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11.10.1985 - 

Branchenkenner prognostizieren KI-Boom, aber:

Einsatzspektrum ist immer noch sehr begrenzt

WIESBADEN (kul)-Expertensysteme, die im praktischen Einsatz funktionieren, sind immer noch dünn gesät. Außerdem eignen sie sich vorläufig nur für ein relativ eng begrenztes Anwendungsspektrum. Trotzdem glauben die Fürsprecher der Künstlichen Intelligenz schon in der nächsten Zukunft an das große Geschäft. Eine spezielle Technologie-Schau wurde bereits ins Leben gerufen: die "Artificial Intelligence and Advanced Computer Technology Conference/Exhibition", die jetzt in Wiesbaden stattfand.

Derzeit ist der Markt für Künstliche Intelligenz weitgehend gleichzusetzen mit dem Bereich Expertensysteme. Im amerikanischen Geschäft lasse sich in den nächsten Jahren ein Boom absehen, konstatierte Wolfram Brandes, Berater bei Arthur D. Little, anläßlich einer Pressekonferenz unter Schirmherrschaft der Brainware GmbH.

Gedanken über die wirtschaftlichen Zahlen dieser Branche in den USA machte sich auch der AKES (Arbeitskreis Expertensysteme). Wie Data General, einer der Partner dieser Vereinigung in Wiesbaden mitteilte, wurden in den Vereinigten Staaten während der letzten drei Jahre über 100 Millionen Dollar an Risikokapital in etwa 40 kleinere KI-Unternehmen gesteckt.

Den Bestand eingesetzter Systeme schätzte die amerikanische Unternehmensberatung Arthur D. Little Ende 1984 auf über 100 Stück. Manche Branchenkenner prognostizieren sogar, KI werde noch in diesem Jahrzehnt zu ähnlicher Bedeutung gelangen wie der Mikroprozessor in den 70er Jahren.

Günstig für das Geschäft mit der "Künstlichen Intelligenz", so war in Wiesbaden zu hören, wirkt sich vor allem aus, daß inzwischen eine Reihe von Expertensystemen auf herkömmlichen Rechnern einsetzbar ist und nicht mehr den Einsatz einer Spezialmaschine erforderlich macht.

Sogar von Produkten für den Home Computer-Bereich ist die Rede, beispielsweise einer Prolog-Version für den Einsatz auf dem C64 von Commodore. Eine Portierung auf das Nachfolgemodell C128 sei geplant. Anwendungsbereiche sieht der Entwickler dieser Sprachvariante, Berthold Daum, vor allem in der Ausbildung und Beratung.

Ob das Geschäft in der Bundesrepublik allerdings ähnlich steil anlaufen wird wie in Übersee, ist umstritten: Der deutsche Markt gilt in der Branche als sehr konservativ und wenig aufgeschlossen für Experimente. Kommentierte Brandes: "Mit Ausnahme von Großbritannien gibt es im Bereich der Expertensysteme in Europa noch keine greifbaren Markterfolge." Dennoch zeigt sich der Berater optimistisch: In etwa zwei Jahren, glaubt er, könne die "AIte Welt" den Anschluß an den KI- Boom schaffen.

Universelle Patentlösung gibt es nicht

Expertensysteme um jeden Preis, so kristallisierte sich auf der Wiesbadener AI-Konferenz die einhellige Meinung der Anbieter und Berater heraus, können allerdings in keinem Fall eine universal gültige Patentlösung sein. Unternehmensberater Dr. Nandakishore Benerjee, vormals bei Siemens zuständig für die Bereiche Datentechnik sowie Expertensysteme, gibt beispielsweise allen Interessenten den Rat, sehr genau zu prüfen, ob sich in ihrem speziellen Fall der Einsatz eines Expertensystems überhaupt lohne.

Der erste Schritt müsse immer die Prüfung sein, ob sich das individuelle Problem nicht auch, mit Hilfe einen herkömmlichen Programmiersprache in den Griff bekommen läßt. Zeige sich, daß der Einsatz von Sprachen wie Prolog oder Lisp unumgänglich ist, seien wiederum die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anwendung abzuklären.

Probleme bei der Entwicklung von Expertensystemen sieht Joachim Stender, Geschäftsführer der Brainware GmbH, nicht so sehr in der technischen Realisierung der Produkte. Kritische Punkte bestünden vielmehr in der Wissensakquisition, der Weitergabe von Experten-Know-how sowie dem Fassen der vorhandenen Kenntnisse in Regeln.

