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EU: Kommen die Telcos ohne Netz?

25.10.2007
Bei der bevorstehenden Neuordnung des TK-Marktes zeichnet sich ein handfester Interessenkonflikt zwischen der EU und Deutschland ab: Brüssel will die Carrier zwingen, ihre Netze auszugliedern.

Der 13. November 2007 dürfte für EU-Kommissarin Viviane Reding und für viele Anwender ein spannender Tag werden: An diesem Tag muss die Kommissarin ihren neuen Rahmenentwurf zum TK-Markt dem Europaparlament präsentieren. Das Dokument birgt, wie die Diskussionen im Vorfeld zeigen, viel politischen Sprengstoff. An Forderungen nach einer obersten EU-Regulierungsbehörde, der "European Electronic Communications Market Authority" (EECMA), oder an einer möglichen Ausgliederung der TK-Netze in eigene Betreiberorganisationen erhitzen sich die Gemüter. Dabei nimmt die Meinungsfront teilweise einen unerwarteten Verlauf, wenn sich etwa hierzulande die Telekom-Konkurrenten dafür aussprechen, dass der marktbeherrschende Carrier sein Netz in der heutigen Form behalten soll.

Das Beispiel Großbritannien

Bei Diskussionen um das Thema Functional Separation wird immer wieder die Regulierung von BT als Beispiel für die positiven Erfahrungen mit diesem Modell angeführt. Die dortige Regulierungsbehörde Ofcom kam 2005 zu dem Ergebnis, dass BT trotz Regulierung immer noch einen erheblichen Marktanteil an den Endnutzermärkten aufwies. Deshalb wurde die Frage erwogen, ob BT nach den Vorschriften des britischen Kartellrechts zerschlagen werden sollte. Um dies zu vermeiden, stimmte BT der Auslagerung des Access-Netzes in eine Access Services Division zu.

Diese Division agiert nunmehr als BT Openreach und ist eine Unternehmenseinheit von BT.

Als Unternehmenseinheit innerhalb des BT-Konzerns betreibt BT Openreach das Access-Netzwerk des Carriers. Als Dienstleister beliefert BT Openreach unternehmensinterne und unternehmensexterne Kunden nach dem Prinzip der "Equivalence of Access" mit Zugangsprodukten wie Telefonleitungen.

Hier lesen Sie ...

wie die EU sich eine Neuordnung des TK-Marktes vorstellt;

was Experten von einer Ausgliederung des Netzbetriebs halten;

welche Konsequenzen dies für Anwender haben kann;

warum die Telekom-Konkurrenten den Plänen ablehnend gegenüberstehen.

Mehr zum Thema

www.computerwoche.de/

589932: TK-Industrie vor dem Umbruch;

1218619: Regulierer will VDSL-Netz öffnen;

595690: Telcos: Tote Dose ohne Software.

Telcos als Lösungsanbieter

Die Frage nach der künftigen Regulierung der TK-Netze ist jedoch nur der formalrechtliche Aspekt einer Diskussion, die sich eigentlich darum dreht, ob die reine TK-Infrastruktur egal ob Glasfaser oder Kupferkabel - im All-IP-Zeitalter überhaupt noch einen Wert hat und die Marktteilnehmer nicht vielmehr künftig mit Services und Anwendungen untereinander konkurrieren. Von diesem Szenario, neudeutsch als Next Generation Networks (NGN) bezeichnet, ist beispielsweise Matt Bross, CTO der British Telecom Group, überzeugt. Er sieht auf die klassischen Telcos einen grundsätzlichen Wandel ihrer Geschäftsmodelle zukommen: "Früher agierten die Carrier als Infrastrukturbetreiber, heute sind sie in der Rolle eines Serviceanbieters, und künftig werden sie als Lösungsanbieter von Kommunikationssoftware auftreten." Mittel- beziehungsweise langfristig müsse die neue Positionierung der Carrier deshalb zu einer Änderung der Regulierungspolitik führen. Für Bross passt in die NGN-Welt nämlich eine Regulierung, die auf dem Infrastrukturwettbewerb basiert, nicht. Er ist davon überzeugt, dass die Netzbetreiber in naher Zukunft ihre Infrastrukturen öffnen sollten, so dass alle Beteiligten "diskriminierungsfrei" auf die Technik zugreifen können, womit er sich mit EU-Kommissarin Reding auf einer Wellenlänge befindet. Der eigentliche Wettbewerb fände dann auf der Ebene der Kommunikationsapplikationen statt. Eine Einschätzung, die auch Dan Bieler, Director Consulting European Telecommunications & Networking bei IDC und Autor der Studie "Next-Generation Networks: Prepare for the Global Revolution", teilt. In seinen Augen müssen die Telcos mit neuen Wettbewerbern wie IBM, Logica und anderen rechnen, die künftig ebenfalls Kommunikationsservices offerieren werden.

