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14.02.1992 - 

Mainframe-Profi tritt Flucht nach vorn an

Energieversorger befreit sich mit Unix aus VSE-Zwickmühle

"No Future" - auf diesen Nenner brachte Hans Peter Schmidt, DV-Leiter des Energieversorgers EWE AG, die Perspektive der zentralen DV unter dem IBM-Betriebssystem VSE. Deshalb stand er vor der Entscheidung, entweder nach MVS zu migrieren und höhere Kosten in Kauf zu nehmen oder auf Basis von Unix zu dezentralisieren die wesentlich günstigere Lösung. Der Großrechner-Spezialist Schmidt, seit sechs Jahren bei der EWE tätig, schlug den zukunftsträchtigeren zweiten Weg ein.

Durch die Downsizing- und Outsourcing-Diskussionen ist das zentrale Rechenzentrum ins Rampenlicht gerückt. Der Vormarsch von offenen Systemen scheint unaufhaltsam. Nicht alle DV/Org.-Leiter, die in der blauen Mainframe-Welt großgeworden sind, stehen dieser Entwicklung positiv gegenüber. So werden hinter vorgehaltener Hand Befürchtungen laut, daß jüngere Informatik-Fachleute, die mit Unix und dezentralen Lösungen bereits vertraut sind, die Position des auf proprietäre Host-Systeme geschulten IV-Verantwortlichen gefährden. Hinzu kommt, daß bei einer verteilten Rechnerumgebung viele Entscheidungen, die früher im Rechenzentrum getroffen wurden, auf die dezentralen Standorte verlagert werden, was mancher IT-Manager als Kompetenzverlust wertet. Nicht wenige DV-Leiter im Mainframe-Bereich halten deshalb weiterhin am zentralistischen Gedanken fest.

Der RZ-Profi von EWE hat dagegen bereits vor Jahren entschieden, dem Dezentralisierungstrend zu folgen. Schmidt: "Aufgrund meiner Erfahrungen bei einem großen Fertigungsunternehmen sehe ich den einzigen sinnvollen Weg zu überleben darin, die Flucht nach vorne anzutreten. Mein Ziel ist, als DV-Abteilung soviel anzubieten, daß die Fachabteilungen nicht auf die Idee kommen, sich zu verselbständigen. Wir verstehen uns als Dienstleister im Unternehmen."

Dieser Schritt erfordere jedoch Engagement von seiten der Informationsverarbeiter. Der DV-Leiter verschweigt nicht, daß das Arbeitsvolumen deutlich größer geworden ist, seit er sich für offene Systeme entschieden hat. Ein IBM-Protagonist habe es im Vergleich dazu einfach. Die proprietäre Umgebung bestehe nur aus wenigen Komponenten, die alle über SNA verbunden seien. In einer Welt, wo zwischen verschiedenen Anbietern gewählt werden könne, müsse man dagegen Produkte vergleichen. Diese Aufgabe koste Zeit, weil sie zusätzlich zum normalen Tagesgeschäft anfalle.

Für den Unix-Einsteiger ist es daher nicht verwunderlich, daß IT-Verantwortliche der IBM-Zentral-DV aus Bequemlichkeit die Stange halten. "Das Leben in der Open-Systems-Welt ist härter. Man muß lernen, mit Konfliktsituationen umzugehen", erzählt der Computerprofi. Als Beispiel führt er die pausenlosen Anrufe der DV-Anbieter an, die eine Begründung wollen, warum nicht sie, sondern andere Wettbewerber bei einem Auftrag zum Zug gekommen sind.

Diesem persönlichen Nachteil der Mehrarbeit, den ein DV-Leiter beim Umstieg auf offene Systeme in Kauf nimmt, steht jedoch ein bedeutender Vorteil für das Unternehmen gegenüber. Schmidt: "Durch den Wettbewerb, der im Unix-Markt herrscht, habe ich auch als kleiner Kunde die Möglichkeit, unter dem Listenpreis einzukaufen. Im Mainframe-Bereich, bei der IBM, ist das bei der Größe unserer DV nur in Ausnahmefällen möglich."

Die einzige Alternative, mit der er in der proprietären Welt Geld sparen könne, seien PCM-Produkte. Als Schmidt trotz seiner Unix-Pläne einen neuen Rechner kaufen mußte, weil die Kapazität der IBM-4381-Maschine nicht mehr ausreichte, griff er zu einem kompatiblen Gerät. Der DV-Manager entschied sich für ein EX33-Modell von Hitachi Data Systems (HDS) - was zu Querelen mit den IBM-Verkäufern führte, wie der engagierte DV-Mann betont. Das System wurde inzwischen zur EX44 aufgerüstet und liegt mit seiner Leistung von etwa 22 MIPS zwischen den Modellen 260 und 320 einer IBM ES/9000.

