Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

19.07.1985 - 

"Portability Guide" soll gemeinsame Schnittmenge offenlegen:

Europa-Sextett schreibt Unix-Standard fest

19.07.1985

MÜNCHEN (mer) - Auf einen "europäischen Standard" sollen demnächst alle Interessenten des Betriebssystems Unix zurückgreifen kennen. In einem "Portability Guide" fassen die Mitglieder der Open Unix Group - Bull, ICL, Nixdorf, Olivetti, Philips und Siemens - die Ergebnisse ihrer gemeinschaftlichen Koordinierungsbemühungen im Unix-Bereich zusammen.

Der voraussichtlich ab September 1985 verfügbare Unix-Führer lehnt sich an die "System V Interface Definition" von AT&T an. Die wesentlichen Teile werden in das neue Nachschlagewerk übernommen und durch die gemeinsame Unix-Schnittmenge ergänzt, die von der Gruppe seit ihrer Gründung im November 1984 erarbeitet wurde. Das fertige Sammelsurium soll dann als Basis für künftige Software-Entwicklungen empfohlen werden können.

Fest stehen bereits die Definitionen für Fortran, ISAM und die Programmiersprache "C". Darüber hinaus wurden eine derivierte Form des "Level II Cobol" von Micro Focus sowie die De-facto-Standards SQL und SNA übernommen.

Dazu Hans Strack-Zimmermann, bei Siemens für das Projekt der Open Unix Group verantwortlich: "Wir machen eigentlich keine Standards, sondern beteiligen uns an dem weltweit stattfindenden Versuch, Unix mit definierten und über lange Zeit garantierten Schnittstellen zu versehen, so daß die Portabilität von Anwenderprogrammen über verschiedene Systeme hinweg auch wirklich funktioniert."

Bei diesem Vorhaben legt sich das "Europa-Sextett" auch in einigen Bereichen fest, die über das eigentliche Betriebssystem hinausgehen: Als Beispiel nennt der Münchner Unix-Profi die Definition eines einheitlichen Floppy-Disk-Formats, das automatisch erzeugt wird, wenn der Benutzer einen bestimmten Unix-Device-Namen anspricht.

Die Arbeitsgruppe befaßt sich aber auch mit typisch nicht-amerikanischen Aspekten, die in der "System V Interface Definition" von AT&T vernachlässigt werden oder den Vorstellungen des europäischen "Unix-Clans" nicht entsprechen. Dazu gehört insbesondere das Sprachenproblem: Unix ist in Englisch dokumentiert und verwendet einen englischen Zeichensatz.

"Diese Problematik interessiert die Amerikaner überhaupt nicht", kritisiert Jürgen Gulbins, verantwortlich für die Entwicklung von Unix-Systemen bei PCS Periphere Computer Systeme GmbH, München. "Hier braucht es einfach eine gewichtete Stimme, die darauf hinweist, daß es auch noch andere Sprachen gibt."

Die "Unixkeit" der sechs großen Rechnerhersteller soll denn auch in Form des "Portability Guide" mit Vehemenz demonstriert werden. Tausende Kopien der Betriebssystem-Bibel werden nach Angaben von ICL-Mitarbeiter Basil Cousins, Chairman im technischen Komitee der Gruppe, an Hersteller, Softwareentwickler, Systemlieferanten und Anwender beiderseits des Atlantik verschickt. Danach kann das "Unix-Bollwerk", auf das europäische Entwickler künftig ihre Software-Steine setzen sollen, auch im Buchhandel erworben werden - dem Vernehmen nach für rund 70 Dollar.

Offensichtlich kommt das "Portability Guide" selbst denjenigen Anbietern gelegen, deren Stammhaus in den Vereinigten Staaten angesiedelt ist. So wird etwa bei Hewlett-Packard der Kern des Systems in den USA nach den amerikanischen Standards weiterentwickelt, die Benutzerebene aber in Böblingen nach den europäischen Anforderungen konzipiert. "Der europäische Markt ist für uns genauso groß wie der US-Markt," ließ ein HP-Sprecher durchblicken, allein von den Unix-Umsätzen ist das Verhältnis eins zu eins."

Auch IBM sieht sich seit einiger Zeit durch die Bemühungen der "großen Sechs" um einen gemeinsamen Unix-Nenner zunehmend in Zugzwang gesetzt. In Großbritannien unterhält der Marktführer ein "Unix-Project Office", dessen Aufgabe es ist, die speziellen europäischen Requirements zu erfassen. Die Mitarbeiter der Clearing-Stelle befassen sich aber auch mit den - in den USA teils nicht verstandenen - Eigenheiten des Marketing auf dem Alten Kontinent.

Harald Kochsmeier vom IBM-Labor Böblinger, das weltweit für die Entwicklung von Unix-Systemen Unter /370-Umgebungen tätig ist; wagt eine Prognose. Als Verantwortlicher für die Abstimmung der von den internationalen Niederlassungen gesammelten Marktforderungen ist sich der IBMer sicher, daß dieses "Project Office" neben den projektverantwortlichen Labors den europäischen Standard sehr genau studieren wird. Dann sei auch eine Stellungnahme des Branchenriesen zu erwarten. Kochsmeier: "Schließlich haben wir nicht nur die Absicht, Unix zu verkaufen - wir wollen auch einen Return on Investment daraus bekommen."