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03.04.1992

Entwicklungskompetenz beim künftigen PPS-Einsatz nötig

Fertigungsleitsysteme als das "S" der PPS-Systeme und die unternehmensspezifische Implementierung von Standard-PPS-Modellen statt von Standard-PPS-Software sind zwei wesentliche Zukunftsaspekte der PPS-Systeme.Im Einklang mit der Refa-Definition hier die Positionierung der PPS-Funktionen.

Inhalt und Aufgabenstellung der Produktionsplanung und -steuerung (PPS) und damit der PPS-Systeme lassen sich am besten aus den im deutschen Sprachraum weit verbreiteten Definitionen nach Refa 1 ableiten1):

Die Produktionsorganisation umfaßt für die Bereiche Entwicklung, Beschaffung, Fertigung und Qualitätswesen die Ziel-, Ablauf und Mittelplanung die Makrogestaltung der Arbeitssysteme, die Steuerung der Aufgabendurchführung und die dazu erforderliche Datenermittlung.

Für die Teilefertigung umfaßt sie die Montage und den innerbetrieblichen Transport, die Datenermittlung und Gestaltung der Arbeitssysteme (Arbeitsstudium, die Kapazitäts-, Material-, Informations- und Ablaufplanung (Fertigungsplanung) sowie das Veranlassen, Überwachen und Sichern der Programm- und Auftragsdurchführung (Fertigungssteuerung).

Die Ziele der Fertigungsorganisation sind Wirtschaftlichkeit bei menschengerechten Arbeitsbedingungen.

Planen ist das systematische Suchen und Festlegen von Zielen, Aufgaben und Mitteln zum Erreichen der Ziele.

Steuern ist das Veranlassen, Überwachen und Sichern der Aufgabendurchführung hinsichtlich Menge, Termin, Qualität, Kosten und Arbeitsbedingungen.

Die Rolle von PPS-Systemen in der heutigen weitverbreiteten Praxis läßt sich in den folgenden Kernaussagen charakterisieren:

- Die mit der Einführung der PPS-Systeme erreichten Ergebnisse führten im wesentlichen zu einer Rationalisierung auch schon zuvor praktizierter arbeitsteiliger Planungsprozesse mit zusätzlichen und übersichtlicheren Darstellungen zur Verbesserung der Dispositionsqualität.

- Der Schwerpunkt der Planungsunterstützung liegt im mittelfristig dispositiven Bereich der Material- und Zeitwirtschaft, sie vernachlässigt Verfahren zur Grobplanung und aktiven Steuerung.

Die Funktionalität der Steuerung ist in den PPS-Systemen vernachlässigt.

- Die Erarbeitung, Erfassung und Wartung der umfangreichen Stammdaten ist eine Quelle für Frustrationen und Verzögerungen bei der Einführung von PPS-Systemen.

- Zum Teil unbefriedigende unternehmensspezifische Funktionalität sowie mangelnde Anpassungsfähigkeit der Softwaresysteme führen zu komplizierter und trickreicher Handhabung und dadurch zur Abhängigkeit von Spezialisten sowie mangelnder breiter Akzeptanz.

- Der konzeptionelle Ursprung der heute eingesetzten PPS-Systeme liegt oft in der Materialbuchhaltung und den daran geknüpften Zusatzfunktionen für den Serienfertiger. Auf die massive Marktorientierung der 80er Jahre und deren Auswirkung auf die Funktionen der PPS-Systeme wurde mit konzeptioneller Nacharbeit statt mit gezielter Neukonzeption reagiert.

Diese Kritik an Konzeption und Praxis der heute in Betrieb befindlichen PPS-Systeme soll nicht das Verdienst dieser Systeme schmälern, eine Basis der DV-Unterstützung für die Produktionsplanung und -steuerung im Sinne einer evolutionären Entwicklung gelegt zu haben.

Nach dieser eher funktionalen Betrachtung der heutigen Praxis soll nun die Bedeutung der DV in einigen Kernaussagen beleuchtet beziehungsweise durch die Betrachtung der Rolle der Organisationsentwicklung zurechtgerückt werden:

- Der Schwerpunkt auf den Entwicklungs- und Einführungsproblemen mit den operativen Funktionen und das Fehlen der entsprechenden SW-Tools führte zur mangelnden Nutzung der vorhandenen Daten für Analyse- und Decision-Support-Systeme.