"Wir sind ein Schwellenkunde, der durch die Begrenzungen von VSE immer vor der Wahl stand, auf MVS umzusteigen oder es nicht zu tun", erklärt der Oldenburger. Deswegen hatte er schon seit Beginn seiner Tätigkeit bei der EWE vor, das Unternehmen vom Betriebssystem VSE zu befreien. "Wir wollten nicht ewig mit der Angst leben, daß irgendwann eine Konvertierung in Richtung MVS ins Haus steht", führt er als Begründung an. Im Laufe des ersten Jahres sei er deswegen zu dem Schluß gekommen, daß "man alles tun muß, um in die Unix-Welt hineinzukommen, damit wir zwischen verschiedenen Herstellern und Softwarelieferanten wählen können".

1987 fiel bei der EWE die Entscheidung, den damals noch vorhandenen zentralen 4381-Mainframe und die 138-Maschine, auf der die Anwendungen Materialwirtschaft und Einkaufswesen liefen, durch Unix-Rechner abzulösen. Die COMPUTERWOCHE berichtete über dieses Vorhaben (Nr. 26 vom 29. Juni 1990). Zu dem damaligen Zeitpunkt wollte der DV-Leiter 1992/93 mit der Umstellung beginnen. Wie Schmidt damals berichtete, sollten als erstes die Oracle-Anwendungen "EBIS" und "GBIS" (Elektrisches- beziehungsweise Gas-Betriebsmittel-Informationssystem), die unter der VM-Version des Datenbanksystems entwickelt wurden, auf Unix portiert werden.

Diesen Plan hat der DV-Leiter jedoch bereits heute in die Tat umgesetzt: Die beiden Betriebsmittel-Informationssysteme laufen seit Juli 1991 auf einem HP-Rechner, der über eine Box von Open Connect Systems mit dem Mainframe gekoppelt ist. Der Informatiker hofft, daß sich durch den vorgezogenen Unix-Einstieg bis Mitte der 90er Jahre das Unix-Know-how aufbauen läßt, um ganz auf dezentrale Systeme umzuschwenken. Das strategische Ziel für die Zukunft sei nämlich, von den betriebswirtschaftlichen SAP-R/2-Anwendungen auf R/3 zu wechseln. Auch die 400 Terminals vom Typ 3270, die in den 60 Außenstellen und in der Hauptverwaltung des Energieversorgers neben hundert Apple-Rechnern stehen, sollen bis zur Installation von R/3 durch PCs ersetzt werden.

Als die Dezentralisierungspläne noch in den Kinderschuhen steckten, wurde - wegen der vorhandenen IBM- /38 - auch an die AS/400 gedacht. IBM hatte jedoch mit dem proprietären Midrange-Modell keine Chance. Schmidt gefiel die Produktpolitik nicht, die Big Blue seiner Meinung nach sowohl in der AS/400- als auch in der RS/6000-Welt betreibt. Bei den neueren Modellen dieser beiden Serien biete der Branchenprimus seines Erachtens immer nur soviel an Leistungszuwachs, daß die dort vorhandene Kundenbasis nicht rebelliere. Für MVS- und VSE-Anwender reiche die gebotene Leistung aber meist nicht aus, um den Mainframe abzulösen. Schmidt: "Hier hält Big Blue immer den Deckel darauf."

Im Unix-Bereich existiert Markt - ein für den EWE-Mitarbeiter wichtiges Kriterium. So konnte das Unternehmen, als die Entscheidung anstand, welcher Hersteller den ersten Unix-Rechner liefern sollte, immerhin zwischen IBM, DEC, HP und Siemens wählen. Die Auswahl war deswegen beschränkt, weil R/3 nach dem heutigen Entwicklungsstand nur diese Plattformen unterstützt. Den Auftrag zog schließlich HP an Land. "Hewlett-Packard setzt sich im Unix-Bereich am stärksten ein. Außerdem sind unsere Erfahrungen mit der Maschine gut", begründet Schmidt.

Anders als in der proprietären Welt ist ein Unternehmen im Unix-Markt nicht auf Gedeih und Verderb an einen Hardwarelieferanten gebunden. Auch die Armonker könnten bei der EWE, falls sie sich den Gesetzen des Markts anpaßten, wieder einmal zum Zuge kommen. "Wenn die IBM eine technisch und preislich ähnliche Hardware bietet wie die anderen, gibt es für uns keinen Grund, IBM nicht zu nehmen", argumentiert Schmidt.

