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28.07.1995

Erste Prioritaet: Dezentral die Geschaefte optimieren Flender-Gruppe setzt bei Softwareloesungen auf Vielfalt

Unternehmensstandard hin oder her - selten eignet sich eine einzige Standardsoftware fuer alle Bereiche eines Grossunternehmens. Ein Beispiel dafuer liefert die zur Babcock-Gruppe zaehlende A. Friedr. Flender AG, Bocholt: Ergaenzend zu den konzernweit empfohlenen SAP-Paketen favorisieren die einzelnen Flender- Gesellschaften auch andere Loesungen. Fuer seine Auslandstoechter hat der Getriebeproduzent beispielsweise das unter Unix und Windows lauffaehige Produkt "Chameleon 2000" des britischen SAP- Konkurrenten Tetra Ltd. geordert. Seine zentrale Auftragsbearbeitung liess er hingegen individuell entwickeln - als verteilte Datenbankanwendung auf der Basis von Oracle. Und die in Herne ansaessige Tochtergesellschaft Engineering & Service Antriebstechnik GmbH (Esat) plant und steuert ihre Produktion demnaechst mit "4PM" von der PS Systemtechnik GmbH, Bremen. Solange der Datenaustausch gewaehrleistet bleibt, so das Credo von Joerg Oestreich, Leiter des Flender-Zentralbereichs Informationssysteme, soll jedes Tochterunternehmen die Software einsetzen, die es benoetigt, um sein Kerngeschaeft so wettbewerbstauglich wie moeglich zu machen.

Auf die Frage nach der Bedeutung des unternehmensweiten SAP- Standards ist Oestreich vorbereitet. "Der Anspruch, alle Probleme mit einem einzigen System zu loesen, ist ueberhaupt nicht durchsetzbar", konstatiert der IS-Manager. "Ein solches System wuerden wir auch nicht haben wollen; es muesste eine derartige Komplexitaet aufweisen, dass es nicht mehr zu beherrschen waere."

So setzt Flender die SAP-Software zwar fuer das kaufmaennische Rechnungswesen ein. Sobald es aber darum geht, ein spezifisches Geschaeft zu unterstuetzen, werden die Karten neu gemischt. "Wir wollen die Geschaeftsprozesse nicht der Software anpassen, sondern umgekehrt", erlaeutert Oestreich.

Welche Produkte dabei zum Einsatz kommen, ist fuer den IS-Leiter zunaechst sekundaer. "Das sehen wir nicht dogmatisch." An erster Stelle stehe das Ziel, das jeweilige Geschaeft vor Ort zu optimieren. Dabei will Oestreich aber keineswegs der "Individualloesung fuer jeden Einzelfall" das Wort reden.

Das zentrale Informations-Management achtet darauf, dass die Anwendungen in das organisatorische Geruest hineinpassen und die Interoperabilitaet zwischen den Systemen der Einzelgesellschaften sichergestellt ist. Deshalb schreibt es Basissysteme und Infrastrukturen verbindlich vor - zum Beispiel Unix fuer Server- Systeme, Novell-Software fuer die Netze und Oracle als Datenbank- Management-Loesung.

Auf Konsens zwischen der Flender-Zentrale und den jeweiligen Gesellschaften beruht die Entscheidung, in den kommenden drei Jahren alle 18 auslaendischen Toechter mit dem integrierten Anwendungspaket Chameleon 2000 auszuruesten, das hierzulande von der Tetra Deutschland in Neuss vermarktet wird. Ein grosser Teil der Auslandsniederlassungen war in den 80er Jahren weitgehend mit proprietaerer Nixdorf-Hardware und dem eigens dafuer entwickelten Softwareprodukt "Comet-Top" ausgestattet worden.

Als Folge individueller Anpassungen sind die einstigen Standardprogramme mittlerweile kaum noch zu pflegen. Zudem liegen die Wartungskosten fuer die alten Nixdorf-Rechner derart hoch, dass sich, so Mathias Mondry, Leiter Informationssysteme Auslandsgesellschaften, eine Neuanschaffung innerhalb weniger Monate rentiert.

Mondry wurde vor einem Jahr engagiert, um die auslaendischen Flender-Gesellschaften DV-technisch auf den Stand der Technik zu heben und dabei moeglichst eine homogene Landschaft aufzubauen - keine leichte Aufgabe, wenn diese Unternehmen nicht nur geografisch ueber den ganzen Planeten verteilt sind, sondern auch von Groesse und Aufgaben her kaum unterschiedlicher sein koennten. Das Spektrum reicht von Produktionsbetrieben mit mehreren hundert Mitarbeitern bis zu reinen Vertriebsniederlassungen.

Bevor die Entscheidung zugunsten der Tetra-Software fiel, unterzogen die Flender-Informatiker mehrere Standardsoftwarepakete einem Wirtschaftlichkeitsvergleich, bei der die Loesung aus England sehr gut abschnitt: Gegenueber dem SAP-Produkt R/3 spart der Getriebebauer innerhalb von fuenf Jahren 70 Prozent der fuer Softwarelizenzen und Wartung faelligen Kosten. In absoluten Zahlen handelt es sich um eine Differenz von sieben Millionen - kein Pappenstiel fuer ein Unternehmen, das sich am Ende eines harten Geschaeftsjahres mit einer knappen Marge zufriedengeben musste (siehe Kasten "Die Flender AG").

