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15.06.1990 - 

Studie untersucht Anforderungen an zukünftige Wirtschaftsinformatiker

Entscheidend sind Praxisnähe und konzeptionelles Rüstzeug

Welches sind die Anforderungen der Softwarehersteller an Absolventen eines Wirtschaftsinformatik-Studienganges? Dieser Frage ist Heinz-Dieter Knoell* in einer Untersuchung an der FH Nordostniedersachsen in Lüneburg nachgegangen. Als Ergebnis der Studie kann festgehalten werden, daß die Softwarehäuser von ihren zukünftigen Mitarbeitern mit einem Abschluß als Wirtschaftsinformatiker (WI) in erster Linie EDV-Kenntnisse erwarten.

Im Zuge der europäischen Integration wird es in der Bundesrepublik Deutschland zu einem zunehmenden Wettbewerb der Arbeitskräfte kommen. Die deutschen Hochschulen sind gut beraten, wenn sie sich rechtzeitig auf diesen Wettbewerb einstellen. Besonders auf dem Markt für EDV-Fachkräfte mit seinem hohen Einkommensniveau wird es zu einer Konkurrenzsituation mit gut ausgebildeten Absolventen europäischer Hochschulen kommen, die bei vergleichbarem Hochschulabschluß um mehrere Jahre jünger und zudem niedrigere Einkommen in ihren Heimatländern gewohnt sind.

Kriterien einer guten Ausbildung

Diese stärkere Konkurrenz wird aber auch die Softwarehersteller treffen, die sich dann in einem größeren Markt durch Qualität und Preiswürdigkeit ihrer Produkte behaupten müssen. Gut ausgebildete Mitarbeiter mit hoher Produktivität und hohem Qualitätsbewußtsein sind hierfür eine Voraussetzung. Was aber kennzeichnet eine gute Ausbildung?

Aussagen von vielen Praktikern lassen Zweifel daran aufkommen, daß die Ausbildung von Informatikern an deutschen Hochschulen den Bedürfnissen der Praxis entspricht. Generell betonten alle Geschäftspartner aus Wirtschaftsunternehmen, daß sie bei einer Einstellung einen Wirtschaftsinformatiker stets einem (Kern-)Informatiker vorziehen würden. Aber auch Kritik äußerten sie an der Wirtschaftsinformatik-Ausbildung deutscher Hochschulen. Diese Kritik betraf zwei Bereiche:

1. Die Wirtschaftsinformatiker verfügten kaum über betriebswirtschaftliche Kenntnisse und machten sich zuwenig Vorstellungen von den Problemen der Betriebe in der Praxis.

2. Die Wirtschaftsinformatiker hätten zu dürftige Programmierkenntnisse, insbesondere in Cobol, und unzureichende Vorstellungen, wie die Implementierung von Anwendungssystemen in einer DB/DC-Umgebung erfolgt.

Die Frage, ob die Ausbildung an der Fachhochschule Nordostniedersachsen den Bedürfnissen der Praxis entspricht, veranlaßte mich, eine empirische Untersuchung im Rahmen einer Diplomarbeit bei Softwareherstellern durchführen zu lassen. In dieser Untersuchung sollten die Vorgehensweisen und Methoden zur Software-Erstellung sowie einige konkrete Anforderungen an Absolventen eines Wirtschaftsinformatik-Studiengangs erfragt werden. Ausgangspunkt war, daß von den verwendeten Methoden und Vorgehensweisen Rückschlüsse auf die notwendigen Ausbildungsinhalte möglich sind.

Da die Merkmale der Unternehmen, die uns geantwortet haben, mit denen der GMD-Studie des deutschen Softwaremarktes übereinstimmen, kann somit von einer Repräsentativität unserer Stichprobe ausgegangen werden. Auffällig bei den antwortenden Unternehmen war die Überzahl von kleinen und jungen Unternehmen. Diese produzieren hauptsächlich kommerzielle Anwendungssoftware, also Software, für deren Herstellung sowohl wirtschaftliches Hintergrundwissen als auch EDV-Kenntnisse notwendig sind. Somit dürften diese Unternehmen potentielle Arbeitgeber für Wirtschaftsinformatiker sein.

Was Unternehmen von der Ausbildung erwarten

Wir sind bei der Auswertung der Studie davon ausgegangen, daß die Gebiete, in denen die Mitarbeiter der Software-Unternehmen am häufigsten geschult werden, die Defizite aufzeigen, die am gravierendsten sind. Es sind dies überwiegend Defizite im Bereich der Rechner- und Betriebssysteme, der Programmiersprachen (Cobol und C) und der Programmiertechnik. Die formalen Entwurfsmethoden spielen nur bei 36 Prozent der Unternehmen eine wichtige Rolle. Die hier gemachten Aussagen stimmen fast vollständig mit den Ergebnissen überein, die das Control Data Institut aus der Analyse von Stellenanzeigen mit EDV-Bezug ermittelt hat.

Bei einer Umfrage, die EDV-Großanwender als Zielgruppe hatte, wurden die geforderten Studieninhalte und der von der Praxis geforderte Aufbau des WI-Studiums erfragt. Das Ergebnis dieser Studie zeigt die Grafik in der ersten Zeile. In dieser Grafik ist der geforderte Anteil von einzelnen Fächergruppen dargestellt. Wirtschaftsinformatik und Informatik (WI/Inf.) sollten demnach ungefähr die Hälfte des Studiums ausmachen, gefolgt von Wirtschaftswissenschaften (WiWi) mit zirka 30 Prozent. Der Anteil der quantitativen Methoden (Quant. Meth.), gemeint sind Mathematik und Statistik, sollte ebenso wie sonstige Fächer (Sonst.) jeweils zirka zehn Prozent ausmachen.