Abspaltung der Netze

Eine ähnliche Meinung vertritt der Verband der europäischen Regulierungsbehörden (European Regulators Group (ERG). In seinem an Reding gerichteten Positionspapier "ERG Opinion on Functional Separation" spricht er sich für eine Abspaltung des Netzbetriebs aus. Allerdings geht die ERG nicht so weit, dass sie eine strukturelle Zerschlagung der marktbeherrschenden Telcos fordert. Den Regulierungsbehörden schwebt unter der Bezeichnung "Functional Separation" vielmehr eine Ausgliederung des Netzbetriebs in einen eigenständigen Geschäftsbereich vor, wie es bereits in Großbritannien geschehen ist (siehe Kasten "Das Beispiel Großbritannien"). Dieser soll seine Leistungen zu gleichen Bedingungen an den Mutterkonzern sowie die Wettbewerber vermarkten. In ihrem Grundsatzpapier konkretisieren die Regulierer dann auch gleich ihre Vorstellungen: So dürfen Mitarbeiter des Netzbetriebs nicht für andere Unternehmensbereiche arbeiten, die Büros und Arbeitsplätze müssen baulich getrennt von den anderen Bereichen sein, innerhalb der Telco muss es - wie aus der Bankenwelt bekannt - eine "chinesische Mauer" zur Begrenzung des Informationsflusses geben.

Allerdings bezweifelt Joachim Trickl, Geschäftsführer beim virtuellen Netzbetreiber Vanco in Neu-Isenburg, dass die Anwender von einer "Functional Separation" wirklich profitieren. "Als virtueller Netzanbieter mit Hauptsitz in London konnten wir die dortige Entwicklung genau beobachten", so Trickl, "für unsere Kunden, global agierende Unternehmen, hat die Trennung von Infrastruktur und Service kaum positive Effekte gebracht." Lediglich regional habe sich ein besseres Serviceangebot herausgebildet.

Erstaunlicherweise hält man auch beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), in dem viele Telekom-Konkurrenten zusammengeschlossen sind, wenig vom Vorschlag der Functional Separation. Der Verband, der in der Vergangenheit immer wieder kritisierte, dass die Telekom ihren Wettbewerbern den Zugang zum Netz erschwere, glaubt schlicht nicht an eine Verbesserung der Wettbewerbsituation durch diese Form der Regulierung. Zumal für VATM-Sprecher Wolfgang Heer das Problem nicht im Core-Netz liegt, sondern im Access-Bereich, also der letzten Meile. "Von einem Euro Umsatz", so rechnet er vor, "bleiben den Anbietern knapp 50 Cent, denn 20 Cent müssen sie für die Interconnection mit anderen Netzen bezahlen und 30 Cent an die Telekom für Vorleistungen auf der letzten Meile." Noch drastischer fällt die Rechnung für die Wiederverkäufer von Telekom-Leistungen - also den Resalern - aus: Sie führen fast 90 Prozent ihrer Einnahmen an die Telekom ab. Angesichts dieser Zahlen erwartet Heer von einem anderen Regulierungsmodell und NGN kaum positive Effekte auf der Kostenseite.

Er hält in Sachen Regulierung zwei andere Punkte für viel entscheidender: Was passiert, wenn die Telekom im Zuge des VDSL-Ausbaus irgendwann die Hauptverteiler (HVTs) auch als Ortsvermittlungsstellen bekannt abschaltet? Müssen die Wettbewerber dann eigene Leitungen bis zu den Kabelverzweigern (KVZ) am Straßenrand verlegen? Neben diesem ungelösten Problem stört Heer an den EU-Vorschlägen noch, dass die Zahl von ursprünglich 18 Regulierungsmärkten (hierunter verstehen die TK-Fachleute unterschiedliche Services wie Terminierung, Verbindungsaufbau etc.) auf acht reduziert werden soll und der Rest ins einfache Kartellrecht überführt wird. Ferner befürchtet er bei einer funktionalen Trennung noch andere Schwierigkeiten: Wenn eine privatwirtschaftlich organisierte Telekom als Aktiengesellschaft ihr Netz ausgliedern muss, dann könnten die Anteilseigner womöglich Schadensersatz fordern.

Die Bundesnetzagentur als deutscher TK-Regulierer hält die Trennung zwischen Netzbetrieb und TK-Services nur für die Ultima Ratio. Zumal das Beispiel Großbritannien wenig mit der deutschen Regulierungsrealität gemeinsam habe, denn auf der Insel hätten die Wettbewerber ursprünglich nicht einmal eine Teilnehmeranschlussleitung vernünftig von BT bekommen.

Wer hat mehr Lobbyisten?

Letztlich bleibt abzuwarten, wer sich in Brüssel auf politischer Ebene durchsetzt: die umtriebige Viviane Reding oder die nationalen Interessengruppen mit ihrem Beharrungsvermögen. Sollten Letztere die Oberhand behalten, dann haben sie aber nur eine Atempause gewonnnen, denn die technische Entwick-lung in Richtung NGN können sie nicht aufhalten. Damit tritt aber der Infrastrukturwettbewerb - zumindest im Core-Netz - zwangsläufig in den Hintergrund. Allerdings wollen Insider wissen, dass das Verhältnis der Pro-Reding-Lobbyisten zu den Gegnern in Brüssel bei sieben zu eins liegt. (hi)