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10.04.1987 - 

Großunternehmen tasten sich an die neuen Standards heran

Ethernet: Kein Ende in Sicht beim Turmbau zu Babel

MÜNCHEN -Der Begriff Ethernet in seiner ursprünglichen Bedeutung verblaßt zunehmend gegenüber dem, was sich bei der LAN-Standardisierung tut. Im Vordergrund stehen heute herstellerunabhängige Protokolle und Netzwerk-Softwareprodukte. Für viele Anwender allerdings sind die höheren Ethernet-Sphären noch böhmische Dörfer. Unabhängig von den neuesten Trends suchen sie nach individuellen Lösungen zur Vernetzung der einmal bestehenden DV-Landschaft.

Als größte Lockvögel dienen bei den derzeit angebotenen LAN-Komponenten die Begriffe Offenheit und Integration, die für den Kunden jedoch noch sehr verfänglich sind. Die Gründe: Bei den meisten lokalen Netzen handelt es sich um PC-Netze oder um herstellerspezifische Lösungen, wobei unter dem Begriff Ethernet oft Konzepte subsumiert werden, die lediglich das Zugriffsverfahren CSMA/CD nutzen.

Oberhalb der rein physikalischen Ebene ist als relevantes Protokoll für Ethernet zunächst die von Xerox entwickelte und weithin geläufige XNS-Norm zu nennen. Dazu Reinhardt Märzdorf, Produktmanager von Rank-Xerox: "XNS deckt alles von der Ebene 1 bis Ebene 7a ab Zu XNS gehört beispielsweise auch das Mailing und das Filing. Ebenfalls festgelegt ist das Benutzer-Interface beziehungsweise die Kommandosprache." Aus seiner Sicht ist die von Boeing forcierte TOP-Aktivität der erste Versuch, herstellerübergreifend eine ganz bestimmte auf den Bürobereich ausgerichtete Protokollarchitektur durchzusetzen. "XNS hat eben das Stigma, daß es allein - von Xerox entwickelt worden ist und deswegen ein herstellerspezifisches System darstellt." Er gehe jedoch davon aus, daß die geleistete Pioniertätigkeit seines Hauses in die Standardisierungsbemühungen von OSI miteinfließt. Bedauerlich sei es allerdings, daß die OSI-Mühlen so langsam mahlten.

Stark im Kommen auf dem Ethernet-Sektor ist das in Amerika entwickelte Protokoll TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol). Sein Vorteil besteht in erster Linie in der Einbindungsmöglichkeit von Unix-Systemen. Nach Angaben von Netzwerk-Spezialist Peter Chylla* hinkt gerade XNS neben dem fehlenden Unix-Touch auch noch in diversen anderen Punkten nach. Zum einen könne man mit Hilfe von XNS keinen aktiven Terminalverkehr realisieren. Außerdem seien die für den Zugriff auf entfernte Dateien notwendigen Features für eine heterogene Systemumgebung weniger geeignet als die TCP/IP-Normen. Chylla geht davon aus, daß "für eine nicht zu überschätzende Übergangsphase TCP/IP den Ethernet-Markt beherrschen wird". Es müsse allerdings noch enorm viel an Know-how auf der Anwenderseite entwickelt werden, um die sich im Rahmen dieser Protokollierung bietenden Möglichkeiten beherrschen zu können. Der Brancheninsider weiter: "Ich glaube im übrigen, daß in absehbarer Zeit die im Entstehen begriffenen ISO-Normen das UNIX-Protokoll ablösen werden." Von TOP hingegen hält er weniger. Es handele sich hierbei eigentlich nur um ein brillantes Schlagwort, das derzeit noch nirgendwo mit Produkten aufgeführt sei. Es gebe jedoch einen "interessanten Planungshorizont" für die nächsten zwei bis drei Jahre ab.

Für den Einsatz von XNS-Protokollen spricht sicherlich die Tatsache, daß sie erfolgreich auch auf anderen als Xerox-Produkten implementiert werden können. Als Manko erweist sich jedoch, daß es erst wenige Gateways für die nicht kompatiblen Normen XNS und TCP/IP gibt. Außerdem, so Märzdorf, deckt TCP/IP nicht alles bis zur Ebene 7 im OSI-Modell ab, sondern "bleibt etwas weiter unten stecken".