Selbst wenn die finanzielle Situation des Herstellers zur Sprache kommt, kann Big Blue bei Schmidt keine Pluspunkte ernten. Der Überlebenskraft eines Lieferanten mißt der DV-Leiter im Hardwaresektor eine immer geringere Bedeutung bei. "Sicher kann es sein, daß ein Unternehmen aufgekauft wird. Aber bei Hardware-Anbietern gehe ich davon aus, daß der Service auch dann weiterläuft, daher ist das für mich nicht tragisch." Anders sieht es dagegen bei einem Software-Anbieter aus. Als man vor einigen Jahren auf der Suche nach einem Datenbanksystem für die VSE-Welt war, betrachtete Schmidt die Finanzkraft des Produktlieferanten als ein Entscheidungskriterium. "Damals haben wir uns auch aus diesem Grund für die VM-Version von Oracle und nicht für Ingres entschieden".

Den Behauptungen von Großrechner-Verfechtern, daß die Rechenleistung der Unix-Maschinen nicht ausreicht, kann Schmidt nicht zustimmen. Schon vor vier Jahren habe sich für ihn abgezeichnet, daß die kleinen Systeme leistungsfähig genug werden würden, um damit kleinere Mainframes abzulösen. "Ein Unternehmen unserer Größenordnung paßt spielend in die Unix-Welt", argumentiert der Open-Systems-Freund. Reicht die Kapazität eines Rechners nicht aus, sei es bei den niedrigeren Hardwarepreisen kein, Problem, die Anwendungen auf mehrere Systeme aufzuteilen.

Neben den im Vergleich zur Mainframe-Welt niedrigeren Hardwarekosten führt Schmidt als weiteren Vorteil für Unix die wesentlich günstigeren Softwarekonditionen an. "Wir zahlen als Einmalgebühr nicht einmal soviel, wie für VSE/VM als monatliche Mietgebühr anfiel. Da weiß man erst, in welchen Relationen sich das bewegt", freut sich Schmidt. Im Vergleich zur VM/VSE-Welt hätten sich ferner die Wartungskosten der Softwareprodukte um zwei Drittel reduziert.

Bei den betriebswirtschaftlichen Anwendungen setzt die Gesellschaft seit drei Jahren auf Standardsoftware von SAP. Auf dem HDS-Mainframe sind derzeit die R/2-Module RF, RK, RA und RM im Einsatz. Auch in der Unix-Welt soll die Strategie, Standardpakete einzusetzen, weitergeführt werden. Wenn 1995/96 die von der SAP angekündigten Werkzeuge auf den Markt kommen, die die Umsetzung der Daten von R/2 auf R/3 ermöglichen sollen, werde vollkommen umgestellt, berichtet Schmidt. Der DV-Leiter verläßt sich hier auf die Aussagen von SAP-Chef Hasso Plattner, der den R/2-Kunden eine Übergangsmöglichkeit zu R/3 verspricht. Nur deswegen habe die EWE noch in das R/2-Modul RM investiert.

Daß damit letztendlich das Softwarehaus die Geschwindigkeit bestimmt, in der umgestellt wird, nimmt Schmidt in Kauf. Dies hängt in erster Linie damit zusammen, daß die EWE AG bis vor kurzem gemeinsam mit 18 anderen Energieversorgern sowie mit Andersen Consulting und SAP eine Entwicklungsgemeinschaft für "Riva" gebildet hat, ein Realtime-Informations- und -Verbrauchsabrechnungs-System für Versorgungsunternehmen. Der finanzielle Beitrag der Anwenderunternehmen betrug damals 20 Millionen Mark. Mittlerweile hat das Walldorfer Softwarehaus die Entwicklung und die Rechte an der Branchenlösung ganz übernommen, die 18 Energieversorger wurden zu Pilotkunden.

Für die Oldenburger Gesellschaft zählt die Verbrauchsabrechnung zur wichtigsten Anwendung. Mit dieser Applikation arbeiten die dezentralen Betriebsstätten, die im gesamten Weser-Ems-Land verteilt sind.

Schmidt geht bewußt die Bindung mit der SAP ein

Deshalb muß sich der DV-Leiter gedulden, bis das R/2-basierte Riva für VSE auf dem Markt ist und er die derzeitige Verkaufsabrechung - eine Eigenentwicklung - ablösen kann.

