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19.02.1999 - 

Notfall 2000

Embedded Systems: Alles ohne Gewähr

Zweistellige Datumsangaben sind fest eingebrannt in Chips - kleine Hardwarebausteine, die in Fahrzeugen, Geräten, Maschinen und Anlagen vielfältige Aufgaben erfüllen. Fachleute rechnen mit gravierenden Störungen durch Fehler dieser Embedded Systems. Sie erwarten eine Schadenssumme in Billionenhöhe. Wer übernimmt die Verantwortung für mangelhafte Bauteile und Schäden, die sie verursachen?

Von Johannes Kelch

Milliarden kleinster Computer existieren auf unserem Planeten. Versteckt in Gehäusen, die meist nicht Computer heißen, sind die "Systems on a Chip" in zahllosen Anwendungsbereichen längst unverzichtbar. Vom Mainframe-Host bis zum Mikrowellenherd, von der Workstation bis zur Waschmaschine, vom Handy bis zur Hebebühne, sie spielen überall mit.

Das große Geschäft mit den intelligenten Bausteinen boomt. "Jini" schafft zauberhafte Aussichten. Unternehmen, die sich auf Mikroprozessoren, Mikrocontroller, Signalprozessoren oder anwendungsspezifische integrierte Schaltkreise spezialisiert haben, rüsten sich für den Wettbewerb in einem Milliardenmarkt. Sie suchen ständig nach neuen, noch schnelleren Designmethoden. Nirgendwo sonst in der DV-Industrie ist das Diktat "Time to Market" ein so starker Erfolgsfaktor.

Bei all der Nervosität und Euphorie stößt das in alten Chips eingebrannte Jahr-2000-Problem nur auf wenig Interesse - getreu dem unausgesprochenen Motto "Was schert mich mein dummer Code von gestern". So lief das für Anwender so heikle Thema "Problem 2000" bei der Embedded Executive Conference im Januar 1999 in Palm Springs nur als eines unter etlichen anderen.

Nur wenige einschlägige Unternehmen äußern sich auf ihrer Web-Site überhaupt dazu. Und jene Firmen, die sich um eine offene Informationspolitik bemühen, verwenden viel Aufwand darauf, jegliche Garantie für fehlerfreie Datumsfunktionen ihrer Produkte auszuschließen und Verantwortung abzustreiten.

Der renommierte kalifornische Hersteller VLSI Technology, der eine besonders schnelle Designmethode für sich reklamiert, ist in seiner Informationspolitik zum Jahr-2000-Problem zurückhaltend. Auf der amerikanischen Web-Site sind dazu keine Dokumente veröffentlicht, die verfügbare Suchmaschine des Unternehmens findet in den eigenen Unterlagen unter dem in den USA gebräuchlichen Kürzel Y2K keine Einträge, und jene Dokumente, die "year", "2000" und "problem" kennen, beschäftigen sich nicht mit dieser Kombination. Eine E-Mail-Anfrage der COMPUTERWOCHE in der Firmenzentrale blieb unbeantwortet.

Auskünfte zur Politik von VLSI erteilte jedoch Hans Federmann, Business Manager für Zentraleuropa. Federmann betont, sein Unternehmen habe eine Task force gebildet, die bereits sämtliche eigenen Designs überprüft habe. In den letzten Jahren habe man bei neuen Produkten die Jahresziffern bereits vierstellig angelegt.

Keine Garantie für Funktion der Produkte

Dennoch lehnt VLSI für die eigenen Produkte - im Einklang mit der gesamten Branche - eine hundertprozentige Zusage der Jahr-2000- Verträglichkeit ab. Federmann erklärt dies damit, daß auch die Zulieferfirmen von VLSI und die Hersteller der in der Entwicklung eingesetzten CAD- und CAE-Systeme diesbezüglich keine volle Garantie geben.

Federmann nimmt gleich Usancen der DV-Branche für sein Unternehmen in Anspruch: "Kein Softwarehaus gibt ein rechtlich bindendes und Regreßansprüche begründendes Commitment ab, daß alles hundertprozentig funktioniert. Auch wir nicht." Eine Vorsichtsmaßnahme. Denn wenn eine Produktionsanlage durch ein Teil, das fünf Dollar kostet, lahmgelegt werde und dadurch Regreßansprüche entstünden, würde VLSI, so Federmann, "nicht mehr froh".

Bei anwendungsspezifischen integrierten Schaltungen (ASICs) macht eine zusätzliche Schwierigkeit bindende Aussagen so gut wie unmöglich. In die ASICs brennen die Hersteller neben Bauelementen Software ein, die die Kunden - meist in verschlüsselter Form - liefern. VLSI verlangt, so Federmann, von ihnen zwar inzwischen eine Versicherung, daß der gelieferte Code in Sachen Jahr 2000 unbedenklich sei. Doch verlassen will sich das Unternehmen nicht darauf.

