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18.10.1996 - 

IT in der Medienwirtschaft/Junger Sender plant mit "Idefix"

Einkaufspolitik und Abläufe kurzfristig abgestimmt

Für die Zuschauer ist Fernsehen denkbar einfach: einschalten und zappen! Das Problem der Fernsehsender dabei: Wie hält man den Zapper im eigenen Kanal? Durch ein attraktives Programm, und das heißt für einen jugendorientierten Sender wie RTL 2 in erster Linie durch ein interessantes Angebot an Spielfilmen.

Dafür sind zwei Dinge wichtig:

Erstens müssen die richtigen Filme zur richtigen Zeit gesendet werden, und die Öffentlichkeit muß darüber rechtzeitig informiert sein. Das geht nicht ohne gut funktionierende Abläufe.

Zweitens muß gutes Sendematerial in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, wofür eine langfristige Einkaufspolitik durchgehalten werden muß.

Wie es sich für einen modernen Fernsehsender gehört, läuft der Sendebetrieb bei RTL 2 vollautomatisch ab. Die vorbereite-ten Kassetten mit dem Sendematerial - Filme, Trailer, Werbespots etc. - werden am Vortag in zwei computergesteuerte Abspielanlagen geladen und von hier aus mittels eines Steuer-Files weitgehend ohne manuelle Eingriffe gesendet.

Die Verknüpfung von Sendebetrieb und Planung war jedoch bislang nur unvollständig. Während des gesamten Ablaufs, der sich über mehrere Monate erstreckte - vom Ankauf des Sendematerials, über die Planung des Programms und die Sendung bis hin zur Auswertung der Sendeprotokolle und der Quoten - wurde für jeden Schritt ganz unterschiedliche Software eingesetzt:

- für Verträge über den Ankauf des Sendematerials das Textverarbeitungsprogramm MS-Word,

-für die Dokumentation Filemaker,

-für die Lizenzbuchhaltung eine HP-3000-Lösung und

-für das Sendearchiv MS-Access.

"Im Grunde hatten wir ein paar externe Anwendungen, und die Lücken dazwischen wurden mit Standardsoftware gekittet", erläutert Wolfram Prager, Projektleiter Idefix bei RTL 2. Das Vorgehen erklärt sich aus der Geschichte des Senders: Zuerst war es lange Zeit unklar, ob es überhaupt eine Sendelizenz geben würde, dann mußte der Sendebetrieb in kürzester Zeit eingerichtet werden, und die DV mußte sich auf verfügbare Systeme stützen - das Resultat war für RTL 2 allerdings nicht optimal: "Die Titel von Filmen wurden bis zu 13mal neu erfaßt.

Zwischen den einzelnen Phasen der früheren Programmplanung waren manuelle Übergaben erforderlich, was einen hohen Aufwand für den Abgleich der Daten erzeugte."

Die unterschiedliche Unterstützung in den Planungsphasen wurde den steigenden und immer komplexeren Anforderungen nicht mehr gerecht. "Es war uns daher schon lange klar, daß die Systeme den neuen Anforderungen angepaßt werden mußten", erklärt Udo Bieletzki, Leiter DV/Organisation bei RTL 2.

Zigtausend unterschiedliche ProgrammelementeAls umfassende, integrierte Softwarelösung hat RTL 2 das Projekt "Idefix", die integrierte Datenbank zur Filmplanung und -verwaltung realisiert. Mit dieser SQL-Windows- Applikation werden nun alle mit dem Programm zusammenhängenden Abläufe geplant: Filme, Serien, Promotion, Werbung, Cartoons, Eigen- und Auftragsproduktionen. Der Bestand an Objekten umfaßt derzeit etwa 50 000 unterschiedliche Sendeelemente. Von der Planung bis zur Übergabe an das Automationssystem unterstützt die Lösung alles.

Innerhalb der Programmstrukturplanung verteilen die Programmplaner mit Hilfe von Idefix die einzelnen Programmelemente, beispielsweise Spielfilme, Serien, Cartoons, News, Live-Events oder Werbeinseln, auf eine Sendewoche. Dabei lassen sich unterschiedliche Programmstrukturen simulieren und mittels Drag and drop verändern. Objekte lassen sich ein- und ausblenden und in unterschiedlicher Detaillierung anzeigen.

Bei der anschließenden Vorschauplanung werden die Werbeinseln eingefügt, so daß sich am Ende ein kompletter Sendeablauf ergibt. Auf eventuelle Überschneidungen oder Lücken weist das System automatisch hin. Die Feinplanung einer Sendewoche kann bis auf Frame-Ebene erfolgen, also für jedes einzelne Bild (1/25 Sekunde). Pro Tag müssen bis zu 2000 Events geplant werden.

