Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

10.10.2006

"Es wird weniger Jobs in Deutschland geben"

Der seit einem Jahr amtierende T-Systems-CEO Lothar Pauly kündigt der hiesigen Belegschaft im Gespräch mit CW-Redakteur Joachim Hackmann tiefe Einschnitte an.

CW: Der CEO der Deutschen Telekom AG, Kai-Uwe Ricke, hat kürzlich in einem Sieben-Punkte-Programm einen Maßnahmenkatalog für den Konzern vorgestellt. Was kommt im Zuge dieses Vorhabens auf T-Systems zu?

Lothar Pauly

Nach 18 Jahre im Siemens-Konzern weiß Lothar Pauly offensichtlich, wie Großunternehmen funktionieren. Bei der Siemens AG stieg er kontinuierlich auf, zuletzt war er CEO des Unternehmensbereichs Communications. Im Oktober 2005 wechselte Pauly als Leiter der T-Systems International in den Vorstand der Deutschen Telekom, noch bevor Siemens große Teile der kränkelnden Com-Sparte in ein Joint Venture mit Nokia einbrachte. Bei T-Systems trat Pauly die Nachfolge von Konrad Reiss an, der im April 2005 überraschend gestorben war. Innerhalb von nur einem Jahr stieg Pauly neben Mobilfunkchef René Obermann zum zweiten starken Mann hinter Telekom-CEO Kai-Uwe Ricke auf. In dem vom Telekom-Chef geplanten Konzern-Umbau spielt Pauly eine Schlüsselrolle: Er soll das IT-Budget um eine Milliarde Euro kürzen und das interne Produktionsnetz modernisieren. (jha)

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

582350: Das ungekürzte Interview.

Pauly: Das Programm formuliert unter anderem die Ziele des Geschäftskundensegments, also von T-Systems. Neben einigen finanziellen Eckpunkten besagt es, dass wir in allen Kundensegmenten eine Marktposition unter den ersten drei in Europa erreichen wollen.

Darüber hinaus hat der Vorstand einige Forderungen in Sachen Innovationen und zum Thema Service aufgestellt, die für alle drei Geschäftsfelder gelten. Bei T-Systems geht es insbesondere um das Thema ICT (Information and Communication Technology). Ein anderer Schwerpunkt im Sieben-Punkte-Programm ist die Effizienzsteigerung …

CW: … in deren Rahmen die Telekom fünf Milliarden Euro einsparen will.

Pauly: Dahinter verbirgt sich auch meine erweiterte Aufgabe, und zwar die Verantwortung für die gesamte Produktion inklusive Netzbetrieb und -management sowie für den Einkauf und die Konzern-IT. Ein Großteil der angestrebten Einsparungen fällt in diesen drei Segmenten an.

CW: Mit der Übertragung der Verantwortung der internen IT an T-Systems, also dem Haus- und Hoflieferanten, macht die Telekom den Bock zum Gärtner. Einsparungen im IT-Budget schmälern Umsatz und Gewinn von T-Systems.

Pauly: Vorstand und Aufsichtsrat geben mir den Vertrauensvorschuss, dass ich als Konzernvorstand im Sinne des Ganzen handele. Ich habe bereits das IT-Excellence-Programm der Telekom als Pate verantwortet, in dessen Rahmen wir eine Milliarde Euro pro Jahr einsparen wollen - also tatsächliche Budget-Einsparungen. Das machen wir durch besseren Einkauf für Leistungen von außerhalb des Konzerns sowie Standardisierung der Prozesse und der Servicepakete.

Außerdem haben wir uns bei unseren IT-Leistungen an die Telekom mit Hilfe von Benchmarks wie die Besten im Markt aufgestellt. Das schmälert zwar kurzfristig unseren Umsatz, sichert uns aber auf längere Sicht externe Kunden, weil wir uns intern fit gemacht haben. Und letztlich darf man nicht vergessen: Wenn T-Systems IT-Aufgaben des Konzerns bei sich bündelt, führt das zu weniger Aufträgen für externe Lieferanten. Davon profitiert der Konzern ganz erheblich.

CW: Haben Sie die Neuausrichtung bereits abgeschlossen?

Pauly: Die Benchmarks, ja. Mit der neuen Aufgabenverteilung im Vorstand bin ich jetzt auch disziplinarisch verantwortlich. Peter Sany als CIO der Telekom und Hamid Akhavan als Verantwortlicher für Netztechnik und Einkauf berichten direkt an mich. Alle Netztechnik-Chefs der Einheiten berichten an Akhavan, alle IT-Leiter aus den Geschäftsfeldern an Sany.