Daß der Filetransfer über TCP/IP klappt, ist spätestens seit der CeBIT einer größeren Anwenderschar bewußt. Wie sehr Theorie und Praxis jedoch auseinanderklaffen, zeigten die Besucherfragen an die auf dem Multinet-Stand in Hannover insgesamt 19 vertretenen Firmen. Viele Benutzer konnten sich unter dem TCP/IP-Protokoll herzlich wenig vorstellen, suchten den Gemeinschaftsstand aber auf, um sich in Hinblick auf ihre eigene spezifische Vernetzungsproblematik beraten zu lassen.

Vor dem Hintergrund der eigenen Systemumgebung erscheint das Thema Offenheit bei lokalen Netzen unter einem ganz anderen Blickwinkel. Hier wird versucht, die einmal bestehenden Systeme in einen Rechnerverbund zu integrieren. Viele Anwender sind mit einem Hersteller "verheiratet", was zur Lösung aus einer Hand führt. Dabei wird in Kauf genommen, daß das Netz an sich vielleicht kein Optimum an Leistungsfähigkeit bietet. Ein Teil der großen Anbieter selbst hat de facto nur ein bedingtes Interesse an wirklich offenen Netzen. LAN-Experte Peter Wurr: "Die Rechnerhersteller sagen zwar alle Hurra, wenn es um offene Netze geht, im Grunde genommen wollen sie aber alle ihre Herzogtümer und Königreiche gegen den Einbruch von Komponenten anderer Anbieter sichern."

Aus Experten- sowie aus Anwendersicht ist es zunächst einmal nebensächlich, welches lokale Netz installiert wird. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage, was im Rahmen eines Rechnerverbundes realisiert werden soll. Aufgrund der technologischen und organisatorischen Randbedingungen ergibt sich - so Wurr weiter - dann eine Lösung, die das eine oder andere technische Konzept favorisiere. Man könne auch nicht vom Ethernet-Markt sprechen, denn "Ethernet ist kein Produkt, sondern läßt sich mit dem Fahrgestell beim Auto vergleichen". Die Vorteile von Ethernet lägen in der ungeahnten Flexibilität, der Robustheit und der simplen Installation. Hervorzuheben sei des weiteren die hohe Durchsatzrate im Schwachlastbereich.

Großanwender bauen auf eigenes Know-how

Von jedem etwas - dadurch ist die Ethernet-Realität heute in den meisten großen Unternehmen gekennzeichnet. Das A und O stellen in diesen Fällen die Gateways und die Netzwerk-Software dar, wobei den Firmen zum Teil ihr eigenes Know-how zugute kommt. Beispiele für diese Kategorie sind die von der COMPUTERWOCHE befragte Technische Universität München, das Kernforschungszentrum Karlsruhe sowie das Institut für informationstechnische Infrastruktur der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD). Letzteres hat zwischen 70 und 80 Systeme über Ethernet miteinander verbunden. Dabei handelt es sich um VAX-Maschinen unter Berkeley Unix 4.2 bsd. und unter AT&Ts Unix, Sun-Systeme, die Targon 35 von Nixdorf, Cadmus-Rechner von PCS, einen Intel-Hypercube sowie Siemens-Mainframes 7.571 unter BS2000.

Auf dem Netz mit einer Länge von insgesamt 3 mal 500 Metern werden verschiedene Protokolle mit Repeatern gefahren. Das ist zum Beispiel TCP/IP mit der Anwendungs-Software, die bei Berkeley-Unix und Sun Microsystems standardmäßig dabei ist. XNS befindet sich nicht im Einsatz, aber Decnet, TCP/IP auf der Basis von Symbolics-Systemen der Reihe 36XX und ein eigenes Remote-Procedure-Protokoll. Die Anfänge des Ethernet-Verbundes reichen hier drei Jahre zurück; zuvor dominierten Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Die praktische Geschwindigkeit im Netz liegt bei 10 Megabit pro Sekunde.

