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22.02.1991

Europäische Renaissance

Hans-Dieter Jonescheit, Geschäftsführer für den Bereich Vertrieb der Comparex Informationssysteme GmbH, Mannheim.

Europa verändert sich seit geraumer Zeit in einem Tempo, das für uns ohne Parallele ist. Dies ist eine nüchterne Feststellung, der jedermann zustimmen dürfte, und die dennoch nicht trivial ist. Erinnern wir uns: Vor wenigen Jahrzehnten noch war das Ansehen Europas insgesamt betrachtet recht gering. Aus überseeischem Blickwinkel betrachtet, erschien Westeuropa als ein "Patchwork" von Nationalstaaten unterschiedlichster ökonomischer und politischer Bedeutung, deren ausschließliches Ziel die Verfolgung ihrer höchst eigenen Interessen war, und die eben deswegen zu gemeinschaftlichem Handeln nicht fähig waren. Osteuropa andererseits schien bis vor kurzem als feindlich-monolithischer Block ohne jede Tendenz zu mehr als graduellen und "kosmischen" Veränderungen. Vor diesem Hintergrund diskutierte eine starke Fraktion philosophischer Mahner und Historiker wie zu Beginn dieses Jahrhunderts bis in die späten 70er Jahre die Frage der "Überlebensfähigkeit" der Staaten und Demokratien Europas, wobei sogar Parallelen zu den Thesen Oswald Sprenglers oder zum Niedergang des Weströmischen Reiches gezogen wurden. Befürchtungen dieser Art haben sich bislang als intellektuelle Trugschlüsse erwiesen.

Seit den Römischen Verträgen ist aus einem lockeren Zweckbündnis weniger Staaten ohne zunächst allzu große Ambitionen eine im Wortsinn europäische Gemeinschaft entstanden, deren (heute noch!) zwölf Nationen sich anschicken, bis zum 1. Januar 1993 einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen, der nach fast allen gängigen Maßstäben auf der ganzen Welt keinen Vergleich scheuen muß.

Allen früher geäußerten Befürchtungen und Unkenrufen zum Trotz ist dieser Prozeß der Integration auch nicht von einer "europäischen Gleichmacherei" begleitet, die die nationalen und regionalen Eigenheiten verwischt. Im Gegenteil: In den Staaten der Europäischen Gemeinschaft ist vielmehr eine "Wiederbelebung der Regionen" festzustellen, in der jetzt sogar innerhalb der Nationalstaaten eine Rückbesinnung auf - geografisch gesehen - individuelle Traditionen und kulturelle Eigenheiten erfolgt.

Diese europaweite Vielfalt der Sprachen, Traditionen und Verhaltensweisen, die sich Europa erhalten hat, irritiert unverändert Besucher und Manager aus Übersee; wie soll auch zum Beispiel ein Manager unmittelbar einsehen, daß es eben nicht allein genügt, deutsch zu verstehen und zu sprechen, um in der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich den gleichen Erfolg bei Kunden und Gesprächspartnern zu haben.

Unternehmen, die in ganz Europa tätig sind, wissen und beachten aus guten Gründen diese nationalen Charakteristika und haben daher auch einen erheblichen Vorsprung gegenüber außereuropäischen Firmen. Und die Notwendigkeit, diese Faktoren zu berücksichtigen, wird mit der absehbaren Erweiterung der EG noch stärker zu beachten sein.

Die Europäische Gemeinschaft wird nicht bei den für 1993 angestrebten Zielen stehenbleiben können, sondern muß sich mit einer Sogwirkung befassen, die im Erfolg der EG ihre Ursache hat. Als erste Entwicklung zeichnet sich ab, daß sich die EFTA-Staaten nicht länger der Attraktivität der EG entziehen können, sondern sich assoziieren und später aktiv integriert werden. Österreich und Schweden haben ihre Absicht zu diesen Schritten bereits klar geäußert. Und auch für die Schweiz ist die Frage der von ihr angestrebten Stellung im europäischen Wirtschaftsgefüge bereits in heftiger Diskussion. Damit nicht genug. Die Türkei sowie die Mittelmeeranrainer äußern schon seit langem den Wunsch nach stärkerer Assoziierung mit der EG, und die osteuropäischen Reformstaaten, allen voran Polen, CSFR und Ungarn, orientieren sich klar und eindeutig zur EG hin.