VLSI gibt eine Garantie für die Jahr-2000-Verträglichkeit der eigenen Produkte lediglich für die selbstentwickelten Komponenten. Federmann: "Wir garantieren für alles, wofür wir verantwortlich sind."

Der Siemens-Bereich Halbleiter veröffentlicht auf der Siemens-Web- Site immerhin eine entsprechende Kundeninformation. Hier heißt es, man habe sich nicht nur auf die Jahr-2000-Verträglichkeit der eigenen Produkte konzentriert, sondern auch auf die damit verbundenen Geschäftsprozesse.

Wie VLSI scheut Siemens die Gerichte: "Die Statements in dieser Kommunikation werden nach bestem Wissen gemacht, aber nur zum Zweck der Kundeninformation. Sie sind nicht für den Gebrauch als rechtlich bindende Verpflichtung gedacht." Siemens, so ein Sprecher, will sich mit Aussagen, die zu Regreßansprüchen führen könnten, "nicht aus dem Fenster hängen".

Die israelische Firma Galileo Technology, die System-Controller und PCI-Interfaces herstellt, bemüht sich um offene Information, übernimmt jedoch ebenfalls keine Garantien für die Produkte. Galileo hat ein Jahr-2000-Programm begonnen und will es im Juni 1999 abschließen.

Auf der Web-Site heißt es zunächst, die Produkte von Galileo seien "bestimmt, für das Y2K-Thema unempfänglich zu sein". Doch gleich folgt: "All diese Aktivitäten zielen auf einen erfolgreichen Übergang in das neue Jahrtausend, garantieren aber nicht, daß Galileo nicht doch Probleme bekommen wird."

Die Verantwortung hat nach deutschem Recht zuallererst nicht der Chiphersteller, sondern das Unternehmen, das ein Produkt mit einem mangelhaften System an einen Kunden ausliefert, die letzten Firmen in der Wertschöpfungskette.

Viele Unternehmen prüfen ausführlich die Jahr-2000-Fähigkeit ihrer Produkte. Ein Beispiel ist die internationale Aufzugsfirma Otis, die ihre Deutschland-Zentrale in Berlin hat. Laut Marketing-Leiter Rainer Janz hat Otis seit Mitte 1998 die Produktpalette getestet und festgestellt, daß die in Berlin gefertigten Steuerungen entweder keine datumsrelevanten Bausteine enthalten oder das Datum vierstellig darstellen.

Janz betont, daß die Produkte von Otis somit Jahr-2000-fähig seien. Allerdings könne es sein, daß Kunden Systeme anderer Hersteller mit einem Otis-Aufzug verbinden - beispielsweise eine Fernsteuerung oder einen Kartenleser - und damit diese Tauglichkeit wieder zunichte machen.

Siemens hat im Bereich Automatisierungs- und Antriebstechnik ein Jahr-2000-Programm durchgezogen und die Kunden weltweit in einer Briefaktion über das Ergebnis informiert. Getreu den Kriterien des British Standards Institute wurden sämtliche aktuellen Katalogprodukte des Bereichs untersucht. Tests der alten, nicht mehr im Katalog geführten Produkte waren zum Jahresende 1998 abgeschlossen.

Das Ergebnis: Von den rund 12500 Produkten, die in allen Versionen und Varianten geprüft wurden, besitzen nur 3500 eine Datumsfunktion. Davon wiederum waren 800 "entweder nicht oder nur teilweise Jahr-2000-verträglich", lassen sich aber noch nach- rüsten. Lediglich 100 überwiegend ältere Produkte "sind und bleiben Jahr-2000-unverträglich", so der Leiter der Taskforce, Bernd Müller.

Zur Information der Kunden richtete das Unternehmen eine Produktdatenbank ein, die via Internet zugänglich ist. So vorbildlich diese Informationspolitik auch ist, eine Garantie will Siemens trotzdem nicht übernehmen. Wörtlich heißt es: "Sämt- liche Aussagen auf dieser Seite dienen allein der Information. Eine Haftung für die Richtigkeit der Aussagen, die über die übliche Gewährleistung hinausgeht, wird nicht übernommen."

Wortreich jede Haftung abgelehnt

Exakt nach diesem Muster verhält sich auch der amerikanische Meßgerätehersteller Tektronix. Der Konzern hat seine Produkte auf Jahr-2000-Tauglichkeit geprüft und ermöglicht über das Internet Recherchen zu diesen durch Eingabe der Bestellnummer.

Doch auf der Web-Site zum Thema windet man sich wortreich aus der Verantwortung: "Die Statements von Tektronix zur Jahr-2000- Fähigkeit oder -Tauglichkeit der eigenen Produkte oder zu irgendeinem anderen Aspekt des Jahr-2000-Übergangs dienen ausschließlich dem Zweck, unsere Kunden bei ihren Vorbereitungen auf das Jahr 2000 zu unterstützen. Solche Statements ändern oder erweitern nicht irgendeine bestehende Garantie, Lizenz, Gebrauchszeit oder vertragliche Vereinbarung.

Johannes Kelch ist freier Journalist in München.