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DV-Bürozentrum mausert sich zum Unix-Forum

Elf Branchensoftware-Entwickler arbeiten unter einem Unix-Dach

23.11.1990

Susanne Schall arbeitet als freie Journalistin in München.

Ohne Unix geht nix - eine Überschrift, die so oder in ähnlicher Form seit Monaten in vielen DV-Fachblättern zu lesen ist. Auch wenn die genauen Marktanteile von Unix in den kommenden Jahren zum Zankapfel der Branche geworden sind, aktuelle Prognosen lassen ein überdurchschnittliches Wachstum in diesem Bereich erwarten.

Der Absatz von kleineren und mittleren Unix-Mehrplatz-Systemen wird nach einer aktuellen IDC-Studie bis 1993 deutlich steigen. Gerade bei kleinen Mehrplatz-Systemen für bis zu 15 Benutzer dürfte sich die Nachfrage bis 1993 verdreifachen. Bis dann werden jährlich etwa 38 000 neue Systeme installiert. Denn Unix ist nicht mehr nur in Wissenschaft und Forschung auf dem Vormarsch, auch bei kommerziellen Anwendungen erobert das Betriebssystem beständig weitere Marktanteile. Gerade für mittelständische Unternehmen bieten kleine Mehrplatz-Systeme mehr und mehr eine Alternative zur Mittleren Datentechnik oder lösen einzelne, häufig nicht vernetzte PCs ab. Der gleichzeitige Ablauf von mehreren Programmen und der simultane Zugriff von verschiedenen Terminals auf den zentralen Rechner ist nicht nur für Großbetriebe ein entscheidender Vorteil, sondern spielt auch für kleinere Produktionsbetriebe, Touristikunternehmen, Händler oder Ärzte eine Rolle.

"Etwa 70 Prozent unserer Kunden aus grafischen Betrieben haben nicht mehr als 40 Angestellte. In diesen kleinen Druckereien ersetzen Unix-Systeme mit branchenspezifischen Softwarelösungen PCs oder die Mittlere Datentechnik. Knapp ein Viertel unserer Kunden steigt mit Unix neu in die DV ein", bestätigt Peter de Bloeme,

Geschäftsführer von Press Support Deutschland, den Trend.

Vor diesem Hintergrund sind die Aussichten für Unix-Hard- und Software-Entwickler und -Hersteller in der Tat rosig. Der Bedarf an anwenderfreundlichen Softwarelösungen für mittelständische Betriebe wird weiter steigen.

Allein im deutschsprachigen Raum buhlen etwa 1000 Unternehmen mit gut 2500 Softwarelösungen unter Unix um die Gunst der Anwender. Etwa die Hälfte der Unix-Software ist branchenspezifisch ausgerichtet.

So positiv die Marktprognosen auch sind, kleineren Softwarehäusern fällt es angesichts dieser Anbieterfülle gar nicht so leicht, sich am Markt zu behaupten. Spezialisierung auf eine Branche und das Entwickeln modularer Softwarelösungen, die exakt auf die Anwendungen und Bedürfnisse eines Unternehmens angepaßt werden, ist

jedoch die Stärke der kleinen Softwarehäuser. Entwicklung und Verkauf von Software allein reichen nicht aus. Genaue Branchenkenntnis und starke Serviceorientierung sind unerläßlich.

Flexibilität und Branchen-Know-how

Denn ein System für Ärzte zur Abrechnung mit Krankenkassen und zur Archivierung der Patientenkarteien muß anderen Anforderungen genügen als das System eines Betriebes im Produktionsbereich. Beratung, Support, Anwenderschulungen sowie Interessentenseminare und Demonstrationen sind unabdingbar. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, hat sich beispielsweise das Münchner Softwarehaus Alphatron ausschließlich auf Systeme für Reiseveranstalter und Fremdenverkehrsämter spezialisiert. Wissen um alle Anwendungsbereiche in Touristikbetrieben ist unabdingbar. Alphatron hat gemeinsam mit dem Reiserveranstalter Attika im Münchner EDV-Bürozentrum eine umfassende Softwarelösung unter Unix erarbeitet.

Martin Swoboda, Geschäftsführer von Alphatron: "Zwei Software-Basispakete, die je

nach Anfonderungen modular erweitert werden, sind die Ausgangsbasis. Doch Beratung bei der Hardware-Ausstattung gehört genauso dazu. Und Interessentenseminare, Anwenderschulungen, laufende Beratung und Support sind mindestens genauso wichtig."

Spezialisierung auf eine Branche und kundenorientierte Leistungen sieht auch das Konzept von Clasen Datensysteme vor. Rudolf Clasen, Geschäftsführer, bekräftigt: "Unser bislang größtes Projekt ist die Installation eines Unix-Systems mit 22 Bildschirm-Arbeitsplätzen und neun Druckern bei Möbel-Wössner in Stuttgart. Das Softwarepaket ist modular aufgebaut und wurde in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Möbelhauses entwickelt. Werden Ergänzungen gewünscht, gehen wir mit den Anwendern die Programme bis ins kleinste Detail durch und passen diese den Kundenwünschen an."

Doch Softwarehäuser hatten auch noch andere Probleme. Die Erschließung neuer Kundenkreise erfordert einen hohen personellen und finanziellen Aufwand, der für ein kleines Entwicklerteam häufig kaum zu überschauen ist. Die wenigsten Softwarehäuser können einen Stab an Marketing- oder Vertriebsleuten finanzieren. Der Erfolg am Markt kann deshalb trotz gefragter Softwarelösungen, hochqualifizierter Spezialisierung und Branchenkenntnis sowie gutem Service und Beratung ausbleiben.