Der "gesamteuropäische Wirtschaftsraum" kann damit in einem Umfang Wirklichkeit werden, der geografisch, ökonomisch und kulturell die Grenzen des vor kurzem noch Denkbaren sprengt. Verzögerungen und auch Rückschläge in einer solchen Entwicklung werden gerade in Osteuropa zweifellos nicht ausbleiben, können aber den Gesamttrend wohl nicht aufhalten.

Welcher Maßnahmen und Unterstützungen bedarf es aber, den Schritt von der Vision zur Realität zu unterstützen? Die Einbindung der Reformstaaten Osteuropas ist für die EG und Westeuropa insgesamt sicherlich die größte Herausforderung, bei der die Chancen und beiderseitigen Vorteile der Einbindung aber klar absehbar sind. Insbesondere Polen, CSFR und Ungarn orientieren sich klar und mit oft schmerzhaften Einschnitten für die nationalen Volkswirtschaften auf den Weg zu einem marktwirtschaftlichen System unserer Prägung.

Daß diese Schritte oft unvollkommen, zögernd oder auch fehlorientiert sind, darf nicht erstaunen. In ihrer Konsequenz verdienen diese Maßnahmen in jedem Fall unsere Anerkennung. Nachdem der RGW mittlerweile endgültig vor seiner Auflösung steht, Währungen konvertibel, Kooperationen oder Joint-Ventures realisierbar sind - um nur einige Beispiele zu setzen -, muß es für unsere Unternehmen ein zentraler Schritt sein, die Reformstaaten irreversibel in die Handels- und Kapitalströme Westeuropas zu integrieren und gleichzeitig die Modernisierung der osteuropäischen Partner zu unterstützen Wie in Westeuropa der 50er und 60er Jahre wird sich die Datenverarbeitung als ein essentieller Motor dieser Modernisierung erweisen. Mit dem jetzt absehbaren Wegfall der zentralen Ausfuhrrestriktionen der Cocom-Liste können die Bedürfnisse unserer neuen Partner in Osteuropa endlich weitgehend erfüllt werden.

Die zeitgemäßte Ausstattung der Unternehmen, dies ist die eindeutige Einsicht in den osteuropäischen Unternehmen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Wettbewerbs- und damit Überlebensfähigkeit der Betriebe. So wie sich die DV-Landschaft in den neuen Bundesländern bereits schnell und prägnant gewandelt hat, wird eine Angleichung des technologischen Standards auch in den Rechenzentren Osteuropas kurzfristig möglich sein.

Die bisherigen Anbietermonopole, die für die RGW-Staaten arbeitsteilig organisiert waren und für alle Hardwarebereiche galten, sind heute bereits faktisch entfallen. Und mit diesen Monopolen und dem damit verbundenen monopolistischen Verhalten mit den Folgen von Abhängigkeit, langen Lieferfristen, ungenügender Beratung etc. ist es vorbei. Diese neue Freiheit in der Wahl des Equipments und des Partners ist eine Erfahrung, die für dieosteuropäischen DV-Verantwortlichen neu ist. Bei der Wahl ihres neuen Partners sollten aber neue quasi-monopolistische Abhängigkeiten vermieden werden.

Wie anderswo auch, sind in Osteuropa die verfügbaren finanziellen Spielräume begrenzt und der Wunsch nach zeitgemäßer DV-Technologie oft größer als die derzeitigen Möglichkeiten. Aber wo der Wille vorhanden ist, finden sich auch Finanzierungsmodelle, die beide Partner zufriedenstellen.

Eine Mahnung allerdings sollte sich jeder, der heute und in Zukunft in Osteuropa langfristig aktiv sein will, vor Augen halten: Den guten Glauben und die vielfach noch vorhandene Unsicherheit der Gesprächspartner auszunutzen, kann bestenfalls vorübergehend und scheinbar einen Vorteil bieten. Wer meint, um des schnellen Auftrags willen seine Gesprächspartner "über den Tisch" ziehen zu müssen, tut sich mit Sicherheit einen Bärendienst.

Wenn wir davon ausgehen daß die generelle Entwicklung in den osteuropäischen Reformstaaten politisch und ökonomisch unumkehrbar ist, und diese Länder mittelfristig vollwertige Teile des europäischen Wirtschaftsraumes sein werden, dann zählt die langfristige Geschäftspolitik. Dazu gehört unabdingbar die gleiche faire Behandlung der Partner, wie sie in Westeuropa selbstverständlich ist.