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18.01.1980

"Es besteht kein Anlaß zum Trübsalblasen"

Mit Hans Jürgen Schwab, Geschäftsführer der Diebold Deutschland GmbH, sprach Dieter Eckbauer

- Herr Schwab, wenn man Computerfirmen zum Jahreswechsel befragt, wie die Geschäfte gelaufen sind, dann bekommt man Antworten, wie sie Politiker am Abend nach einer Wahl abgeben: Es gibt keine Verlierer, sondern nur Gewinner. Wie beurteilt der Marktforscher die Entwicklung des DV-Marktes im abgelaufenen Jahr?

Ich glaube, daß bei den Beteiligten kein Anlaß zum Trübsalblasen besteht. Das letzte Jahr war für alle im Markt Beteiligten ganz ausgezeichnet.

- Bei welcher Wachstumsrate sprechen Sie denn von "ausgezeichnet"?

Überall da, wo die gesteckten Planungsziele erreicht worden sind, liegen die Voraussetzungen für das Prädikat "ausgezeichnet" vor.

- Ich möchte Sie doch zu einer Zahlenangabe provozieren, denn die DV-Industrie gilt ja immer noch als Wachstumsbranche par excellence.

Der DV-Markt war während der ganzen 70er Jahre ein Wachstumsmarkt. Wenn man mal von einzelnen Faktoren absieht, ist er bisher selbst von konjunkturellen Einbrüchen, wie sie um die Mitte der 70er Jahre stattfanden, vergleichsweise nur wenig berührt worden.

- Dann meinen Sie also nicht, daß die Computerbranche durch eine Abschwächung der Konjunktur beeinträchtigt werden könnte, wie sie von Wirtschaftsexperten für 1980 vorausgesagt wird?

Richtig. Ich gehe davon aus, daß der DV-Markt in seiner Gesamtheit für die 80er Jahre eine ganz zentrale Wachstumskomponente für die Gesamtwirtschaft sein wird. Lassen Sie mich das begründen. Die Computerisierung steht heute ungefähr da, wo die Motorisierung der 20er Jahre, anfang der 30er Jahre gestanden hat. Damit ist auch ausgedrückt, wenn ich bei diesem Analogbeispiel bleibe oder eine Analogie zur Motorisierung ziehe, was für Entwicklungen diese Branche vor sich hat.

- Man hat damals gesagt, daß die Automobilindustrie nur dann gute Wachstumschancen habe, wenn die entsprechende Zahl an Chauffeuren ausgebildet wird. Nun hat sich aber doch gezeigt, daß man ein Auto entwickeln konnte das jedermann fahren kann. Wird sich das im DV-Bereich ähnlich abspielen?

Die Prognose geht im wesentlichen davon aus, daß wir die Anwendung der Computertechnik in einem Umfang vereinfachen und auf Benutzer-Zielgruppen zuschneiden, wie sich das heute viele Systementwickler und Programmierer nicht vorstellen können. Wie intensiv sich die Computerisierung der Arbeitsplätze im Büro entwickelt, veranschaulichen einige Zahlen: 1970 gab es in der Versicherungsbranche pro 100 Verwaltungsplätze einen Computerzugriff über Terminals und Bürocomputer, 1978 waren es schon zwölf und 1985 werden es zwanzig sein. Die entsprechenden Zahlen für die Industrie lauten: 0,1 für 1970 vier bis fünf für 1978 und acht bis zehn für 1985. Über alle Branchen rechnet man damit, daß bis 1985 rund zehn Prozent aller Verwaltungsplätze direkten Zugriff zu Computern haben werden.

- Demnach wäre es eine einseitige Darstellung, immer den Engpaß "Mensch", also das Fehlen an Spezialisten, in den Vordergrund zu stellen?

Gewiß, das weitere Wachstum wird ganz wesentlich davon bestimmt, inwieweit es gelingt, die Infrastruktur für den Vertrieb, für den Service und natürlich insbesondere für die Implementierung von solchen Lösungen auf- und auszubauen. Die Nachfrage- und Bedarfsstruktur nach Rationalisierungsmitteln wie dem Computer ist nicht in erster Linie von einzelnen konjunkturellen Schwankungen bestimmt, sondern von der Frage: Wie kann ich dieses Werkzeug, das in seinen Möglichkeiten noch gar nicht voll ausgeschöpft ist, überhaupt zweckentsprechend einsetzen?

