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23.05.1997 - 

Thema der Woche

Englands Programmierer entdecken Deutschland

In den Cafes in Frankfurts Bankenviertel hört man viel Englisch sprechen, war unlängst im englischen Wirtschaftsblatt nachzulesen. Nicht etwa, weil die Briten den Deutschen Nachhilfe geben wollen, wie sich der Finanzplatz Frankfurt attraktiver gestalten ließe. Es geht vielmehr um die Informationstechnik.

Peter Dudgeon hat die Meldung nicht überrascht. Er ist nur ein wenig traurig, daß nun auch andere erkannt haben, wie gut sich mit Computerfachleuten von der Insel arbeiten und verdienen läßt. Dudgeon hat sich mit seiner Personal- und Unternehmensberatung PDC in München unter anderem darauf spezialisiert, englischen und amerikanischen Niederlassungen von Computer- und Telecom-Unternehmen in Deutschland mit Personal "auszuhelfen".

Dabei spielt die Vermittlung von englischsprachigen Mitarbeitern eine überdurchschnittliche Rolle. Er könne den Bericht aus der "Financial Times" nur bestätigen. Noch mehr: Dudgeon ist überzeugt, daß sich diese Entwicklung fortsetzen werde, wobei es unwichtig sei, ob die Briten als Freiberufler oder als Festangestellte aufs europäische Festland kämen.

Die Personalverantwortliche einer Großbank, die nicht genannt werden möchte, erzählt, daß in ihrem Unternehmen englische Freiberufler beschäftigt sind. Man brauche sie, denn das Know-how für Software zum Investment-Banking komme aus dem anglo-amerikanischen Raum. Auch bei der Euro- und Jahr-2000-Umstellung könnten die Briten bereits mehr Projekterfahrung nachweisen, als es hierzulande oft der Fall sei.

Daß Engländer einen Job zwischen Garmisch und Rostock suchen, überrascht Petra Hilbert nicht: "Deutschland ist der attraktivste IT-Markt Europas", begründet sie. Ihr Unternehmen, die HR Consult in Limeshain, vermittle sowohl Freiberufler als auch Festangestellte. Inseriert wird natürlich auch elektronisch, so daß Interessenten aus anderen Ländern von den Angeboten in Deutschland erfahren können.

Allgemein wird das Fach-Know-how der Engländer positiv beurteilt. "Das ist seit Jahren so", erzählt der Münchner Headhunter Wolfgang Tautz. Bereits in den 70er Jahren holte er Unix-Systemspezialisten von der Insel, als es hier kaum solche Experten mit Projekterfahrung gab.

"Beim Thema Client-Server und PC-Netze sind die Engländer topfit", schwärmt Armin Sperman, Geschäftsführer der IPS UK Ltd. in Hamburg. Seine Beratungsgesellschaft ist sowohl auf der Insel als auch in Deutschland aktiv. Hier hat der Hamburger Manager rund 20 Briten in Projekte vermittelt. Sperman lobt den großen Praxisbezug der Briten. Da die Projekte auf der Insel in der Regel nur drei bis sechs Monate dauern, haben die britischen Selbständigen die Möglichkeit, bei sehr unterschiedlichen Aufgaben eine Menge Erfahrung zu sammeln.

Ein weiterer Vorteil: Da viel IT-Spitzentechnologie aus den USA kommt, ist diese - auch wegen der fehlenden sprachlichen Barriere - in England zuerst erhältlich. Dadurch können sich dortige Spezialisten früher als ihre Kollegen im sonstigen Europa in neue Gebiete einarbeiten. Durch das Internet sei dieser Vorsprung allerdings weggeschmolzen, behaupten deutsche Berater.

Geschätzt sind auch britische Experten aus dem Telekommunikationsumfeld, meint Dudgeon. Da die Engländer schon seit einigen Jahren in einem liberalisierten TK-Markt agierten, hätten sie auch hier einen Vorsprung und seien entsprechend begehrt.

Ein weiterer Pluspunkt, der immer wieder genannt und mit der zunehmenden Internationalisierung des Geschäfts wichtig wird, sind die kürzeren Ausbildungszeiten im Königreich. Während hierzulande die Studenten im Schnitt mit Ende 20 die Alma Mater verlassen, können ihre Kollegen aus Großbritannien mit Mitte 20 Praxiserfahrung in unterschiedlichen Projekten - unter Umständen sogar in mehreren Ländern - nachweisen. Für Engländer sei es nichts Ungewöhnliches, in den ersten Jahren nach dem Verlassen der Hochschule zunächst rund um den Erdball zu ziehen. "Es gibt einige, die auf der halben Weltkugel gearbeitet haben", so Sperman.

Und genau das sei eines der Hauptprobleme der Deutschen - daß sie sehr immobil geworden sind, hat Berater Dudgeon beobachtet. So sucht er für einen Telecom-Anbieter, der im Ruhrgebiet aktiv ist, englische Spezialisten: "Nach Duisburg will kein Deutscher ziehen."