Das Argument, Standardsoftware beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit, in dem Sinne nämlich, daß sie wie ein Gleichmacher wirke, spielt für Schmidt keine Rolle. Zum einen sei die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Energieversorgern kein Problem, da in dieser Branche noch keine direkte Konkurrenz bestehe. Andererseits könne man durch die individuelle Anpassung der SAP-Module eine eigene Philosophie einbringen, wodurch sich die Unternehmen folglich voneinander abgrenzen könnten was jedoch seiner Meinung nach wegen des zum Teil immensen Adaptionsaufwands erst ab einer bestimmten Betriebsgröße Sinn macht. Bei kleineren Unternehmen, die ihre Organisation der Standardsoftware anpassen müssen, könne es schon sein, daß der Wettbewerbsvorteil verloren geht, schränkt er daher ein.

Dem Verfechter von Standardsoftware ist aber klar, daß sich sein Unternehmen dadurch in eine Abhängigkeit vom Softwarehersteller begeben hat. "Diese Bindung sind wir bei SAP aber bewußt eingegangen, versichert Schmidt. Er begründet dies mit dem Preis. Standardpakete seien wesentlich günstiger als Eigenentwicklungen, wo man für den gleichen finanziellen Aufwand nicht die Funktionsvielfalt erhalte. Besonders im Bedienungskomfort würden die individuellen Lösungen - weil dort oftmals gespart werde - hinter den Standardprodukten zurückstehen, argumentiert der DV-Leiter.

Weniger erfreulich für den Oracle-Anwender ist heute allerdings, daß er sich stärker als gewollt an den Datenbanklieferanten gebunden hat. Die reine Datenbasis von Oracle könne man verhältnismäßig einfach austauschen.

Dies sei nicht das Problem. Vielmehr habe es sich als Nachteil herausgestellt, die Anwendungen mit dem Oracle-spezifischen Entwicklungs-Tool SQL-Forms zu entwickeln, weil der Aufwand mit den bisherigen Versionen 2.0 und 2.3 verhältnismäßig hoch war.

Der Umfang der Datenbankapplikationen beträgt etwa 230 Online-Transaktionen (Forms), die durch ein neues Teilprojekt bald auf 300 Transaktionen anwachsen werden. Für die Auswertungen laufen etwa 180 SQL-Prozeduren. Deshalb ist es ein Problem, ein alternatives Werkzeug einzusetzen, erwähnt Schmidt. "Die neue Version 3.0 von SQL-Forms ist sehr komfortabel geworden. Dennoch ist sie weiterhin eng an das Oracle-Datenbanksystem gekoppelt, so daß ein Austausch der Datenbank zur Zeit nicht möglich ist."

Momentan bestehen zwar keine Pläne, die Datenbank zu wechseln. Dennoch will man dieses Manko beseitigen und sucht nach Alternativen. So sei es mögliche statt der Oracle-Applikationen Standardpakete einzusetzen oder ein unabhängiges Entwicklungs-Tool zu benutzen. Der Aufwand lohnt sich laut Schmidt aber nur, wenn sich die Programme und/oder die Daten maschinell konvertieren lassen. Rückblickend vertritt der DV-Leiter daher die Meinung: "Es wäre besser gewesen, in C mit Embedded SQL zu programmieren."

Ansonsten möchte der "Freund kleiner Systeme", wie sich Schmidt selbst bezeichnet, auf dem Weg in Richtung Unix keinen Schritt zurückgehen. Das Konzept, das er seit 1987 im Kopf hat - "da kann ich flexibler auf Änderungen reagieren" -, ließ sich bis heute realisieren. Erleichternd wirkt sich für den IV-Manager hier aus, daß ihn ein aufgeschlossener Vorstand vollständig unterstützt.

Auch von seiten der 35 Mitarbeiter mußte Schmidt bisher noch nicht mit Problemen kämpfen. Aufgrund der flachen Hierarchie wußten die DV-Fachleute stets über den Projektstand Bescheid, was der IV-Verantwortliche als sehr wichtig erachtet. Außerdem habe er das Glück, daß die VSE-Systemprogrammierer "PC-Freaks" seien und sich auch mit Unix beschäftigten.

Schmidt kann jedoch eine mögliche Angst der Mainframe-Leute vor einem Karrierestop verstehen. Ihm komme hier jedoch die Infrastruktur von Oldenburg entgegen.

Die günstigen Baukosten und das gut ausgebaute Verkehrsnetz tragen seiner Meinung nach einen Teil dazu bei, daß die DV-Mannschaft bei der Stange bleibt.