- Die richtigen DV-Technologien sind notwendig und bilden einen großen Teil der Investition. Diese hohen Investitionen bleiben aber ohne Organisationsentwicklung weitgehend wirkungslos.

- Anforderungsgerechte Standardsoftware ist einer Eigenentwicklung vorzuziehen. Dabei zeigt die Erfahrung, daß es wichtig ist, Standardsoftware für PPS-Systeme änderbar und ergänzbar zu halten.

PPS-Systeme müssen sich an optimale Geschäftsprozesse anpassen lassen.

Der kritische Erfolgsfaktor bei der Einführung und Nutzung von PPS-Systemen ist aber die Organisationsentwicklung. Die tayloristische, abteilungsweise Optimierung tritt gegenüber der Optimierung von Geschäftsprozessen zurück. Die Bedeutung der Hierarchien wird geringer - ein Prozeß, der durch die Vernetzung noch gefördert wird. Dies erfordert eine vor allem für größere Unternehmen oft neue Form der unbürokratischen und doch geordneten Zusammenarbeit und damit eine Änderung der gelebten Unternehmenskultur.

Im nebenstehenden Kasten ist diese aus der Erfahrung abgeleitete These untermauert.

In Anbetracht dieser Erfahrungen wird im folgenden auf zwei Aspekte besonders eingegangen. Sie scheinen für die absehbare Zukunft - ein Zeitraum von zirka fünf Jahren - besonders wichtig.

Fertigungsleitsysteme: Das "S" der Zukunft

Wie im Bild auf Seite 43 dargestellt, läßt sich das Feld der PPS-Funktionen in Einklang mit den in der Einleitung zitierten Refa-Definitionen - in die Produktionsplanungsebene ("P"), und die Steuerungsebenen ("S"), nämlich die Fertigungsleitebene und die Prozeßleitebene, gliedern.

Speziell die Fertigungsleitebene, die mehr ist als ein an das PPS-System gekoppeltes BDE-System oder ein angeschlossener Fertigungsleitstand, ist das fehlende informationstechnische Verbindungsglied zwischen der Planung und der Ausführung, das es in den nächsten Jahren in zahlreichen Unternehmen zu finden gilt.

Fertigungleitsysteme schließen die informationstechnische Lücke zwischen Planung und Ausführung.

Ein Fertigungsleitsystem fungiert - einfach ausgedrückt - als Werkzeug zur Fertigungssteuerung. Daß dieses Aufgabengebiet auch objektiv betrachtet einerseits ein Problemfeld und andererseits ein Innovationspotential darstellt, hat auch eine unter Leitung des Autors in Österreich durchgeführte empirische Untersuchung gezeigt.

Als wesentlichste Gestaltungsleitlinien bei der Konzeption und Implementierung von Fertigungsleitsystemen und deren Integration zur Planungsebene und Prozeßleitebene sollten gelten:

- Die einzelnen Regelkreise und ihre Rückkoppelungen sollten so gestaltet sein, daß die Zielsetzungen der Regelungstechnik, nämlich ein gutes Nachführverhalten gegenüber den Führungsgrößen,

- Unempfindlichkeit gegen Störungen und

- Unempfindlichkeit gegenüber Parameteränderungen der Regelstrecke möglichst erfüllt werden.

- Ergänzend zu den ereignisgebundenen Führungs-, Meß- und Regelgrößen dieser Regelkreise, zum Beispiel Aufträge, Arbeitsgänge und Fertigmeldungen, müssen prozeßhafte Größen zum Beispiel Pufferverbrauch, Durchlaufzeit, Arbeitsvorrat, Kennzahlen zur Termineinhaltung etc., definiert werden.

- Diese Strukturen sollen ein Maximum an Lernfähigkeit und Flexibilität in den Fertigungsleitsystemen implementieren, so daß auf die immer häufiger und stärker werdenden Änderungen seitens der Produktinnovation und der allgemeinen wirtschaftlichen Umwelt rasch und richtig reagiert wird.

In der Abbildung auf Seite 46 ist das Prozeßmodell eines Fertigungsleitsystems nach der Methode der strukturierten Analyse weitgehend selbsterklärend dargestellt. Die überbetriebliche Steuerung koordiniert dabei im Hintergrund die Datenflüsse von und zur Produktionsplanung sowie zu den dezentral organisierten betrieblichen Leitständen. Mit interaktiven Funktionen überwacht sie das betriebliche Geschehen und moderiert Konflikte zwischen den einzelnen Betrieben.