Tim Legg, Geschäftsführer von Eurosoft, meint indes, man solle die Entwicklung nicht überbewerten. Die deutschen Freiberufler seien ebenfalls sehr gut qualifiziert. Als Beleg führt er die Entwicklung in seinem Unternehmen an. Der Frankfurter IT-Dienstleister ist europaweit tätig. In Deutschland beschäftigt Legg 200 Mitarbeiter, davon 65 Prozent auf freiberuflicher Basis. Früher kamen 90 Prozent der Beschäftigten aus England, heute sei ihr Anteil auf etwa 60 Prozent zurückgegangen.

Angela Karbeck von der Frankfurter DG-Bank-Zentrale äußerte sich eher zurückhaltend, was den Einsatz von IT-Freiberuflern im allgemeinen und von englischen im besonderen angeht. Nach ihren Informationen arbeitet die hauseigene IT-Abteilung mit externen Beratungsgesellschaften zusammen, die dann ihrerseits - je nach Bedarf - ihre Reihen mit Selbständigen auffüllen.

So ähnlich lautete auch die Auskunft der Commerzbank. Wobei Personal-Manager Harald Stender aus der Frankfurter Konzernzentrale darauf hinweist, daß man europaweit rekrutiere und weniger auf den Paß, als vielmehr auf die Qualifikation schaue. Noch ganz deutsch geht es wohl bei den Versicherungen zu. Bei der DEVK in Köln hatte man noch nichts von englischen Programmierern gehört, und auch andernorts war zu erfahren, daß das Versicherungsgeschäft noch immer national geprägt sei.

Die große Veränderung sieht Legg eher darin, daß sich die Freiberuflertätigkeit endlich auch in Deutschland durchzusetzen beginnt. "In England arbeiten rund 60000 IT-Selbständige, in Deutschland sind es vielleicht um die 20000", schätzt der Frankfurter IT-Chef. Er glaubt, daß sich diese Zahl innerhalb kürzester Zeit verdoppelt hat und schnell weiter steigen wird. Das sah noch vor wenigen Jahren anders aus, erinnert sich Legg, der seit sieben Jahren in dieser Branche tätig ist.

Die Deutschen seien lange Zeit gegenüber der beruflichen Selbständigkeit sehr zurückhaltend gewesen. Zudem hätten viele Programmierer das Vorurteil bestätigt, in Latzhosen und Birkenstockschuhen herumzulaufen. Der englische Programmierer dagegen, erinnert sich Legg, habe sich immer als Businessman verstanden, "für den es selbstverständlich war, mit Schlips zu arbeiten". Der Brite erklärt das damit, daß viele seiner Landsleute keine Informatik studiert haben, sondern Betriebswirtschaft oder ein sonstiges Fach und daher eher den Bezug zur Anwendung herstellen können.

Wichtiges Motiv, in Deutschland zu arbeiten, sei das Geld, behauptet Berater Dudgeon: "Die verdienen hier zehn bis zum Teil 30 Prozent mehr als zu Hause." Die "Financial Times" spricht von einem Wochenhonorar von etwa 5000 bis 5500 Mark, Zahlen die hiesige Berater als realistisch werten. Legg dagegen meint, daß die Unterschiede kaum nennenswert seien. Zwar würden Selbständige in Deutschland stärker besteuert, dafür seien aber auch die Abschreibungsmöglichkeiten besser.

Früher verdienten englische Freiberufler in Deutschland wesentlich weniger als die einheimischen Kollegen. "Der Unterschied betrug bis zu 50 Prozent", erinnert sich Günther Löffler vom Münchner Beratungsunternehmen Newplan. Mittlerweile schrumpfe er auf etwa zehn Prozent zusammen. Natürlich sei für die Spezialisten von der Insel das ganze Umfeld attraktiv. Die beiden Engländer Legg und Dudgeon nennen mit britischem Humor ein paar Gründe, aus denen es sich lohnt zu bleiben: pünktliche U-Bahnen, Skifahren in den Alpen, Oktoberfest. Viele Freiberufler bemühten sich um Folgeaufträge.

Personalexpertin Hilbert glaubt, daß die englischen Selbständigen in Deutschland Kollegen aus anderen Ländern bekommen werden. Ihre Firma arbeite bereits mit Programmierern aus Osteuropa zusammen, vor allem aus Polen und Rußland: "Die sind sehr gut ausgebildet und viel billiger."

Daß umgekehrt viele deutsche Freiberufler in England arbeiten werden, halten die Befragten für unwahrscheinlich. Es gebe zwar durchaus Interessenten, die dort gerne ihre Sprachkenntnisse verbessern würden. Allerdings sei die Bezahlung bei vergleichbar hohen Lebenshaltungskosten schlechter als hier, so daß es die Deutschen dann doch nicht über den Kanal ziehe.