Daneben deckt RTL 2 mit der Applikation auch Ex-post-Analysen ab. Idefix übernimmt unmittelbar nach jedem Sendetag die tatsächlichen Sendedaten aus dem automatischen Sendesystem. Weiterhin werden die Daten der GfK, die die Ratings und Marktanteile feststellt, in eine spätere Ausbaustufe automatisch integriert. Die Abschreibungen für die Filmlizenzen, die von der Finanzbuchhaltung durchgeführt werden, basieren direkt auf den Ausstrahlungsdaten.

Nachdem das erste Modul mit der Verwaltung der Bestände bereits produktiv ist, wird die softwaregesteuerte Planung ab Herbst 1996 Grundlage des gesamten Sendebetriebs von RTL 2 sein. Damit wird ein Großteil des Projekts in einem Zeitraum von weniger als zwölf Monaten realisiert. Für die Applikation werden zwei HP-9000-Rechner mit einer Oracle-7-Datenbank eingesetzt. Entsprechend der Bedeutung des Systems für den Sendebetrieb fährt man "ausfallsicher" ein Raid-Array. Fällt dennoch ein Rechner aus, übernimmt der andere die AP-Adressen und arbeitet für den Client transparent weiter.

Zu den bekannten Standardprogrammen hat Idefix als schlankes System Schnittstellen. Auch dabei werden nur Standards wie OLE, ODBC, Copy and paste verwendet. MS-Word und MS-Access sind direkt in die Applikation eingebunden.

Mit dem Pla- nungs-Tool lassen sich nicht nur die zuvor so häufigen Mehrfacharbeiten und wiederholten Erfassungen vermeiden. RTL 2 kann auf Basis der integrierten Lösung einen umfassenden Controlling-Ansatz realisieren: Jeder Redakteur ist in der Lage, unmittelbar auf die Finanzdaten der von ihm geplanten Events zuzugreifen und die Auswirkungen von Planungen auf die Kosten zu sehen.

"Das Projekt betrifft den Kernbereich unseres Unternehmens, die Programmplanung und die Verwaltung aller Ressourcen", erläutert DV-Mann Bieletzki. "Das Spektrum der Aufgaben reicht von der Verwaltung der dokumentarischen und redaktionellen Daten über das Sende- und Pressematerial bis hin zu den finanziellen Daten.

Bei RTL 2 kommt dem Outsourcing eine große Bedeutung zu. Alle Funktionen, die nicht zum unmittelbaren Kernbereich gehören, werden nach außen vergeben, auch die Durchführung dieses Projekts, die das Softwarehaus PSI, Berlin, übernommen hat.

Keine Performanceprobleme

Weshalb hat PSI ausgerechnet mit SQL Windows von Centura Software (früher Gupta) entwickelt? "Wir wollten das Projekt anfangs auf Basis von Klassenbibliotheken entwickeln, um C++-Code zu erhalten", erläutert PSI-Projektleiter Ortwin Wohlrab. Das ließ sich jedoch wegen des engen Zeitrahmens nicht durchführen. RTL 2 brauchte schnellstmöglich eine einsetzbare Lösung. "Eigentlich hat man dieses Problem bei jedem Projekt: Der Kunde möchte seine Lösung sofort haben, einfach weil er sie auch sofort einsetzen muß. Da wir wußten, daß wir mit SQL-Windows auch die notwendige Performance bekommen, fiel uns die Wahl nicht mehr schwer. "Die Erwartungen haben sich erfüllt: Schon nach wenigen Monaten konnten die ersten Module von RTL 2 eingesetzt werden, und seit alle Daten im System sind, gibt es keine Performance-Probleme mehr."

Außerdem war für RTL 2 und PSI wichtig, daß man SQL-Windows in die eingesetzten CASE-Tools von Cadre/Westmount integrieren konnte. SQL Windows ließ sich zudem unmittelbar fürs Prototyping einsetzen, und die dabei erzeugten Masken konnten für die Applikation weiterverwendet werden.

Auf dem Weg zur strategischen Planung

Mit der Steuerung des operativen Geschäfts ist der Einsatzbereich von Idefix aber keineswegs ausgeschöpft. Da RTL 2 nun über eine konsistente Datenbasis in puncto Programmplanung und Sendeablauf verfügt, lassen sich diese Informationen auch für strategische Entscheidungen nutzen, die für das Unternehmen von größter Bedeutung sind.

Ein Fernsehsender kann einen Film nicht einfach kaufen. Er erwirbt vielmehr von den großen Filmhändlern das Recht, einen Film beispielsweise in den nächsten drei Jahren viermal auszustrahlen. Da ein relativ neuer Sender wie RTL 2 naturgemäß erst wenige eigene Produktionen besitzt, bilden die erworbenen Lizenzen für Filme die wichtigste Grundlage für das Programm und damit für das operative Geschäft.

