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14.09.2001 - 

Der schwedische TK-Konzern verordnet sich eine Rosskur

Ericsson meldet Land unter

LONDON (pg) - Bei den Ausrüsterfirmen für Sprach- und Datennetze herrscht Katzenjammer. Die Konjunkturschwäche sowie die hohen Kosten für die Lizenzen der dritten Mobilfunkgenera- tion UMTS vermasseln ihnen das Geschäft. Auch Ericsson ist in die Krise geraten.

Man merkte Kurt Hellström die schwere Last an, die derzeit auf seinen Schultern liegt. Blass und bisweilen mit schwacher Stimme versuchte der President und CEO von Ericsson vor Analysten und Journalisten in London einen Ausblick auf die Zukunft seines Unternehmens und des Telekommunikationsmarkts insgesamt zu geben. Zwei, drei Mal schien es gar, als würde Hellström in seinem Vortrag den Faden verlieren, so, als sträube sich sein Innerstes gegen die situationsbedingte Schwarzmalerei. Kein Zweifel, der Auftritt war für den Schweden ein Gang nach Canossa.

"Wir sehen keine klaren Anzeichen für eine Erholung", sprach Hellström Klartext und wusste genau, dass seine Botschaft nicht ohne Wirkung auf das Ericsson-Papier bleiben würde. Und es kam, wie es kommen musste: Kaum waren die Worte des CEO ausgesprochen, stürzte die Aktie des schwedischen TK-Konzerns auf den tiefsten Stand seit gut vier Jahren.

Die Reaktion ist typisch für das aktuelle Börsengeschehen im Allgemeinen und die TK-Branche im Besonderen. Der kleinste seismologische Ausschlag reicht gegenwärtig aus, um ein Kursbeben auszulösen. So auch nach der Ericsson-Prognose. Nicht nur die Schweden wurden abgestraft: In einer Kettenreaktion gingen alle Werte von Equipment-Herstellern und Netzbetreibern in den Keller - ein Zeichen für das enge Beziehungsgeflecht in diesem Markt.

Jäher Absturz im zweiten QuartalAlle stecken tief im Sumpf, und deshalb wird die Branche bei den Anlegern in Sippenhaft genommen. Nach fetten Jahren mit jährlichen Steigerungsraten von durchschnittlich 30 Prozent hat die Konjunkturschwäche den erfolgsverwöhnten Systemlieferanten einen dicken Strich durch satte Quartals- und Jahresbilanzen gemacht. So auch Ericsson: Während die Schweden im ersten Quartal mit Hängen und Würgen noch ein Plus von knapp 41 Millionen Euro erwirtschafteten, kam es im zweiten Jahresviertel zum jähen Absturz auf einen Nettoverlust von 1,5 Milliarden Euro. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres hatte das Unternehmen noch ein Plus von 1,1 Milliarden Euro ausgewiesen.

Für diese wirtschaftliche Bauchlandung sind mehrere Faktoren verantwortlich. Einer ist die weltweite Konjunkturflaute. Glaubt man den Worten Hellströms, sind Lateinamerika und Europa die größten Sorgenkinder. Der südamerikanische Markt ist aufgrund der dramatischen Finanzkrise in Argentinien fast völlig kollabiert, der europäische stagniert. Das Geschäft des Konzerns läuft in Nordamerika zwar etwas besser, aber nur, weil es sich bereits im vergangenen Jahr auf schwachem Niveau bewegte. Freude machen Ericsson derzeit nur die Märkte in China und Japan.

Ein weiterer Krisenkatalysator sind die horrenden Gebühren, die Netzbetreiber vor allem in Großbritannien und Deutschland für die Lizenzrechte der dritten Mobilfunkgeneration UMTS (siehe Glossar) zahlen mussten. Mit fatalen Folgen, wie sich im Nachhinein zeigt. Die hohe Verschuldung der Netzbetreiber und die derzeit pessimistischen Prognosen für UMTS haben die Kurse der Carrier dramatisch einbrechen lassen. Bei den Netzbetreibern ist deshalb Sparen um jeden Preis angesagt, mit dem Ziel Analysten und Anleger wieder einigermaßen zu versöhnen. Kein Wunder also, dass sie derzeit nur das Nötigste in Netztechnik - vor allem die bestehenden Festnetze - investieren, sehr zum Leidwesen der Ausrüster wie Ericsson, Nokia, Nortel, Motorola, Siemens und Lucent.

