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29.07.1994

Erster Linux-Kongress in Heidelberg Public-Domain-Unix erregt Interesse bei Softwarehaeusern

Von Rene Schoenfeldt

Ohne Hardwarewechsel haben PC-Anwender selten die Chance, vom MS- DOS-Betriebssystem auf Unix zu wechseln. Nicht jeder will jedoch das Geld fuer eine Workstation und ein im Vergleich zu DOS teures Unix-System ausgeben. Abhilfe schafft jetzt das erste nichtkommerzielle Betriebssystem Linux. Es ist sowohl fuer private als auch fuer professionelle Anwender interessant und - im Gegensatz zu allen anderen PC-Unix - kostenlos.

Die Chancen fuer Linux waren das Thema des ersten internationalen Linux-Kongresses, der am 30. Juni und 1. Juli 1994 in Heidelberg stattfand. Dort wurde auch erklaert, warum das Betriebssystem so konkurrenzlos guenstig ist. Unter dem Motto "Linux - Power fuer die Praxis" zeigten 20 Entwickler aus Skandinavien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und den USA, dass das Gratis-Unix mittlerweile den Vergleich mit kommerziellen Unix-Varianten fuer PC, etwa Solaris, aushaelt.

Linux, das vor drei Jahren von dem Informatikstudenten Linus Torvalds aus Finnland entwickelt wurde, hat mittlerweile alles, was einen einfachen PC zu einer regelrechten Workstation macht: Mehrbenutzerfaehigkeit, Multi-

tasking, elektronische Post, einfacher Zugang zu internationalen Datennetzen. Sogar die grafische Unix-Standardoberflaeche X11 ist vorhanden.

Bemerkenswert ist die Herstellung: Die Linux-Entwickler arbeiten naemlich in ihrer Freizeit und ohne Bezahlung. Sie programmieren die einzelnen Betriebssystem-Komponenten in zahlreichen Nachtschichten irgendwo in den USA oder Europa und schicken sie dann ueber Internet nach Helsinki an Linus Torvalds. Dieser ueberprueft die eingegangenen Programme und fuegt sie dem bereits bestehenden Paket hinzu. Zusaetzlich uebernimmt er die kostenlosen Programme der amerikanischen "Free Software Foundation". Ueber Internet gibt er schliesslich bekannt, wann wieder eine neue Version reif ist und erteilt ihr eine Versionsnummer. Das offizielle Release 1.0 wurde erst kurz vor dem Heidelberger Kongress freigegeben.

Mit ihrem Engagement fuer nichtkommerzielle Software erscheinen die in Heidelberg versammelten Linux-Vaeter (Frauen waren nicht dabei) eher wie eine internationale Computer-Buergerinitiative als ein Unternehmen, das weltweit arbeitsteilig Software erstellt und verbreitet.

Weshalb setzen sich die Linux-Leute aber fuer ein Dateisystem oder einen Festplattentreiber so leidenschaftlich ein wie andere Menschen in Stadtteilinitiativen oder Parteien? Sicherlich nicht wegen des Geldes. Der Informatikstudent Stefan Probst ist das Erlanger Mitglied des Linux-Support-Teams und bietet eine Linux- Zusammenstellung auf CD an. Probst: "Mit den Preisen fuer unsere Distribution bekommen wir gerade mal die Kosten fuer unsere Hardware herein." Bleibt als Motivation der Spass an der Sache und die Freude am Programmieren, die auf dem Heidelberger Kongress besonders in den Pausengespraechen zum Ausdruck kamen.

Viele Programierer treibt auch das Gefuehl, an einer Bewegung teilzunehmen, die Softwaregeschichte schreibt. "Linux ist eine Art Anti-Establishment-Betriebssystem", erklaerte Erfinder Torvalds und spielte damit auf die Produkte der grossen Softwarehaeuser an. Er vertrat die Ueberzeugung, dass Software "frei" sein soll. Das heisst nicht, dass die Programme immer kostenlos sein sollen, sondern dass es erlaubt ist, sie zu veraendern, anzupassen und auch weiterzugeben. Deshalb wird Linux auch nach den Bestimmungen der "General Public Licence" der "Free Software Foundation" verbreitet, die verlangt, dass der Quelltext immer mitgeliefert wird.

Zum praktischen Kennenlernen von Linux ist keine teure Rechnerausstattung notwendig. Schon mit einem 386er-Prozessor, 4 MB Arbeitsspeicher und 20 MB freiem Festplattenspeicher kann man sich eine Grundversion zum Ausprobieren auf den Rechner holen. Wer sich dabei nicht ganz von MS-DOS verabschieden will, kann DOS- Anwendungen unter Linux weiterverwenden. Der in Heidelberg vorgestellte Emulator "Wine" ermoeglicht es sogar, Windows- Programme zu nutzen.

Eine CD- und Literaturuebersicht sowie Beratung fuer den Einstieg kann man ueber das Info-Telefon der Buchhandlung Lehmanns (0130- 4372) erhalten. An das Linux-Programmpaket zu kommen ist mittlerweile sehr einfach. Linux-Versionen sind weltweit auf Rechnern des Internet oeffentlich zugaenglich und koennen kostenlos kopiert werden. Wer keinen Netzzugang hat, greift auf sogenannte Distributionen zurueck, ausgewaehlte Pakete mit allen Betriebssystem-Teilen, die auf Disketten oder einer CD zusammengestellt sind. Sie sind nicht kostenlos, bieten dem Nichtexperten aber die Moeglichkeit, Linux ohne viel Hackerei auf den heimischen Rechner zu bringen. Waehrend des Heidelberger Kongresses zeigte sich, wie sehr Menschen ausserhalb der engen Entwicklergemeinde mittlerweile an Linux interessiert sind: Auf 100000 wird die Zahl der aktiven Leser der Internet-Newsgruppen zu Linux geschaetzt.

Die ersten Unternehmen, die unter Linux Programme entwickeln, sind gegruendet. Schon gibt es Anwendungsprogramme groesserer Hersteller, die ihre Produkte auf Linux anbieten, und seit Maerz dieses Jahres wird in den USA das monatliche "Linux Journal" herausgegeben.

Rene Schoenfeldt ist freier Autor in Heidelberg.