Da mittlerweile der größte Teil der Informatiker (Systemanalytiker, Organisationsprogrammierer und Systemprogrammierer) in der Wirtschaft zur Erstellung und Pflege von kaufmännisch-administrativen DV-Systemen eingesetzt wird, haben die bundesdeutschen Hochschulen zum Ende der siebziger Jahre darauf mit der Einführung von Studiengängen der Wirtschaftsinformatik reagiert.

Diese Studiengänge sind von ihrem Aufbau und Inhalt her sehr verschieden. Häufig wird

WI nur als einer von mehreren Schwerpunkten im Hauptstudium der Betriebswirtschaftslehre angeboten. Die eigentlichen Wirtschaftsinformatik-Studiengänge, die mit dem WI-Diplom abgeschlossen werden, haben je nach Hochschule verschiedene Entstehungsgeschichten und damit unterschiedliche Studieninhalte. Hierzu gibt es drei Konzepte:

- Die Wirtschaftsinformatik ist aus der Kerninformatik hervorgegangen, wobei wirtschaftswissenschaftliche Lehrfächer zum Teil die Kerninformatikfächer ersetzen (zum Beispiel an der TH Darmstadt).

- Die Wirtschaftsinformatik ist aus der Betriebswirtschaftslehre hervorgegangen, wobei nach einem gemeinsamen Grundstudium im Hauptstudium die Informatik-Ausbildung stattfindet (zum Beispiel an der FH Lüneburg).

- Informatik-Lehrfächer und Betriebswirtschaftslehre werden nach vorhandenen Kapazitäten zum Studiengang Wirtschaftsinformatik zusammengestellt (zum Beispiel an der TU Braunschweig).

Fazit für Hochschulen und Softwarehersteller

Einen guten Überblick über einige Studiengänge in Wirtschaftsinformatik gibt die obenstehende Grafik, die aus Literaturdaten zusammengestellt ist. Um die Studiengänge vergleichbar zu machen, wurden hier - wie in der Studie über die Anforderungen an den Aufbau des Studiums aus Sicht der Praktiker - die Fächer zu Fächergruppen zusammengefaßt. Es zeigt sich, daß bereits einige Hochschulen diesen Anforderungen gerecht werden.

Bei allen oben angeführten Konzepten stellt sich die Frage nach der praktischen Verwertbarkeit des im Studium angeeigneten Wissens und der dort gelehrten Methoden. Als Ergebnis der Studien kann festgehalten werden, daß die Software-Unternehmen hauptsächlich Interesse an Mitarbeitern mit soliden EDV-Kenntnissen, mit Cobol oder C und IBM-Betriebssystemen haben, da nach wie vor die Position des Organisationsprogrammierers für die meisten Wirtschaftsinformatiker die Einstiegsposition ist. Auch wenn viele Hochschullehrer der Meinung sind, daß ihre Absolventen für eine solche Position zu schade seien, ist festzuhalten, daß 28 Prozent aller gesuchten Mitarbeiter in den EDV-Kernberufen als Programmierer oder Organisationsprogrammierer arbeiten. 26 Prozent der gesuchten Mitarbeiter sollen EDV-Organisatoren, Systemanalytiker, Softwareentwickler oder ähnliches sein. 18 Prozent werden als Vertriebsbeauftragte gesucht, alles Tätigkeiten also, in denen die geforderten Kenntnisse und Fertigkeiten im Programmieren und Umgehen mit Datenbank- und Datenkommunikationssystemen notwendige Voraussetzung sind.

Auf der anderen Seite wird deutlich, daß die meisten wissenschaftlich fundierten Methoden der Software-Entwicklung sich in der Praxis nur völlig unzureichend durchgesetzt haben. Dies kann eine der Ursachen dafür sein, daß die Softwarehersteller soviel Wert auf die Programmierfertigkeiten legen und die Methoden des systematischen Entwickelns von Software sowenig gefragt sind. Das Software-Engineering konnte sich in der Praxis bis jetzt weniger etablieren als an den Hochschulen angenommen wird. Die Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß in den Unternehmen, die Software herstellen, offenbar der tägliche Termindruck dazu führt, daß neue Methoden und Verfahren abgelehnt werden, damit sie den täglichen Arbeitsablauf nicht stören.

Die Hochschulen stehen angesichts dieser Situation vor der Aufgabe, einerseits ihren Absolventen gute Chancen zum Berufsstart zu eröffnen, indem die von der Praxis geforderten Kenntnisse intensiv vermittelt werden, andererseits ihre Absolventen mit dem konzeptionellen Rüstzeug für die Zukunft auszustatten, um auf diesem Wege das Wissen und die Fertigkeiten in die Unternehmen zu transportieren. Lediglich so kann die Konkurrenzfähigkeit auf dem europäischen Markt gesichert werden. Nur solche Mitarbeiter, die sich schnell in das Unternehmen integrieren und die den technologischen Wandel rasch praktizieren können, sind für die Unternehmen dauerhaft von Nutzen.