Als Bumerang erweisen sich die UMTS-Gebühren für die Equipment-Hersteller in zwei weiteren Punkten. Die Netzbetreiber planen nämlich zunehmend, ihre Infrastruktur-Ressourcen zu teilen. Ein entsprechendes Sharing-Abkommen haben zum Beispiel T-Mobil und Viag Interkom geschlossen. Für die Ausrüster heißt das: Die ursprünglich kalkulierten Stückzahlen für Systemkomponenten müssen deutlich nach unten korrigiert werden.

Nokia sitzt Ericsson im NackenAbstriche auf der Einnahmenseite sind darüber hinaus zu machen, weil die Carrier die Installationskosten durch "Knebelverträge" drücken. In der Regel beauftragen sie zwei Anbieter mit dem Netzaufbau und spielen sie dann gegeneinander aus. Der UMTS-Netzbetreiber Mobilcom beispielsweise hatte sein UMTS-Netz ursprünglich nur mit Ericsson als Ausrüster geplant. Doch dann disponierte der launige Mobilcom-Chef Gerhard Schmid kurzerhand um und nahm Nokia mit ins Boot.

Die Konsolidierung im Markt führt dazu, dass sich Ericsson keineswegs auf den Lorbeeren seiner Marktführerschaft im Systemgeschäft ausruhen kann. In diesem Segment - Festnetz- und Mobilfunktechnik zusammengerechnet - generieren die Schweden 80 Prozent ihres gesamten Umsatzes. Nur zwölf Prozent werden mit dem hoch defizitären Bereich Endgeräte erzielt.

Der finnische Erzrivale Nokia, bislang nur im Handy-Geschäft unumstrittene Nummer eins, unternimmt enorme Anstrengungen, um im Systemgeschäft gegenüber Ericsson Boden gut zu machen. Während die Finnen bei GSM (siehe Glossar), der Mobilfunktechnik der zweiten Generation, 15 Prozent Marktanteil besitzen, haben sie diesen bei Equipment der dritten Mobilfunkgeneration UMTS auf geschätzte 20 bis 25 Prozent gesteigert. Damit schicken sie sich an, den Schweden, die sich selbst mit 35 bis 40 Prozent vorne sehen, den Spitzenrang streitig zu machen. 35 Prozent der weltweit zu vergebenden UMTS-Aufträge will sich Nokia sichern. Dieses Ziel gab Konzernchef Jorma Ollila aus und scheint Erfolg zu haben - nicht zuletzt, weil er den Netzbetreibern großzügig Kredite zur Anschubfinanzierung ihrer Netze einräumt.

Ungewisse UMTS-KalkulationDoch diesen Plan will ihm das Ericsson-Management vermasseln und wuchert seinerseits mit Zahlen, aber auch den Cash Flow hemmenden Krediten. Als Zulieferer für 33 UMTS-Netze haben die Schweden eigenen Angaben zufolge die meisten Aufträge an Land gezogen. Das Problem ist nur, dass damit gegenwärtig noch wenig Geld zu verdienen ist. Mit ersten UMTS-Installationen rechnen die Ericsson-Strategen in Europa erst für die zweiten Jahreshälfte 2002. Der erhoffte Boom in diesem Marktsegment wird also noch auf sich warten lassen. Es ist für die Schweden deshalb ratsam, mit allzu optimistischen Rollout-Prognosen hinter dem Berg zu halten, denn in der Regel verzögert sich die Einführung einer neuen Technologie immer.