Genau diese Schwierigkeiten waren der Ausgangspunkt eines Modells, das im EDV-Bürozentrum München seit nunmehr zwei Jahren praktiziert wird. Ursula Zimmerle, Geschäftsführerin des EDV-Bürozentrums, erläutert: "Wir bieten keine handbuchartigen Ratgeber oder aufwendige Unternehmensberatung, sondern ganz konkrete und praktische Unterstützung in den Bereichen, wo es bei vielen Softwarehäusern hakt."

Softwarehäuser, die für die unterschiedlichsten Branchen arbeiten, können sich im EDV-Bürozentrum München einmieten. Ihnen stehen Büro- und Konferenzräume zur Verfügung, zudem ist die Infrastruktur moderner Büros vorhanden. Zum Angebot des EDV-Bürozentrums gehört genauso die Unterstützung bei Vertriebsaktivitäten und Sekretariatsarbeiten. Denn sind die Softwarehäuser von alltäglichen Büroarbeiten entlastet, dann haben die Entwickler und Berater auch Zeit, an kundenspezifischen Lösungen zu arbeiten und die Anwender zu unterstützen.

lnformations- und Erfahrungsaustausch

Die Unternehmen im EDV-Bürozentrum sind nicht einfach nur eine zufällige und willkürliche Mischung von verschiedenen kleinen Unternehmen, die gerade einen Konferenzraum brauchen oder sich Kopierer und Telefonanlage teilen. Alle Unternehmen sind ausschließlich im Unix-Bereich tätig und bieten Softwarelösungen für mittelständische Unternehmen in verschiedenen Branchen, so zum Beispiel für Ärzte, Möbelhäuser, Touristikunternehmen und Produktionsbetriebe. Das Schulungsunternehmen Multiplex präsentiert ein breitgefächertes Trainings-Programm und stellt den Softwarehäusern die Schulungsräume für Anwendertraining und Demonstrationen ihrer Unix-Programme zur Verfügung.

Was sonst ein kleines Softwarehaus vor große Probleme stellt, beispielsweise die Anmietung von Büroräumen, die auch noch Platz für Demonstrationen in größerem Rahmen bieten, oder die Finanzierung von Sekretariat und Büro-Equipment, das teilen sich hier alle Mieter. Anders als staatlich geförderte Technologieparks erhält das EDV-Bürozentrum keinerlei Zuschüsse. Das Modell trägt sich selbst.

Keiner der Mieter muß große Investitionen tätigen, denn jeder nimmt nur das in Anspruch, was er zum jetzigen Zeitpunkt braucht. Und Platz zum Wachsen hat Jedes der im EDV-Bürozentrum ansässigen Unternehmen. Ralph Ertl, Geschäftsführer von Comix, meint: "Auch unser Erscheinungsbild ist wichtig. Es ist unmöglich, Kunden in einem Hinterhof zu empfangen. Hier im EDV-Bürozentrum stimmt der äußere Rahmen."

Durch das konsequente Konzept, nur solchen Unternehmen Unterstützung anzubieten, die im Unix-Bereich tätig sind, hat sich das Zentrum zu einem Unix-Forum entwickelt. Jedes Unternehmen agiert eigenständig und kann sich auf die Verbesserung seiner spezifischen Branchenlösung konzentrieren. Gleichzeitig hat aber jeder Entwickler Zugriff auf das Know-how und die Erfahrung der anderen Unternehmen. Ertl schätzt diesen Kontakt: "Wenn ich ein Problem mit einer Softwarelösung habe, dann kann ich hier immer mit jemandem reden. Der bietet mir zwar nicht unbedingt die Lösung, aber er, kann etwas dazu beitragen. Das verhindert, daß man in eine Sackgasse läuft. Das könnte gefährlich für ein kleines Unter, nehmen werden."

Bürozentrum mausert sich zum Unix-Forum

Positiv bewertet Ertl auch die DV-technischen Möglichkeiten. "Jeder im Haus besitzt etwas, was man sich selbst nicht unbedingt leisten kann. Das schafft einen größeren Spielraum, denn auch andere Möglichkeiten können jederzeit ausprobiert werden."

Auch bei Marketing-Aktivitäten holt ein Entwickler sich schon mal Rat beim Nachbarn. De Bloeme: "Beim Aufbereiten von Präsentationsunterlagen oder Broschüren unterstützen wir uns gegenseitig. Da Press Support von allen Unternehmen im EDV-Bürozentrum schon am längsten am Markt ist, haben wir ein Plus an Erfahrungen. Doch wir lernen auch aus den Fehlern und Problemen der anderen." Kostspielige Fehlentscheidungen oder weitreichende Fehlinvestionen können so vermieden werden.

Doch der gegenseitige Informations und Erfahrungsaustausch funktioniert nur deshalb gut, weil fast alle Unternehmen eine ähnliche Ausgangsbasis haben. Da jedes Softwarehaus völlig unterschiedliche Branchen bedient, kommt es nicht zum Konkurrenzkampf. jedes Unternehmen entwickelt kundenorientierte Lösungen für mittelständische Unternehmen. Deshalb kann auch die Entwicklung des einen die Softwarelösung des anderen ein Stück nach vorn bringen. Was sich in einer Branche als tauglich erweist, mag zwar in der anderen ein völliger Flop sein, doch viele grundsätzliche Probleme sind sehr ähnlich. Dazu Peter de Bloeme: "Im Grunde machen wir hier alle etwas sehr ähnliches, wenn auch für völlig unterschiedliche Anwender."