- Nun ist offenkundig, daß es zu wenig EDV-Spezialisten gibt. Wie kann das Ausbildungsproblem gelöst werden?

Sicher nicht, indem man noch mehr EDV-Spezialisten ausbildet und in den Markt bringt. Wichtig ist, daß in allen Berufsdisziplinen ein ergänzendes aber sehr spezifisches DV-Wissen vermittelt wird. - Standardsoftware ist, speziell für On-line-Verarbeitung, am Markt so gut wie überhaupt nicht vorhanden. Diese Software zu entwickeln ist mit den bisher vorhandenen Mitteln sehr zeitraubend. Könnte nicht von daher ein Einsatzstau entstehen?

Das sehe ich auch als Bremsfaktor der Marktentwicklung an. Wenn es nicht gelingt, den Prozeß von Konzeption, Konstruktion und Implementierung erheblich zu verbessern und zu vereinfachen, dann kommt es zu dem genannten Stau. Aber hier dürfen wir nicht den großen Wurf eines genialen Erfinders abwarten. Das ist vielmehr eine Frage der Überführung der Softwareentwicklung zu ingenieurtechnischen Prinzipien.

- Herr Schwab, lassen Sie uns etwas konkreter werden und in Zahlen einsteigen: Welches durchschnittliche Marktwachstum erwarten Sie für 1980 bei den Rechnergruppen Universalrechner, Minicomputer, Prozeßrechner, Bürocomputer und Personalcomputer sowie bei Terminals, Textverarbeitungssystemen und Standardsoftware?

Wir müssen zwischen Absatz- und Bestandswachstum unterscheiden. Ich möchte mich zunächst auf das Bestandswachstum konzentrieren und dabei die Wachstumsraten wie folgt klassifizieren kleiner als fünf Prozent, größer als 20 Prozent und so weiter. Wenn wir das so strukturieren, kann man sagen, daß wir bei großen Rechnern stückzahlmäßig unter fünf Prozent Bestandswachstum liegen werden. Bei Minicomputern werden die Wachstumgrößen zwischen 10 und 20 Prozent liegen. Bei Textsystemen, Terminals und Standardsoftwareprodukten liegt das Wachstum bei mehr als 20 Prozent. Unter Standardsoftwareprodukten verstehe ich Pakete, die unter einer Lizenznummer als echtes Serienprodukt in den Markt gebracht werden. Dann gibt es noch die Ausnahmeerscheinung, daß man einen völlig jungfräulichen Markt betritt, wie das bei Personalcomputern der Fall ist. Hier können Sie davon ausgehen, daß das Wachstum größer als 100 Prozent sein wird, weil wir im Augenblick nur eine geringe Bestandsbasis haben.

- Datenverarbeitungssysteme werden laufend billiger. Können denn bei dem von Ihnen genannten Mengenwachstum die gewünschten Umsatzziele überhaupt erreicht werden? Mit anderen Worten: Können die Hersteller diese Preisreduzierung über das Mengenwachstum kompensieren?

Durchaus, und zwar zum einen durch erhöhten Mengenabsatz und zum anderen durch das Angebot neuer Funktionen im einzelnen Gerät. Wir haben heute eine ganze Reihe von Anwendungen, die noch gar nicht computerisiert sind. Man muß sich künftig Computerfunktionen vorstellen, die zum Beispiel über das Telefon zu realisieren sind. Das Telefon wird ein Computerterminal sein, das neben der Sprache auch Daten und später in Verbindung mit dem Bildschirm auch Bilder überträgt.

- Wie weit hat sich Diebold in den vergangenen Monaten selbst revidieren müssen - oder sind alle Ihre Prognosen eingetroffen?

Wir liegen mit unserer Studie, die den Gesamtmarkt der Informationstechnologie umreißt, insgesamt sehr gut. Das heißt: Bei unseren Vorhersagen über Bürocomputer, Großrechner und auch Terminals sind wir eigentlich extrem genau. Wir haben lediglich den Markt für Textsysteme im Wachstum bislang zu niedrig eingeschätzt insbesondere den für Stand-alone-Textsysteme. Hier haben wir das Wachstum in der Größenordnung von 10 oder 20 Prozent zu niedrig eingeschätzt. Es ist interessant, daß die Durchdringung des Marktes um so breiter und schneller ist, je einfacher die Endbenutzerfunktion und je schneller auf Grund besseren Handlings das Gerät genutzt werden kann.