Diese Erfahrung mussten die Equipment-Lieferanten jetzt auch mit GPRS (siehe Glossar) machen, einer paketorientierten Datentransfertechnik für GSM-Netze. Erst hielten sich die Netzbetreiber mit der Installation zurück, dann waren die Netze instabil, und schließlich fehlte es an Endgeräten und Anwendungen (siehe Interview). Dieses Gesetz der Serie wird, wenn nicht ein Wunder passiert, auch bei UMTS eintreten. "Es könnte möglicherweise zu Verzögerungen kommen", baut Hellström sicherheitshalber mit dem Verweis auf die Komplexität der 3G-Technik vor.

Genau darin besteht aber das Dilemma von Ericsson sowie allen anderen Ausrüstern. Die Unbekannten in der Umsatzgleichung UMTS sind zu groß, um sattelfeste Prognosen zu wagen, auch wenn die Regulierer den Netzbetreibern klare Fristen für den Netzaufbau gesetzt haben. Ob die Wettbewerbshüter angesichts der hohen Investitionen und der Konjunkturlage bei der Einhaltung der Fristen unerbittlich sein werden, ist eher fraglich. Das weiß auch Hellström und rechnet deshalb für das Geschäft mit Mobilfunksystemen beider Generationen, sprich GSM und UMTS, nur mit einem sehr flachen Wachstum, im besten Fall zehn Prozent. Gemessen an den Erfolgsmargen der zurückliegenden Jahre ist das eine Enttäuschung.

Hellström setzt den Rotstift anDer Strohhalm "UMTS-Mobilfunksysteme" allein kann den Umschwung also nicht herbeiführen. Zu schmerzlich schlagen die Sparmaßnahmen der Carrier besonders auf das Festnetzgeschäft durch. Hier haben die Schweden weltweit zwar 59 Abkommen geschlossen, um bestehende Netze mit ihrer Multi-Service-Network-Lösung "Engine" für breitbandigen Internet-Verkehr aufzumöbeln, doch wo nicht zwingend erforderlich, legen die Carrier das Update auf Eis. Auch in diesem Fall bleibt Ericsson momentan nur das Prinzip Hoffnung: Hoffen nämlich, dass die Provider aus Wettbewerbsgründen die Qualität ihrer Netze bald verbessern müssen.

Indikatoren für eine kurzfristige Besserung sind also nicht in Sicht. Hellström blieb deshalb fast achselzuckend nur die Feststellung: "Unser Marktumfeld ist noch unsicherer geworden, und wir können nichts dagegen tun, außer unsere Kosten zu kontrollieren." Und das praktizieren die Schweden jetzt mit aller Gewalt. Der Sparwelle Hellströms werden bis Ende 2001 rund 22000 Beschäftigte zum Opfer fallen, das ist ein Fünftel der gesamten Belegschaft. In Deutschland sollen zirka 400 Stellen gestrichen werden. Neben den Entlassungen sollen außerdem das Outsourcing der defizitären Handy-Produktion an Flextronics, eine Zentralisierung der unternehmensweiten IT-Strukturen, eine Konsolidierung der Forschungs- und Entwicklungsstätten sowie eine Optimierung der Geschäftsprozesse zum Erfolg der Rosskur beitragen. Unter dem Strich erhofft sich das Management davon für das kommende Jahr Einsparungen in Höhe von rund vier Milliarden Euro.

Außer den Gürtel enger zu schnallen versuchen die Verantwortlichen mit weiteren richtungsweisenden Aktionen die Zukunft zu sichern. Dazu zählt zum Beispiel, bis zum Jahresende einen positiven Cash Flow zu erzielen, weil daran die Mitarbeiterboni gekoppelt sind. Eine andere Maßnahme ist, für die fünf größten Kunden Vodafone, Deutsche Telekom, France Télécom, Telefónica und Telecom Italia eigene Geschäftsbereiche zu gründen, um diese Key Accounts reibungslos bedienen zu können.

