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04.05.1990 - 

Walldorfer setzen ein Drittel im Ausland um

Europa ist für die SAP AG als Softwaremarkt zu klein

Heidrun Haug ist freie Journalistin in Tübingen

Ist von kommerzieller Anwendungssoftware die Rede, denken die meisten an Anbieter aus Übersee, an Microsoft etwa oder an MSA. So urteilte denn auch kürzlich eine große deutsche Tageszeitung: "Von Standardsoftware haben die Deutschen schon lange Abschied genommen." Auch die Walldorfer SAP AG, Spezialist auf diesem Gebiet und hinter der Software AG die Nummer zwei der deutschen Softwareanbieter, hat fast nur unter Branchenkennern einen Namen.

Jede Erfolgsstory braucht ihre handfesten Zahlen und Referenzen. Die SAP AG hat bei beidem einiges zu bieten. Im Oktober l988 beschloß das Management, den Gang an die Börse zu riskieren. Jahresumsatz damals: 245 Millionen Mark. Die Aktie wurde zum Emissionskurs von 750 Mark zugelassen. Rund ein Jahr später kürte das Hamburger Manager-Magazin in einer großangelegten Untersuchung die Walldorfer Softwareschmiede zum Börsenunternehmen des Jahres. In der Bewertung hieß es dazu, Rendite, Sicherheit und Wachstum stimmten bei keinem anderen Unternehmen so wie bei SAP. Die Aktie kletterte auf einen Höchststand von 2000 Mark - nur zwei Brauereien und eine Versicherung lagen noch darüber.

Diesem Börsen Höhenflug entsprechen die Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres. Satte 50 Prozent legte die SAP beim Umsatz wie auch beim Gewinn zu und erzielte damit 367 beziehungsweise 67 Millionen Mark- rund zwei Drittel davon auf dem Heimatmarkt. Weltweit beschäftigt das Unternehmen das hinter der Darmstädter Software AG auf Platz zwei der deutschen Branchen-Hitliste liegt, rund 1300 Arbeitnehmer. So rühmt sich der Software Star denn auch, "Europas größter Anbieter von Standard Anwendungssoftware" zu sein.

Doch auch der alte Kontinent ist den Walldorfern mittlerweile zu klein geworden. Die höchsten Steigerungsraten gehen nämlich auf das Konto der amerikanischen Niederlassung, die vor drei Jahren mit zwei Offices, in Toronto und Philadelphia, eröffnet wurde und sich heute ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem französischen Schwesterunternehmen um das beste Auslandsgeschäft liefert. Selbst SAP Vorstand Hasso Plattner registrierte "mit großem Erstaunen", daß seine jüngste Company bereits in der Aufbauphase ein knappes Dutzend renommierter Kunden gewinnen konnte, darunter Firmen wie Dow Chemical, DuPont, Mobil Oil und General Electric.

Gute Referenzen sind für die SAP-Strategen Dreh- und Angelpunkt eines erfolgreichen Marketings. "Ein klangvoller Name in der Kundenkartei ist tausendmal mehr wert als ein wunderschöner Hochglanz-Prospekt", erläutert Plattner den weitgehenden Verzicht auf aggressive Werbekampagnen. Gelinge seinen Vertriebsleuten, vornehmlich Beratungsspezialisten, eine große Schlüsselinstallation, sei der Markt schon halb erobert. Auf Management-Tagungen, Fachkongressen oder Messen redet man über die strategischen Software-Entscheidungen der Großen der Weltwirtschaft. "Wenn SAP hierbei im Gespräch ist, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen", meint Plattner, vom Multiplikatoreffekt überzeugt. Die Entwicklung der kleinen SAP zu einer respektablen Softwarefabrik, die heute in 13 Ländern vertreten ist, gibt ihm recht.

Gleiche Software für Tochtergesellschaften

Die SAP wurde 1972 von vier ehemaligen IBMern aus der Taufe gehoben, zu jener Zeit also, da mit dem Unbundling-Beschluß von Big Blue die Kommerzialisierung der Datenverarbeitung und damit die Pionierzeit der selbständigen Softwarehäuser begann. Am Anfang stand ein Anwendungspaket für die Finanzbuchhaltung. Mehr dem Zufall ist es zuzuschreiben, daß einer der frühen SAP-Kunden, die weltweit tätige John Deere, daran interessiert war, die gleiche Software für alle Tochtergesellschaften in Europa und Afrika einzusetzen. "Dieser Kunde hat uns exportiert", schätzt Plattner im Rückblick ein. Damals begann die SAP, Dokumentationen, Handbücher, Benutzeroberflächen und Help-Informationen ins Französische zu übersetzen und sich mit den internationalen Aspekten des Finanzwesens zu befassen.