Die genannten Systeme dienen hauptsächlich der Softwareentwicklung im technisch-wissenschaftlichen Bereich. Das GMD-Institut hat seine Erfahrungen zu 95 Prozent selbst gemacht. Dazu der für die Unix-Systeme zuständige Klaus Mies: "Wir waren da relativ früh dabei und konnten darum von den Herstellern überhaupt nicht profitieren, weil wir ja eine sehr inhomogene Umgebung versucht haben, zusammenzubinden und zu integrieren."

Neben Ethernet-Anbindungen wurden auch auf mehreren Rechnern Übergänge zum Datex-P-Protokoll X.25 geschaffen. Mies: "Wir haben relativ umfangreiche X.25-Installationen im Hause und benutzen einige Rechner, die auf der einen Seite am Ethernet hängen und auf der anderen Seite an X.25." Die Software-Integration zwischen dem Ethernet und dem öffentlichen Netz müsse allerdings noch vorangetrieben werden.

Zweites Anwendungsbeispiel ist das Leibniz-Rechenzentrum an der TU München. Hier sind zunächst einmal zwei Mainframes angeschlossen: die Cyber 875 und die Cyber 995 von Control Data. In einer nächsten Phase sollen Minis der VAX-Klasse und mehrere schon in Nachbargebäuden bestehende Ethernets angekoppelt werden. Insgesamt werden zur Zeit drei verschiedene Protokolle gefahren, die eine Ankopplung mehrerer Ethernets gestatten. An den beiden Großrechnern hängen neun CDC-Terminalserver und insgesamt 180 Datenendgeräte sowie Mikrocomputer von verschiedenen Herstellern.

Ein Teil der PCs im Leibniz-Rechenzentrum wird auch über die Netzwerk-Software Net/one von Ungermann-Bass an das Netz oder über Ethernet-Karten angeschlossen. Darüber hinaus sind über 40 sogenannte NUIs, ebenfalls von Ungermann-Bass, ungefähr 300 Datenendgeräte wiederum von unterschiedlichen Herstellern angeschlossen. Das CDC-Netz und Net/One sind XNS-orientiert. Es ist laut Alfred Lepple, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München, jedoch geplant, das mehr auf den Office-Bereich ausgerichte XNS auslaufen zu lassen und verstärkt auf TCP/IP umzusteigen. Alfred Lepple: "Die langfristige Strategie muß darauf ausgerichtet sein, von den firmenspezifischen Netzen wegzukommen." Erste Versuche mit diesem Protokoll sind bereits im Gange, und auch passende Server sollen zum Zuge kommen. Welcher Anbieter in diesem Zusammenhang favorisiert wird, steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht fest. Ein Grund für den Abschied von dem XNS-orientierten Net/One besteht darin daß das Münchner Hochschul-Rechenzentrum mit dem Service von Ungermann-Bass unzufrieden ist, seitdem diese Firma den Vertrieb in Deutschland selber übernommen hat. Hinzu kämen Schwierigkeiten mit den NUI-Servern, die nicht redundant ausgelegt wären. Der jetzige Ethernet-Verbund hat an der TU München ein AEG-Netz abgelöst. Diese Kommunikationsschiene konnte zum damaligen Zeitpunkt nicht weiter entwickelt werden. Lepple: "AEG war nicht dazu bereit, sich sämtlichen Systemänderungen von CDC zu unterwerfen. Immer wenn sich eine Änderung an den Kommunikationsrechnern vollzogen hatte, mußte das Unternehmen mit seinen Kommunikationsrechnern nachziehen. "

Lokale Netze ohne zentrale Verwaltung

Als Gateway-Rechner zu den öffentlichen Netzen dienen die Cyber-Mainframes. Der RZ-Mann: "Wir haben Zugriff zum Datex-P-Netz, zu Earn und zu DFN. Das geht alles über den Großrechner, damit eine zentrale Verwaltung gewährleistet ist." Die Schwierigkeit bei lokalen Netzen sei ja immer die, daß keine zentrale Benutzerverwaltung zur Verfügung stehe.

