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03.11.2000 - 

"Softwerker" in St. Petersburg - verlängerte Werkbank des Westens? (Teil 4)

Entscheidung zwischen dem russischen und indischen Weg

ST. PETERSBURG - Der Mangel an IT-Experten in Deutschland rückt immer mehr Alternativen zur vielzitierten "Green Card" in den Mittelpunkt. Vor allem in Mittel- und Osteuropa bieten sich für IT-Firmen bisher nur zaghaft genutzte Kooperationsmöglichkeiten zur Softwareentwicklung an. Anknüpfend an die einst von Zar Peter I. begründete Rolle als Vermittler zwischen Russland und den westeuropäischen Staaten will die alte Zarenmetropole St. Petersburg hier eine Vorreiterrolle übernehmen. Alexander Egorov und Matthias Weber* haben vor Ort recherchiert.

IT-Unternehmen in St. Petersburg verfolgen im Einzelnen sehr unterschiedliche Strategien zur Entwicklung und Festigung ihrer Marktposition und bieten dadurch ein breites Spektrum an Kooperationsmöglichkeiten. Viele Firmen betreiben schwerpunktmäßig komplette Produktentwicklung für westliche Kunden; einige sind aber inzwischen auch mit eigenen Softwarelösungen auf westlichen Märkten präsent, haben zum Teil bereits auch im deutschsprachigen Raum Vertriebsgesellschaften gegründet.

Immer mehr dieser Companies stehen deshalb stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Eindringen in die westlichen Märkte mit Offshore-Programming auf breiter Grundlage - in St. Petersburg gilt das als der "Indische Weg". Oder mit Lösungen auf der Basis eigener Produkte? Was ein extrem schwieriges, aber unter Umständen machbares Unterfangen ist. Gegenwärtig nehmen, wie gerade angedeutet, viele der russischen Softwarehäuser beide Optionen gleichzeitig in Angriff, so lange der Erfolg eines eigenen "russischen Weges" nicht gesichert scheint. Was die Russen jedoch in ihrer überwiegenden Mehrheit ablehnen, ist die dauerhafte Rolle eines "Billigproduzenten", denn hier würde man sich zunehmend mit der asiatischen Konkurrenz ins Gehege kommen.

Es gibt noch einen weiteren Umstand, der die Situation für russische IT-Industrie nicht einfacher macht: die geringe Binnennachfrage. Eigentlich ein Paradoxum, denn westliche Standardsoftware hat in Rußland bisher noch keinen nennenswerten Durchbruch erzielt. Vor allem deshalb, weil die russische Steuergesetzgebung so komplex und undurchsichtig gehalten ist, dass sich viele Regelungen widersprechen. Hinzu kommen häufige Änderungen der Gesetzgebung. Diese "Marktabschottung" könnte einheimischen IT-Firmen eigentlich eine Sonderkonjunktur bescheren. Doch die Realität ergibt ein anderes Bild: Das Ausbleiben staatlicher Aufträge und/oder zahlungsunfähiger Kunden.

Zum Schluß noch einmal kurz zur aktuellen "Performance" der St. Petersburger Softwarebranche. Die monatlichen Preise für Offshore-Programmierung schwanken dort zwischen 2000 und 3500 Dollar für einen qualifizierten Programmierer. Allerdings geht der Trend inzwischen bei den besonders leistungsfähigen Firmen mit QM-Zertifikat in Richtung 4000 Dollar. Allerdings muss man auch wissen, dass das diesbezügliche Gehaltsniveau für Entwickler in St. Petersburg 1999 bei etwa 600 bis 700 Dollar und damit etwa 30 bis 40 Prozent unter dem Moskauer Niveau lag.

Was bleibt als Fazit? Die Softwarebranche in St. Petersburg hat sich inzwischen so weit gefestigt, dass sie bereits eigene Interessenvertretungen zur Kooperationsanbahnung auf internationaler Ebene gründet. Hervorzuheben ist hier in erster Linie das Konsortium Fort-Ross, dessen Ziel es ist, ein gemeinsames Problembewusstsein für potenzielle Auftraggeber und Auftragnehmer zu fördern. Gleichzeitig dient es als "Binnen-Forum" zum Meinungsaustausch der einschlägigen russischen Firmen. "Visibility und Credibility" bringen Insider das Motto dieser Initiative auf den Punkt. Fort-Ross kann deshalb natürlich auch deutschen Interessenten als "Einstiegsplattform" dienen.

Was andererseits niemanden hindern soll, direkt mit einschlägigen Firmen Kontakt aufzunehmen. Der in unserer Serie mehrmals zu Wort gekommene "Informatik-Papst" Alexander Bogdanov gibt sich jedenfalls, was die Zukunft deutsch-russischer Software-Kooperationen angeht, zuversichtlich. Gespräche mit Managern bedeutender IT-Companies hätten ihm gezeigt, dass man dort allmählich begreift, dass man "alleine nicht mehr klarkommt".

*Alexander Egorov ist Gründer und CEO des in St. Petersburg ansässigen Softwarehauses Reksoft.Mathias Weber ist Mitarbeiter des IuK-Dachverbandes Bitkom e.V.

ST. PETERSBURG IN VIER TEILENDie COMPUTERWOCHE versteht sich bekanntlich nicht nur als Informationsmedium und Nachrichtenorgan, sondern auch als Kommunikations-Plattform der IT-Branche. Mit den in den jüngsten vier Ausgaben erschienen Berichten zur Softwareszene in St. Petersburg ("Geschäfte noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit", CW 41/2000; "Die Informatik-Forschung erreicht allmählich das Westniveau", CW 42/2000; "Angelsächsische Länder haben längst Brückenköpfe an der Newa", CW 43/2000) haben wir uns als neutrale Mittler zur Geschäftsanbahnung zwischen deutschen und russischen IT-Firmen versucht. Es muss ja hierzulande angesichts des sehr angespannten IT-Arbeitsmarktes vielleicht nicht immer das leidige Thema "Green Card" strapaziert oder ein neidischer Blick in Richtung Silicon Valley geworfen werden. Für weitere Informationen stehen Ihnen, verehrte Leser, die beiden Autoren (www.egorov@reksoft.com beziehungsweise www.m.weber@bitkom.org.) gerne zur Verfügung. gh