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26.07.1985 - 

Im Hinblick auf SDI werden die Regierungen unter Zugzwang gesetzt:

Europäische Industrie prescht bei Eureka vor

BONN/PARIS/MÜNCHEN - Ein Teil der europäischen Unternehmen geht mit dem von den Regierungen der EG-Mitgliedsländer bisher verfolgten "Eureka-Kurs" nicht konform: Während aus dem Bonner Forschungsministerium verlautet, das Förderprogramm sei noch nicht unter Dach und Fach, haben einige französische Konzerne bereits erste "Eureka"-Kooperationen abgeschlossen.

Das allererste Projekt dieser Art wurde schon kurz vor dem Mailänder Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs Ende Juni bekannt, obwohl hier zunächst nur grundsätzlich über das von den Franzosen inspirierte Gegenprogramm zur amerikanischen SDI-Initiative beschlossen werden sollte. In Paris teilte der französische Rüstungskonzern Matra mit, man werde zusammen mit der norwegischen Norsk Data einen Kompaktrechner für die Parallelverarbeitung entwickeln. Kürzlich unterzeichneten Matra und die im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie Rüstungstechnik tätige Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB), Ottobrunn, gleich zwei Werksverträge im Rahmen von "Eureka": Zum einen geht es dabei um eine "Durchführbarkeitsstudie über die Datenübertragung und -vermittlung via Laser und Satellit, zweitens ist die Einrichtung eines "Telematic"-Netzes vorgesehen, über das Unternehmen im Bereich der Satellitenfertigung miteinander kommunizieren sollen.

Kurz vorher war bekanntgeworden, daß sich MBB mit der französischen Aerospatiale und mit British Aerospace auf dem CAD/CAM-Sektor unter dem "Eureka"-Dach zusammengefunden hatte.

Starkes Interesse an SDI bei einigen Europäern

Allen diesen Kooperationspartnern ist dabei eines gemeinsam: Sie haben großes Interesse, an dem mit 26 Milliarden Dollar dotierten Weltraumverteidigungsprogramm der USA zu partizipieren. Nachdem hier aber von den Regierungen der EG-Mitgliedsstaaten noch keine einheitliche Meinung formuliert worden ist wollten Teile der Industrie - wie es heißt - offenbar "Nägel mit Köpfen" machen und taten sich unter Berufung auf "Eureka", aber mit der Blickrichtung auf SDI zusammen.

Das Bundesforschungsministerium in Bonn mochte die Tatsache, daß sich unter den "Eureka"-Projektpartnern auch deutsche Unternehmen befinden, nicht kommentieren; ein Sprecher meinte lediglich lapidar, hierzu gebe es aus seinem Haus "keinerlei Erklärungsbedarf". Dies bezog er auch auf die Firmen, deren Namen gerüchteweise bei weiteren Kooperationen gehandelt werden, so, zum Beispiel die Münchener Siemens AG, die zusammen mit der französischen Bull-Gruppe die Entwicklung eines Supercomputers planen soll.

Daneben gibt es auch Gespräche zwischen Siemens, der französischen Thomson-Gruppe, der holländischen Philips und der englischen General Electric Corp. über gemeinsame Projekte in Hinblick auf eine neue Generation von Mikroprozessoren, integrierte Schaltungen auf Gallium- Arsenid-Basis und Flachbildschirme. Ein Siemens-Sprecher bestätigte zwar Gespräche, machte aber deutlich, daß man sich zum Thema "Eureka" erst äußern werde, wenn das Programm in allen Einzelheiten definiert ist.

Aber auch auf der Eureka-Konferenz in Paris, an der die Forschungs- und Außenminister der zehn EG-Staaten, der zwei neuen EG-Mitglieder Spanien und Portugal sowie der Nicht-EG-Länder Norwegen, Schweden, Finnland, Österreich und Schweiz teilgenommen haben, fiel keine Entscheidung in der Sache. Immerhin hatte die französische Regierung unter dem Titel "Eureka - Die technologische Renaissance Europas" ein Diskussionspapier erstellt, in dem fünf Forschungsschwerpunkte als wesentlich für die europäische Aufholjagd gegenüber den USA und Japan aufgelistet sind. Dabei steht bei drei dieser Themenvorschläge die Informationstechnik - Bauelemente Datenverarbeitung und Telekommunikation - im Vordergrund:

1) Der "Euromatic" genannte Bereich umfaßt die Empfehlung, einen 30-Giga-Flop-Supersomputer zu entwickeln, darüber hinaus einen Parallelverarbeitungs-Rechner mit einer Kapazität von 10 Giga-Flop sowie ein Multiprozessorsystem mit Synchron-Architektur für die digitale Bild- und Signalverarbeitung. Weiterhin plädieren die Franzosen für die Errichtung eines europäischen Software-Engineering-Zentrums und für die Entwicklung neuer Tools im Bereich Expertensysteme. Auf der Vorschlagsliste sind schließlich auch ein "Europrozessor", der zum Industriestandard avancieren soll, integrierte 64-MBit-Speicherchips auf Gallium- Arsenid-Basis sowie ein Zentrum für die Entwicklung kundenspezifischer Schaltungen aufgeführt.

2) Unter dem Stichwort "Eurobot" bündelt das französische Papier die mögliche Zusammenarbeit der europäischen Unternehmen auf dem Robotersektor. Vorgesehen sind unter anderem die Entwicklung mobiler und autonom arbeitender Handhabungsautomaten für den' Einsatz in Atomkraftwerken oder bei der Meeresbodenexploration sowie die Konstruktion eines programmierbaren Traktors für die Landwirtschaft.

3) Eurocomi beinhaltet die Kooperationsvorhaben auf dem Telekommunikationssektor. Hier sehen die französischen Vorschläge den Aufbau eines europaweiten ISDN-Netzes und eines europäischen Informationsnetzes für den universitären und außeruniversitären Forschungsbereich vor, ferner die Entwicklung eines ISDN-Vermittlungssystems für 100 000 Anschlüsse und mit der Option für Breitbandübertragungsmöglichkeiten sowie den Entwurf eines optischen Übertragungssystems mit einer Kapazität von zwei Gigabit.

Jedem der Vorschläge und Projekte haben die Franzosen zudem eine Liste von Unternehmen beigefügt, die für die Realisierung in Frage kommen.

Vertagt wurden in Paris darüber hinaus organisatorische und finanzielle Fragen: Noch ist zum Beispiel nicht ausdiskutiert, wo das Programm im europäischen Kontext aufgehängt ist und wie es mit den von der Brüsseler Kommission der Europäischen Gemeinschaften auflegten Förderprogrammen "Esprit" (Grundlagenforschung) und "Race" (Breitband-Telekommunikation) harmoniert.

In puncto Finanzen soll Bonn sich angeblich bereit erklärt haben, von den Gesamtkosten des Programms 30 Prozent oder rund 15 Milliarden Mark zu tragen - allerdings unter der Voraussetzung, daß "die deutschen Wünsche angemessen berücksichtigt" werden. Auch diese Zahl wird freilich vorerst vom BMFT nicht kommentiert.