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22.03.1991 - 

Anwender zahlt Aufwand, den er nicht nutzen kann

Es gibt Standardsoftware - aber noch keine Standardunternehmen

"Soviel Standardsoftware wie möglich, soviel Individualsoftware wie nötig."

Dieses Prinzip hat sich bei der Entscheidung über kommerzielle

Großrechneranwendungen weitgehend durchgesetzt. Das Prinzip wird zum

Dogma, wenn über StandardsoftwareAlternativen nicht mehr nachgedacht

wird. Es setzt DV-Managern Scheuklappen auf und behindert wertvolle

Entwicklungen, die längst überfällig sind; so zum Beispiel bei CASE-Tools und

hohen Programmiersprachen.

Zweifellos gibt es gute Gründe, sich für Standardsoftware zu

entscheiden:

- Viele Anwender haben leidvolle Erfahrung mit eigenen DV-Projekten

gemacht, die einfach nicht zu Ende gehen wollen und Unsummen verschlingen.

- Oft herrscht der Glaube vor, daß Standardsoftware aufgrund ihres vielfachen

Einsatzes zu deutlich geringeren Stückkosten produziert werden kann als

Individualsoftware.

- Viele hegen die Hoffnung, durch regelmäßige Release-Wechsel "State of the

Art" zu bleiben.

- Nicht wenige sind überzeugt, daß die große Standard-Karawane auf zwar

ausgetretenen, aber sicheren Pfaden wandelt.

- Auch wird die Meinung vertreten, daß das Preis-Leistungs-Verhältnis vor der

Kaufentscheidung feststeht.

- Schließlich ist die Auffassung häufig anzutreffen, daß bei Softwarefehlern oder

Wartungsbedarf der Hersteller herangezogen werden kann.

DV-Verantwortliche, die das Top-Management mit diesen

Argumenten zur Anschaffung von Standardsoftware bewegen wollen, sollten

auch die Kehrseite der Medaille beleuchten, um sich vor späteren Vorwürfen zu

schützen:

- Die Entscheidung für Standardsoftware birgt Abhängigkeiten. Um es mit den

Worten Davidows auszudrücken: "Der Anwender geht eine

Schicksalsgemeinschaft mit dem Softwarelieferanten ein" und - was häufig

übersehen wird - bei proprietären Systemen auch mit dem Hardwarehersteller.

- Zur Integration in die bestehende Systemumgebung ist nicht nur erheblicher

Aufwand nötig, sondern es entstehen zusätzliche personelle Abhängigkeiten

von externen Beratern.

- Kreative Kräfte wie Systemanalytiker und Projektleiter wandern ab, wenn

ihnen nach der Standardsoftware-Einführung keine adäquate Aufgabenstellung

mehr zufällt.

- Die Entscheidung für Standardsoftware bringt in der Regel einen Rückschritt

auf die Programmierebene von vorgestern, nämlich auf Assembler-Niveau.

Was dies bedeutet, macht eine Umfrage klar, die der Autor im September 1989

bei 20 DV-Verantwortlichen durchführte, die Standardsoftware eines

bekannten deutschen Herstellers einsetzen.

16 der 20 Befragten hatten sich entschlossen, die Software auf

Assembler Level zu modifizieren, da die Anforderungen erheblich über den

Standard hinausgingen. 15 der 20 Befragten überschritten das vorgesehene

Budget um mehr als 100 Prozent. Bei diesen Befragten überstiegen die Kosten

für die Anpassung die Investition für die Software selbst.

- Standardsoftware-Hersteller stehen vor der Schwierigkeit, möglichst viele

Besonderheiten ihrer Kunden in das Endprodukt einzuarbeiten (es gibt

Standardsoftware, aber keine Standardunternehmen). Dies führt zu einem

"Dinosauriereffekt" beziehungsweise dazu, daß der einzelne Kunde

beispielsweise von 100 Prozent Software nur 20 Prozent nutzt. Der Einsatz von

Rechnerressourcen ist hoch - und der Anwender zahlt Entwicklungsaufwand,

den er nicht nutzen kann.

- Obwohl Standardsoftware-Häuser sich bemühen, viele anwenderspezifische

Anforderungen zu berücksichtigen, läßt es sich nicht vermeiden, daß ein Teil

der Kundenwünsche auf der Strecke bleibt, wenn nicht modifiziert wird. Da der

Aufwand für Modifikationen nicht nur groß, sondern auch schwer abschätzbar

ist, gehen die Anwender dazu über, die organisch gewachsene

Unternehmensstruktur über Bord zu werfen. Sie passen sich der

konfektionierten Software "der Einfachheit halber" an.

Durch diese Entscheidung wird ein marktwirtschaftlicher

Erfolgsfaktor ersten Ranges, nämlich die Individualität der im Wettbewerb

stehenden Wirtschaftssubjekte hinsichtlich ihrer Informationsströme und

Organisationsstrukturen zunichte gemacht.

Es muß gefragt werden, ob dieser "technische Sozialismus" nicht zu

einem neuen, uniformen und unbeweglichen Unternehmenstypus führt, in dem

Wettbewerb keine entscheidende Rolle mehr spielt.

Durch die offene Diskussion dieser Themen zwischen

DV-Verantwortlichen und Vorstand wird die strategische, ja kulturelle

Dimension der Entscheidung für oder gegen Standardsoftware transparent.

DV-Chefs, die diesen Prozeß anstoßen, beweisen, daß sie über den Tellerrand

des operativen Geschehens hinausblicken.