Werkzeugversionen unterstützt. Die Werkzeugzusammenstellung eines Projektes kann überdies zur Laufzeit dynamisch verändert werden, ohne daß eine Neuinstallation des EAP-Clients erforderlich ist.

Der "EAP-Systemloader" gewährleistet korrekte Ansprache und optimale Ressourcennutzung beim Werkzeugeinsatz. Jedes Werkzeug wird dabei mit einer vordefinierten Systemumgebung aufgerufen, etwa der richtig gesetzten Umgebungsvariablen. Dadurch braucht der Entwickler keine speziellen Voreinstellungen vorzunehmen. Hilfreich auch die standardisierten Make-Files: "Mainframe Make" für die Zielplattform Host (MVS) oder "GUI-Make" für PC/Front-end unterstützen und vereinfachen die Generierung ausführbarer Programme aus Cobol- und C- beziehungsweise C++-Quellcode. Durch den Depository Manager schließlich wird der Benutzer bei der Sicherung und Verwaltung von Arbeitsergebnissen unterstützt.

Werkzeuge im Architekturkern zusammengefaßt

Die Spezialwerkzeuge in der Dienste-Umgebung unterstützen die Entwicklung und den Test von Applikationen für unterschiedliche Zielumgebungen. CICS- und Host Compatibility Option von Micro Focus sind für die Host/MVS-Plattform integriert, das OS/2-Toolkit für PC-Workstations. Auch die im Rahmen des "Opus"-Projekts entwickelten Werkzeuge sind als eine Arbeitsumgebung enthalten. Hinter dem Akronym mit der Bezeichnung für ein musikalisches Werk steckt ein gigantisches Hardware- und Software-Austauschprogramm der Bank, mit dem bis Ende 1997 zirka 2400 Server und rund 30000 Arbeitsplatz-Computer im Filial-Netzwerk installiert werden.

Die Werkzeuge für Projekt-, Qualitäts- und Konfigurationsmanagement sowie für die Software-Erstellung selbst sind entsprechend den Teilprozessen im Architektur-Kern des EAP konzeptionell zusammengefaßt (Abb. 2). In der ersten Ausbaustufe wurden zunächst Werkzeuge für die Durchführung strukturierter Entwicklungsszenarien integriert. In solchen Szenarien ist die konkrete Ausprägung eines Projekttyps beschrieben, etwa einer Neuentwicklung unter Einsatz strukturierter Methoden für die Zielplattform MVS mit Cobol. Basis ist hier das CASE-Tool "Key-Enterprise" für Analyse, Design und Codegenerierung von Sterling Software. Dieses Tool wird in der Realisierungsphase ergänzt durch die Cobol Workbench von Micro Focus für Debugging und Test.

Das Problem der fehlenden Updates

Um ein möglichst reibungsloses Zusammenspiel der Produkte verschiedener Hersteller zu gewährleisten - Tomaschewski: "Wenn man Glück hat, produzieren die Anbieter gute Software, die wir sofort einsetzen können." - übernimmt das EAP-Team als bankweiter Distributor auch die Koordination der Fehlerbehebung. Und die ist dank der Serviceroutinen des EAP offenbar kein größeres Problem. Tomaschewski stolz: "Wir können beispielsweise für einen Software-Hersteller en detail dokumentieren, wie wir dessen Produkt installiert haben und welche Versionen wir benutzen. Dadurch können wir sehr genau lokalisieren, in welchen Testfällen es kracht oder nicht. Früher hatten wir oft das Problem, nicht zu wissen, ob der Entwickler tatsächlich alles installiert hat oder ob da irgendwelche Updates fehlten. Damals konnten sich die Hersteller herausreden. Das können sie heute nicht mehr."

Diese Organisation ist auch den Anbietern recht. Klaus-Dieter Jacubasch, Vertriebsleiter bei Sterling Software in Düsseldorf, weiß das Know-how der Eschborner zu schätzen: "Wir bekamen noch nie so exakt umschriebene Fehlermeldungen. Deshalb konnte unsere Entwicklung sehr rasch reagieren." Früher waren ganze Tage, manchmal Wochen mit Telefonaten notwendig, um einen Fehler immer weiter einzugrenzen, bis man zum eigentlichen Problem kam. Heute ist schon die Erstfehlerbeschreibung von der Deutschen Bank so exakt, daß die Fehlerbeseitigung in Bruchteilen der früher verbrauchten Zeit steht.

Damit ist eine solide Ausgangsbasis für die Fortentwicklung des Produkts gegeben. Zunächst wurden im EAP geeignete Arbeitsumgebungen für die Neu- und Weiterentwicklung von Applikationen mit Hilfe strukturierter Methoden angeboten. Tomaschewski bemerkt dazu: "Von der Vorschlagsphase bis hin zur Implementierung haben wir damit bereits eine komplette Werkzeug-Unterstützung. Und so etwas bieten wir jetzt auch für den objektorientierten Bereich an." Dazu gehören CASE-Tools für Entwurf und Design sowie die ergänzenden Implementierungsumgebungen für C++, Smalltalk und Java. Je nach Bedarf wird dieser EAP-Bereich durch entsprechende Arbeitsumgebungen ergänzt, welche die Neu- und Weiterentwicklung von Applikationen auch für die Zielplattformen OS/2 und Windows NT unterstützen.

Auch die Integration von Werkzeugen zur Unterstützung der Managementaufgaben erfolgt stufenweise. Für das Qualitätsmanagement wurden zunächst Testwerkzeuge wie beispielsweise "Witt" und "Autotester" bereitgestellt, die den Regressionstest von Applikationskomponenten für die Zielplattformen Host und PC unterstützen. In weiteren Ausbaustufen werden Tools wie "MS-Project" und "Team Connection" für das Projekt- und Konfigurationsmanagement integriert.

