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21.06.1996 - 

Ein virtuelles Unternehmen an acht verschiedenen Standorten

Euro 96 steht und fällt mit der Informationstechnik

LONDON (qua) - Wenn am 30. Juni das Flutlicht im Wembley- Stadion erlischt, atmen 40 Profi-Informatiker und Hunderte von Hilfskräften erleichtert auf: Vor den Augen einer nach zig Millionen zählenden Öffentlichkeit haben sie ein besonders zeitkritisches IT-Projekt zum Abschluß gebracht.

Wer Fußball-Europameister wird? "Kein Kommentar, solange dieser Rekorder läuft", scherzt Bill Alaoglu, Executive Vice-President des Beratungsunternehmens En-linea Entertainment & Sports Technology mit Sitz in Santa Monica, Kalifornien. Er und sein Kollege Lee Barr wurden von der britischen Football Association (FA) als IS-Manager des virtuellen Unternehmens "Euro 96" angeheuert.

Selbstverständlich hat auch die altehrwürdige FA eine eigene DV- Abteilung. Das 100köpfige Team untersteht dem Finanzchef, nutzt eine Unix-Umgebung mit X-Terminals und widmet sich den alltäglichen Aufgaben wie Buchhaltung, E-Mail und Dokumenten- Management. Mit einem Projekt vom Ausmaß der Fußball- Europameisterschaft wäre es hoffnungslos überfordert.

Deshalb entschied sich der britische Fußballverband dafür, bei der Euro 96 die IT-Verantwortung in fremde Hände zu legen. Zunächst machte er die Sema Group Plc., London und Paris, zur Generalunternehmerin. Das 10000 Mitarbeiter zählende Software- und Serviceunternehmen hatte bei der Olympiade in Barcelona unter Beweis gestellt, daß es einem solchen Vorhaben gewachsen ist. Zudem konnte es gegenüber Mitbewerbern wie IBM, EDS und Andersen Consulting seinen Heimvorteil ausspielen.

Im Gegensatz zu Barcelona, wo unter der Ägide der IBM eine Mainframe-Umgebung betrieben wurde, setzt die Sema Group diesmal auf eine moderne Client-Server-Architektur mit etwa 40 lokalen Netzwerken. Gemeinsam mit der FA wählte der Systemintegrator die Lieferanten aus. Digital Equipment stellt die rund 50 Server (zwei Alpha-Rechner, der Rest Intel-Maschinen) und die 500 PCs beziehungsweise Laptops zur Verfügung, Microsoft die Betriebssysteme (Windows 95 und NT) sowie die Software-Tools. Für die Kommunikationsinfrastruktur sorgte British Telecom. Alaoglu und Barr wurden an Bord geholt, um dafür zu sorgen, daß sich IT und Anforderungen der FA nicht auseinanderentwickeln.

Mit Ausnahme der Stundensätze für die beiden virtuellen IS-Manager braucht der Fußballverband keinen Penny für den Betrieb des IT- Systems auszugeben. Wieso sich diese noble Geste für die Anbieterunternehmen dennoch auszahlt, erläutert Martin Trees, Marketing-Direktor der Sema Group: "Unser Firmenname ist auf allen Fernsehbildschirmen zu sehen. Hätten wir das bezahlen müssen, so hätte es uns 15 bis 20 Millionen Pfund gekostet." Der Personalaufwand, den der Serviceanbieter im Gegenzug treibe, koste weitaus weniger. Auch Digital Equipment und Microsoft begnügen sich gern mit Sachleistungen, beispielsweise Freikarten, wenn sie den gewaltigen Werbeeffekt bedenken, den ihnen ihr Status als offizieller Euro-96-Lieferant verschafft.

