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20.03.1987

ETH - Projekt Manto zur Schweizer Telekommunikation:Entscheidungsträger sind am Zug

BERN (CWS) - Wenn bis ins Jahr 2025 die Möglichkeiten der Telekommunikation "sinnvoll" genutzt werden, stehen namentlich auf dem Gebiet von Verkehr und Siedlung ungeahnte Entlastungen ins Schweizer Haus. Dies geht aus den Resultaten des ETH -Forschungsprojekts Manto hervor, dessen Schlußbericht jetzt vorliegt.

Bis zu 12 Prozent weniger Verkehr, bis zu 20 Prozent weniger Bedarf an baulichen Nutzflächen für Industrie - und Dienstleistungsbetriebe, bis zu 9 Prozent Einsparung an Energie. Doch was heißt "sinnvoll"? Das ETH - Forschungsprojekt Manto, unlängst vorgestellt, nimmt Chancen und Risiken einer Entwicklung vorweg, die nicht mehr aufzuhalten, aber noch zu steuern ist.

Zu den Chancen: Die Übermittlung von Daten kann den Transport von Gütern und Menschen ersetzen und verringert so das Verkehrsaufkommen und damit den Energiebedarf sowie die Belastung der Luft mit Schadstoffen. Da dank neuer Arbeits - strukturen weniger Gebäudefläche gebraucht wird, können Landschaften erhalten bleiben, und weil dezentralere Strukturen möglich sind, werden Randgebiete aufgewertet.

Zu den Risiken: Da neue Technologien aus wirtschaftlichen Gründen primär für die Rationalisierung von Arbeitsabläufen eingesetzt werden, verschwinden bis ins Jahr 2025 zwischen 100 000 und 500 000 konventionelle Arbeitsplätze. Manto kommt aber zu dem Schluß, daß diese Stellen durch neue Arbeitsplätze mit teilweise völlig veränderten Berufsbildern mindestens ersetzt werden. Eine weitere Gefahr besteht darin, daß soziale Spannungen entstehen, weil sich nicht alle gleich gut mit den neuen Techniken zurechtfinden und eine Minderheit dadurch zur Randgruppe der "telekommunikativen Analphabeten" (O - Ton Projektleiter Martin Rotach) wird.

Drei grobe Entwicklungsszenarien sind denkbar:

- Die "totale Informations - Gesellschaft" zeigt praktisch keine Widerstände gegen Telekommunikation. Allenfalls gibt es Probleme mit der erwähnten Randgruppe als Minderheit. Der große Rest der Gesellschaft ist konsumorientiert und profitiert voll von den Neuerungen.

- Die Grundhaltung der "technologieskeptischen Gesellschaft" gegenüber Neuerungen ist negativ, Telekommunikation wird nur dort eingesetzt, wo es nicht vermeidbar ist, zum Beispiel im Beruf aus Konkurrenzgründen. Im Heimbereich bleibt der Computer mit seinen Möglichkeiten "Spielzeug" einer technologie freundlichen Minderheit.

- Die "geteilte Informationsgesellschaft" beurteilt technologische Neuerungen differenziert und setzt sie nur dann ein, wenn sie die Effizienz nachweislich steigern und keine zusätzlichen Belastungen bringen. Grundsätzlich ist man offen für Veränderungen, auch wenn sie für den Einzelnen unangenehm sein können. Die Telekommunikation wird primär im professionellen Bereich eingesetzt, um die Arbeit zu vereinfachen. Weniger große Verbreitung findet sie im privaten Leben.

Riesige Einsparungen an Arbeitsfläche

Je nach Szenario, das eintreffen wird, lassen sich bis zum Jahr 2025 zwischen 20 und 60 Millionen Quadratmeter Arbeitsfläche einsparen und anderen Verwendungen zuführen. Der Personenverkehr läßt sich analog um 4 bis 9 Prozent seiner Leistung reduzieren; beim Pendlerverkehr sind es 8 bis 15 Prozent und beim Einkaufsverkehr sogar 15 bis 80 Prozent. Teleconsulting könnte von 360 000 bis 1,4 Millionen Erwerbstätigen angewendet werden.

"Solche Chancen", betonte Projektleiter Rotach, "fallen jedoch nicht einfach vom politischen Himmel, und man darf die Entwicklung nicht allein dem Zufall überlassen." Angezeigt wäre vielmehr ein gezieltes Handeln. Empfehlungen hierzu sind etwa: rechtzeitiges Bereitstellen der Infrastruktur, Ausbildung von Spezialisten, gerechter Zugang für jedermann zu jeder Zeit und an jedem Ort, leichte Bedienung der Geräte für alle, billige und einheitliche Tarife und ein umfassender Datenschutz.

Wie sich die Manto - Crew gezieltes Handeln vorstellt, erläuterte Rotach anhand von Swissnet: Anders als von den PTT geplant, könnte man sich als Regionalplaner vorstellen, daß der "Gelbe Riese" nicht wegen der großen Kunden zuerst die wichtigsten Zentren verbindet, sondern den Berggebieten Priorität einräumt, "doch das braucht einen politischen Entscheid".

Für das telekommunikationsfreundliche Szenario werden bis zum Jahr 2025 über 26 Millionen Geräte notwendig sein, welche - aufsummiert - immerhin 125 Milliarden Franken kosten, 600 000 Tonnen wiegen und pro Jahr 27 000 Terajoule (TJ) Elektrizität benötigen (alle Zahlen: Basis 1985). Die Kehrseite: Was passiert mit dem Abfallberg von ausgedienten Geräten? Er wird beim telekommunikationsfreundlichen Szenario auf rund 40 000 Tonnen jährlich geschätzt. Empfehlungen der Manto - Forscher hierzu sind: Typenprüfung aller Geräte, Entwicklung abfallfreundlicher Geräte, Regelung und Finanzierung der Entsorgung vor der Betriebsfreigabe.

Ebenso dringend werden Entscheide im Energiebereich benötigt. Den dank Telekommunikation möglichen Einsparungen von rund 90 000 Terajoule im Jahr (fossile Brennstoffe) stehen immerhin zusätzliche 27 000 Terajoule im Jahr (Elektrizität) gegenüber, die für den Betrieb der Geräte unerläßlich sind. Auch dazu gibt es Empfehlungen wie zum Beispiel die Entwicklung von Systemteilen mit geringem Energiebedarf oder aber dezentrale Elektrizitätserzeugung durch erneuerbare Energie.

Die Handlungsspielräume für die Entwicklung der Telekommunikation sind - noch -gegeben: Im Gegensatz zu anderen Technologien wird bei der Telekommunikation nicht schon durch die Technik allein bestimmt, ob sie primär nutzt oder schadet. Entscheidend ist, wie und wozu man sie gebraucht. "Es bestehen noch erhebliche Handlungsspielräume, meinte Rotach an die Adresse der Entscheidungsträger, "aber ein hoher Handlungsbedarf."

Am Projekt Manto, das auf dreieinhalb Jahre angelegt war und 3 1/2 Millionen Franken kostete, haben rund 40 Wissenschafter mitgewirkt. Sie glauben: "Unsere Empfehlungen zeigen, wo entschieden werden kann und etwas getan werden muß. So könnte Regieren plötzlich wieder mehr sein als bloßes Reagieren. Regieren wird wieder frühzeitiges Erkennen und rechtzeitiges Handeln."