Wegweisend soll ferner das Joint Venture mit Sony sein, das jetzt unter Dach und Fach ist. Ab Anfang Oktober wird das Gemeinschaftsunternehmen die Entwicklung von Endgeräten für beide Konzerne verantworten. Vorausgesetzt, die Zusammenarbeit mit den Japanern klappt, könnte dieser Schulterschluss ein genialer Schachzug sein. Die Erfahrungen von Ericsson bei Mobiltelefonen sowie die von Sony bei Consumer-Elektronik geben viel Spielraum bei der Konzeption künftiger Appliances und Anwendungen. Eine Synergie aus den Vertriebsstrukturen beider Konzerne dürfte die Hauptkonkurrenten Nokia, Motorola und Siemens zusätzlich unter Druck setzen.

Ein weiterer namhafter Joint-Venture-Partner der Schweden ist Microsoft. Der gemeinsame Ableger des Duos befasst sich damit, professionelle Anwendungen für das Handy zu adaptieren - genauer gesagt, im ersten Schritt Microsofts Messaging-System "Exchange" mobil zu machen. Um in anderen Bereichen ebenfalls up to date zu sein, arbeitet Ericsson im System-Management zum Beispiel mit der IBM-Tochter Tivoli und im existenziell wichtigen IP-Backbone-Segment mit dem Router-Spezialisten Juniper Networks zusammen.

Doch noch ein Funken OptimismusVon Kooperationen solchen Kalibers erhoffen sich Hellström und seine Berater, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen und die derzeitige Durststrecke zu überstehen. Das Unternehmen werde sich als traditionelle Ausrüsterfirma am Markt behaupten, so der Ericsson-Boss am Ende seines Londoner Auftritts, der damit doch noch zum Brustton der Überzeugung fand. Nur Pessimismus zu verbreiten wäre auch schlecht fürs Image, und so spendierte Hellström am Schluss noch eine kräftige Portion Optimismus: Ab 2003, so sein Silberstreif am Horizont, seien wieder Wachstumsraten von 20 Prozent denkbar.

Neues GPRS-HandyGanz auf der Nokia-Welle surft Ericsson mit dem jüngsten GPRS-Handy "T65". Nach der Kritik am kantigen Design und den klobigen Antennen haben die Schweden bei diesem Gerät wohl bewusst auf weichere Linien und eine integrierte Antenne gesetzt. Das T65 verfügt über WAP 1.2.1 und schafft aufgrund seiner GPRS-Funktionalität eine Datentransferrate von 43,2 Kbit/s. Das Gerät wiegt 94 Gramm und hat eine Standby-Leistung von 300 Stunden sowie eine Sprechzeit von elf Stunden. Laut Hersteller genügt beim T65 ein Tastendruck, um ins Internet zu gelangen.

Glossar3G: 3G steht für Third Generation und ist der Oberbegriff für alle Verfahren der dritten Mobilfunkgeneration. In Europa und Japan wird das Verfahren UMTS zum Einsatz kommen, in Amerika CDMA 2000 1XEV.

UMTS: Das Universal Mobile Telecommunications System ist für mobile Multimedia-Dienste ausgelegt. Es wird eine Bruttoübertragungsrate von 2 Mbit/s bieten, die sich jedoch alle Insassen einer Funkzelle teilen müssen.

GSM: Global System for Mobile Communications ist ein in Europa entwickelter, aber auch darüber hinaus weit verbreiteter Mobilfunkstandard. Er stellt die gegenwärtig aktuelle zweite Generation des Mobilfunks dar, wird den Anforderungen der modernen Datenübertragung mit einer Transferrate von nur 9,6 Kbit/s aber nicht mehr gerecht. Eine höhere Datenübertragungsrate ist nur mit GPRS-Handys möglich (siehe unten).

GPRS: Der General Packet Radio Service ist eine Weiterentwicklung von GSM und ermöglicht den Datentransfer mit Geschwindigkeiten von bis zu 115 Kbit/s. Im Gegensatz zum heutigen Datenfunkmodus in GSM ist GPRS nicht leitungsvermittelt, sondern paketorientiert. Damit eignet sich das Verfahren besser für eine volumenabhängige Tarifierung. Bei diesem Verfahren ist der Anwender ständig mit dem Netz verbunden (always-on).

Abb: Die Ericsson-Aktie

Berg- und Talfahrt: Ericsson strapaziert das Nervenkostüm der Anleger. Quelle: comdirect