Ebenfalls in Mark und Pfennig zahlen sich zwei andere Eigenschaften des Tetra-Produkt aus: Es verlangt kein Datenbanksystem, und es laesst sich ohne grossen Personalaufwand bedienen (fuer die weiteren Anforderungen vgl. Kasten "Auswahlkriterien...").

Allerdings will Flender die momentane Krise des deutschen Maschinenbaus keineswegs nur durch ein straffes Kosten-Management meistern, sondern auch durch antizyklische Investitionen - insbesondere in die Informationstechnik, mit der die Effizienz des Unternehmens gesteigert werden soll. Als Beleg dafuer stehen ein im Aufbau befindliches Corporate Network und die parallel angestrebte Neuorganisation der Geschaeftsprozesse. IS-Leiter Oestreich haette sich eigenen Angaben zufolge auch nicht fuer Chameleon 2000 stark gemacht, wenn diese Entscheidung gegenueber moeglichen Alternativen groessere Abstriche in puncto Funktionalitaet bedeutet haette.

Zudem kommt die Tetra-Software dem Flender-spezifischen Geschaeft in einem wichtigen Punkt entgegen, den andere Softwareloesungen nicht beruecksichtigen. Da die Getriebe jeweils nach den Beduerfnissen des Kunden aus Einzelbausteinen montiert werden, ist es schwierig bis unmoeglich, das Erzeugnis mit Hilfe einer Produktnummer zu bezeichnen. "Wenn Sie fuer alle Varianten eine solche Nummer anlegen muessten, dann kaemen Sie auf mehrere Millionen", verdeutlicht Oestreich das Problem. Das Produkt werde bei Flender folglich ueber den jeweiligen Auftrag identifiziert.

Auch wenn der IS-Verantwortliche im Zweifelsfall einer Software von der Stange den Vorzug gibt - wo es dem Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal und damit einen Vorsprung vor der Konkurrenz verschafft, setzt er auf Eigenentwicklungen. Zu den Erfolgsfaktoren der Flender AG zaehlt er ein durchgaengiges Kundenauftrags-Management. Es wird mittlerweile von einer selbsterstellten Software-Applikation unterstuetzt.

Zielvorgabe war, jeden Auftrag von der Kundenanfrage ueber das Angebot und die Produktion bis zur Auslieferung und Fakturierung als einen fortlaufenden Prozess zu gestalten. Groesste Schwierigkeit dabei: verteilte Datenbestaende aus unterschiedlichen Vertriebszentren und Fertigungsstaetten einzubeziehen und stets konsistent zu halten. "Standardmaessig kann das kein PPS-System", musste Oestreich feststellen. R/3 beispielsweise nutze das zugrundeliegende Datenbanksystem lediglich als Container und kenne keine verteilte Verarbeitung. Die selbstgeschrieben Softwareloesung basiert auf einer verteilten Oracle-Datenbank und wurde komplett mit den zugehoerigen Tools entwickelt.

Nachdem Oestreich diesen Prozess soweit optimiert hat, dass er "die Auftraege quasi mit dem Porsche ans Fabriktor bringen" kann, will er nun die gesamte Fertigung ueberarbeiten. Wie die kuenftige Produktionssteuerung aussehen wird, hat er jedoch noch nicht entschieden. "Zunaechst muessen die organisatorischen Variablen definiert sein - nach dem Prinzip systematisieren, organisieren, automatisieren. Und dann werden wir nicht fragen: Welches Fertigungssteuerungs-System brauchen wir? Sondern: Brauchen wir ueberhaupt eins?"

Die Flender Engineering & Service Antriebstechnik GmbH hat auf diese Frage bereits eine Antwort gefunden. Nach einem im vergangenen Jahr initiierten Auswahlprozess bekam kuerzlich die Bremer-Vulkan-Tochter PS Systemtechnik den Zuschlag fuer die Installation ihres Unix- und Windows-basierten Fertigungssystems 4PM.

Die Esat-Informatik war aufgrund einer wechselvollen Firmenhistorie nur noch fuer Insider zu ueberblicken. Wie Logistikleiter Guenter Gornik berichtet, sind die SAP/R2- Anwendungen Finanz- und Anlagenbuchhaltung sowie das "Paisy"- System fuer die Personalabrechnung in die Datenverarbeitung Oberhausen GmbH (DVO) ausgelagert. Auch der Einkauf werde teilweise bei dem Outsourcing-Unternehmen abgewickelt, das sich derzeit noch voll in Babcock-Besitz befindet, aber demnaechst zu knapp drei Vierteln der IBM gehoeren wird. Materialwirtschaft und Kostenrechnung - mit einer Vielzahl von der ehemaligen Muttergesellschaft Thyssen Industrie uebernommener Mainframe- Programme - laufen sogar noch im Thyssen-Rechenzentrum.

