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06.07.1990 - 

DDR-Techniker besuchen Unix-Seminare in München

Engagement läßt Sprung auf den fahrenden Zug gelingen

DDR-Unternehmen treten die Flucht nach vorne an. Sie schulen ihre Mitarbeiter zu EDV-Themen beim ehemaligen "Klassenfeind", um auf den Weltmärkten mithalten zu können. Susanne Schall* notiert die Eindrücke eines Rostocker Ingenieurs nach dem Besuch von Unix-Seminaren in München.

Effektive und schnelle Mittel zur Datenfernübertragung halten in ostdeutschen Firmen Einzug. Um schnell Anschluß an die westliche Hochtechnologie zu erlangen, kooperieren DDR-Firmen mit bundesdeutschen Unternehmen und ermöglichen ihren Mitarbeitern EDV-Schulungen in der Bundesrepublik.

Seminare als Motivationsschub

Andreas Neumann kommt aus Rostock. Er ist bereits zum achten Mal in München, um an den Unix-Seminaren des EDV-Bürozentrums München teilzunehmen. Der 27jährige Konstrukteur leitet den Aufbau eines Telekommunikationssystems für die "Deutsche Seereederei" in Rostock. Bis vor kurzem kannte er die neuesten Entwicklungen auf dem DV-Markt nur aus zweiter Hand. Sein Wissen über Unix hatte er aus Büchern - Theorie ohne jede Praxis.

Für ihn sind die praxisbezogenen Unix-Kurse des EDV-Bürozentrums München ein "persönlicher Motivationsschub". Dafür nimmt er zwölf Stunden Fahrt mit dem Nachtzug von Rostock nach München in Kauf, verzichtet auf Wochenenden und freie Tage.

Statt aus Angst vor drohenden Firmenschließungen und Arbeitslosigkeit in Lethargie zu verfallen, kooperiert die "Deutsche Seereederei" in Rostock mit der Hamburger Firma T&C. Hardware und Software für das neue Telekommunikationssystem kommen aus der Bundesrepublik, das Know-how aus der DDR.

"Über die Jahre hinweg ist einiges schief gelaufen"

Da die Reederei bisher keine eigenen Unix-Spezialisten hatte, reisen seit März fünf Mitarbeiter zu Schulungen nach München. Im EDV-Bürozentrum München werden sie auf neuesten Rechnern intensiv geschult, um dann den Aufbau des Kommunikationssystems selbst in die Hand zu nehmen. "Die Teilnehmer unserer Seminare reisen aus ganz Deutschland an, natürlich auch aus der DDR", so Ursula Zimmerle, Geschäftsführerin des EDV-Bürozentrums.

Andreas Neumann hat mittlerweile das bisher einzige Kommunikationsmittel der Reederei, nämlich das Telefon, mit schnelleren und effektiveren Medien zur Datenübertragung zu ergänzen. Zu Außenstellen der Reederei und Geschäftspartnern auf der ganzen Welt wird schon demnächst per Telex Kontakt aufgenommen. Die Systemadministration erfolgt auf Unix-Rechnern und kann auf alle Arten der Datenfernübertragung erweitert werden.

"Für die Mitarbeiter des Unternehmens sind die Seminare eine gute Chance, um auf diesem Gebiet schnell Anschluß an den Westen zu finden", so Andreas Neumann. Für ihn sind die Seminare die praxisbezogene Ergänzung zum Studium der Nachrichtentechnik an der Ingenieurhochschule in Ost-Berlin. Mittlerweile steht er seinen westlichen Kollegen an Fachkenntnis und an praktischer Erfahrung in nichts mehr nach. Dazu meint er: "Über die Jahre hinweg ist bei uns einiges schief gelaufen, die Leute waren nicht besonders motiviert. Aber jeder kriegt doch mit, wie der Hase läuft und engagiert sich dann."

Dieses Engagement der Schulungsteilnehmer aus dem Osten ist auch Ursula Zimmerle aufgefallen. "Unsere Seminarteilnehmer aus Rostock haben vor allem Interesse an den Praktika, die fester Bestandteil unserer Seminare sind. Und oft sitzen sie auch noch abends oder am Wochenende am Computer, um den Vorsprung, den ihre Kollegen aus dem Westen haben, wettzumachen."

Am Ende einer Schulungsreihe stehen die ostdeutschen Teilnehmer den westdeutschen in nichts mehr nach. Dazu Neumann: "Die Kurse sind sehr intensiv, bauen systematisch aufeinander auf. Und wenn man etwas mal nicht. sofort versteht, erklären die Dozenten es solange, bis man es wirklich verstanden hat."

Der Rostocker kann sich vorstellen, nach dem Aufbau des Kommunikationssystems für die "Deutsche Seereederei" auch andere Unix-Interessierte in der DDR zu unterrichten. Doch bis er soweit ist, werden zunächst noch viele wißbegierige DV-Spezialisten aus der DDR nach München reisen.