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Auf dem Prüfstand: Infor Business Solutions AG


24.09.1999 - 

ERP-Anbieter will europäischen Mittelstandsmarkt dominieren

Von Andrea Goder* FRIEDRICHSTHAL - Sie gilt als eine der wenigen unterbewerteten Titel am Neuen Markt und wird als Geheimtip gehandelt: die Aktie der in Friedrichsthal bei Saarbrücken ansässigen Infor Business Solutions AG. Finanziell gestärkt aus dem Börsengang, will der ERP-Anbieter für die mittelständische Fertigungsindustrie die nationalen Wettbewerber hinter sich lassen und die Auslandsmärkte ins Visier nehmen.

"Wir waren geschockt", erinnert sich Hubert Becker an das verhagelte Börsendebüt im Mai dieses Jahres. Mit 31 Euro am oberen Ende der Bookbuilding-Spanne gezeichnet, notierte das Papier nach dem ersten Handelstag bei 30 Euro und fiel kurze Zeit später sogar bis auf 22 Euro. Den Schwarzen Peter für den Fehlstart am Neuen Markt schiebt der Infor-Vorstandschef dabei unverblümt dem Konsortialführer, der Münchner Hypo-Vereinsbank, zu. "Die Bank hätte Mittel und Wege gehabt, den Kurs am ersten Tag zu stützen", erklärt Becker. Doch bis heute dümpelt das Papier nach Ansicht von Branchenkennern weit unter Wert vor sich hin - zuletzt bei rund 26 Euro. Die schlechte Kurs-Performance der Aktie hat vor allem einen Grund: die Flaute im Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)Markt. Und die bekommen nicht nur die Großen der Branche wie SAP, Peoplesoft oder Baan zu spüren, sondern auch andere, mit Infor vergleichbare Neue-Markt-Werte wie Brain International, PSI oder Soft-M.

Unbeeindruckt zeigten sich die Börsianer demzufolge bis dato auch vom dynamischen Wachstum, das Infor im ersten Halbjahr 1999 hinlegte. In den ersten sechs Monaten gelang den Saarländern ein Umsatzsprung auf 52,9 Millionen Mark - ein sattes Plus von 88 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Parallel dazu kletterte der Gewinn auf 4,8 Millionen Mark (plus 515 Prozent). Bereits im Geschäftsjahr 1998 verdoppelten die Friedrichsthaler ERP-Spezialisten den Umsatz gegenüber dem Vorjahr auf 69,2 Millionen Mark.

Ein steiles Wachstum somit für die 1984 aus dem Maschinenbauunternehmen Becker hervorgegangene Softwareschmiede. Ursprünglich stammte die Geschäftsidee, ein PPS-System zu entwickeln, von Studenten der Universität Karlsruhe, die in dem saarländischen Familienbetrieb den dafür nötigen Kapitalgeber fanden. Anders als andere Softwarehäuser konzipierten die Friedrichsthaler von Anfang an ein Standardprodukt. Das erforderte vor allem "ein großes Durchhaltevermögen", erinnert sich Becker, der 1985 die Leitung des Unternehmens übernahm.

Vom lokalen Anbieter entwickelte sich Infor in den folgenden Jahren zum nationalen Player, der heute neben dem Standort Friedrichsthal mit acht Geschäftsstellen in Deutschland präsent ist. Zur Klientel der Saarländer gehören vor allem Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern, darunter auch die ebenfalls am Neuen Markt notierten Firmen Technotrans, Aixtron und SZ Testsysteme. Mit der Lösung "Infor:NT" sehen sich die Friedrichsthaler als deutscher Marktführer bei betriebswirtschaftlichen Standardlösungen für die mittelständische Fertigungsindustrie. Über 1300 Installationen sind bisher in den Auftragsbüchern registriert.

Mit dieser Zahl rangiert Infor zwar hinter seinem wichtigsten Wettbewerber, der Bäurer AG in Hüfingen, die im vierten Quartal ebenfalls eine Börsennotierung anstrebt. Die PPS-Lösung ("Kifor") der Schwarzwälder gilt jedoch in der Branche nicht unbedingt als up to date. Ins unmittelbare Wettbewerbsumfeld von Infor gehören neben Bäurer und der Berliner PSI AG auch die Hamburger Abas GmbH, die AP GmbH in Karlsruhe und als weiterer Börsenkandidat die Ernst Informatik AG in Kaiserslautern (ab Oktober Proalpha AG). Konkurrenz droht den Saarländern jedoch zunehmend auch von den Big Playern, die mit Light-Versionen ihrer großen Programme ebenfalls ins mittelständische ERP-Segment drängen. Umgekehrt will Infor mit der vor kurzem übernommenen SIB GmbH, Calw, nun auch in das Geschäft mit Standardsoftware für kleine Unternehmen vorstoßen (siehe Kasten "Neue Märkte im Visier").

