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19.03.1976

Erst das Gesamt-Konzept, dann die Systeme

- Schwerpunkt Ihrer Forschungen ist die Entwicklung von Informationssystemen für Unternehmungen. Das BIFOA ist bekannt für seine engen Kontakte zur Praxis. Wie beurteilen Sie den Entwicklungsstand der Datenverarbeitung in der Bundesrepublik?

Wenn die Datenverarbeitung nur die Aufgabe hätte, die Routinearbeit durchzuführen, also die Bewältigung der Massendaten, so könnten wir mit dem Stand der Entwicklung zufrieden sein. Im Hardware- und Betriebssoftware-Bereich konnten wir in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte verzeichnen. Auch bei der Anwendungssoftware, sind zur Bewältigung der Massendaten wesentliche Fortschritte gemacht worden. Trotzdem muß festgestellt werden - und wir haben den Einblick in die

Praxis - , daß die EDV noch nicht in dem Maße für die Aufgaben der Disposition und der strategischen Entscheidungen der Unternehmensführung genutzt wird, wie dies aus technologischer Sicht möglich und gesamtwirtschaftlich notwendig wäre.

- Das klingt sehr kritisch, gerade in einer Zeit, in der - wie mir scheint - erneut allgemeine Integrations- und Online-Euphorie auszubrechen scheint. Das alte MIS ist tot, aber allüberall, auch hier im BIFOA in Köln, warten neue Konzepte.

Für mich war MIS nie tot. Wenn es als scheintot anzusehen ist, dann ist dies einigen Software-Paketen zuzuschreiben, die als MIS angeboten wurden und nur in der Lage waren, Teilprobleme auf der unteren Ebene der Unternehmung zu lösen und niemals echte Management-Informationen vermittelten. Unabhängig davon, wie immer man diese Systeme nennt -der Weg computergestützter Informationssysteme zur Versorgung des Managements mit entscheidungsrelevanten Informationen ist weiter zu verfolgen.

- Wie die Praxis zeigte, ist dies ein mühsamer, schwieriger Weg. Könnten Standard-Softwarepakete hier weiterhelfen?

Ohne Zweifel Teilsysteme, wie etwa ein Marketing-Informationssystem. Wenn man aber solche Teilsysteme langfristig miteinander verknüpfen will, um die Interdependenze der Informationen zu berücksichtigen, dann muß man bereits vor der Einführung des ersten Teilsystems eine Gesamtkonzeption haben.

- Sie warnen also vor schnellen Teillösungen, etwa um zunächst einmal die Wünsche des Managements zu befriedigen?

Irgendwie muß man ja mit einem Teilsystem beginnen. Aber ich möchte noch einmal betonen, daß man dabei nie den Blick fürs Ganze verlieren darf.

- Hier am BIFOA wurde ja das Kölner Integrationsmodell entwickelt, liebevoll KIM genannt, das die informationellen Beziehungen in einem Unternehmen beschreibt. Das KIM ist gewissermaßen eine Detailbeschreibung der Datenverarbeitungsaufgaben und Informationsflüsse in einem typischen Industrieunternehmen. Muß also der Anwender vor der Entwicklung von Informationssystemen zunächst Professor Grochlas Kölner Integrationsmodell studieren?

Sie haben "muß" gesagt, ich möchte meinen: Schaden kann es nicht. Zunehmend bedienen sich Unternehmungen der Anleitung des KIM, um ein eigenes Modell zu entwickeln. Beispielsweise haben wir uns am MIDAM-Projekt beteiligt, das vom VDMA durchgeführt wurde. MIDAM steht für "Modelle der integrierten Datenverarbeitung im Maschinenbau", und dem MIDAM folgte ein SIDAM, was für "Software zur Integrierten Datenerfassung, Auswertung und Manipulation" steht.

- Was kann dieses Software-Paket und welchen Nutzen bringt es dem Anwender in der angesprochenen Situation?