Akzeptanz läßt noch zu wünschen übrig

Zu lösen bleibe ferner die Frage, wie sich Wissensbanken realisieren lassen, die sich aufgrund bekannter Fakten ständig selbst aktualisieren. Für den praktischen Einsatz seien solche Konzepte noch nicht verfügbar.

Den KI-Anbietern gibt das Akzeptanzproblem in den Großunternehmen eine harte Nuß zu knacken Hauptschwierigkeit ist, daß die Programmierer, die mit herkömmlichen Sprachen wie Cobol, Fortran oder Pascal großgeworden sind, meist nur schwer mit der neuen Denkweise (...)eundschaft schließen.

Hinzu kommt in vielen Fällen die Angst, von einer "denkenden" Maschine wegrationalisiert zu werden. Einer solchen Argumentation hält Dr. Benerjee allerdings entgegen: "Expertensysteme sind für den Einsatz als Expertenunterstützungssysteme konzipiert. KI-Software, die den Menschen ersetzt, gibt es nicht Eine solche Entwicklung läßt sich auch nicht absehen". Dieser unbegründeten Furcht stünden überall dort Vorteile gegenüber, wo das Wissen eines einzelnen Fachmanns für eine größere Anzahl von Mitarbeitern verfügbar gemacht werden müsse oder für die Nachwelt erhaltenswert sei. Auch wenn sich ein Unternehmen dagegen schützen wolle, durch eine Kündigung seinen Know-how-Stand zu verlieren, zahle sich der Einsatz eines Expertensystens (...)s.

Als Handicap für die gesamte Branche erweist sich nach Meinung der KI-Verfechter vor allem, daß es bisher nur sehr wenige Anwendungsbereiche gibt, in denen Expertensysteme den Praxistest bestanden haben. Zu nennen sind hier neben militärischen Applikationen, über die in der Regel nur ein begrenztes Maß an Information herausgegeben wird, vor allem Lösungen für den medizinischen Bereich.

Neue Einsatzbereiche werden erschlossen

So entwickelt Siemens nach Aussage von Dr. Benerjee mit Förderung des BMFT ein Projekt für die Nierentransplantation im Münchner Klinikum Großhadern. IBM Frankreich kam mit seinem "Bateau sans medecin" heraus, einem Produkt, das auf Schiffen ohne Bordarzt zu medizinischen Diagnosezwecken eingesetzt werden soll.

Ein weiteres interessantes Betätigungsfeld für die Zukunft sieht Dr. Benerjee im Bereich des Umweltschutzes. Den Einsatztest in der Landwirtschaft zur Ernteprognose und Schädlingsbekämpfung hat "Savoir" hinter sich, eine Entwicklung des Briten Brian Pogson von ISI Ltd.

Kommerzielle Applikationen in den USA konzentrieren sich nach Aussage von ADL-Berater Brandes auf Portfoliomethoden für die strategische Planung, entscheidungsunterstützende Systeme im finanziellen Bereich, Abbildung komplexer Strukturen sowie politische Risikoanalyse und ökonomische Szenarios.

Einen Touch in Richtung Politik bekommt das Thema "Expertensysteme" auch in Europa: Nach Aussage von Brainware-Geschäftsführer Stender finanziert die Europäische Gemeinschaft ein Projekt, das auf die Vereinheitlichung des Datenbankzugriffs innerhalb der

gesamten EG hinzielt.

Haupteinsatzbereich für Expertensysteme bleibt allerdings die DV-interne Verwaltung. Neben Programmen für die Rechnerkonfigurierung und Supportunterstützung zeichnet sich für Joachim Stender noch ein weiterer Verwendungszweck ab: In den Entwicklungsabteilungen stünden den Softwerkern etwa 30 Prozent der Arbeitszeit für ihre eigentliche Tätigkeit zur Verfügung. Die restliche Zeit werde von jobbegleitenden Aufgaben beansprucht, wobei Rückfragen von seiten des Vertriebs einen großen Anteil ausmachten. Ziel sei deshalb eine "Entlastung der Entwicklungsabteilung von der Belastung durch den Vertrieb". Hier könne ein Experten-System Abhilfe schaffen.

Anbieter müssen für den Erfolgsfall vorsorgen

Ein weniger optimistisches Fazit der Konferenz zog allerdings Dr. Benerjee: "Ob bei all dem Aufwand, der im KI-Bereich getrieben wird, tatsächlich Produkte entwickelt werden, die auf einer breiten Basis den Praxistest bestehen, weiß heute noch kein Mensch. Das ändert aber nichts daran, daß wir auf die Möglichkeit vorbereitet sein müssen, mit solchen Entwicklungen umzugehen".