"Wir streben Akquisitionen im Ausland an, um den Markt schnell zu durchdringen", beschreibt Becker seine Wachstumsstrategie. Langfristig peilt man die Marktführerschaft in Europa an. Wichtige Zielmärkte sind vor allem Großbritannien, Frankreich und Italien. "Wir erwarten, daß bereits im Jahr 2000 die Hälfte der Einnahmen aus dem Ausland stammt", gibt sich der Vorstandschef optimistisch. 1998 stammten allerdings erst 8,2 Millionen Mark Umsatz aus den bislang acht Auslandsmärkten, darunter Österreich, die Schweiz, Irland und eine Dependance in Südafrika. Noch bis zum Jahresende wollen die Saarländer drei weitere Akquisitionen unter Dach und Fach bringen. Die Unternehmenskasse ist mit 160 Millionen Mark Emissionserlös noch gut gefüllt.

Im (zu) schnellen externen Wachstum sieht Becker allerdings auch die größte Gefahr für das Unternehmen: "Zunächst müssen wir die Baustelle Europa in den Griff bekommen. Alles andere führt zu Verzettelungen." Damit spielt der Infor-Frontmann auf den geplanten US-Markteintritt an, der hohe Investitionen erfordert. Spätestens im Jahr 2000 soll es jedoch auch in Friedrichsthal heißen: "Go west!"

Auch auf der Produktseite hat das Unternehmen noch Schwachstellen auszumerzen. So ist Infor:NT bislang keine voll integrierte ERP-Software. Insbesondere im kaufmännischen Bereich müssen verschiedene Module noch extern eingebunden werden. Auf Hochtouren läuft derzeit auch die Entwicklung eines E-Commerce-Moduls - mithin das wichtigste Feature der nächsten Produktgeneration. Dem Markttrend folgend, arbeiten die Friedrichsthaler auch an Customer-Relationship-Management-(CRM-)Tools, die auf Internet-Technologie basieren. Künftig sollen Infor-Produkte zudem auch Linux und AS/400 unterstützen.

Angesichts der Konsolidierungswelle im ERP-Markt stehen die Saarländer jetzt mehr denn je vor der Aufgabe, die für das Wachstum nötigen Mitarbeiter zu rekrutieren. Trotz anhaltenden Fachkräftemangels liegen die Personalverantwortlichen gut im Rennen. Ende Juni 1999 wurde der fünfhundertste Beschäftigte unter Vertrag genommen. Damit kletterte die Zahl der Mitarbeiter binnen sechs Monaten um 200. Ein Anstieg, der sich schon bald auch in der Bilanz widerspiegeln soll. IDC erwartet in den nächsten fünf Jahren im ERP-Markt ein jährliches Wachstum von rund 30 Prozent. Diese Zahl will Becker deutlich übertreffen. Aufgrund des näherrückenden Jahr-2000-Problems rechnet der Infor-Chef noch im vierten Quartal mit einem "kräftigen Schub". "Viele Mittelständler werden erst in den letzten Wochen merken, daß wirklich nichts mehr geht", glaubt der 46jährige Unternehmer. In Kooperation mit IBM bietet Infor Last-Minute-Kunden ein vorkonfiguriertes Jahr-2000-Paket. Mit einem erwarteten Umsatzplus von 77 Prozent auf 122 Millionen Mark will Infor im Gesamtjahr 1999 jedenfalls zu den Outperformern am Neuen Markt gehören. Ein Anspruch, dem auch der Gewinn in Höhe von 8,2 Millionen Mark nicht nachstehen soll.

Neue Märkte im Visier

In rund 800 kleinen Fertigungsbetrieben mit 20 bis 100 Mitarbeitern sind die Lösungen der SIB Software Ingenieur-Büro Walter & Partner GmbH in Calw bereits eingeführt. Diese Basis will sich die Infor Business Solutions AG nicht entgehen lassen. Das Unternehmen kaufte die SIB für einen nicht näher bezifferten Betrag und will einen Teil des Preises mit Aktien bezahlen, die dafür eigens vom Markt zurückerworben werden sollen.

Laut Infor steht ein weiterer Kauf kurz vor dem Abschluß. Dabei handelt es sich um einen Anbieter von Produkten für das Finanz- und Rechnungswesen. Dessen Software soll mit der Fertigungslösung von SIB zu einem Paket verschmolzen werden. Infor sieht sich mit dem neuen Produkt hinreichend gerüstet, um im unteren Marktsegment Wettbewerbern wie Navision und Sage KHK Kunden abzujagen.

*Andrea Goder ist freie Journalistin in München.