Hat ein Sender einen Bestand von beispielsweise 3000 solcher Lizenzen, besteht die Kunst einer effizienten Programmplanung darin, die Ausstrahlungsmöglichkeiten der eingekauften Filme optimal über die entsprechende Nutzungszeit zu verteilen: Weder dürfen Lizenzen übrigbleiben, noch dürfen sie knapp werden. Läßt sich ein Bedarf für die kommenden Monate erkennen, muß rechtzeitig und programmgemäß nachgekauft werden.

Kompliziert wird die Einkaufspolitik eines Senders dadurch, daß auf dem Filmmarkt oftmals nur Pakete angeboten werden: beispielsweise Spielfilme im 30er Pack, mit zehn guten, zehn mäßigen und zehn für den Sender unbrauchbaren. Nun gilt es zu entscheiden: Kauft man lieber die guten Filme zum doppelten Preis, oder gibt es Programmplätze, vielleicht morgens um vier Uhr, die mit den weniger guten gefüllt werden können.

"RTL 2 ist noch auf Fremdproduktionen angewiesen und arbeitet daher notwendigerweise sehr bestandsorientiert", erläutert Idefix-Projektleiter Prager die Situation. "Wir brauchen deshalb sehr genaue und strukturierte Daten über den Bestand, damit wir gezielt einkaufen können."

Vollprogramm bedeutet schließlich, daß der Sender seine Programme auf 8760 Stunden pro Jahr verteilen muß. Über den Daumen läßt sich eine Einkaufsstrategie da nicht mehr abschätzen. Eine Herausforderung für DV-gestützten Decision-Support: "Um solche Entscheidungen fundiert treffen zu können, braucht man ein Tool, das aus der Programmstruktur ableiten kann, wann wie viele Filme gebraucht werden und wie sich eventuell ein Kauf von weniger guten Filmen auf den Bestand auswirkt", so Prager. Unterschiedliche Szenarien müssen durchgespielt werden. Etwa: Wie kann auf Veränderungen der Einschaltquote mit Umschichtungen reagiert werden, und welche Auswirkungen hat dies auf den Bestand an Lizenzen?

In der aktuellen Projektphase wird Idefix zu einem Tool für die Unterstützung der strategischen Einkaufsplanung ausgebaut. Sendeplanung und Einkaufsstrategie gehen damit Hand in Hand, auf Basis der Planungsdaten sind komplexe Simulationsrechnungen ohne zusätzlichen Aufwand möglich. Waren bisher die für derartige Entscheidungen notwendigen Daten über verschiedene Systeme verteilt, so erlaubt Idefix nun einen integrierten Ansatz. Auch die Zuschauer werden profitieren: Die aktuellen Planungsdaten aus dem neuen System können direkt über den Web-Server von RTL 2 (http

:RTL2.DE) eingesehen werden.

Von der Entscheidung über den Ankauf einer Filmlizenz bis zur Steuerung des Sendesystems oder gar bis zur Auswertung von Quoten - in allen Phasen der Programmplanung und -realisierung - verschafft das integrierte Planungs- und Steuerungssystem den Redakteuren einen einfachen Zugriff auf fundierte Daten. Sie müssen ihre Zeit nun nicht mehr mit Dateneingabe und -abgleich verbringen, sondern haben den Kopf wieder frei für kreative Aufgaben.

Mehr als 100 PCs arbeiten bei RTL 2 in einem Netz mit vier Novell-Servern und nutzen hier neben Idefix die üblichen Office-Anwendungen. Im Netzwerk sind ein Hauptverteiler und fünf Unterverteiler auf 10Base-T-Basis mit Lichtwellenleitern verkabelt, ab den Unterverteilern sternförmig. Die Verkabelung wird für Daten- und Telefonverkehr genutzt. Außerdem wird SAP R/3 auf Oracle und HP9000 eingesetzt. In der Hamburger Nachrichtenredaktion läuft auf einer VAX ein Nachrichtenrecherchesystem. Seit kurzem verfügt RTL 2 auch über einen WWW-Server bei einem Provider..

Das Unternehmen

RTL 2 ist der erfolgreichste Newcomer auf dem deutschen Fernsehmarkt - erst 1993 startete man mit einem jugendorientierten Vollprogramm. Der Sender hat heute seinen Sitz auf dem Bavaria-Filmgelände in Grünwald vor den Toren Münchens, die Nachrichtenredaktion befindet sich in Hamburg. Mit 150 festen und freien Mitarbeitern wurde 1995 ein Umsatz von 500 Millionen Mark erwirtschaftet.

Angeklickt

Der Aufbau eines Fernsehprogramms ist eine schwierige Angelegenheit. Nicht nur müssen unterschiedliche Programmteile "komponiert" werden, auch die Werbeeinblendungen sollen den richtigen Platz erhalten. Bei RTL2 ist das erste Modul einer über die Programmerstellung hinaus auch für den direkten Sendebetrieb zugeschnittenen Software schon im Einsatz. Sie soll die Grundlage für den gesamten künftigen Sendebetrieb werden.

*Dr. Rainer Doh ist freier Journalist in Gräfelfing bei München.