CW: Gerüchten zufolge verkauft EDS seinen Field-Service.

Pauly: Das kann ich mir gut vorstellen. In diesem Segment verdient heute keiner mehr Geld.

CW: Der zweite Teil des Gerüchts besagt, T-Systems habe Interesse an einer Übernahme.

Pauly: Nein. Wir haben selbst ein Restrukturierungsprogramm für unseren eigenen Feldservice gestartet. Ziel ist es, nur noch Managed-Desktop-Services über Fernwartungsdienste zu betreiben. Den Service vor Ort möchten wir gerne von Dritten machen lassen.

CW: Wollen Sie auch Ihren Vor-Ort-Service verkaufen?

Pauly: Wir wollen ihn anders strukturieren. Ob das in einen Verkauf mündet, werden wir sehen. Wir verdienen im Field-Service kein Geld. Das kann so nicht bleiben. Das Problem in diesem Segment ist, dass nach Telekom-Tarif gut bezahlte IT-Mitarbeiter ihre Zeit damit verbringen, 40 oder 50 PCs an entfernten Standorten zu betreuen. Diese Flächenversorgung geht heute nicht mehr. Ein Field-Service ergibt nur dort einen Sinn, wo wir viele PC-Arbeitsplätze an einem Standort unter Vertrag haben. Das gilt etwa für Bonn, wo wir neben der Telekom-Zentrale auch die Rechner der Deutschen Post betreuen. Hier rechnet sich ein solcher Service.

CW:T-Systems hat vor einigen Monaten angekündigt, insgesamt 5500 Mitarbeiter zu entlassen. Bleibt es dabei?

Pauly: 5000 Stellen werden wir in der für Konzerne und große öffentliche Institutionen zuständigen Einheit Enterprise Services abbauen, 500 weitere in der Zentrale. Die Pläne haben wir im November vergangenen Jahres veröffentlicht, und dabei bleibt es auch. In der für das Geschäft mit Groß- und Mittelstandkunden zuständigen Einheit Business Services haben wir deshalb nichts angekündigt, weil die rechtliche Verschmelzung der einzelnen Quelleinheiten noch nicht abgeschlossen war. Die kam erst mit der Hauptversammlung der Deutschen Telekom im Mai 2006.

In der Zwischenzeit haben wir uns Business Services genauer angeschaut. Im Laufe des nächsten Jahres fallen dort 1600 Stellen weg. Mit den Betriebsräten und Gewerkschaften haben wir schon gesprochen, aber das ist noch nicht verhandelt.

CW: Bislang hat man von T-Systems wenig Off- und Nearshore-Aktivitäten gesehen. Wird sich das ändern?

Pauly: Ja, der harte Wettbwerb zwingt auch uns dazu. Wir haben größere Offshore- und Nearshore-Standorte eingerichtet. In Pune in Indien arbeiten zurzeit 700 Mitarbeiter für unsere Geschäftseinheit Systemintegration. In Kosice in der Slowakei haben wir einen neuen Rechenzentrumsstandort eröffnet, in dem wir zurzeit rund 300 Mitarbeiter beschäftigen und weitere Einstellungen planen. Zudem unterhalten wir einen großen Standort in Ungarn in der Nähe von Budapest für User-Helpdesk-Services.

CW: Die Integration der Near- und Offshore-Niederlassungen in die Betriebsprozesse läuft dem Vernehmen nach nicht reibungslos. Was wollen Sie ändern?

Pauly: Die Einbindung des Rechenzentrumsbetriebs in Kosice läuft sehr gut, obwohl der Standort neu ist. Im Segment Systemintegration ist die Aufgabe schwieriger. Hier gibt es relativ viele Kleinaufträge, die teilweise auf Basis von Zeit- und Materialaufwand abgerechnet werden. Das sind Aufgaben, die sich schwer verlagern lassen, weil sie die kritische Masse nicht erreichen. Für einen Systemintegrationsauftrag im Wert von 300000 oder 500000 Euro lohnt sich der Aufwand nicht.

In der Systemintegration müssen wir Aufgaben stärker bündeln. Wir müssen mehr zu Projektaufträgen mit definiertem Zeit-, Kosten- und Qualitätsrahmen kommen. In solchen Projekten lässt sich ein Kosten-Mix aus Hoch- und Niedriglohnländern erzielen. Wir machen Fortschritte, sind aber noch nicht am Ziel. Wir müssen die heutige Quote von elf Prozent aus Niedriglohnländern deutlich erhöhen. In diesem Bereich haben wir schon etliche Züge verpasst. Wir müssen uns beeilen.

