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09.11.1990 - 

Experten bestreiten Vormachtstellung der USA

Europas CASE-Anwender denken umfassender als die US-Kollegen

HAMBURG/MÜNCHEN (qua) - Der oft beschworene Technologievorsprung der USA trifft nach Ansicht von Branchen-Insidern auf den CASE-Bereich nur bedingt zu. Die Europäer hätten zwar weniger Mut zum Risiko, dafür aber mehr Bewußtsein für die strategische Bedeutung der Software-Entwicklung.

Im allgemeinen gehe die Branche von der Annahme aus, daß ein Know-how-Transfer von den Vereinigten Staaten nach Europa stattfinde. So beschreibt Gernot Schultz-Berndt, CASE-Berater bei der Gesellschaft für Management und Organisation AG (GMO) in Hamburg, die herrschende Meinung, der zufolge die Entwicklung auf dem alten Kontinent mit einer Verspätung von etwa einem Jahr hinter den Errungenschaften der Neuen Welt herhinke.

Ein Blick auf die Verteilung des Marktes scheint diese These zu bestätigen: Rund die Hälfte der umgerechnet etwa 900 Millionen Mark, die im vergangenen Jahr für CASE-Tools ausgegeben wurden, stammen aus den Budgets US-amerikanischer Unternehmen. In Europa gaben die Anwender nur rund 275 Millionen Mark für Software-Entwicklungs-Werkzeuge aus, was einem Marktanteil von etwa 30 Prozent entspricht.

Auch auf der Herstellerseite spielen die Vereinigten Staaten offenbar eine führende Rolle: Nach Angaben des Hamburger CASE-Experten wurde nur jedes fünfte angebotene Produkt außerhalb der USA entwickelt. Darüber hinaus seien die amerikanischen Entwickler den Mainframe-orientierten Europäern "ein Stückchen voraus", was den Einsatz von Workstation-Rechnern und Client-Server-Systemen betreffe.

Ganz anders stelle sich die Situation jedoch ans dem Blickwinkel der Anwendungen dar. Wie Schultz-Berndt erläutert, haben die amerikanischen User im Vergleich zu ihren europäischen Kollegen ein Know-how-Defizit bei unternehmensrelevanten Themen wie Business-Modelling und lnformation-Management.

Diese Sichtweise teilen andere Branchenkenner wie beispielsweise Alexander von Stülpnagel, Geschäftsführer in der Münchner Niederlassung der Manager Software Products GmbH (MSP), Pinneberg. "Den amerikanischen Anwendern fehlt der systematische Ansatz", berichtet der MSP-Manager aus seiner einjährigen Geschäftstätigkeit in den Vereinigten Staaten. "Bildlich gesprochen: Dort schienen viele Flammen empor, aber sie können den Raum nicht warm machen."

Von Stülpnagel nennt auch die Gründe für das mehr oder weniger unkoordinierte Vorgehen der US-Entwickler: Zum einen stehen die nordamerikanischen Anwender unter dem Druck der Quartalsergebnisse; um kurzfristiger Erfolge willen werden begrenzte Lösung favorisiert. Zum anderen hemmen die Größe der Unternehmen sowie die Unübersichtlichkeit des Marktes unternehmensweite Entscheidungen. Und last, but not least, unterscheidet sich das amerikanische Ausbildungsniveau deutlich vom europäischen.

Als Beispiel für die daraus resultierenden Unterschiede in der Denkweise dient von Stülpnagel die Akzeptanz des IBM-Produkts ADPS. Im deutschsprachigen Raum entwickelt, hat es das Methodenwerkzeug mittlerweile -um Bestandteil des AD/Cycle-Konzepts gebracht; wie der Münchner feststellen konnte, ist es in Nordamerika jedoch kaum bekannt: "ADPS existiert in den USA heute praktisch nicht." Ein Werkzeug, das den Entwickler zwinge, einen Schritt nach dem anderen zu tun, entspreche eben nicht der amerikanischen Mentalität.

Auf der anderen Seite, darin stimmen die beiden CASE-Experten überein, wirkt sich die mangelnde Systematik der US-Anwender bisweilen positiv aus: Während Entscheidungen in Europa oft lange Zeit auf sich warten lassen, reagieren die Amerikaner spontaner und risikofreudiger auf neue Ideen und Produkte. Moniert Schultz-Berndt: "Ein pragmatischer Ansatz - einfach mal anfangen und lernen, mit einer neuen Technologie umzugehen wird hierzulande selten angetroffen."