Gemeinsam haben die beteiligten Unternehmen eine IT-Umgebung geschaffen, die vor allem drei Aufgaben erfüllen muß: Das "Operational Management System" umfaßt neben der Materialwirtschaft - mit der allein 140 Autos, 500 Mobiltelefone und 1000 Uniformen verwaltet werden - auch die Akkreditierung der 9000 bis 13000 für den engeren Stadionbereich zugelassenen Mitarbeiter, zudem die Einsatzpläne der 1000 freiwilligen Helfer sowie das System, das den Service für mehrere hundert VIPs regelt.

Erstellt wurde das Anwendungspaket mit dem Entwicklungswerkzeug "Visual Basic" und dem Datenbank-Management-System "SQL Server", zwei Produkten aus dem Hause Microsoft.

Das "Information System" ist in erster Linie für die 5000 bis 6000 Medienvertreter konzipiert. Via World Wide Web steht es aber auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung (www. euro96.org). Um die Informationen nicht doppelt erfassen zu müssen, haben Sema Group und Microsoft noch vor drei Monaten das gesamte Informationssystem von Visual Basic in die Web-Sprache Hypertext Markup Language (HTML) übertragen. Jetzt können die akkreditierten Journalisten an den zur Verfügung gestellten PCs auf ein internes TCP/IP-Netz ("Intranet") zugreifen, das auch die Euro-96-Homepage im WWW füttert.

Die pro Spiel auf mehr als 200 Millionen geschätzten Fernsehzuschauer profitieren vom "Result Service". Das von der Sema Group entwickelte System dient dazu, die während der Spiele gesammelten Einzelinformationen grafisch umzusetzen und den TV- Konsumenten als leichtverdauliche Kost zu servieren. Im Vorfeld sind Viererteams von Informationserfassern zweimal 45 Minuten lang mit nichts anderem beschäftigt, als in ihre Laptops hineinzuhacken, welchen Weg der Ball nimmt, wer ihn auf welche Weise berührt und woher er wie oft in Richtung der beiden Tore geschossen wird.

Die Informationen aus allen drei Teilsystemen sollten sich auch innerhalb der beiden anderen nutzen lassen, was zusätzlichen Integrationsaufwand erforderte.

Die Europameisterschaft wird an acht verschiedenen Spielorten ausgetragen. Dort steht jeweils ein Datenbank-Server. British Telecom hat das ganze System mit Glasfaserkabeln vernetzt, und die Replikationsfunktion des Microsoft-eigenen Messaging-Systems "Exchange Server" soll die Informationen überall auf demselben Stand halten - auch an dem, so Trees, "neunten Spielort", dem World Wide Web.

Abgesehen von Teilen des Result Service konnte die Sema Group nicht auf existierende Komponenten zurückgreifen. Hingegen ist das für die Euro 96 entworfene System laut Alaoglu flexibel genug, um auch bei späteren Sportereignissen Verwendung zu finden - beispielsweise bei Uefa-Cup, Champions League und Pokalsieger-Cup, eventuell sogar für Wettbewerbe, die nichts mit Fußball zu tun haben.

"Informationssysteme sind für Sportveranstaltungen dieser Art nichts Randständiges mehr, sondern eine Hauptaktivität", konstatiert Alaoglu. Sogar im normalen Tagesbetrieb werde es immer wichtiger, die Nachfrage - beispielsweise der Medien - nach Informationen unterschiedlicher Art zu befriedigen. Das habe auch die FA eingesehen.

Digital und Microsoft räumen der FA und der Uefa die Option ein, nach der Europameisterschaft Teile des IT-Systems preisgünstig zu erweben. Bislang haben die beiden Verbände allerdings noch nicht darüber entschieden, ob sie das Angebot annehmen.

Werden Alaoglu und Barr auch etwas von den Spielen mitbekommen? "Wir haben jedenfalls einen Plan aufgestellt, wer welches Match anschauen darf", beteuern die beiden IS-Spezialisten. Wer von ihnen beim Finale dabeisein wird, verraten sie jedoch ebensowenig wie ihre Prognosen über den künftigen Europameister.