Auf die generelle Frage nach dem geeigneten Netz-Typus gab Lepple schließlich noch zu bedenken, daß ein offenes Netz mit viel Mehrarbeit verbunden ist, weil man verschiedene Hersteller unter einen Hut bringen und viel mehr Schiedsrichter spielen müsse, als wenn man ein Netz von der Stange kaufe. Die Realität sehe leider so aus, daß nicht ein Unternehmen eine Gesamtlösung anbiete, sondern man beispielsweise Terminalserver, Sternkoppler, Bridges und die Netzwerksoftware von jeweils verschiedenen Herstellern beziehen müsse. "So etwas wie Multinet gibt es in der Praxis noch nicht. Man muß sich sehr genau informieren und bei den Firmen Klinken putzen."

Das TCP/IP-Protokoll liegt auch beim Kernforschungszentrum Karlsruhe gut im Rennen. Nach gut zweieinhalbjähriger Zusammenarbeit ist es gelungen, den umfangreichen Maschinenpark mit Prozeßrechnern von Siemens und DEC, MicroVAX und IBM-Mikros vom Typ XT und AT sowie dazu kompatiblen Rechnern und den daran angeschlossenen Terminals, wie zum Beispiel Workstations von Rank-Xerox auf Ethernet umzupolen. Die Netzwerkkomponenten stammen unter anderem von den Unternehmen 3Com, Bridge und Hirschmann. Mit den bisherigen Erfahrungen und auch mit den Serviceleistungen von seiten der Anbieter ist das Karlsruher Unternehmen zufrieden.

Konkrete Aussagen über Produkte schwierig

Bei dem letzten von CW befragten Großanwender mit heterogenem Systemumfeld, der gerne inkognito bleiben möchte, lösten Punkt-zu-Punkt-Leitungen Ethernet ab. An dem Netz auf der Basis von Koaxialkabel und Breitband als Backbone hängen VAX und Mikrocomputer. Als Protokolle kommen XNS, TCP/IP und TCP/IP-Varianten sowie Server und Pads von Bridge zum Tragen.

Neben den Großanwendern, die sich schon jetzt auf die neuen Protokolle einschießen und hier auch eine gewisse Vorreiterrolle einnehmen, steht eine Vielzahl von Firmen mit herstellerspezifischen Lösungen. Entweder sind die Hardware und das Netzwerk-Equipment aus einem Guß, oder es kommt die LAN-Lösung eines Anbieters zum Zuge. Für letzteren Fall geben unter anderem die S&B Software GmbH und die Westminster Bank Beispiele ab. Beide fahren auf ihrem Ethernet-Netzwerk Software von 3Com. Das Softwarehaus, das auf seinem Netz die weiche Ware entwickelt, verfügt über einen Netzwerk-Server vom Typ PC AT mit zwei Platten und acht Arbeitsstationen. Nach Angaben von Geschäftsführer Michael Stockhaus hat sich die Entwicklungsproduktivität seit der Einführung des LAN drastisch erhöht. Wichtige Gründe für die Wahl der 3Com-Software bestanden in der Kompatibilität zum IBM-PC-Netzwerk-Stichwort Netbios- Kompatibilität), der Option eines Token-Ring-Anschlusses, der Verbindung zu Decnet und der Möglichkeit, auch eine VAX als Server anzuschließen. "Außerdem finden wir es gut, daß 3+ dieselbe Plattenverwaltung wie MS-DOS hat."

Unternehmen, die nicht soviel eigenes Netzwerk-Know-how haben, sind in der Regel auf Rat und Tat eines Anbieters oder eines Beraters angewiesen. Dazu nochmals der LAN-Fachmann Peter Chylla: "Der Anwender, der wirklich ein heterogenes System aufbauen will, sollte sich nicht an einen Hersteller allein wenden, sondern er sollte auf einen Berater zugehen." Die Aussagen über einschlägige Produkte seien schwierig, denn das könne "nächste Woche schon wieder ganz anders sein".

*Peter Chylla ist Mitautor des demnächst im Datacom-Verlag erscheinenden Buches "Ethernet-LANs".