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25.10.1985

Evergreen - der Wundergläubigen: "American is beautiful"

Peter Dietz, Mülheim a. d. Ruhr

Um dies gleich vorauszuschicken: Hier soll keine Beschimpfung des amerikanischen Käuferpublikums folgen. Und erst recht keine unserer Konkurrenten von drüben. Wer wie der Verfasser dieser Zeilen so viele Freunde dort hat, wer wie er sein Unternehmerleben lang gelernt hat vor deren erfrischendem Pragmatismus, vor der Konsequenz, mit der sie ihr Geschäft betreiben, und nicht zuletzt vor ihren klaren Köpfen den Hut vorm eigenen zu ziehen der wird sich billige Polemik verkneifen.

Dem geneigten Leser wird auffallen, daß in dieser Aufzählung von Tugenden ein Wörtchen fehlt, das gleichwohl - zumal wenn es um Informationstechnik geht - stets mitgedacht und oft genug zur Rechtfertigung einer Kaufentscheidung gemacht wird: Technologie. Nun wird niemand ernsthaft bestreiten, daß die USA auf einigen fundamentalen Teilgebieten dieser Disziplin die Nase vorn haben, hart verfolgt von unseren Freunden aus Fernost. Aber das ist für den Durchschnittsanwender und die Erzeugnisse, deren er bedarf, ohne Belang. Computer, schlüsselfertige Systeme, Software und sogar die Peripherie europäischer Provenienz entsprechen in aller Regel dem technologischen State of the Art.

Selbst wenn es anders wäre: Der letzte technische Schrei, kaum verhallt, bevor er vom nächsten eingeholt wird, ist für sich allein kein Argument. Inzwischen müßte sich, herumgesprochen haben, daß weniger prospektfähige Dinge wie Benutzerkomfort, Anwendungsnähe und guter Service auch etwas für sich haben. Es ist ja auch ein bemerkenswertes Faktum, daß ein von Erfolg gekrönter europäischer Hersteller aus Westfalen (Namen tun hier nichts zur Sache) eben diesen Erfolg nicht unbedingt allein seiner Technologie, sondern der Aufmerksamkeit verdankt, mit der er auf die andere Seite der Kundenbedürfnisse einzugehen gewohnt ist.

All dieser dem Markt der Informationstechnik immanenten Dialektik zum Trotz ist offensichtlich in den Köpfen vieler Anwender. eine Assoziationskette programmiert: Hochtechnologisch, weil nützlich - amerikanisch, weil hochtechnologisch. Nun muß es nicht zum Schaden desjenigen sein, in dessen Hirn sich dieser Evergreen abspult. Aber den einheimischen Produzenten ärgert's allemal, zumal er dem Charisma der überseeischen Konkurrenz wenig oder nichts entgegenzusetzen hat. Und aus Arger wird Zorn, wenn er mitansehen muß, daß Väterchen Staat hin und wieder selbst diesem Charme erliegt und nach dem Guten greift, das so ferne liegt (während er mit der anderen Hand Segnungen unters forschende Volk verteilt).

Aber die Krankheit, wenn es denn eine ist, hat auch die heimischen Produzenten erwischt - nur daß sie es noch nicht wissen. Da steht, um mit einem eher trivialen Beispiel zu beginnen, die Bussole erst (oder schon?) auf Erfolgskurs, wenn sich alle im Laden gegenseitig

beim Vornamen anreden. Oder in der Lage sind, jenes Kauderwelsch abzusondern, welches, vernähmen sie es, Shakespeare oder Hemingway im Grabe erzittern ließe. Da läßt ein großes Unternehmen die staunende Öffentlichkeit wissen, man habe in Kalifornien irgendeine Bude (sit venia verbo - gewiß mit einem Dutzend tüchtiger Leute!) gekauft und werde demzufolge den langerwarteten technologischen Durchbruch bereits übernächsten Donnerstag erzielen. Da wird in der Führungsetage einer besteingeführten Firma ernsthaft darüber nachgedacht, wie das Image der Produkte auf "american" umgestylt (sprich: umgeschtailt) werden könne. Da muß man ein gutes heimisches Produkt erst dadurch salonfähig machen, daß man es in den USA von einer Schwesterfirma vertreiben läßt und damit sozusagen geistig re-importiert.

Und wer einmal seine Mannschaft aufgefordert hat, auf dem Alten Kontinent nach harten und weichen Sachen zu fahnden, die man halt so als Bestandteile eines ausgewachsenen Computersystems braucht, der weiß, daß die Kummerfalten auf der Stirn seiner Mitarbeiter erst dann verschwinden und zweifelnde Blicke glänzenden Augen weichen, wenn der Marschbefehl auf die Gegend zwischen San Francisco und San José ausgedehnt wird. Nicht nur, weil es dort, zugegebenermaßen, schön warm ist, sondern weil wir allen (und uns selbst) ständig einreden, das neue Franz-Joseph-Land sei, auch nach Aussage seiner Bewohner, Gottes eigenes; und die Wunder würden da nur so von den Orangenbäumen fallen.

Den europäischen, vor allem aber den deutschen Herstellern, die so oft, wenn auch sub rosam, über die amerikanische Attitüde ihrer Klientel klagen, ins Stammbuch: Wenn ihr nicht selbst aufhört, katholischer als der Papst sein zu wollen, habt ihr keine Chance, die Welt davon zu überzeugen, daß Rom nicht ihr Mittelpunkt sei. Gewiß: In einem Klima, das seit Jean-Jacques Servan-Schreibers defi américaine (und erst recht seit François Mitterands Eureka) von teilweise sogar gerechtfertigten) Kassandrarufen über die technologische Rückständigkeit der Akten Welt bestimmt ist - in diesem Klima fällt es schwer, zwischen Trotz und Anpassung, zwischen Minderwertigkeitskomplexen und billiger Kopie die Balance zu halten.

Dennoch sei denen mehr Selbstbewußtsein angeraten und eine stärkere Besinnung auf die eigene Identität, die sich auf diesem Kontinent vorgenommen haben, ihre Kundschaft mit Erzeugnissen und Dienstleistungen der Informationstechnik zu beglücken. Und sie vom falschen Glauben abzubringen. Jenen aber, die es von Zeit zu Zeit von der Alten in die Neue Welt zieht (und wen unter uns, Hand aufs Herz, zöge es nicht?), sei empfohlen, es wie weiland Kolumbus zu halten und auf der Rückkehr ein paar Eingeborene mitzubringen. Damit sie sehen, wie die mit unserem Wasser kochen. Es könnte für beide Seiten von Nutzen sein.