Die Programmkomponenten von SIDAM gliedern sich in die drei Komplexe: Erstens Programme zur Pflege der Organisations- und Aktivitätendaten der Unternehmung. Diese Daten beschreiben Organisation und Informationsbeziehungen. Zweitens Programme zur Auswertung und Darstellung der Organisations- und Aktivitätendaten. Dafür ein Beispiel: Wieviel Stationen durchfielt ein Datenträger? Oder: An welchen Arbeitsplätzen werden welche Dateien benötigt? Den dritten Komplex bilden Programme zur Manipulation der Aktivitätendaten. Hier sind Auswertungen der Was/Wenn-Form möglich, zum Beispiel Antworten aus die Frage "Wo gibt es Auswirkungen, wenn ein Datenträger eingespart werden soll?"

- Diese Transparenz der Unternehmung erscheint vielen Anwendern wohl sehr wünschenswert. Wie kann man so etwas erreichen?

Grundsätzlich liegt ja das Kölner Integrationsmodell als Anleitung für jedermann vor. Für den Maschinenbau wurden MIDAM und SIDAM geschaffen. Zusammen mit einem Arbeitskreis, in dem unter anderen die Firmen BBC, Ciba Geigy, Daimler Benz und Henkel & Cie mitarbeiten, entwickeln wir jetzt MAGMO. Das wird ein computerunterstütztes Verfahren, das jedem , Anwender Hilfe gibt, seine Unternehmung als Modell zu beschreiben. Dieses Modell bildet dann das anzustrebende geschlossene Datenverarbeitungskonzept.

- Glauben Sie, daß diese neuen Erkenntnisse normierenden Charakter haben? Bekanntlich sind ja Standard-Software-Lösungen vor allem dort möglich, wo rechtliche Vorschriften oder unumstrittene betriebswirtschaftliche Erkenntnisse einheitliche oder sich stark ähnelnde Verfahren und Lösungen letztendlich erzwungen haben. Es gibt deshalb zahlreiche Finanzbuchhaltungs-Standardpakete, weil gerade dieser Bereich durch die doppelte Buchführung und die einheitlichen Kontenrahmen sich in allem Unternehmungen sehr ähnelt. Ist vielleicht zu vermuten, daß im Laufe der Zeit sich immer mehr Unternehmen dem Kölner Integrationsmodell nähern werden, womit letztendlich auch Standard-Software-Pakete eine bessere Chance erhielten?

Wie Sie wissen, gibt es nur wenige standardisierte Software-Pakete, die ein breites Anwendungsfeld gefunden haben. Ohne Zweifel würde eine zunehmende Vereinheitlichung der Datenverarbeitungssysteme als Ganzes, also einschließlich ihrer Aufgaben und Informationsbeziehungen, zu einer zunehmenden Verbreitung von Standard-Lösungen führen.

Prof. Dr. Erwin Grochla (54) ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und betriebswirtschaftliche Organisationslehre an der Universität zu Köln. Nach dem BWL-Studium an der Freien Universität Berlin (Promotion 1953, als Student von Erich Kosiol; Habilitation 1957) war er Professor an den Universitäten Saarbrücken. Frankfurt und Köln.

Die von ihm verfaßten Bücher und Aufsätze gehen in die Dutzende; ferner ist Grochla Herausgeber zahlreicher Forschungsberichte und Sammelwerke.

Seit 1963 ist er geschäftsführender Direktor des von ihm gegründeten betriebswirtschaftlichen Instituts für Organisation und Automation an der Universität zu Köln (BIFOA).

Das Kölner Integrationsmodell wurde unter Leitung von Professor Grochlar 1965 bis 1970 am BIFOA entwickelt. Sein Gesamtumfang: 1400 Kanäle und 950 Konnektoren beschreiben die Datenverarbeitungsaufgaben in einem Unternehmen einschließlich der zwischen den Aufgaben bestehenden sachlogischen Verknüpfungen, die unter Abstraktion von unternehmensspezifischen Einzelheiten grafisch dargestellt werden.

Literatur: Erwin Grochlar und Mitarbeiter, Integrierte Gesamtmodelle der Datenverarbeitung, Carl Hanser-Verlag, München/Wien.