Diese grundsätzlich eher dezentrale, aber auf hohe Integrationserfordernisse ausgerichtete Struktur der Fertigungsleitsysteme wird eigentlich erst durch die neueren Entwicklungen auf dem Gebiet der Informationstechnik anforderungsgerecht ermöglicht.

Gerade in den letzten Jahren sind viele Technologien zur Reife und Methoden zur Anwendung gelangt, die bessere Ansätze erlauben als die zum Beispiel noch vor drei Jahren verfügbaren Technologien. Diese Methoden und Technologien werden in der Folge kurz beschrieben.

Wegen des wachsenden Umfangs und der zunehmenden Komplexität der informationstechnischen Systeme ist es für ihre Implementation notwendig, logische Konstrukte beziehungsweise Architekturen zu verwenden, um die Schnittstellen und die Integration aller Teilsysteme zu beherrschen (siehe Kasten ).

Bewährte und neue Systemenalysemethoden

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche neue Methoden der Systemanalyse für die verschiedenen Aspekte der oben dargestellten Informationssystem-Architektur den Weg in die industrielle Praxis gefunden: Es gibt heute bewährte Methoden zur Erarbeitung einer strategischen Informationssystem-Studie, die ausgehend von den Unternehmenszielen und den kritischen Erfolgsfaktoren, die erarbeiteten Anforderungen zu den bestehenden Systemen in Beziehung setzen und so eine IS-Strategie und ein Informationsmodell des Unternehmens erstellen.

Diese Ergebnisse dienen in der Folge zur Identifikation und Priorisierung notwendiger IS-Projekte.

Die Daten-, Prozeß- und Organisationsmodellierung - der Vorgang zur Beschreibung und Erfassung der fachlichen Spezifikation - ist der Schwerpunkt der konzeptionellen Arbeit in den einzelnen Projekten. Die Umsetzung in die Ausführungsebene verändert die fachliche Logik nicht mehr. Die Sprache der vierten Generation (4GL), Enabler-Konzepte und Anwendungsgeneratoren erleichtern die Umsetzung in funktionsfähige Systeme.

Die Frage lautet daher - gemäß einer Formulierung von August-Wilhelm Scheer: "Wie können Anwendungssysteme so modelliert werden, daß sie einerseits für die fachliche Ebene verständlich und einfach zu handhaben sind, andererseits aber bereits so hinreichend formalisiert sind, daß sie sich für den Einsatz mächtiger generativer Entwicklungswerkzeuge eigenen?"

Auf Basis solcher Modelle lassen sich notwendige Änderungen im Unternehmen oder in der Umwelt des Unternehmens bereits auf konzeptioneller Ebene sehr gut gedanklich simulieren.

Auch bei der Detailkonzeption und Implementierung von Systemen kommen zunehmend neue Methoden zum Einsatz.

Architekturen von Informationssystemen

Dabei ist vor allem der objektorientierte Systementwurf zu nennen. Er folgt dem Grundgedanken, daß zu definierten Informationsobjekten, etwa einem Fertigungsauftrag, Methoden existieren, zum Beispiel das Anlegen, Ändern und Terminieren eines Fertigungsauftrages. Diese Methoden sind in Form von Modulen logisch sehr eng mit dem Informationsobjekt verknüpft und bilden für andere Funktionen den einzigen Zugang zum Informationsobjekt beziehungsweise die einzig gültige Interpretation des Informationsobjektes.

Die Kommunikation der Module untereinander wird nach den Regeln der größtmöglichen Entkoppelung gestaltet, während für das jeweilige Modul die größtmögliche innere Modulbindung gilt.

Methoden in CASE-Tools DV-unterstützt einsetzbar

Die oben beschriebenen Methoden sind heute weitgehend in den sogenannten CASE-Tools DV-unterstützt einsetzbar, wobei für die strategische Informationssystemplanung vor allem Matrixtechniken, für die Datenmodellierung das Entity-Relationship-Diagramm und für die Prozeßmodellierung das Datenflußdiagramm zur Verfügung stehen.

Auch das Prozeßmodell in der Abbildung auf Seite 46 wurde mit einem solchen CASE-Tool erstellt.