Traditionelle Buchungsverfahren, Mehrwertsteuer-Erfordernisse, Bedingungen des Zahlungsverkehrs, Bilanzierungsvorschriften, Währungskurse - eine Fülle an Länderspezifikationen muß bei internationalen Finanzsystemen berücksichtigt werden. Wichtig für die Globalisierung der gesamten Geschäftsbeziehungen, die Konzerne nur noch per Computerintegration bewältigen können, ist die Art und Weise, wie SAP die Softwaremodule übersetzt. Die nationalen Besonderheiten werden nicht in neue Anwendungspakete verpackt. Vielmehr gehen die Software-Entwickler von ihrem deutschsprachigen Basis-System aus und portieren es Wort für Wort in die andere, nationale Umgebung, sprachlich wie fachlich. So entsteht ein internationales Produkt, weltweit vermarktet unter dem Namen R/2. Der Benutzer kann an seinem Bildschirm von einer Landesversion in die andere schalten und hat doch immer die gleiche Anwendung vor Augen.

R/2 gibt es in sechs Landesversionen

Den zweiten Internationalisierungs-Schub erfuhr das Unternehmen Anfang der 80erJahre: Die Siemens AG fand Gefallen an den Programmen, die bis dato ausschließlich auf IBM-Großrechnern liefen, und begann, ihre Mainframes weltweit mit den SAP-Anwendungspaketen zu bestücken. 1984 beschloß das Walldorfer Management schließlich den Ausbau des internationalen Geschäfts zu forcieren. Vom schweizerischen Biel aus dirigiert jetzt die SAP International ihr Business in 24 Ländern.

Rund 50 professionelle Übersetzer sind ständig damit beschäftigt, die Softwarefeatures in andere Sprachen zu portieren. In sechs Landesversionen ist R/2 heute erhältlich. "Eine immense Investition, um Anwendungspakete zu exportieren", gibt Plattner zu. Genaugenommen ist R/2 das einzige Produkt des Unternehmens, mit dem der Umsatz zwischen 1982 und 1988 um das Sechsfache gesteigert wurde. Es umfaßt heute zehn vollintegrierte Anwendungsmodule und das Kernsystem, bestehend aus Basiskomponenten wie Data Dictionary, Schnittstellen und der 4-GL-Sprache Abap/4. Die wichtigsten Funktionsbereiche eines Unternehmens, Verwaltung wie Fertigung, werden softwaremäßig abgedeckt: Finanz- und Anlagenbuchhaltung, Kostenrechnung, Projekt-Management, Vertrieb und Versand, Personal, Instandhaltung, Qualitätssicherung, Materialwirtschaft, Produktion.

Wichtigster Vorteil von R12 ist der hohe Integrationsgrad. Ist eine Information einmal eingegeben, steht sie allen Einzelanwendungen zur Verfügung. Zwanzig multinationale Konzerne verwenden inzwischen SAP-Produkte als Grundlage ihrer Softwarestrategien; in der Topliste der 100 größten bundesdeutschen Industrieunternehmen stehen 65 SAP-Kunden.

Vom europäischen Binnenmarkt erwarten die Walldorfer, daß nach den Großen der Wirtschaft sich nun auch die mittelständische Industrie über die Landesgrenzen hinaus ausdehnt.

R/3 als Bonbon für den Mittelstand

Immer mehr Unternehmen eröffnen Geschäftsstellen in europäischen Nachbarländern. Daneben tüfteln die Stabsstellen an multinationalen Fertigungsplänen, nach denen die Produktion auf verschiedene Standorte verteilt und über die Informationstechnik koordiniert werden kann. In diesem Trend zur Internationalisierung sieht Plattner die Antriebsfeder für seinen Software-Export.

Zur CeBIT '90 gab SAP die Entwicklung von R/3 bekannt als Bonbon für den jetzt heftig umworbenen Mittelstand, für den es seit kurzem sogar eine eigene Division gibt: die SAP Consulting. Es geht um die Einbeziehung der Workstations, Basis der neuen Konzeption ist der volle betriebswirtschaftliche Leistungsumfang von R/2, der damit auf OS/2- und Unix-Systeme übertragen wird.

Insgesamt, so schätzen Marktforscher, liegt das Marktvolumen für Anwendungssoftware im europäischen Binnenmarkt bei 90 Milliarden Mark. Wenn die SAP den Mittelstand so schnell erobert wie die Großkonzerne, könnte sie sich eine dicke Scheibe von diesem Kuchen abschneiden.