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14.10.1994

Europa verbaut sich die Zufahrt zur Datenautobahn Mangelnde Deregulierung und keine gemeinsame Vision

ROM - Der Strassenverkehr in Rom und der Versuch der Europaeer, eine Antwort auf die amerikanische Vision des Information-Superhighways (I-Way) zu finden, haben eines gemeinsam: Es regiert das Chaos. Waehrend jedoch in der italienischen Hauptstadt der Strassenverkehr trotz fehlender Regeln mehr oder weniger rollt, laeuft auf der europaeischen Datenautobahn so gut wie gar nichts. Es herrscht nicht einmal Stau - nur gaehnende Leere. Auf einer IDC-Konferenz in Rom machten Industrievertreter und Analysten dafuer die europaeische Politik verantwortlich. Obwohl die entsprechende Infrastruktur zum Teil vorhanden ist, fehlt offenbar der Wille, sie fuer den I-Way zu nutzen. Die schleppende Deregulierung des Telekom-Sektors liege ebenso in politischer Verantwortung wie die Unfaehigkeit, die Vision eines Daten-Highways populaer zu machen.

Die Weichen fuer den europaeischen I-Way sind noch nicht gestellt; diesen Eindruck zumindest hinterliess die hollaendische Analystin der International Data Corp. (IDC) Josee van den Berg. "Wir sollten erst in den Zug einsteigen, wenn fuer uns der richtige Moment gekommen ist." Ihrer Meinung nach ist die Alte Welt "nicht gut genug, um eine Hauptrolle zu spielen". Als Beispiel nennt sie Video on demand. "Das hoert sich gut an. Allerdings beherrschen amerikanische Unternehmen den euopaeischen Filmmarkt zu ueber 90 Prozent." Deshalb wuerden nicht die Europaeer den groessten Nutzen aus solchen Anwendungen ziehen, sondern US-Unternehmen.

In Europa sollten sich die Anstrengungen in Richtung Information- Highway auf den geschaeftlichen, nicht den privaten Sektor konzentrieren. Hiesige Unternehmen koennten von Anwendungen wie Electronic Commerce und Electronic Data Interchange (EDI) profitieren. Fuer einen Consumer-Markt e la USA seien die Europaeer noch nicht weit genug. "Das Draengen der US-Firmen auf einen europaeischen Information-Superhighway kommt mir manchmal vor wie die Verhandlungen zwischen einem Industrie- und einem Entwicklungsland. Letzteres wird aufgefordert, mit eigenen Mitteln einen grossen Ueberseehafen zu bauen, damit die Industrienation ihre Gueter problemlos ins Land bringen kann. Warum sollen wir in eine Infrastruktur investieren, aus der andere den groessten Nutzen ziehen?" Die "bedeutendste Marktchance seit der Einfuehrung des PCs" erkennt hingegen David Moschella, Senior Vice-President der IDC, im Information-Superhighway. Sei die IT-Landschaft der 80iger und 90iger Jahre gepraegt von PCs, LANs und offenen Systemen, erreiche sie im naechsten Jahrzehnt eine neue Dimension. Jeder bekomme Zugriff auf ein Netz. Diesen immer und ueberall moeglichen Zugang bezeichnet Moschella als "pervasive connectivity". Damit folgt er einer Definition von Novell-Chef Robert Frankenberg, der die kuenftige Informationsverarbeitung als "pervasive computing" beschreibt: "Es geht darum, Menschen mit Menschen zu verbinden, ihnen die Information zu geben, die sie benoetigen, und sie in die Lage zu versetzen, zu reagieren - zu jeder Zeit und an jedem Ort."

Digitalisierung und Information-Highways bringen Moschella und anderen Rednern zufolge eine Zusammenfuehrung der verschiedenen Medien mit sich (digital media convergence), die Olivetti-Boss Carlo De Benedetti als "digitale Verarbeitung, Integration und Uebertragung von Audio, Video und Text" definiert.

Alle Sprecher der Konferenz halten die Entwicklung in Richtung globale Netze fuer unvermeidlich. Sie fuehre die Industrienationen an die Schwelle zur Informationsgesellschaft, in der nicht mehr die Produktion industrieller Gueter im Vordergrund stehe, sondern der Umgang mit und das Bereitstellen von Information. Schreitet die Implementierung der Highways fort, sehen die IDC-Analysten zur Jahrtausendwende rund 100 Millionen Menschen Informationstechnik benutzen. Im Jahr 2030 erwartet Moschella gar eine Milliarde Anwender. Fuer den groessten Teil der I-Way-Aktivitaeten benoetigt man keine hohen Uebertragungsbandbreiten. Messaging, elektronisches Publizieren und Recherchieren sowie Transaction-Processing koennen mit den heute zur Verfuegung stehenden Bandbreiten bewaeltigt werden. Lediglich die interaktive Unterhaltung wie Video on demand und Videokonferenzen braeuchten hoehere Bandbreiten.

