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15.01.1988 - 

Mit umfangreichen OSI-Management-Normen ist nicht vor 1990 zu rechnen:

Electronic Mail wird auch 1988 wieder Renner des Jahres

* Dr. Wulfdieter Bauerfeld ist Mitarbeiter des Deutschen Forschungsnetzes (DFN), Berlin, dort zuständig für den Entwicklungsbereich von Kommunikations-Software für den DFN-Verein und darüber hinaus mit Fragen in Sachen Schnelle Datenkommunikation betraut.

"Nicht nur Zeichen, sondern auch klare Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Diskussionsforen ISO und CCITT" erwartet Wulfdieter Bauerfeld* für das Jahr 1988. Hatten sich die Aktivitäten im X.400-Bereich bereits während der vergangenen zwölf Monate erfolgreich angelassen, so soll Message-Handling auch weiterhin Aufwind spüren. - Zweifel an Akzeptanz und Resonanz äußert der Telecom-Experte dagegen hinsichtlich des ISO-Standards VTP (Virtual Terminal Protocol), da die Anbindung eines virtuellen Terminals an ein Time-Sharing-System durch den Einsatz von PCs als Vorrechner längst im Abseits steht. Zum Flop des Jahres erklärt Bauerfeld schließlich die Job-Transfer-and-Manipulation-Norm (JTM) für den Stapelbetrieb an unterschiedlichen Rechnern.

OSI - die Kommunikation offener Systeme - ist zu einem festen Begriff in der DV-Welt geworden und kann daher zu Jahresbeginn auch einmal in den Mittelpunkt spekulativen Interesses gestellt werden. Obgleich an leistungssportlichen Ereignissen in keiner Weise interessiert, zieht der Autor den Vergleich zu den turnusmäßig zu Beginn der Saison einer Bundesliga gestellten Fragen an Beteiligte und Interessierte, welche(r) Verein(e) die Spitzenplätze einnehmen und welche einen Niedergang erleben werden. Bevor aber nun die Fragen, wer wird OSI-Meister '88 und wer wird als bedeutungslos absteigen, - wahrscheinlich mit vergleichbarer Unsicherheit - beantwortet werden können, hier ein allgemeiner Kommentar zur OSI-Liga.

Für das Jahr 1988 prognostiziert der Insider für OSI eine insgesamt positive Entwicklung mit ruhigem, aber beharrlichem Wachstum der Durchsetzungsfähigkeit, ein Jahr ohne spektakuläre Durch- aber auch ohne Einbrüche. Die Grundregeln, nach denen Informationen auszutauschen sind, werden aber immer bekannter: Eine OSI-Ausbildung hat sich an einigen Hochschulen als mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil des Lehrplans etabliert; somit wird sich die Zahl der auf diesem Gebiet aktiv Tätigen schon mittelfristig potentiell erhöhen. Auch wird man nicht nur verstärkte Zeichen, sondern auch klare Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Diskussionsforen ISO und CCITT erwarten können; bisher divergierende Entwicklungen werden publikumswirksam zusammengeführt.

Aus diesen Gründen wird dann wiederum die Zahl der OSI-Anhänger wachsen; aus dem Interessengebiet einer in der Vergangenheit manchmal dogmatisch wirkenden Minderheit wird eine Disziplin werden, die nicht nur Aktive und ein paar Funktionäre, sondern auch eine ganze Reihe sachverständiger Zuschauer - Anwender - in den Bann ziehen wird. Um nun die möglichen Erfolge der einzelnen Standards in '88 einigermaßen ausgewogen vorhersagen zu können, sollten wir aber nicht nur zwei, sondern drei Gruppen unterscheiden, für die Tips abgegeben werden können:

- konsolidierte implementierungsbeziehungsweise produktreife Standards;

- für weiterführende OSI-Kommunikation dringend notwendige Standards;

- Standards, die neue Konzeptionen eröffnen und dem weiterführenden Verständnis der Kommunikation dienen.