CW: Wie wird Ihrer Einschätzung nach die Beschäftigungssituation bei T-Systems in drei Jahren in Deutschland aussehen?

Pauly: Das hängt von zwei Einflüssen ab: Wie entwickelt sich die Umsatzverteilung zwischen Deutschland und dem Ausland? Wie intensiv müssen wir aufgrund des Preisdrucks die Kosten senken und eine Mischkalkulation mit Hoch- und Niedriglohnleistungen betreiben? Das sind zwei voneinander entkoppelte Prozesse, die aber beide in die gleiche Richtung weisen: In Deutschland wird die Zahl der Mitarbeiter zurückgehen, im Ausland wird sie steigen.

Ich kann heute keine verlässliche Aussage über die künftige geografische Verteilung der Mitarbeiter treffen. Sicher ist, dass wir einen Ausbau unseres internationalen Geschäfts anstreben. Heute erzielen wir 18 Prozent der Einnahmen außerhalb von Deutschland. Im Jahr 2010 sollen es 30 Prozent sein. Wir sind auf gutem Weg.

CW: Planen Sie Competence-Center für Spezialthemen in Deutschland, so dass weniger Jobs ins Ausland abwandern?

Pauly: Heute betreiben wir fast alle Competence-Center in Deutschland. Erst kürzlich haben wir ein Competence-Center "Mobile Ticketing" für den öffentlichen Personennahverkehr und den Fernverkehr in Hamburg eröffnet. Grundsätzlich können wir die hiesigen Arbeitsplätze nur mit Hilfe von Innovationen sichern.

Die Mischkalkulation aus Hoch- und Niedriglohnländer wird uns weniger Arbeitsplätze in Deutschland bescheren. Um es deutlich zu sagen: Wir arbeiten in einem deflationären Markt. Ein Preisverfall von 15 Prozent, in manchen Segmenten sogar von 20 Prozent, lässt sich mit konventionellen Mitteln nicht auffangen.

CW: Die Übernahme der VW-Tochter Gedas hat T-Systems einen Schub im internationalen Geschäft beschert, dürfte aber noch nicht das Ende der Wachstumsansprüche im Auslandsgeschäft bedeuten. Was planen Sie darüber hinaus?

Pauly: Wir werden organisch wachsen, davon bin ich überzeugt. Es wäre aber vermessen zu glauben, dass wir bis 2010 nur mit organischem Wachstum das Auslandsgeschäft auf einen Umsatzanteil von 30 Prozent verbessern können, das sind aus heutiger Sicht immerhin vier bis viereinhalb Milliarden Euro.

Wir mussten aber zunächst die Gedas-Übernahme erfolgreich zu Ende führen, um auch im Unternehmen das Vertrauen zu schaffen, dass wir große Akquisitionen verarbeiten können. Die Integration haben wir mittlerweile erfolgreich abgeschlossen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von 22 Prozent Wachstum im Auslandsgeschäft geht der Großteil auf das Gedas-Konto. T-Systems ohne Gedas konnte um sechs bis sieben Prozent im Ausland zulegen.

CW: Eine andere Übernahme ist weniger glücklich verlaufen. Wollen Sie die vom Versicherungskonzern Arag übernommene IT-Tochter Alldata verkaufen?

Pauly: Alldata hat T-Systems vor meiner Zeit gekauft, um Branchenlösungen für Versicherungen aufzubauen. Das werden wir so nicht fortführen. Daher müssen wir den vertikalen Sektor für die Finanzindustrie restrukturieren. Davon ist auch Alldata betroffen. Ob das in einen Verkauf mündet, ist offen.

CW: Also wird Alldata nach und nach aufgelöst?

Pauly:Wie gesagt, es ist noch nicht entschieden, wie wir genau vorgehen.

CW: Und Sie geben die Versicherungsbranche auf?

Pauly: Nein, das muss ein Missverständnis sein. Wir bedienen alle Branchen mit Infrastrukturdienstleistungen aus IT, TK oder der Kombination aus beidem. Wir machen 80 bis 85 Prozent unseres Umsatzes mit solchen horizontalen, branchenunabhängigen Services wie SAP-Hosting, Rechenzentrumsdiensten und Managed-Desktops.

CW:Die infrastrukturlastigen Services stehen allerdings unter besonderem Preisdruck.

Pauly:Ja, in diesen Bereichen ist es ein Skalenspiel, hier müssen Sie einfach Menge produzieren und Nearshore-Kapazitäten einbinden, um eine entsprechende Mischkalkulation bieten zu können. Durch unsere Größe haben wir die besten Voraussetzungen. Davon abgesehen fällt einem in den vertikalen Märkten auch nichts so einfach in den Schoß. u