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11.12.1974

Erste Generatoren der Strukturierten Programmierung

MÜNCHEN - Am letzten Montag, dem 9.12., enthüllte ADV/ORGA im Münchner Arabellahaus vor Fachjournalisten ein gutgehütetes Geheimnis: Struktor heißt der erste offiziell vorgestellte Generator für Strukturierte Programmierung.

Ausschlaggebend für die kurzfristig angesetzte Pressekonferenz war eine Meldung der Computerwoche Nr. 4, der Insider entnehmen konnten, daß tagsdarauf, am Dienstag, dem 10. 12., und heute in Garching auf der Tagung des German Chapter der ACM zwei ähnliche Generatoren vorgestellt werden würden. ADV/ORGA, die vor Jahren vor der Ankündigung ihres Generators für Normierte Programmierung durch den SPL-Compiler der dSE, Bremen, überrascht wurde, wollte diesmal der Erste sein. Der Coup ist gelungen. Die einschlägige Konkurrenz unter den Software-Häusern hatte mit ADV/ORGA nicht gerechnet. Hier die interessante Historie dieser Entwicklung:

1968 publizierte E. W. Dijkstra seinen inzwischen berühmt gewordenen "GOTO-Brief". Hier wurden bereits die Grundprinzipien der Strukturierten Programmierung festgelegt:

- GOTO-freie Programmierung,

- Top-down-Programmierung,

- hierarchischer Aufbau.

Fehlerfreie Programmierung

1972 wurden die Ergebnisse des IBM- Projekts für das "New York Times Information Retrieval System" veröffentlicht, das mit Strukturierter Programmierung erstellt wurde. Das Software-System umfaßte 83 000 PL/1-Anweisungen, wurde innerhalb 22 Monaten und mit einem Aufwand von elf Mannjahren fertiggestellt. Es war nahezu fehlerfrei. Der erste Fehler wurde dreizehn Monate nach Freigabe entdeckt. Neben der konsequenten Anwendung der Strukturierten Programmierung war der Erfolg auch auf die neue Organisationsform des Projektteams zurückzuführen, die unter der Bezeichnung Chief-Programm-Konzept auch in Deutschland bekanntgemacht wurde.

Im August 1973 veröffentlichten Nassi/Shneidermann eine neuartige Diagrammtechnik die sich zur Dokumentation von Programmstrukturen wesentlich besser eignet als die konventionelle Flußdiagrammtechnik. Softlab München führte diese Technik unter der Bezeichnung Struktogramm auch bei uns ein (s. CW Nr. 4/74).

In der Folgezeit beschäftigten sich Software-Experten in aller Welt intensiv mit der Entwicklung geeigneter Software-Tools. Schon im Dezember 1973 trug Dr. J. Witt, Siemens, hausintern sein Konzept des Columbus vor: ein dialogorientiertes Generatorsystem das aus einem Dokumentationsgenerator für Struktogramme und mehreren Code-Generatoren für verschiedene Zielsprachen besteht.

ADV/ORGA fand das Ei des Columbus

Die erste Anwendung eines Generators lief dann auch für einen Siemens-Kunden, jedoch nicht mit Columbus sondern mit Struktor.

Die Anwendung ein Betriebsdatenerfassungssystem in der Fertigungsindustrie (Zulieferfirma für die Automobilindustrie) wurde von der Siemens-ZN Düsseldorf und ADV/ORGA Institut Hoseit, bearbeitet. ZN-Leiter Schaller legte verträglich fest die Strukturierte Programmierung anzuwenden um Ersparnisse bei einem zukünftigen Wartungsaufwand zu erreichen. Der Siemens-Standard-Vertrag wurde erstmals dahin gehend geändert daß die Dokumentation der Programme nach dem Nassi/Shneidermann-Verfahren zu erfolgen hatte.

Hoseit forderte daraufhin offiziell über die ZN einen Makro-Satz an den Dr. Witt für Columbus zur Auflösung von Strukturblockkennungen wie IF, CASE etc. entwickelt hatte. Diese 4004-Makros wurden jedoch nicht verwendet, "da der Aufwand des Umschreibens für die vorliegende 4004-Anwendung zu groß war" (Hoseit). Zum Zuge kam dann "eine Eigenentwicklung des Instituts Hoseit, die für die Interne Software-Entwicklung der ADV/ORGA geplant war".

So fand ADV/ORGA das Ei des Columbus. Der Verdacht eines Plagiats ist somit nicht gegeben.

Struktor wird Mitte 1975 marktfähig

Struktor ist ein im Batch-Verfahren arbeitender Generator der wie Columbus aus Dokumentationsgenerator und Codegenerator (Cobol Fortran) besteht. Marktfähig ist das System noch nicht. Vorgesehen ist Struktor auch in Assembler zu schreiben (jetzt in Fortran implementiert) und mit Codegeneratoren für 370- und 4004-Assembler bis Mitte 1975 fertigzustellen. Struktor verträgt sich nach Hoseit durchaus mit der Philosophie der Normierten Programmierung. NPG und Entscheidungstabellengeneratoren werden auf der Programmierebene weiterhin eingesetzt.

Struktor ist damit nur ein erster Schritt zur konsequenten Anwendung der Strukturierten Programmierung die natürlich viel mehr beinhaltet. Man kann sich schwerlich vorstellen daß Generatoren wie Struktor und auch Columbus auf der Stufe der Steuerflußgenerierung stehenbleiben werden.

Und wo bleibt IBM?

Der dritte Generator PAD (Fachbereich Informatik in der TH Darmstadt) arbeitet bereits auf der Programmierebene. Zur Zeit ist im System eine Algol-Grammatik hinterlegt. An einer Fortran- und PL/1-Version wird gearbeitet. PAD (Programmieren durch Auswählen im Dialog) ist ein rein interaktives System. Es dürfte jedoch einige Schwierigkeiten bereiten eine praxisnahe Version des PAD in naher Zukunft bei Anwendern einzusetzen.

Am weitesten fortgeschritten ist zweifellos das Siemens-System Columbus. Hier sind bereits Codegeneratoren für fünf Zielsprachen vorhanden. Und wo steht IBM?

Nach Auskunft eines IBM-Mitarbeiters der Laboratorien in Böblingen (Hiemann) sind in nächster Zeit keine Generatoren der Strukturierten Programmierung zu erwarten.