Spitzenreiter der ersten und anwendernächsten Gruppe war im letzten Jahr der elektronische Briefdienst (Electronic Mail, Message Handling) gemäß der CCITT-Empfehlung X.400, die ungefähr dem ISO-Standard MOTIS (Message Oriented Text Interchange System) entspricht. Eine ganze Reihe von Unternehmen kündigten Produkte an beziehungsweise konnten sie sogar ausliefern; innerhalb des Deutschen Forschungsnetzes (DFN) wurden X.400-Systeme auf 65 Anlagen installiert und ein über einen reinen Probebetrieb, hinausgehender verteilter X.400-Dienst eingerichtet. Aufgrund geplanter Großereignisse (beispielsweise CeBIT '88) und neu gesteckter Ziele (zum Beispiel Umstellung des Telebox-Dienstes der Deutschen Bundespost) wird X.400 auch in diesem Jahr wieder ganz vorn zu finden sein. Verbunden damit, aber für den Anwender unsichtbar, ist die Durchsetzung des ISO-Transport-Protokolls Klasse O (CCITT T.70) und des BAS (Basic Activity Set) auf der Kommunikationssteuerungsschicht 5. Nebenbei erwähnt seien deren standardisierte Funktionen; sie sind aber nach wie vor als unbefriedigend zu bezeichnen.

FTAM an zweiter Stelle der Bestenliste

Mindestens an zweiter Stelle der Bestenliste wird Ende diesen Jahres FTAM (File Transfer, Access and Management) stehen; ein Kommunikationsstandard, der unter anderem in einem heterogenen, OSI-orientierten Rechnerumfeld transparenten Dateitransfer zwischen den Endsystemen erlaubt. Aus den noch sehr weitgehenden Möglichkeiten, die im ISO-Standard spezifiziert sind, hat SPAG (Standards Promotion and Application Group), die europäische, industrienahe OSI-Promoting-Gruppe in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen NBS (National Bureau of Standards) Profile zur eindeutigen Implementierung herauskristallisiert. Für den Kenner bedeutet ein Erfolg von FTAM natürlich auch den Erfolg der darunter liegenden Hilfsmittel, die durch ACSE (Application Control Service Elements) und durch ASN.1 (Abstract Syntax Notation One) repräsentiert sind. Hier schließt sich der Bogen zur X.400-Sammlung, dessen Empfehlungen X.409 für die Darstellungsschicht 6 immer mehr mit ASN.1 harmonisiereren.

Unklar erscheinen noch die Erfolgsaussichten der ISO-Standards VTP für virtuelle Terminals. Die fast professionellen Cheer-Leader, organisiert in TOP (Technical Office Protocol), unterstützen zwar nicht offiziell, aber lautstark die bereits verabschiedeten Standards beziehungsweise Entwürfe. Auf der anderen Seite sind aber die Emulator-Implementierungen für verschiedene Hersteller-Terminals weiterhin erfolgreich, somit immer häufiger installiert. Die Möglichkeit des Einsatzes von PCs als Vorrechner, also die Bearbeitung möglichst vieler intelligenter, auch graphischer Aufgaben an einem, dem Nutzer lokal und ausschließlich verfügbaren Prozessor sind vielfältig. Sie laufen der Notwendigkeit einer Implementierung eines virtuellen Terminals zur Anbindung an unterschiedliche, konventionell arbeitende Time-Sharing-Systeme und damit der Durchsetzung des Standards einfach davon. Für den VTP-Standard kann daher höchstens ein guter Mittelplatz, vielleicht sogar verbunden mit Abstiegsgefahr, prognostiziert werden.

Obgleich funktionell mit VTP nicht vergleichbar, aber offiziell unterstützt von der ähnlichen Nutzergruppe MAP (Manufacturing Automation Protocol), räume ich MMFS (Manufacturing Message Format Standard) eine viel größere Chance ein. In MMFS sind die Semantik und die Syntax für eine Kommandosprache definiert, die von allen beteiligten Systemen gleich interpretiert wird. Solche Kommandos gibt es für CNC-Maschinen, speicherprogrammierte Steuerungen und Roboter. In bestimmten Disziplinen wird MMFS nicht nur einen Achtungserfolg erringen. Eine Breitenwirkung bleibt ihm aber leider, zumindest in diesem Jahr, aufgrund des speziellen Anwendungsgebietes versagt.

