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Erste Gespräche über gemeinsame Arbeitsgruppe gestartet:


30.11.1984 - 

Europäer wollen Unix auf eine Linie trimmen

Die "hohe" Idee der Software-Portabilität unter Unix bedarf offenbar einer reelleren Basis: Zu dieser Einschätzung scheinen fünf große europäische HW-Hersteller gekommen zu sein, die vor kurzem eine gemeinsame Unix-Arbeitsgruppe ins Leben riefen, Eine massive Marktverunsicherung angesichts von mehr als 150 Unix-Produkten und - Derivaten hat bei diesem gesamteuropäischen Vorhaben ebenso Pate gestanden, wie der Wunsch der beteiligten Unternehmen, der amerikanischen Power in diesem Bereich Paroli zu bieten.

Bohrende Fragen über die Zukunft der europäischen DV-Industrie angesichts US-amerikanischer und fernöstlicher Vormachtstellung in vielen Sektoren zwingen offensichtlich die DV-, Hersteller des Alten Kontinents, näher zusammenzurücken. So trafen sich jetzt Vertreter von Bull, ICL, Nixdorf, Olivetti und Siemens zu Gesprächen über ein gemeinsames Vorgehen zum Aufbau einer einheitlichen, für sie gültigen Unix-Norm. In unregelmäßigen Abständen, so wurde vereinbart, sollen sich Spezialisten dieser Unternehmen treffen, um ihre zukünftigen Unix-Strategien untereinander abzustimmen.

Wichtigste Aufgabe der nächsten Monate wird es nach Angaben eines Siemens-Sprechers vorerst sein, die aktuelle Marktlage zu analysieren und die vorhandenen Unix-Produkte sowie deren Derivate zu sichten. Mit detaillierten Ergebnissen wird allerdings nicht vor Mitte nächsten Jahres gerechnet.

Abwartend verhält sich auch Wolfgang Raum, Leiter des Geschäftsbereiches "Fehlertolerante Informationssysteme" der Nixdorf AG, über mögliche und schnelle Resultate des für ihn an sich begrüßenswerten Vorhabens: "Die Sache wird aber nur dann spruchreif, wenn die Gruppe auch AT&T ins Boot bekommt." Es nütze nichts, einen gemeinsamen Standard zu verabschieden, zusätzliche Requirements jedoch vom wichtigsten Unix-Lizenzgeber- nicht bereitgestellt würden. Auch Microsoft habe als Xenis-Lieferant hier ein gewichtiges Wort mitzureden. Entsprechende Kontakte müßte deshalb wohl zu beiden Unternehmen geknüpft werden.

Andere Anbieter wie etwa Berkeley, so der Paderborner weiter, könne man außer acht lassen, da diese keine Garantie für einen Support einräumten. Microsoft und AT&T seien hingegen die Verpflichtung eingegangen, eine langfristige Weiterentwicklung zu betrieben und die Betriebssysteme zu warten.

Wie wichtig auch andernorts die Unix-Problematik genommen wird, beweist die Einbindung der neugegründeten Arbeitsgruppe in den Forschungsbereich der Siemens AG. Dies wohl auch unter dem Gesichtspunkt, daß das Marktforschungsunternehmen Yates Ventures für das Jahr 1983 einen Unix-Gesamtumsatz von zwei Milliarden Dollar errechnete, der sich bis zum Jahr 1987 auf zwölf Milliarden Dollar erhöhen soll. Allein in Europa erwarten die Beobachter innerhalb des nächsten Jahres einen Anstieg der zur Zeit etwa 2000 Unix-Großanwender um das Vierfache.

Dieses Marktpotential können und wollen sich die fünf Europäer offenbar nicht von ihren Mitbewerbern aus Übersee nehmen lassen. Wichtige Produktprogramme, so verlautet aus zuverlässiger französischer Quelle, stünden deshalb mit höchster Priorität auf der Liste der anzupackenden Arbeiten. Bei Bull seien dies die Produktlinien "DPS6", "SPS7" und "SPS9"; bei ICL das kürzlich angekündigte Programm "Clan". Nixdorf soll ihre Superminis und Olivetti die Linie 3B von AT&T und demnächst auch die "Linea Uno" auf dem Anpassungs-Wunschzettel haben.

Unix-Experten sehen in dieser Palette Hinweise auf einen möglichen Trend für die Zukunft: Gilt doch bei fast allen diesen Maschinen Unix V als Vater der favorisierten Betriebssysteme.

Ohne sich jedoch auf eine, bestimmte Unix-Version festzulegen, stellt Wolfgang Raum, der seitens der Paderborner maßgeblich in das Unterfangen der fünf europäischen Firmen involviert ist, auch für, die Marktpartner den gemeinschaftlichen Nutzen klar heraus - "Durch einen einheitlichen Standard wird sowohl den Softwarehäusern Gelegenheit gegeben, in entsprechende Software zu investieren, als auch den Endbenutzern eine gehörige Portion von ihrer Unsicherheit genommen.

Von den Bemühungen des Quintetts" indes nicht überzeugt zeigt sich der Leiter der Vertriebsunterstützung von Perkin-Elmer, München, Stefan Klusineier. Auf die Frage, warum sich die Münchner nicht an der gemeinsamen Tafelrunde beteiligen, frotzelt der Systemberater: "Wir sehen keine Notwendigkeit für einen weiteren zusätzlichen Standard - Unix System V ist bereits einer." Sein Unternehmen habe sich nicht zuletzt aufgrund der AT&T-Zusicherungen, Unix-V zu einem voll kommerziell nutzbaren Programmsystem zu gestalten, für eine 1:1 -Portierung auf ihre Rechner entschieden. O-Ton Klusmeier: "Wir hängen geradezu sklavisch an diesen Voraussetzungen." Sollten die "Fünf" dennoch einen Standard kreieren wollen, der wesentlich von System V abweiche, machten sie damit nach Meinung des Münchner Managers die gesamte Unix-Welt außerhalb Deutschlands für sich unbrauchbar.

Gespräche mit den Beteiligten festigen diese Befürchtungen indes nicht. Wie auch Kenner der Szene annehmen, diene die Gründung des europäischen "Unix-Clubs" nicht zulletzt aus marketingpolitischen Erwägungen dazu, ein Gegengewicht zum Quasi-Monopolisten AT&T zu schaffen, der im Laufe der Zeit durch seine Releasepolitik nicht unwesentlich zur allgemeinen Marktverwirrung beigetragen hat.

Nicht vergessen werden darf hier die IBM, die zwar bislang keine eindeutige Statements abgegeben hat, aber stetig ihr Quentchen dazu beiträgt, daß die Gerüchte um Big Blue und Unix nicht verstummen. Auch zu dieser Thematik der vornehm zurückhaltende Kommentar des Marktführers: "Es gibt Entwicklungen, denen man sich nicht entziehen kann."

Horst-Joachim Hoffman, Wolfgang Merkert