Ein grundlegendes Architektur-Element ist die Datenhaltungsschicht. Sie dient dem geregelten Informationsaustausch zwischen den Werkzeugen ebenso wie der Speicherung und Verwaltung sämtlicher im Projektverlauf erzeugter Ergebnisse. Auf der Datenhaltung können Dienste zur Unterstützung von Mehrbenutzerfähigkeit, Transaktionsverwaltung und Betriebssicherheit aufsetzen.

Ergebnisorientierte Kopplung der Werkzeuge und Administration der Ergebnisse werden in der Datenhaltungsebene durch vordefinierte Verzeichnisstrukturen unterstützt. Dabei bilden zwei Hauptverzeichnisse die oberste Ebene: Im Arbeitsbereich werden aktuelle Compile- und Link-Ergebnisse wie EXE-, DLL- oder GNT-Dateien abgelegt, während Source-Ergebnisse wiederum eigenen Unterverzeichnissen zugeordnet sind. So können die Werkzeuge direkt auf die benötigten Ergebniskomponenten zugreifen. Der Ablagebereich dagegen dient der Speicherung aller Enzyklopädien beziehungsweise sonstiger Design-Ergebnisse, aus denen der Programmcode generiert wird. Dabei sind die Verzeichnisstrukturen für die Bereiche Ablage und Übergabe/Sicherung als Voreinstellungen angelegt, die gegebenenfalls durch den Benutzer projektspezifisch angepaßt beziehungsweise verändert werden können.

Objekte werden automatisch komprimiert

Bei der Verwaltung seiner Arbeitsergebnisse wird der Entwickler durch den "Depository Manager" unterstützt. In ihm können Dateien oder ganze Verzeichnisse per "drag and drop" aus dem Arbeits- in den Ablagebereich transferiert werden. Ressourcensparend wirkt sich aus, daß die Objekte automatisch komprimiert werden. Aus dem Ablagebereich kann der Entwickler die Dateien anschließend zusammenhängend mit anderen bereits fertiggestellten Dateien in projektspezifisch definierte Übergabe- oder auch Sicherungsverzeichnisse übergeben. Müssen bereits angelegte Dateien nochmals überarbeitet werden, sind sie über den Ablagebereich wieder in die Work Area überspielbar, inklusive Dekomprimierung.

Keine Frage, daß durch den EAP die Vorbereitung, die Installation und der Einsatz von Standard-Entwicklungswerkzeugen vereinfacht wird. Tomaschewski abschließend: "Es kommt immer wieder vor, daß neue Bankprodukte schnell die entsprechende DV-technische Unterstützung brauchen. Und da ist es für die Anwendungsentwicklung sehr wichtig, ohne lange Vorlaufzeiten reagieren zu können. Der Markt wird immer schnellebiger, immer enger. Das heißt: "Time to market" ist nicht nur ein Schlagwort!"

Werkzeuge projektspezifisch auswählen

Auf Basis der weltweit einheitlichen Entwicklungsplattform kann eine Anwendungssoftware, die in Eschborn erstellt wurde, ohne weiteres etwa bei einer Tochtergesellschaft oder einem der anderen internationalen Entwicklungszentren weiterentwickelt werden.

Der Entwickler-Arbeitsplatz wird den Entwicklungsbereichen als Softwarepaket von der zentralen IT-Abteilung auf den Entwicklungs-Netzen zur Verfügung gestellt. Eine Projektgruppe hat dann die Möglichkeit, Werkzeuge aus diesem EAP-Serverpaket projektspezifisch auszuwählen. Dadurch gelingt es, Aufwand und Kosten für Einrichtung und Pflege dezentraler Projektinfrastrukturen auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Produktfamilie

"Key-Enterprise" ist eine OS/2-basierte Palette von Client-Server-Entwicklungswerkzeugen für unternehmensweite Geschäftsanwendungen. Das gegenwärtig mehr als 130 000mal weltweit installierte Produkt ermöglicht die Entwicklung von Multi-Tier-Applikationen und unterstützt den Benutzer über den Lebenszyklus einer Anwendung. Das jüngste Mitglied der Familie von Sterling heißt "Workgroup" und ist die NT/Windows-94-basierte Modellierungsumgebung für die Etwicklung von Client-Server-Anwendungen. Workgroup integriert Workflow-Modelling, Business Process Improvement, Datenmodellierung und grafische Entwicklung. Das Produkt beruht auf einer objektorientierten Architektur. Jüngster Sprößling der Familie ist "Webview", mit dem Unternehmensangaben zufolge über Browser alle Modelle, die mit Key-Werkzeugen entwickelt wurden, im Internet oder in Intranets zur Verfügung gestellt werden können.

Angeklickt

Der zunehmende Werkzeug-Wildwuchs ist Alptraum jedes Entwicklungsleiters. Mit einer standardisierten Entwicklungsumgebung, dem Entwickler-Arbeitsplatz (EAP), unterstützt die Deutsche Bank ihre Software-Entwickler. Gleichzeitig werden mit der einheitlichen Toolbox weltweite Synergie-Effekte angestrebt. Denn ein solcher Standard bringt eine ganze Reihe von Vorteilen: Umfangreiche Projektplanungs- und Management-Funktionen, projektspezifische Auswahl von Werkzeugen sowie die preisgünstige Beschaffung von Produktlizenzen. Aufwand und Kosten für die Einrichtung der projekttechnischen Infrastruktur können so auf ein erforderliches Mindestmaß beschränkt werden. Nicht zuletzt macht das flexible Konzept des EAP eine schnelle Reaktion auf ständig wechselnde Anforderungen im IT-Umfeld möglich.

Konrad Buck ist freier Fachjournalist in Düsseldorf.