Klarer Verlierer in der ersten Gruppe wird JTM (Job Transfer and Manipulation) sein, der Standard für den entfernten Stapelbetrieb an unterschiedlichen Rechnern. Obwohl ein systemunabhängiger "Remote-Job-Entry"-Dienst gerade zur Versorgung leistungsfähiger Vektorrechner für den Forschungsbereich eine große Bedeutung hat und weiterhin haben wird, werden sich die industriellen Entwickler der Mühe einer Implementierung eines zwar verabschiedeten, aber komplexen und langfristig nicht mehr erfolgreichen OSI-Standards entziehen. JTM fehlt aufgrund der technischen Entwicklungen im Hard- und Softwarebereich mittlerweile die populäre Komponente. Das mag zum einen die Lebensdauer firmen- oder gruppenspezifischer Vereinbarungen erhöhen,

zum anderen aber auch Kapazitäten für weitergehende Überlegungen und prototypische Implementierungen im Gebiet "Verteilte Anwendungen" freisetzen. Also bleibt für JTM eigentlich nur der Abstieg beziehungsweise die Regeneration in der dritten Gruppe.

Die Prognosen für die zweite und die dritte Gruppe können wesentlich kürzer ausfallen und prägnanter gefaßt werden. Soll OSI-Kommunikation nicht nur "l'art pour l'art", sondern im Tagesbetrieb erfolgreich sein, müssen die entsprechenden Systeme, Implementierungen, Versionen, etc. verwaltet und auch online verändert oder angepaßt werden.

Klarer Fortschritt beim OSI-Management

Es gibt klare Anzeichen, daß der dringenden Forderung nach einem solchen OSI-Management durch entsprechende Arbeiten stattgegeben werden wird und wir in 1988 auf diesem Gebiet einen klaren Fortschritt erkennen werden. Da es allerdings eine stabile und umfangreiche Sammlung von OSI-Management-Standards wohl nicht vor 1990 geben wird, reicht es nur zu einem zweiten Platz in dieser Gruppe.

Eng zusammenhängend mit einem Netz-Management ist natürlich jede Art von Auskünften über Netzbenutzer und Betriebsmittel wie Hosts und Peripheriegeräte oder Software-Systeme, die gesammelt, verwaltet und auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden müssen. Der Aufbau eines solchen "Directory Service" genannten Dienstes in einem Rechnernetz, der ungefähr einem (Branchen-)Telefonbuch oder den "Yellow-" oder "White Pages" entspricht, ist also genauso wie dieser Service der Postgesellschaften motiviert durch das Bestreben, Leistungsumfang und Akzeptanz des Kommunikationssystems zu erhöhen. Daher wird, auch wegen der vereinten Anstrengungen von ISO und CCITT der Directory Service gemäß X.500 klarer Sieger der Gruppe II werden.

In der dritten Gruppe werden sich alle Bestrebungen formieren, die von der konventionellen Sicht der Punkt-zu-Punkt-Kommunikation endlich einmal abweichen und sich auf das weite Gebiet der "Verteilten Anwendungen" wagen und es strukturieren. Ohne in Einzelheiten zu gehen, werden hier 1988 alle die Standards relevant sein, die sich mit "Transaction Processing" beschäftigen, zum Beispiel dafür notwendige Dienstleistungen standardisieren und zu funktionellen Gruppen zusammenfassen. Wichtige "Teilnehmer" in dieser Gruppe sind aber auch Basisprotokolle zur Interprozeß-Kommunikation. Diese (Teil-)Standards werden durch entsprechende Gruppen und Vereinigungen in Form von prototypischen Implementierungen unterstützt. Gespannt können wir darauf sein, wann Teilnehmer der Gruppe III endlich in Gruppe II deshalb aufsteigen, weil sie für die allgemeine OSI-Kommunikation so wichtig werden, daß sich viele Unternehmen für deren Implementierung interessieren.