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Münchner Symposium bringt neues Selbstbewußtsein ans Tageslicht


18.01.1991 - 

Europas Industrie muß sich vor Japan nicht verstecken

MÜNCHEN (bk) - Das Wehgeschrei europäischer Unternehmer über die wirtschaftliche Dominanz der Japaner scheint sich langsam zu legen. Auf dem von der Bayerischen Staatsregierung und der Brüsseler EG-Kommission ausgerichteten zweitägigen Symposium "Wirtschaftsmacht Japan - Ohnmacht Europas?" in München demonstrierten Führungskräfte aus Wirtschaft und Wissenschaft neues Selbstbewußtsein und forderten die Rückbesinnung auf eigene Stärken.

Wer befürchtet hatte, das Münchner Symposium würde nur eine Fortsetzung des frustrierten Lammentierens der vergangenen Jahre über die - scheinbare - deutsche und europäische Defensivposition gegenüber dem Wirtschaftsgiganten Japan sein, wurde angenehm überrascht. Die ermutigende Botschaft aller Referenten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an das aus rund 250 überwiegend bayerischen Teilnehmern bestehende Auditorium lautete: "Wir brauchen uns vor den Japanern nicht zu verstecken."

Besinnung auf die abendländischen Stärken

Deutlich wurde aber auch, daß deutsche und europäische Betriebe mit einem reinen Kopieren der japanischen Unternehmensphilosophie der Herausforderung nicht erfolgreich begegnen können. Zu unterschiedlich, argumentierte Markus Tidten von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ebenhausen, seien die historisch gewaschenen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen in Deutschland sowie Europa einerseits und Japan andererseits.

Im konfuzianisch-buddhistisch geprägten Japan stehe nie der Mensch im Vordergrund, sondern immer die Gruppe. Deshalb stelle sich der japanische Angestellte auch voll und ganz in den Diensten seines Arbeitgebers, um für ihn und mit ihm Erfolg und Reichtum zu erlangen, während es dem westlichen Arbeitnehmer - geprägt vom Individualdenken - um seinen eigenen persönlichen Wohlstand gehe.

Individualismus aber, so hob Leo Nefiodow, Direktor der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), Sankt Augustin bei Bonn, hervor, dürfe im Vergleich zu Japan nicht nur negativ bewertet werden. Deutsche wie Europäer hätten vielmehr die besten Voraussetzungen dafür, im erforderlichen Prozeß des Lean Managements mündige und verantwortungsbewußte, aber auch zur Gruppenarbeit fähige Mitarbeiter zu formen.

Sei bei den Griechen das Denken die höchste Tugend gewesen, die man habe erlangen können, so zeigten die Zünfte des Mittelalters, daß die Europäer auch im Team arbeiten könnten. Der Japaner wiederum sei nur in der Gruppe stark. "Deshalb", so Nefiodows Appell, "sollten wir uns mehr auf unsere abendländischen Stärken besinnen, als dauernd auf fernöstliche Strukturen und Kulturen zu schauen."

Daß in Deutschland und Europa ein Umdenken in bezug auf den Stellenwert des "normalen" Mitarbeiters stattfinden muß und gleichzeitig traditionelle Management-Strukturen

in Frage zu stellen sind, darüber waren sich Referenten wie Auditorium einig. Der Arbeitnehmer, richtete August Lang, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, an die Adresse der Unternehmer, dürfe nicht länger nur als Kostenfaktor gesehen werden, den es gelte niedrig zu halten. Vielmehr müsse jeder Mitarbeiter zu Kreativität und Eigenverantwortung motiviert werden.

Ähnliches ergab auch ein Arbeitskreis, der sich mit dem Thema "Krise der Wirtschafts- und Arbeitskultur - Durchbruch zu neuen Unternehmenskulturen" befaßte. Die physische Arbeitskraft allein, stellten die beteiligten Führungskräfte fest, reicht nicht mehr aus. Kopf und Herz des Mitarbeiters müssen gewonnen werden. Darüber hinaus bedürfe es einer Renaissance der westlichen Grundwerte Fleiß, Disziplin und Qualität sowie der Neubesinnung auf eigene Stärken.

Von heute auf morgen dürfte sich dieser Umdenkprozeß in Sachen Mitarbeiterführung und -motivation allerdings nicht realisieren lassen. Schließlich wurde noch vor wenigen Jahren die menschenleere Fabrik propagiert, zukünftig nun soll der Mitarbeiter verantwortlich in den Produktionsprozeß einbezogen und die Produktivität in der Gruppe forciert werden. Dennoch brachte das zweitägige Symposium in München zutage, daß deutsche und europäische Unternehmen zunehmend davon abzukommen scheinen, eigene Mißerfolge im Wettbewerb mit der japanischen Konkurrenz auf schwierige Rahmenbedingungen wie hohe Löhne, kurze Arbeitszeiten und teure Produktionsstandorte zu schieben. Vielmehr ist nun die Bereitschaft erkennbar, die Kontrahenten aus Nippon mit den eigenen Waffen schlagen zu wollen, indem man von japanischen Praktiken lernt und diese, wo es geht, auf die eigenen Gegebenheiten ummünzt. Resignation wie in der Vergangenheit ist jedenfalls mehr denn je fehl am Platz. "Wer wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt, hat die falsche Einstellung zur japanischen Konkurrenz", gab Helmut Laumer, Mitglied des Vorstandes des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, München, zu bedenken.