Die Unterstützung der Ablaufmodellierung ist in Tools mit Werkzeugen zur raschen Modellierung und Animation von Prototypen unterstützt (RAD - Rapid Application Development), die eine frühzeitige, anschauliche Abstimmung mit den zukünftigen Anwendern erlauben.

Ein großer Vorteil besteht neben der Änderungsfreundlichkeit in der Erstellungsphase darin, daß mit Abschluß der Systemanalyse der Großteil der Benutzerdokumentation mehr oder weniger automatisch verfügbar ist und auch deren Wartung weitgehend DV-gestützt möglich ist. In der Detailkonzeption und Implementierung kommen Maskengeneratoren und Reportgeneratoren zum Einsatz, die zu einem frühen Zeitpunkt bereits vorführbare Teilergebnisse entstehen lassen.

Durch Pseudocoding mit Sprachen der vierten Generation (4GL) und darauf aufsetzenden Codegeneratoren wird der Erstellungs- und Wartungsaufwand für die Software weiter reduziert.

Eine wesentliche technologische Voraussetzung für die Implementierung der mit den obigen Methoden modellierten Systeme sind die relationalen Datenbanken.

Die Realität ist eben in Relationen besser abzubilden als in streng hierarchischen Konstrukten. Dadurch, daß seitens der Systementwicklung nur mehr das "Was" und nicht mehr das "Wie" formuliert werden muß, verringern sich Entwicklungs- und Wartungsaufwand der Software.

Die Technologie der relationalen Datenbanken ist auch Basis für die Entwicklung von Repositories, in denen sämtliche Informationen der Systemanalyse und -entwicklung dokumentiert sind und die sozusagen die Basis für CASE-Tools einerseits und Unternehmensinformationsmodelle andererseits bilden.

Die rechnerunterstützte Modellierung, Dimensionierung und Erprobung der optimalen Produktions- sowie Planungs- und Steuerungsprozesse auf der Basis eines integrierten Informationsmodelles wird es in Zukunft erlauben, die optimalen Steuerungsparameter am Modell zu simulieren.

Das wesentliche Merkmal der Expertensysteme ist die Tatsache, daß die Lösungen nicht auf algorithmischem Wege mit Hilfe hinterlegter Formeln errechnet werden, sondern daß in der Inferenzmaschine Schlußfolgerungen für das definierte Problem anhand von in der Wissensbasis hinterlegten Regeln gezogen werden, und diese Entscheidungswege dem Anwender auch transparent gemacht werden können.

KI schwer in Planungssysteme integrierbar

Die Wissensakquisition erfolgt durch speziell geschulte Wissensingenieure (Knowledge Engineers), die das Anwendungswissen in der Wissensbasis durch eigene Sprachkonstrukte definieren.

Ein wesentlicher Punkt der Technologieentwicklung auf diesem Gebiet ist die Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit der Wissensakquisitions-Komponente, so daß die Eingabe des Wissens in Zukunft durch Fachspezialisten des jeweiligen Anwendungsgebietes und nicht durch eigens ausgebildete Wissensingenieure durchgeführt werden kann.

Die bisher bewährten Anwendungsfelder im Bereich der Fertigungsindustrie waren vor allem der Einsatz für Konfigurationsaufgaben sowie bei Diagnosesystemen in den Bereichen Instandhaltung und Qualitätssicherung.

Der Einsatz bei Planungsaufgaben mit zeitlichen Komponenten, insbesondere der Terminplanung und Kapazitätsplanung, ist aufgrund der hohen Dynamik durch die sich ständig zeitlich ändernden Randbedingungen noch eher am Beginn der Nutzung.

Es gibt dazu Forschungsprojekte im Rahmen des Esprit-Programmes sowie Ansätze zur wissensbasierten Reihenfolgebildung auf Leitständen, die unter Mitarbeit von Hermann Krallmann von der TU Berlin zur Prototypreife entwickelt wurden.

Im Zusammenhang mit der Anwendung von Techniken der künstlichen Intelligenz bei Problemen des Scheduling tauchen zunehmend Techniken der Fuzzy Logic zur Beherrschung von unscharfen Elementen und neuronale Netze für die technische Implementierung von Lernfähigkeit auf.

Ein Grund dafür, warum Expertensysteme sich im Terminplanungsbereich nicht in größerem Ausmaß durchgesetzt haben, ist die Tatsache, daß die meisten verfügbaren Expertensysteme eher geschlossene Lösungen darstellen, die teilweise nur schwer in Planungssysteme integrierbar sind.

