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12.05.1995

Eltern mit kaum abgewindeltem Nachwuchs vor dem Rechner

Dr. Helmut Wilke

Vice- President von Gupta Technologies GmbH, Muenchen

Die Aehnlichkeiten der Maerkte USA und Europa werden immer wieder heiss diskutiert. In der Regel einigt man sich darauf, dass eigentlich keine grundsaetzlichen Unterschiede bestehen: Was die DV-Welt in den USA hervorbringt, kommt auch nach Europa, frueher oder spaeter. Wenn das so ist, dann haben wir allerdings wieder einmal einiges vor uns.

Wer das Vergnuegen gelegentlicher USA- Besuche hat, dem wird aufgefallen sein, dass derzeit die Hersteller den entscheidenden Schritt von der Geheimwissenschaft zum Allgemeingut wagen. Bill Gates hat schon lange den Privatmenschen als ultimative Zielgruppe ausgemacht, und auf diesem Wege geht es mit verblueffenden Schritten voran. Dabei wird allerdings nicht nur ploetzlich Geld fuer eine witzige Imagewerbung im Fernsehen ausgegeben, vielmehr wird das Geschaeftsmodell einer ganzen Branche umgekrempelt, wenngleich das noch nicht alle gemerkt haben.

Den Weg dazu bereitet hat Windows. Endlich durfte auch derjenige ran an die CPU, der nicht dem Geheimbund der DOS- oder Unix- Chinesen angehoerte. Fahrt bekam das Geschaeft dann mit dem endlosen Fall der Hardwarepreise, in dessen Folge man die Anschaffung eines Rechners nicht mehr gegenueber dem dringenden Ersatz fuer die Familienlimousine abwaegen musste. Dem riesigen USA-Markt mit seiner Erfahrung in der Durchsetzung von Volumenprodukten gelang es einmal mehr, die Erzeugnisse im harten Preiswettbewerb ueber den Versandhandel, Superstores und Bueroshops an die Kaeufer zu bringen.

Die Entwicklung verlief allerdings ein paar Jahre lang schleppender. Software laesst sich nun einmal nicht mit der Geschwindigkeit einer Chipfabrik herstellen. Erst jetzt beginnen sich die Regale langsam mit Anwendungen zu fuellen. Wegbereiter waren und sind immer noch die Computerspiele. So nimmt inzwischen im Supermarkt die CD-Spielekiste schon die volle Breite ein, und Disketten werden wohl demnaechst in der Raritaetenecke landen, aehnlich wie die LPs in der Musikabteilung.

Neben Spielen als Motor auf dem Weg der Software zum Konsumgut sind inzwischen Kommunikation und Multimedia als Verkaufsschlager dazugekommen.

Die Literatur zum Internet und anderen Services misst sich mittlerweile nach Regalmetern. Modems und die entsprechenden Zugangsberechtigungen werden im Buchladen an der Ladenkasse nachgeschoben. Auch das steht uns in Deutschland noch bevor, aber die Telekom wird diese Entwicklung sicher wie gewohnt auf der Bremse foerdern.

Multimedia ist das neue Reizwort. Es klingelt, hupt und rennt, kein PC scheint mehr ohne Lautsprecher auszukommen. Tatsaechlich sitzen dann Eltern mit ihrem kaum abgewindelten Nachwuchs vor dem Rechner. Mit der dicken Maus und bunten Tasten werden Buchstaben geuebt, und interaktive Rechenspiele helfen beim Start ins Leben. Dank Kermit und Barney macht das sogar Spass. Keine Spur mehr von der blutleeren "programmierten Unterweisung" frueherer Jahre. Ueberhaupt haben die meisten Hersteller erkannt: Gekauft wird, was Spass macht und billig ist.

So sind Softwarepreise auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Im Buerofachhandel gibt es stapelweise erstaunlich leistungsfaehige und nuetzliche Programme. Ihnen gemein ist ein mageres Handbuch - mehr ist ja auch nicht noetig - und eine freundliche Oberflaeche.

Funktionalitaet ist auf die wesentlichen Dinge beschraenkt, eben auf das, was man wirklich braucht. Die anderen 80 Prozent, fuer die Sie und ich sowieso nie Bedarf gehabt haetten, hat man gleich weggelassen. Das macht die Programme einfach und erhoeht die Akzeptanz. So bietet ein Hersteller beispielsweise drei Produktlinien: kleine Programme, Standard- und eine High-end- Reihe. Letztere liegt dann im Preisbereich von 45 Dollar, die erstere gibt es fuer unter zehn Dollar. Schoene neue Welt - der Kunde nimmt die Packung einfach mit, ohne vorher die Fachzeitschriften zum Zwecke einer Marktbewertung zu studieren.

Wer sich als Softwarehaus hier mit Angeboten einreihen will, darf nicht mit ausgereizten Programmfunktionen glaenzen wollen, sondern muss das Einmaleins der Logistik, Produktion und Distribution von kleinen Pappschachteln beherrschen. Getreu dem Motto, wenn man mit jedem Stueck Verlust macht, dann hilft nur die Masse. Ob das in deutschen Softwarekoepfen als Trend schon erkannt ist?

Das Marketing hat sich inzwischen voll auf die Spielregeln im neuen Consumer-Markt eingestellt. Produkte werden vermarktet und verkauft wie Musikhits. Wichtig ist der richtige Name und das "coole" Image mit dem richtigen Medienstart. Geworben wird dann gleich im Unterhaltungsprogramm im Flugzeug. Produkte als Wegwerfartikel, haltbar, bis ein heisserer Titel im Internet gehandelt wird. Biedermann bei der Vermarktung ist out. Ob es wirklich funktioniert, ist weniger wichtig als der Regalplatz und der Coupon in der Sonntagszeitung.