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23.03.1984

Europäische DV-Anbieter wollen IBM-Marktdominanz brechen

BRÜSSEL - Ein Abkommen über die Einführung allgemeiner Normen

("Common Standards" für die offene Datenkommunikation auf der Grundlage bestehender ISO- und CCITI-Emplehlungen trafen jetzt zwölf namhafte europäische Unternehmen der Informationstechnologie, darunter Siemens, Nixdorf, ICL und Bull. Erklärte Absicht der Hersteller ist es, mit der Implementierung gemeinsam entwickelter Standards in einer "Open

Systems Interconnect" (OSI) auch einen kompletten Katalog von Telematikprodukten auszuarbeiten und ab 1985 entsprechendes, untereinander kompatibles Equipment anzubieten. Wie Verantwortliche der beteiligten DV-Produzenten durchblicken lassen, wolle man unter der Ägide der Brüsseler EG-Kommission ein kooperatives Gegengewicht zum marktbeherrschenden Einfluß der IBM schaffen.

Die europäischen DV-Anbieter wollen offensichtlich nicht länger tatenlos zusehen, wie sich der amerikanische Computerchampion den Kommunikationsmarkt durch gezielte Schnittstellenpolitik unter der SNA-Fahne aufbereitet. Mit der Anfang März getroffenen Vereinbarung beabsichtigen die zwölf Hersteller, langfristig sich bessere Marktchancen zu sichern. Zu der Normierungsriege gehören die deutschen Unternehmen AEG, Nixdorf und Siemens ebenso wie die französischen Konzerne Bull, Generale d'Electricitè und Thomson-Brandt, die britischen DV-Produzenten International Computer Limited (ICL), und Plessey, Olivetti und Stet aus Italien sowie die niederländische Philips.

In einem gemeinsam erarbeiteten Vorschlagspapier wurde die Europäische Gemeinschaft jetzt aufgefordert, sich für die europaweite Einführung der geschaffenen Standards einzusetzen. Wie aus Brüssel verlautet, sollen die Forderungen der zwölf Gesellschaften, hinter denen auch die Regierungen der einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten stünden, bereits in Kürze konkrete Vorschläge zur Folge haben. Dabei unterstrich ein EG-Sprecher, daß die Normierungsinitiative in vollem Umfang der von der Kommission mit dem europäischen Forschungsprogramm "Esprit" verfolgten Zielsetzung entspreche. Daß sich in diesem Zusammenhang eine "europäische Speerspitze gegen IBM" bilde, wird Agenturmeldungen zufolge in der belgischen Hauptstadt durchaus positiv bewertet. Keineswegs als direkte Attacke gegen den Marktführer versteht indes Nixdorf-Vorstandsmitglied Dr. Horst Nasko die jetzt in Gang gesetzten Normierungsbestrebungen, vielmehr als "konzertierte Aktion, den Wildwuchs auf dem Gebiet der Schnittstellen- und Standardisierungspolitik einzudämmen". Die europäischen Informationsanbieter müßten dabei an einem Strang ziehen, bekräftigt der Paderborner Manager, da mehr denn je die Gefahr bestehe, daß einige Unternehmen aus dem Rennen fielen, wenn sie weiterhin die sich permanent ändernden De-facto-Standards anderer Hersteller nachturnen würden.

Eine allgemeingültige Norm, wie sie von den Europäern jetzt angestrebt wird, könne den Markt für alle Anbieter öffnen und den Benutzer von der Abhängigkeit gegenüber der Produktpolitik eines einzelnen Herstellers befreien. Dem Anwender sei es somit möglich, auf ein wesentlich breiteres Angebotsspektrum zurückzugreifen. Resümiert Nasko: "Das Schnittstellenproblem darf heute kein Konkurrenzthema mehr sein, sondern hier müssen sowohl für den Benutzer als auch für den Hersteller klare Verhältnisse geschaffen werden."

Für Klarheit im europäischen Normierungsprozeß spricht sich auch der Vorstandsvorsitzende der Honeywell Bull AG in Köln, Dr. Franz Scherer, aus. Mit einem Seitenhieb auf den Marktführer erklärt der deutsche Bull-Repräsentant: "Wir wissen alle, daß die SNA-Welt der IBM alles andere ist als ein klar definiertes DV-Umfeld, an das sich andere Hersteller anpassen können."

Normenänderungen in einem strukturierten und geordneten Prozeß, an dem sich auch andere Produzenten beteiligen könnten, würde hingegen bei allen Beteiligten zu einer größeren Planungssicherheit führen. Scherer ist überzeugt, daß das Abkommen der zwölf europäischen DV-Unternehmen Big Blue im Bereich der Datenkommunikation in seine Schranken verweisen werde und auf breiter Ebene zu einer herstellerneutralen Standardisierung führe. Die Wettbewerbsbedingungen für den Marktführer würden sich deshalb mittelfristig erschweren, wenn dieser nicht bereit sei, die Empfehlungen zu akzeptieren.

Wolle die IBM weiterhin am einträglichen Behördengeschäft partizipieren, so der Bull-Chef, habe sie keine andere Wahl, als sich den OSI-Normen anzuschließen. Wie es in Brüssel heißt, will die EG-Kommission tatsächlich darauf hinarbeiten, daß die Regierungen der Mitgliedsstaaten künftig bei der Vergabe von Aufträgen auf die Anwendung der neuen Standards achten. Das habe zur Folge, erklärte ein Mitglied der Normungsgruppe, daß keine europäische Behörde mehr Equipment einsetzen dürfe, das nicht den OSI-Stempel trage. Eine Einstellung der mit hohen Entwicklungsausgaben vorangetriebenen Aktivitäten in Richtung SNA sei jedoch nicht zu erwarten. Vielmehr werde IBM eine "Sowohl-als-auch-Lösung" vorbereiten. Kritiker des Marktführers weisen darauf hin, daß der Branchenprimus trotz Mitwirkung in den internationalen Standardisierungsgremien nunmehr die Quittung für einen jahrelang betriebenen "Separatismus" erhalte.

Auf die Kooperation der europäischen DV-Hersteller reagiert IBM indes gelassen. Eine von den Stuttgarter Öffentlichkeitsarbeitern aus der Pariser Europa-Zentrale eingeholte Stellungnahme beschränkt sich auf den Satz: "IBM begrüßt die internationale Harmonisierung von Standards, die sowohl zu größerer Auswahl und niedrigeren Kosten für die Anwender als auch zu erweiterten Möglichkeiten für die Anbieter führen kann."

Marktanalysten sind davon überzeugt, daß die Normierungsinitiative der europäischen DV-Anbieter für den Computermulti durchaus eine bittere Lektion darstellen könne. In Vorbereitung auf den erwarteten Schlagabtausch mit dem amerikanischen Telekommunikationsriesen American Telephone and Telegraph (AT&T) müsse sich IBM nun obendrein auf einen "Grabenkampf" im kontinentalen DV-Geschäft einstellen. Hinzu käme die neuerliche Aggressivität der Japaner, so daß der Marktführer nunmehr an allen Fronten schweres Geschütz auffahren müsse.