Kurzum: Das Projekt erschoepft sich keineswegs darin, das neue Anwendungssystem sauber einzufuehren. Vielmehr muss 4PM auch mit den proprietaeren SAP-Modulen "RF" und "RA" sowie mit der Personalsoftware Paisy integriert werden. "Wir brauchen nicht nur ein System, sondern auch Organisationsunterstuetzung", lautet Gorniks Fazit.

Dass die PS Systemtechnik diese Unterstuetzung zusichern konnte, war nur einer der Gruende, die fuer 4PM sprachen. Nach Angaben von Esat- Geschaeftsfuehrer Klaus-Peter Deppermann hatte auch die Esat anfangs versucht, sich mit einer SAP-Loesung anzufreunden. Im Verlauf einer Voruntersuchung sei jedoch deutlich geworden, dass sich damit weder die notwendige Flexibilitaet noch eine gute Wirtschaftlichkeit realisieren liessen.

Die Aufgabe der Esat besteht unter anderem darin, als unternehmensinterne Feuerwehr quasi ueber Nacht kundenindividuelle Getriebe zu produzieren.

Jeder dieser Auftraege stellt einen in seiner Art einmaligen Bearbeitungsprozess dar. "Unser Servicegeschaeft laesst sich nicht langfristig planen, insofern benoetigen wir eine voraussetzungsarme Loesung", bekraeftigt Deppermann.

Der Anfang 1994 unternommene Versuch, die R/2-Materialwirtschaft "RM-Mat" einzufuehren, wurde deshalb eingestellt. Die Software erforderte zu viele Parameter, auf die sich die Esat nicht pauschal festlegen konnte. Dazu der Logistikleiter Gornik: "Es gibt sicher Unternehmen, bei denen das SAP-System effizient eingesetzt werden kann. Aber wir sind eben kein Hersteller von Serienprodukten mit langfristigen Plaenen fuer die Fertigung und vordefinierten Bearbeitungsprozessen." Ergaenzt Deppermann: "Wir muessen losgeloest von allen Zwaengen arbeiten koennen - gegebenenfalls unter Umgehung eines festgeschriebenen Regelwerks." Einige Softwareloesungen liessen es einfach nicht zu, "auf die Schnelle" am Telefon ein fehlendes Teil vorab zu ordern. Sie bestuenden konsequent auf Bestellnummern und definierten Stammdaten, die sie anschliessend aufbereiteten. Und dann schleppten sie diese eigentlich nur kurzfristig benoetigten Datensaetze lange Zeit durch das System.

Mit einem blossen Materialwirtschafts-Paket waere Gornik zufolge ohnehin nur ein geringer Teil des Esat-Geschaefts abgedeckt. Aussen vor blieben dabei Konstruktion, Projektierung, Auftragsbearbeitung, Fertigung, Arbeitsvorbereitung und Engineering. Das PS-Produkt bietet Module fuer diese Anwendungen und ist darueber hinaus, so formuliert es Oestreich aus der Sicht des zentralen Informations-Managements, "explizit auf Servicefertiger zugeschnitten".

"Wir werden auf keinen Fall versuchen, den Konzern um der blossen Einheitlichkeit willen zu normieren", erklaert der IS-Stratege. In Bereichen, die Synergieeffekte versprechen, bemuehe er sich immer um einen "gemeinsamen Standard". Aber Esat stelle im Konzern nun einmal einen Sonderfall dar und lassen sich deshalb mit keinem anderen Flender-Unternehmensteil zusammenfassen.

Derzeit sind Gornik und sein Projektteam - bestehend aus Mitarbeitern der Esat-Fachbereiche und der PS Systemtechnik - dabei, das Feinkonzept zu erstellen. In zwei Monaten wollen sie mit der Installation der ersten Anwendungseinheiten beginnen. Wenn Anfang 1997 planmaessig das letzte 4PM-Modul eingefuehrt ist, wird die Flender-Tochter auch ihre Unternehmensstrukturen komplett umgestaltet haben. Denn bei diesem Re-Engineering richten sich Deppermann und Gornik eigenen Angaben zufolge weitgehend nach der Funktionalitaet der Standardsoftware.

"Das heisst selbstverstaendlich nicht, dass wir gewachsene und vernuenftige Geschaeftsprozesse bedingungslos an die Software anpassen", verteidigt der Geschaeftsfuehrer diese Entscheidung. "Vielmehr ist es unser Ziel, die gekauften Programme moeglichst wenig zu veraendern und gleichzeitig unsere Strukturen dahingehend zu verbessern, dass wir die Vorteile einer modernen DV-Loesung zur Effizienzsteigerung nutzen koennen."

Angesichts der vielgestaltigen Flender-Software draengt sich die Frage nach der inneren Integritaet und Konsistenz der Informationssystem auf. Der fuer die Auslandsgesellschaften zustaendige IS-Manager Mondry hat darauf eine einfache Antwort: "Wir wollen primaer nicht unsere DV verbessern, sondern unser jeweiliges Geschaeft; und wir erwarten von jedem Betrieb, dass er das so gestaltet, wie er es vom unternehmerischen Standpunkt aus fuer richtig haelt."