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160 Millionen Euro für den Einsatz in Schulen

EU setzt verstärkt auf E-Learning

08.06.2001
BRÜSSEL (CW) - Trotz der großen Erwartungen, die seit Jahren in moderne Lernmethoden wie das Web-Based-Training investiert werden, verstauben Computer in den Schulen, und Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter weiterhin auf externe Seminare. Grund genug für die Europäische Union, das Thema E-Learning zu fokussieren. Von Winfried Gertz*

Den Vorwurf, die Mühlen der europäischen Bürokratie würden zu langsam mahlen, will sich Brüssel nicht mehr gefallen lassen. Insbesondere in der Bildung, ohne deren Effizienz nach Meinung der Experten Europa im Wettstreit der Regionen langfristig den Kürzeren ziehen würde, sollen nun endlich neue Zeiten anbrechen. Viviane Reding, EU-Kommissarin für Bildung und Kultur, gibt schon mal die Richtung vor: "Bisher bewegt sich die Bildung wie ein riesiger Tanker. Mit neuen Schnellbooten wie E-Learning wollen wir aber an Tempo zulegen."

Unter dem zunehmenden Einfluss von IT, Telekommunikation und Internet haben sich die Grundlagen in Bildung und Wirtschaft bereits erheblich verschoben. Festgezurrt an der digitalen Nabelschnur müssen Unternehmen immer mehr in die Köpfe ihrer Mitarbeiter investieren, um sich im Wettbewerb vor dem drohenden Rückfall zu schützen. Zunehmend kürzere Produktzyklen und ein hohes Innovationstempo zwingen die Unternehmen, ihre Belegschaft schnell mit neuen Produkten und Verfahren vertraut zu machen. Lernen via Internet verspricht dabei mehrere Probleme auf einen Schlag zu lösen: Kosten für die Entsendung zu externen Seminare bei mehrtägiger Abwesenheit entfallen, auf der anderen Seite lassen sich Lerninhalte und berufliche Anforderungen beim E-Learning gezielt und ohne Zeitverlust verbinden.

Unternehmen investieren zu wenigDoch in der Praxis, beklagten die in Brüssel konferierenden Experten aus Politik, Wirtschaft und Bildung, halten sich Unternehmen nach wie vor zurück, wenn es um Investitionen in die Weiterbildung am Computer geht. Während in Konzernen bereits zahlreiche Projekte angestoßen werden konnten, sieht es im Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen ziemlich düster aus. Hier herrscht ebenso große Skepsis wie unter den öffentlichen Bildungsinstitutionen. Reding: "Dass E-Learning viel Potenzial mit sich bringt, wird in Schulen und mittelständischen Unternehmen noch nicht erkannt." Doch das soll sich nach Meinung der Kommission bald ändern.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Konzept der Public-Private-Partnership (PPP). Anders als bisher, wollen nun Politik und Industrie zu gunsten des E-Learning zusammenarbeiten. Mike Lawrie, General Manager von IBM in Europa, Afrika und den Mittleren Osten (Emea), sparte in Brüssel nicht mit Kritik: "Bisher dauert alles viel zu lange. Deshalb haben wir selbst die Initiative ergriffen." Big Blue schult nicht nur die eigenen Mitarbeiter per E-Learning, sondern hilft auch der öffentlichen Hand auf die Sprünge. Über das Weiterbildungsportal Global Campus im Intranet nutzen heute rund 100000 IBM-Mitarbeiter weltweit etwa 1400 E-Learning-Angebote, die von Tipps und Tricks für "Lotus Notes" bis zum Führungsentwicklungprogramm "Basic Blue for Managers" reichen.

Dabei lässt es IBM aber nicht bewenden. Allein 50 Millionen Dollar investiert der IT-Multi in das Forschungsprogramm "Reinventing Education" und gibt in zahlreichen PPP-Projekten den Takt vor: In Italien und Ägypten beteiligt sich IBM an der Lehrerausbildung, in Irland organisiert man eine Community für Lehrer, die online über die Verbesserung von Curricula diskutieren, und englischen Schulen hilft Big Blue bei der Entwicklung neuer Lehr- und Lernmethoden. "Europa hat die Chance zur Führung, doch haben wir in Europa auch die richtige Bildung?" sagte Lawrie.

Lehrer haben noch VorbehalteDass der Schulterschluss mit der öffentlichen Hand zu erstaunlichen Ergebnissen beitragen kann, stellte in Brüssel auch der amerikanische Netzwerkriese Cisco unter Beweis. "Optimal" so Emea-President Rob Lloyd, seien Theorie und Praxis per E-Learning in der Cisco-Netzakademie verknüpft. Bereits 35 226 Teilnehmer an insgesamt 1633 europäischen Institutionen büffelten für ihr Examen. Die vier Semester und rund 280 Stunden langen Kurse zum zertifizierten Netzwerkprofi sind heiß begehrt: Das schwedische Telekommunikationsunternehmen Telia stellte gleich eine komplette Absolventenklasse ein. Gegenwärtig werden 300 Cisco-Akademien in Polen eingerichtet, und zahlreiche Kirchengemeinden bieten die Ausbildung in sozialen Brennpunkten an. Schweden hat das Programm sogar für alle Schulen vorgesehen.

Doch nicht überall herrscht eitel Sonnenschein. Auch Cisco ist mit Widerständen konfrontiert, zum Beispiel in Kanada. Wie Lloyd mitteilte, argwöhnten dort Behörden, Cisco wolle die Bildungkanäle nur für eigene Zwecke missbrauchen. Kein Einzelfall, eher ein weitverbreitetes Phänomen, wie eine Studie der Europäischen Kommission belegt. Demnach werden seitens der Industrie übertriebene Erwartungen an technische Systeme geknüpft, auf der anderen Seite reagieren viele Lehrer mit Misstrauen, den Vormarsch der Technik nicht aufhalten zu können. Ihr Credo: "Education" ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern vor allem Erziehung.

Schulen mit Computer, Software und Internet-Anschluss auszustatten, ist für Kommissarin Reding allerdings eine Investition in ein schwarzes Loch, sofern nicht Lehrer und Schulleiter mit ins Boot genommen würden: "Sie sind die größten Barrieren für den Durchbruch von E-Learning." Wenn der Schulleiter sich sperre, resignierten auch die Lehrer: "Ihre Karriere ist vom Wohlwollen der Direktoren abhängig." Gelingt es nicht, Lehrer und Direktoren für die vernetzte Lernzukunft zu gewinnen, bleibt auch die "IT-Literacy" auf der Strecke.

Während die Industrie ihre technische Kompetenz einbringt, klinken sich auch Content-Provider wie zum Beispiel BBC oder Bertelsmann und in Sachen IT und Internet erfahrene Lehrer ein. "Bisher gab es keine funktionierende Schnittstelle zwischen Bildung und Wirtschaft", gab Reding die Stoßrichtung vor, "nun werden wir sie in ganz Europa installieren."

Eine große Rolle sollen dabei die Bildungsminister der einzelnen Länder spielen. Bis auf die lokale Ebene herab, wenn etwa eine Schule in Neapel um Hilfe beim Aufbau einer E-Learning-Infrastruktur sowie um entsprechende Inhalte nachfragt, soll das europäische Räderwerk ineinander greifen. Reding: "Keiner soll etwas einführen, ohne sich vorher Rat einzuholen." 160 Millionen Euro will die EU bis zum Jahr 2002 bereitstellen, um E-Learning in den Schulen zum Durchbruch zu verhelfen. Weitere Töpfe wie Kohäsions- und Strukturfonds sollen angezapft werden.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München