IDC haelt daher ein zweiphasiges Vorgehen fuer sinnvoll. In einem ersten Schritt sei die existierende Infrastruktur zu verbessern. Erst im zweiten Anlauf sollten die Bandbreiten erhoeht und neue Infrastrukturen aufgebaut werden.

Allerdings koenne die IT-Industrie die Aufgabe nicht allein bewaeltigen. Moschella sieht die Produzenten von Massenmedien, Kommunikationsanbieter, Computerhersteller und die Konsumelektronik-Unternehmen als gemeinsame Lieferanten fuer den Highway: "Wenn wir wissen, welche Applikationen gebraucht werden, wissen wir auch welche Technologien wir benoetigen und wie und wer sie bereitstellt." Heute sei die Anbieterstruktur zu zersplittert.

In der Konkurrenz der Nationen um die Vorherrschaft auf dem

I-Way haben die USA offenbar die Nase vorn: Dort existiert genuegend Wettbewerb im gleichen Marktsegment, um ein hohes Innovationstempo zu garantieren. In Japan und Europa ist diese stimulierende Konkurrenz nicht im gleichen Masse gegeben. Aehnliches gilt fuer die Ressourcen Kapital, Wissen und bestehende Infrastruktur, obwohl hier die Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt nicht so gravierend sind. Auch mit Industrien, die einen Beitrag fuer den I-Way leisten koennen, sind die USA in der Summe am besten gesegnet: das gilt fuer Computer, Consumer Electronics, Publishing, Telefon und Unterhaltung.

Auch die Nachfrage bei Konsumenten, Firmen, der oeffentlichen Hand und im Erziehungssektor haelt der IDC-Analyst in Nordamerika fuer am staerksten ausgepraegt. Allerdings hinkten die Europaeer hier nur wenig hinterher. Die Japaner dagegen laegen auf dem Gebiet der IT- Anwendung um Jahre zurueck.

"Europa hat grosse Moeglichkeiten, aber die einzelnen Laendermaerkte weisen noch eine zu weitgehende staatliche Regulierung im Bereich der Telekommunikation auf", stellte IDC President Europe Roberto Masiero klar. So habe bis auf Grossbritannien noch kein europaeisches Land die Sprachdienste und die Bereitstellung von Netzinfrastrukturen liberalisiert - mit zu hohen Uebertragungskosten als Folge. Deshalb appellierte Masiero an die Europaeer, schnellstmoeglich den Forderungen des Bangemann-Papiers zu folgen, das eine schnellere Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes fordert.

Im Alleingang, so waren sich die Industrievertreter und Analysten in Rom einig, koennen europaeische Unternehmen im internationalen Vergleich nicht bestehen: "Allianzen sind ein Muss, wenn weltweit gespielt wird", fuehrte Masiero an. Ausserdem helfe ein flexibles partnerschaftliches Netzwerk den Herstellern, die Beduerfnisse der Konsumenten besser auszuloten. "Gerade in Europa ist diese Zusammenarbeit wichtig, da die kulturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten so gross sind."

Ganz mittellos, so zeigte Masiero, stehen die Europaeer beim Aufbau des I-Ways nicht da. So besteht bereits eine beachtliche Zahl an oeffentlichen digitalen Vermittlungsstellen, eine grosse ISDN- Verbreitung und ein einsatzfaehiges GSM-Mobilfunknetz, ferner existieren hochentwickelte, breitbandige Verteilsysteme wie Kabel- und Satellitennetze. Wichtiger noch: Es gibt einen hohen Bedarf und genuegend Unternehmen mit ausreichendem Potential.

Gravierende Nachteile sieht der Analyst in der "generell zu schleppend verlaufenden Deregulierung". Kurzfristig werde sich die langsame Liberalisierung der Infrastrukturen und Tarifanpassungen negativ auswirken. Auf laengere Sicht muesse ausserdem die Heterogenitaet der verschiedenen Laendermaerkte ueberwunden werden. Die Verschiedenheit der Sprachen und Infrastrukturen stellen ein weiteres Problem dar.

Aehnlich wie die Analysten beurteilen auch fuehrende Industrievertreter die Situation in Europa.

