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19.10.1977 - 

"Quellenprogramme" der Computergeschichte:

Erfinder, Spinner, Pioniere und Museumsstücke ...

MÜNCHEN (os) - Die Systems 77 zeigt, was in der Computerei ist: Das mit modernen Techniken mögliche Zusammenwachsen der Datenverarbeitung, der Textverarbeitung, der Nachrichtenübermittlung - die totale Informationsverarbeitung. Da trifft es sieh gilt, daß Systems-Besucher, der Novitäten müde, unweit des Messegeländes im Deutschen Museum (im nächsten Jahr wird's 75) auf Kontrastprogramm schalten können: Computer-Antiquitäten. Mit Leibniz (links oben) fing es an. Einen Ausflug in das Computer-Museum schildert dieser exklusive CW-Beitrag.

Als Konrad Zuse nach 1945 - so berichtet er selbst - Bestandsaufnahme machte und sich daranbegab, seine Ideen der elektromechanischen, programmgesteuerten Rechenautomaten weiterzuentwickeln, erfuhr er Erstaunliches. Parallel zu ihm hatte - ebenfalls in Deutschland - Dr. G. Dirks die Grundlagen für die elektronisch-magnetische Datenspeicherung gelegt und bereits 1944 zum Patent angemeldet. Die Geheimhaltung im Kriege hatte dafür gesorgt, daß der eine vom anderen nichts ahnte.

Beider Ideen, zusammen mit der bereits 1940 (!) im Versuchsmodell realisierten Rechen/Speicherkombination mit Elektronenröhren des Zuse-Mitarbeiters Helmut Schreyer, hätten mitten im Kriege den Bau von Datenverarbeitungsanlagen möglich gemacht, an die in den USA erst Jahre später zu denken war. Allerdings: Die nationalsozialistischen Machthaber verkannten nicht nur den militärischen Wert der Zuse-Rechner. Sie lehnten es auch ab die Spinnereien des Herrn Schreyer zu finanzieren: Der Mann wollte 2000 Röhren koppeln. Die größten Rundfunksender wiesen ein paar Dutzend auf.

Und Dr. Dirks? Seine 1948 erweiterte Patentanmeldung wurde mit Hilfe der Siemag Feinmechanische Werke GmbH (Nachfolger ist Philips Electrologica) erst im Herbst 1965 zum Patent durchgeboxt. Außer der fast unbekannten Siemag hatte sich weltweit niemand für Dirks Ideen interessiert, nicht einmal die IBM. Immerhin kassierten Dr. Dirks und die Siemag nachträglich -zig Millionen Lizenzgebühren.

Zuse blieb der durchschlagende geschäftliche Erfolg versagt. Schreyers Röhrenrechner löste sieh - so erzählt Zuse - in den Nachkriegs-Hungerjahren in Butter auf: Die Röhren wurden im Tauschgeschäft für Radioreparaturen verwendet. Immerhin wurde unter Professor Billinger an der Uni Göttingen nach Schreyer-Ideen der Rechner G 1 gebaut - 1947 (!). Ein Bild ist alles, was davon übrigblieb.

In den USA hatte es den ersten Röhrenrechner 1946 gegeben: ENIAC. Baubeginn: 1943/44. Zahl der Röhren: 18 000. Gebaut von J. P. Eckert und J. W. Mauchly, Universität Pennsylvania/Philadelphia. Ein paar Jahre zuvor, nämlich schon 1941, hatte Zuse in Deutschland den ersten funktionsfähigen Computer (ohne Röhren) gebaut. MARK I von Aiken (Relaisrechner) wurde in den USA 1944 fertiggestellt.

Im Deutschen Museum in München steht ein Nachbau von Z 3. In der Abteilung Nachrichtentechnik, in Nachbarschaft einer frühen IBM, einer Nixdorf-Datenkasse und einer Kienzle 6000. Bruchstücke einer langen Entwicklung? Dipl.-Physiker Helmut Schmiedel, Leiter der Abteilung: "Aber wir haben noch ein paar schöne Sachen im Keller - eine Siemens 2002 (ausgeliefert ab 1957), Anlagen von Remington, IBM etc. Aber an einen Ausbau der Abteilung ist vorerst nicht zu denken. Schmiedel: "Wir haben kein Geld und keinen Platz."

Dabei wäre viel zu zeigen. Beispielsweise jene Entwicklungslinie, an deren Ende das Haus Nixdorf steht. 1949 hatte ein Dr. Sprick in Flensburg für die Schleswig-Holsteinische Landesbrandkasse eine elektronische (Röhren) Multiplikationseinheit an eine Tabelliermaschine gebaut. Es ist eben jener Dr. Sprick, den Heinz Nixdorf als seinen Lehrer, Mentor und väterlichen Freund benennt. Von Dr. Sprick über Heinz Nixdorf führt ein direkter Weg zum kleinen, arbeitsplatzorientierten Computer, zur dezentralisierten Datenverarbeitung mit kleinen Systemen.

Doch einer war schneller: Die schon erwähnte Siemag. Bei der Siemag baute man etwa ab 1948 Schreibmaschinen und Buchungs-/Fakturiermaschinen, brav und mechanisch. Die Dirks-Patente ließen in Fabrikhallen, in denen bis 1945 Panzerketten geschmiedet wurden den ersten kommerziell in Serie gebauten, arbeitsplatzorientierten Kleincomputer der Welt, den ersten in Serie gebauten Computer Deutschlands entstehen: Dataquick, natürlich mit Magnettrommel mit ganzen 120 Speicherplätzen. Der Rechner arbeitete mit 138 Röhren 220 Thyratrons und 350 Relais. Rund ein Dutzend Anlagen wurden gebaut und verkauft, die meisten an Schuhfabriken im Raum Pirmasens. Die letzten liefen noch um 1967, da waren, sie bereits zehn Jahre alt.

Nichts davon im Deutschen Museum, wohl aber Beispiele alter, mechanischer Rechenautomaten: Seit dem ausgehenden Mittelalter erfundene Maschinen großer Erfinder wie Blaise Pascal (1642), Leibniz (1671 - 94) oder Hahn (18. Jahrhundert), nach dessen Prinzipien bis in unsere Tage hinein Rechenmaschinen gebaut wurden. Davor standen die uralte Tradition des Rechenbretts, des Abacus (in jedem sowjetischen Kaufhaus noch immer benutzt), aber auch solch kuriose Techniken wie die Quippus der Inkas. Das waren frühe Datenspeicher: Die Informationen wurden verschlüsselt mit verschieden langen, geknoteten, verschiedenfarbigen Schnüren. Das Kerbholz der Krämer und Gastwirte hat als Vorläufer der Datenspeicher ja hierzulande sprichwörtlich Geschichte gemacht.