Derzeit befinden sich bereits erste Expertensysteme im Einsatz, die - dadurch, daß sie eine sehr offene Konzeption aufweisen - sogar im Bereich der Real-time-Steuerungen integrierbar sind.

Entwicklungen von Hard- und Systemsoftware

Betrachtet man die Entwicklung der Leistungsfähigkeit und des Preis-Leistungs-Verhältnisses von Computern, so läßt sich ein geradezu exponentielles Wachstum konstatieren. Da durch werden zunehmend große Rechenleistungen auf einzelnen Arbeitsplätzen verfügbar, so daß eine Grundvoraussetzung für dezentrale Architekturen gegeben ist.

Dem Potential zur Dezentralisierung steht das Problem der Integration gegenüber.

Um diese Schere zu schließen, sind aus technologischer Sicht Systemsoftware-Komponenten notwendig und auch zum Teil bereits verfügbar, die die Verteilung der Präsentation (Benutzeroberfläche) einerseits und Funktionen der Datenmanipulation andererseits sowie auch die Verteilung von Daten unter Wahrung der Integration sicherstellen.

Drei Entwicklungen seien an dieser Stelle genannt:

- die Entwicklung von verteilten Datenbanken,

- die Entwicklung von Systemsoftware zur optimalen Unterstützung von Client-Server-Konzepten und

- die Entwicklung standardisierter grafischer Benutzeroberflächen.

Zur Bewältigung dieser Potentiale sind auf der Seite der Konzeption und Realisierung von Anwendungssoftware die in den obigen Abschnitten beschriebenen Konzepte der Informationssystem-Architekturen sowie der oben erörterten Methoden und Technologien zur Systemanalyse und Systementwicklung notwendig.

Wie wird sich nun diese Technologieentwicklung auf die PPS-Systeme der Zukunft auswirken?

Die künftige Rolle der Standardsoftware

Die Praxis zeigt, daß die Vorteile von Standardsoftware zu hoch, beziehungsweise die Nachteile unterbewertet werden.

Bei Fertigungsleitsystemen, die ja in der Regel sehr individuell auf die spezifischen Bedürfnisse der einzelnen Betriebe abgestimmt werden müssen, können ohnehin kaum durchgängige Standardsoftware-Systeme zur Anwendung kommen. Insbesonders bei Leitständen mit großen Entwicklungsaufwänden im Bereich der grafischen Darstellung und Interaktion bieten sich zahlreiche Standardsoftware Pakete an.

Zur Einbindung in ein Fertigungsleitsystem ist allerdings sehr offene und damit flexibel anpaßbare und leicht integrierbare Software notwendig. Die Trennung der Anwendung von den Daten einerseits, die Standardisierung von Softwarekomponenten, wie Benutzeroberflächen, andererseits sowie die oben beschriebenen Technologieentwicklungen mit ihren entstehenden mächtigen Tools werden die Rolle der Standardsoftware verändern.

Auch im Umfeld der Standardsoftware werden zunehmend Sprachen der vierten Generation angeboten, wodurch sich die Anpaßbarkeit erhöht. Die fachliche Kompetenz geht bei der Anwendung von Standardsoftware manchmal verloren. Dies gilt besonders in Unternehmen, die aufgrund durchgängig eingesetzter Standardsoftware nicht mehr über die Kompetenz zur Systemanalyse und zur Software-Entwicklung verfügen.

Im Zusammenhang mit PPS und Fertigungsleitsystemen sollte jedoch die Kompetenz zur Software-Entwicklung gegeben sein, um die Software zumindest selbst warten und anpassen zu können. Dies gilt besonders dann, wenn sich die Standardsoftware der Zukunft mehr aus Referenzmodellen für Daten Funktionsabläufen und Organisationszusammenhängen zusammensetzen wird als aus Programmcode.

Ein weiterer häufig diskutierter Ansatz ist daher der Ersatz der Standardsoftware durch die Methode der Konzeptübernahme.

Diese Ansätze setzen allerdings starke - mit den Modellierungs-Tools integrierbare - Softwaregeneratoren voraus.