3Com-Chairman Eric Benhamou meinte: "Europa schwebt in grosser Gefahr, eine Entwicklung zu verpassen, die fuer die kuenftige Wirtschaft des Kontinents lebenswichtig ist: den Einstieg in das Kommunikationszeitalter." Diese Epoche sei gekennzeichnet durch schnelle Veraenderungen und den Umbau ganzer Industriezweige: Der Zugang zu Echtzeitinformationen (realtime information) werde die eigentliche Quelle oekonomischer Macht darstellen. "Eine Person wird dann daran gemessen, ob sie die Kommunikation beherrscht" und schnell genug an relevante Informationen gelangt. Nicht ganz uneigennuetzig bezeichnete der 3Com-Chef die Deregulierung als groesste Herausforderung: "Die Geschwindigkeit mit der der europaeische Telekom-Markt liberalisiert wird, entscheidet ueber das Tempo, mit dem Europa wirtschaftlich gesundet." Die in den vergangenen neun Jahren vollzogene Modernisierung der 30 Jahre alten Telekom-Standards und die Beschraenkung der Monopole reichten bei weitem nicht aus: "Die Deregulierung sollte den Sprech- und Datenverkehr in Netzen und Kabeln einschliessen, dabei aber nicht haltmachen, sondern auch die Kostenstruktur und die Organisationsformen der nationalen PTTs beinhalten."

Benhamou schwebt fuer die hiesigen Telekommunikations- Organisationen etwas aehnliches vor wie das Conversion-Programm, mit dem die US-Regierung zur Zeit versucht, die Ruestungsindustrie und deren Arbeitnehmer fuer zivile Aufgaben fit zu machen: "Ueberlegen Sie einmal, wie aehnliche Initiativen Angestellten der PTTs helfen wuerden, ihren Stellenwert in einer auf Konkurrenz und Erfindungsreichtum ausgerichteten Umgebung zu verbessern. Die Regierungen sollten sich die Marktkraefte nutzbar machen, um ihre Grenzen zu oeffnen", appellierte der Amerikaner an das Auditorium. Sein Unternehmen, das 40 Prozent der Umsaetze in Europa generiere, leide unter der staatlich regulierten Struktur immens, raeumte er ein.

Eine wesentliche europaeische Schwaeche sieht Benhamou in der Unfaehigkeit, die Vision eines Information-Highway populaer zu machen. Die Idee einer Informationsgesellschaft muesse in der Alten Welt mit genausoviel Nachdruck verbreitet werden wie in den USA. Dort sei die National Information Infrastructure (NII) ein Eckpfeiler der Technologiepolitik. "Die NII wird unsere Lebensweise, unsere Arbeit und unsere Freizeit veraendern."

Neben einer derartigen Foerderung muessten auch Versuche unterstuetzt werden, die an der Basis (grasroots) unternommen wuerden. Die Informations-Infrastruktur koenne nur wachsen, wenn eine von oben vermittelte Zielvorstellung "durch Druck von unten, von Leuten unterstuetzt werde, die das Leben der Menschen durch einen Information-Highway verbessern wollen", sagte Benhamou. In Europa vermisst er den "Sinn fuer die Dringlichkeit" einer neuen Informations-Infrastruktur. Der Plan fuer einen europaeischen I-Way sei noch nicht in das Bewusstsein der Oeffentlichkeit gelangt. "Es herrscht zuwenig positive Erregung darueber; ausserdem sind Vision und Marketing mangelhaft." Olivetti-Chef Carlo De Benedetti warnte davor, die Entwicklung zu positiv zu sehen. Viele wichtige Fragen zum Information-Highway seien noch offen: "Wir wissen weder, welche Anwendungen erfolgreich sein werden, noch, welche Hersteller in grossem Stil mitspielen koennen." Das Wunschbild eines neuen IT-Innovationszyklus, der auf der Konvergenz der vier grossen C - Computer, Content, Communication und Consumer Electronics - basiere, sei "faszinierend, aber auch gefaehrlich". Es werde der Eindruck vermittelt, es gehe um einen linearen Prozess, in dem alles klar vorgezeichnet sei. Das widerspreche jedoch den bisherigen Erfahrungen der IT-Industrie: "Wir planen kein traditionelles Schienen- oder Strassennetz, dessen Aufbau schrittweise voranschreitet. Nein! Zur Zeit herrscht ein kreatives Durcheinander, in dem es keine Regeln oder festgelegten Prioritaeten gibt."

Auch De Benedetti forderte die europaeischen Regierungen auf, die Liberalisierung des Telekom-Marktes schneller voranzutreiben: "Wenn eine konservative, protektionistische Kultur in bestimmten Kreisen und Maerkten erhalten bleibt, die eine Schluesselrolle fuer den neuen IT-Innovationszyklus spielen, dann wird der Information- Highway nichts wesentliches fuer den wirtschaftlichen Aufschwung in Europa spielen. Im Gegenteil: Er wird zum wirtschaftlichen Abstieg der Alten Welt beitragen."