- Wie sehen Sie die Budgetentwicklung bei den Anwendern? Werden diese dem Motto der Hersteller - Wachstum durch Umwandlung - folgen, das heißt älteres Equipment durch neue, vom Preis-Leistungsverhältnis her günstigere Systeme für das gleiche und sogar für mehr Geld einsetzen?

Ich glaube, die Frage wird sich künftig nicht mehr so stellen, weil die Budgets insgesamt immer größer werden und wesentlich mehr Komponenten haben werden als in den letzten zehn Jahren. In dieser Zeit hat das Budget - zwar mit rückläufiger Tendenz - die zentrale Rechner-Hardware bestimmt. Dort galt weitgehend das Angebot des Herstellers. IBM hat lange Zeit so verfahren: 30 oder 40 Prozent mehr Leistung, 10 Prozent mehr Preis. Das hat sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre - auch bei IBM - sehr geändert: Man hat sogar das System bei wesentlich mehr Leistung absolut billiger angeboten. Das wird für die zentrale Rechnerkomponente in der Zukunft auch so bleiben. Nur hat das dann nicht mehr den Stellenwert, weil der Anteil für die zentrale Hardware immer rückläufiger wird und die Budgetkosten für die gesamte Peripherie, die ganzen Kommunikationseinrichtungen, die Personalkosten und Hilfsmittel so in den Vordergrund treten, daß man das generalisiert nicht mehr fassen kann.

- Der Computer ist in völlig neue Anwendungsgebiete eingedrungen, er ist damit aber auch, Stichwort "Jobkiller", in neue Angriffsfronten gerückt. Besteht nicht die Gefahr, daß sich die Hersteller, die die Computerisierung forcieren, gesellschaftspolitisch selbst den Markt abgraben?

Ich habe immer die These vertreten, daß die Gleichsetzungen Computer gleich Jobkiller oder Computer gleich Rationalisierungsfalle unsachliche Vereinfachungen sind. Der Computer fördert, das hat sich gerade bei der Dialoganwendung gezeigt, den Strukturwandel am Arbeitsplatz, den wir ohnehin vollziehen müssen. Betrachten Sie die Herausforderungen, denen wir uns durch die Energieknappheit stellen müssen. Ihnen können wir ohne Computer gar nicht begegnen. Gerade die letzten zwei Jahre haben bewiesen, daß in solchen Bereichen, von denen man immer gesagt hat, daß zahlreiche Sekretärinnen, Fachleute oder Buchhalter freigesetzt werden, der Computer keine Arbeitsplätze vernichtet hat. Sie finden zum Beispiel am Arbeitsmarkt kaum eine Sekretärin. Heute macht die Sekretärin einen Wandel von der reinen Schreibkraft zur technischen Assistentin durch. Der Buchhalter wird im verstärkten Umfang mit analytischen, interpretativen und dispositiven Aufgaben versehen. Ich halte die Aussage "Jobkiller" für falsch, denn ich glaube, daß der Computer der Motor für beschäftigungsfördernde Innovationen sein wird. Das gilt darüber hinaus für die gesamte Digitaltechnik, die in immer stärkerem Umfang als Basistechnologie für veränderte Verfahren und Konstruktionen anzusehen ist.

- Welche neuen Technologien werden denn jetzt kommen? Womit muß sich der EDV-Leiter auseinandersetzen ?

Der DV-Manager wird immer stärker über die rein operativen Aufgaben seines Rechenzentrums hinauswachsen müssen und sich zum Manager und Controller, für Organisation und Information entwickeln. Neben der zur Selbstverständlichkeit werdenden Fähigkeit, die Integration von Computer-, Büro- und Kommunikationstechnik zu beherrschen, muß er die Informationsflüsse im Unternehmen technisch und betriebswirtschaftlich optimal steuern. Diese neuen Anforderungen erfordern erhebliches Umdenken. Die Beobachtungen zeigen, daß nicht jeder DV-Manager alter Prägung diesen Anforderungen gewachsen ist.