Fertigungsleitsysteme als künftiger Schwerpunkt

Die PPS-Systeme der Zukunft werden einen bedeutenden funktionalen Schwerpunkt im Bereich der Steuerung in Form von Fertigungsleitsystemen aufweisen. In Anbetracht der Entwicklung der IS-Technologien einerseits sowie der Forderung nach Unterstützung der optimalen Geschäftsprozesse andererseits dürften neue PPS-Systeme durch Übernahme von (Standard-)Konzepten und -Modellen, deren unternehmensspezifischen Anpassungen und Implementierungen mittels leistungsfähiger CASE-Tools entstehen.

Organisationsentwicklung als Erfolgsfaktor

Der kritische Erfolgsfaktor bei der Einführung und Nutzung von PPS-Systemen ist die Organisationsentwicklung.

- Die Optimierung von Geschäftsprozessen erfordert eine neue Zusammenarbeit beziehungsweise Unternehmenskultur.

- Die PPS-Einführung muß von den Mitarbeitern auf allen Ebenen getragen werden.

- Ein Unternehmensleitbild mit für den einzelnen Mitarbeiter verständlichen Unternehmenszielen und daraus abgeleiteten Zielen bildet den Rahmen für die PPS-Projekte.

- Zusammenarbeit über Bereiche und Abteilungen hinweg ist die Basis für die Bewältigung und Nutzung der durch CIM ermöglichten technischen Vernetzung durch die Organisation.

- Der Vorstand und die erste Berichtsebene müssen aktiv und für das gesamte Unternehmen sichtbar hinter den PPS-Projekten stehen.

- Personalentwicklung zur breiten Heranbildung flexibler und engagierter Mitarbeiter mit einem Blick für Zusammenhänge ist unumgänglich.

- Information aller relevanten Führungskräfte und anderer Mitarbeiter über die PPS-Vorhaben mit dem Unternehmensleitbild als Rahmen stellt eine notwendige Bedingung dar.

- Die Bereitschaft zur Änderungen in der Aufbauorganisation sollte als Signal für ablauforganisatorische Innovation dienen.

- Die Umgestaltung der Ablauforganisation mit verstärkter Prozeßorientierung ist unerläßlich.

Informationssystem-Architekturen

John Zachmann 3) hat einen Rahmen für Informationssystem-Architekturen definiert, wobei im wesentlichen drei Betrachtungsebenen zur Modellierung und Darstellung verwendet werden:

- Datenmodell (Entität-Relation-Entität) für Daten,

- Prozeßmodell (Input-Prozeß-Output) für Funktionen und

- Netzwerkmodell (Knoten-Verbindung-Knoten) für Kommunikation.

Aus der Sicht der Entstehung vom Groben zum Detail werden für jede Betrachtungsweise folgende Phasen unterschieden:

- Grobbeschreibung,

- Geschäftsmodell,

- Informationsmodell,

- Technologiemodell,

- Detailbeschreibung.

Die CIM-OSA-(Open Systems Architecture-)Architektur ist eine spezifisch für CIM-Anwendungen im europäischen Verbund entwickelte Architektur, auf deren Grundlage von verschiedenen Herstellern zueinander kompatible standardisierte Komponenten angeboten werden und die Basis für die Ableitung unternehmensspezifischer Informationsmodelle sind. Konkrete Ergebnisse daraus sind zum Beispiel die Enabler-Konzepte diverser Hersteller.

Definition des Fertigungsleitsystems

Ein Fertigungsleitsystem ist ein aus organisatorischen und DV-technischen Elementen konfiguriertes Instrumentarium zur Koordination und Steuerung der in den Betrieben stattfindenden Wertschöpfungsprozesse. Dabei wird die Versorgung und Entsorgung der Betriebe, Werkstätten, Aggregate und Arbeitsplätze mit allen für die Bearbeitung und Leistungserbringung notwendigen Ressourcen, insbesonders Personal, Material, Betriebsmittel und Information, koordiniert und veranlaßt 2).

2) Leodolter Werner, Regelungstechnische Grundlagen für die Konzeption von Fertigungsleitsystemen, Dissertation an der TU Graz, 1991

3) Zachmann, John A., A frame-work for information systems architecture, IBM Systems Journal, Vol. 25 No. 3 1987

1) Verband für Arbeitszeitstudien Refa e.V; gegründet 1924 als Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung = Refa

*Dipl.-Ing., Dr. techn. Werner Leodolter ist Leiter Systementwicklung der Bohler Edelstahl GmbH, Kapfenberg (Österreich).